Zum Inhalt springen

Werk:Compendium/VII

aus AufEinWort, der freien Forschung
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 5. Juli 2024 um 15:23 Uhr durch Nikolaos (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „== ▷Capitulum VII == {{:Compendium/19}}{{:Compendium/20}}{{:Compendium/21}}<noinclude>◀▷</noinclude>“). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

▷Capitulum VII

▷Non mirum hominem aliquem adeo profecisse aut proficere posse longo tali exercitio, quod speciem aliquam eliciat ex varia combinatione, quae sit multarum artium complexiva, per quam multa simul comprehendat et intelligat, puta varietatem naturalium per speciem, quam motum appellet, quando sine motu nihil fieri atque naturalem motum a violento distingui videret, ideo motum naturae non esse a principio extrinseco, sicut in violento, sed intrinseco rei; ita de aliis. Alius vero adhuc praecisiorem speciem magisque fecundam reperire posset, uti ille, qui ex novem speciebus principiorum speciem unam artis generalis omnium scibilium nisus est extrahere. Sed super omnes qui unica specie, quam verbum appellavit, omne intelligibile complexus est, praecisissime punctum tetigit; est enim species artis omnia formantis. Quid enim extra hanc speciem concipi, eloqui aut scribi potest? Est enim verbum, «sine» quo «nihil factum est» aut fieri potest; quoniam est expressio exprimentis et expressi. Sicut loquentis locutio et quod loquitur verbum est, et concipientis conceptio et quod concipit verbum est, et scribentis scriptio et quod scribit verbum est, et creantis creatio et quod creat verbum est, et formantis formatio et quod format verbum est, et generaliter facientis factio et factum verbum est. Verbum enim sensibile se et omnia sensibilia facit. Ideo et lux dicitur, quae se et omnia visibilia facit. Dicitur et aequalitas; aeque enim se ad omnia habet, cum non sit unum plus quam aliud, dans omnibus aequaliter, ut id sint, quod sunt, nec plus nec minus. Cum igitur scientis scientia et scitum verbum sit, qui ad verbum se convertit, quae scire cupit, citius invenit. Si igitur vis speciem haurire modi quomodo omnia | fiunt, respice, quomodo fit[1] vocale verbum. Primo quomodo sine aere nequaquam fieri potest audibile. Aer autem ut aer nullo sensu attingitur. Visus enim non videt aerem, sed aerem coloratum, uti experimur radio solis coloratum vitrum penetrante aerem coloratum videri. Nec auditus aerem attingit nisi sonantem. Nec odoratus nisi olentem. Nec gustus nisi sapidum, ut dum est ex contritione absinthii fortiter amaricatus, in gustu sentitur. Nec tactus nisi calidum aut frigidum aut alias sensum immutantem. Aer igitur ut aer nullo sensu attingitur, sed per accidens venit in notitiam sensitivam. Adeo tamen est necessarius auditui, quod sine ipso nihil audibile fieri potest. Oportet igitur, ut similiter consideres omne, quod actu esse debet, sive sensibile sive intelligibile, praesupponere aliquid, sine quo non est; quod per se nec est sensibile nec intelligibile. Et quia illud forma sensibili aut intelligibili caret, nosci nequit, nisi formetur, et non habet nomen. Dicitur tamen hyle, materia, chaos, possibilitas sive posse fieri seu subiectum et aliis nominibus.

Es ist nicht zu verwundern, daß ein Mensch durch eine entsprechend lange Übung so viel gewonnen haben oder gewinnen kann, daß er aus verschiedenen Verbindungen eine Eigengestalt auswählt, die viele Künste in sich einfaltet, durch die er vieles zugleich erfaßt und einsieht; z.B. die Verschiedenheit der natürlichen Dinge durch die Eigengestalt, die er Bewegung nennt, wenn er sieht, daß ohne Bewegung nichts wird und daß sich die natürliche Bewegung von einer gewaltsamen unterscheidet und daß darum die Bewegung der Natur nicht wie bei der gewaltsamen von einem äußeren Ursprung, sondern aus dem Inneren der Seele kommt. Und das gilt auch für anderes.

Ein anderer könnte eine noch genauere und fruchtbarere Eigengestalt finden, so wie jener, der sich bemüht hat, aus den neun Eigengestalten der Prinzipien eine einzige Eigengestalt der allgemeinen Kunst alles Wißbaren zu gewinnen. Über alle anderen hinaus hat jedoch der, welcher mit einer einzigen Eigengestalt, die er das Wort nannte, alles Vernünftig-Erkennbare umfaßt hat, genau den Punkt erreicht. Es ist nämlich jene Eigengestalt der Kunst, die alles gestaltet.

Was läßt sich außerhalb dieser Eigengestalt erfassen, aussprechen oder schreiben? Das Wort ist es, ohne das nichts gemacht worden ist oder gemacht werden kann, da es der Ausdruck des Ausdrückenden und des Ausgedrückten ist. So wie das Sprechen und das Gesprochene des Sprechenden Wort ist, ist auch das Denken und das Gedachte des Denkenden, das Schreiben und das Geschriebene des Schreibenden, das Schaffen und das Geschaffene des Schaffenden, das Gestalten und das Gestaltete des Gestaltenden und ganz allgemein das Machen und das Gemachte des Machenden Wort. Das sinnliche Wort macht sich und alles Sinnliche. Es wird auch das Licht genannt, das sich und alles Sinnlich-Sichtbare macht. Es wird auch Gleichheit genannt. Es verhält sich nämlich zu allem gleich, da es das eine nicht mehr ist als ein anderes, wenn es allem in gleicher Weise verleiht, daß es das ist, was es ist und nicht mehr und nicht weniger.

Da also Wissen und Gewußtes des Wissenden das Wort ist, findet der, welcher sich an das Wort wendet, schnell, was er zu wissen begehrt. Wenn du also die Eigengestalt der Art und Weise gewinnen möchtest, nach der alles geschieht, dann betrachte, wie ein lautliches Wort entsteht.

Zuerst betrachte, wie es ohne Luft nicht hörbar werden kann. Die Luft als solche aber erfaßt kein Sinn. Das Sehen sieht nicht die Luft, sondern die farbige Luft; wir erfahren es, wenn ein Sonnenstrahl ein gefärbtes Glas durchdringt und wir farbige Luft sehen. So erfaßt auch das Hören nur tönende Luft, das Riechen nur duftende, der Geschmack nur schmeckende – wie z. B. wenn man Wermut zerreibt und man infolgedessen die stark bittere Luft schmeckt –, der Tastsinn nur warme oder kalte oder in anderer Weise die Sinnesempfindung verändernde. Die Luft als Luft erreicht also kein Sinn, sie gelangt nur durch das Hinzukommende zur Kenntnis der Sinne. Dennoch ist sie überaus notwendig für das Hören, da ohne sie nichts hörbar werden kann.

Daher ist notwendig, daß du in ähnlicher Weise bedenkst, daß alles, was als Wirklichkeit sein soll, sei es nun sinnlich oder vernunfthaft, etwas voraussetzt, ohne das es nicht ist, da es durch sich selbst weder wahrnehmbar, noch vorstellbar ist. Und weil ihm die sinnlich-wahrnehmbare oder verstehbare Gestalt fehlt, hat es keinen Namen, und man kann es nicht erkennen, wenn es nicht gestaltet wird. Dennoch wird es Hyle, Materie, Chaos, Möglichkeit, Werdenkönnen oder Zugrundeliegendes oder mit anderen Namen genannt. ▷Deinde attendendum quod, licet sine aere non fiat sensibilis sonus, non tamen est aer de natura soni, sic nec hyle de natura est cuiuscumque formae, nec est principium eius, sed principium eius formator exsistit. Quamvis igitur sonus sine aere fieri nequeat, non est propterea de natura aeris. Pisces enim et homines extra aerem in aqua sonum percipiunt; quod non esset, si de natura aeris foret. Post advertendum hominem vocalis verbi formatorem, quomodo non format verbum ut animal brutum, sed ut habens mentem, qua bruta carent. Mens igitur formator verbi cum non formet verbum, nisi ut se manifestet, tunc verbum non est nisi mentis ostensio. Nec varietas verborum aliud est quam unius mentis varia ostensio. Conceptio autem, qua mens se ipsam concipit, est verbum a mente genitum, scilicet sui ipsius cognitio. Verbum autem vocale est illius verbi ostensio. Omne autem, quod dici potest, non est nisi verbum.

Ebenso ist die Hyle nicht von der Natur irgendeiner Gestalt und auch nicht deren Ursprung; diesen stellt vielmehr der Gestalter dar. Obwohl der Ton ohne Luft nicht zu entstehen vermag, ist er darum doch nicht von der Natur der Luft. Fische und Menschen können, auch wenn sie nicht in der Luft sind, im Wasser einen Ton wahrnehmen. Das wäre nicht der Fall, wenn er von der Natur der Luft wäre. Ferner ist festzuhalten, daß der Mensch der Bildner des lautlichen Wortes ist, daß er aber das Wort nicht bildet wie ein dummes Tier, sondern als einer, der Geist besitzt, welcher dem Tier fehlt. Da also der Geist, der Bildner des Wortes, dieses nur bildet, um sich zu offenbaren, ist das Wort nichts anderes als das Sich-Zeigen des Geistes. Ebenso ist auch die Mannigfaltigkeit der Worte nichts anderes als das mannigfache Sich-Zeigen des einen Geistes. Der Gedanke aber, mit dem der Geist sich selbst denkt, ist das vom Geist gezeugte Wort, d. h. die Erkenntnis seiner selbst. Das lautliche Wort indes ist die Erscheinung dieses Wortes. Alles aber, was gesagt werden kann, ist nichts als das Wort.▷Ita de formatore omnium conceptum facito ut de mente. Quodque ipse in verbo de se genito se cognoscit atque in creatura, quae est increati verbi signum, se ostendit in variis signis varie, et nihil esse potest, quod non sit signum ostensionis geniti verbi. Et sicut mens nolens se amplius ostendere a verbi vocalis prolatione cessat et, nisi indesinenter proferat, exsistere nequit, sic se habet creatura ad creatorem. Cuncta autem alia, sine quibus vocale verbum bene fieri nequit, quae Musae dicuntur, ad finem vocalis verbi ordinata mentis manifestationi serviunt. Pariformiter sunt creaturae, quae sunt notae et ostensiones interni verbi, et sunt creaturae illis ad finem servientes.

Vom Bildner aller Dinge mache dir in derselben Weise einen Gedanken-Entwurf wie vom Geist: nämlich, daß er sich in dem von ihm erzeugten Wort erkennt und sich in dem Geschöpf, das ein Zeichen des ungeschaffenen Wortes ist, mannigfach in verschiedenen Zeichen zeigt und nichts sein kann, das nicht ein Zeichen der Erscheinung des gezeugten Wortes wäre. Und so wie der Geist, der sich nicht weiter zeigen will, mit der lautlichen Hervorbringung des Wortes aufhört, und dieses, wenn er es nicht unablässig hervorbringt, nicht bestehen kann, so verhält es sich mit Geschöpf und Schöpfer. Alles andere aber, ohne das ein lautliches Wort nicht gut werden kann und das man die Musen nennt, ist auf das lautliche Wort hingeordnet und dient der Offenbarung des Geistes. Ähnlich verhalten sich die Geschöpfe, welche Begriffe und Erscheinungen des inneren Wortes sind; sie sind Geschöpfe, die jenen zu ihrem Ziel dienen.◀▷

  1. ↑ fol.171v