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Werk:Compendium/VIII

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▷Capitulum VIII

▷Est igitur animal perfectum, in quo sensus et intellectus, considerandum ut homo cosmographus habens civitatem quinque portarum quinque sensuum, per quas intrant nuntii ex toto mundo denuntiantes omnem mundi dispositionem hoc ordine, quod qui de luce et colore eius nova portant, per portam visus intrent; qui de sono et voce, per portam auditus; qui de odoribus, per portam odoratus; et qui de saporibus, per portam gustus; et qui de calore, frigore et aliis tangibilibus, per portam tactus. Sedeatque cosmographus et cuncta relata notet, ut totius sensibilis mundi descriptionem in sua civitate habeat designatam. Verum si porta aliqua civitatis suae semper clausa remansit, puta visus, tunc quia nuntii visibilium non habuerunt introitum, defectus erit in descriptione mundi. Non enim faciet descriptio mentionem de sole, stellis, luce, coloribus, figuris hominum, bestiarum, arborum, civitatum et maiori parte pulchritudinis mundi. Sic si porta auditus clausa mansit, de loquelis, cantibus, melodiis et talibus nihil descriptio contineret. Ita de reliquis. Studet igitur omni conatu omnes portas habere apertas et continue audire novorum semper nuntiorum relationes et descriptionem suam semper veriorem facere.

Ein vollständiges Lebewesen, dem Sinn und Vernunft innewohnen, kann man als einen Kosmographen betrachten, dem eine Stadt mit den fünf Toren der Sinne eigen ist. Durch diese treten die Boten aus der ganzen Welt ein und geben Kunde von der gesamten Lage der Welt in folgender Ordnung: diejenigen, welche vom Licht und ihrer Farbe etwas Neues berichten, treten durch das Tor des Sehens ein; die von Ton und Geräusch erzählen, durch das Tor des Gehörs; die von den Düften reden, durch das Tot des Geruchs; die von dem Wohlgeschmack sprechen, durch das Tor des Geschmackes; und die von Wärme, Kälte und anderem Spürbaren berichten, durch das Tor des Tastgefühls. Und der Kosmograph thront darinnen und schreibt alles nieder, das ihm berichtet worden ist, so daß er in seiner Stadt die Beschreibung der gesamten sinnlichen Welt aufgezeichnet hat. Wenn aber nun irgendein Tor dieser seiner Stadt ständig geschlossen bleibt, z. B. das des Sehens, dann wird, weil es keinen Einlaß gibt für den Boten des Sichtbaren, die Beschreibung der Welt mangelhaft sein. Denn die Beschreibung wird keine Erwähnung tun von Sonne, Sternen, Licht, Farben, Gestalten der Menschen, der Tiere, der Bäume, Städte und des größeren Teiles der Schönheit der Welt. Ebenso wird die Beschreibung, wenn das Tor des Gehörs geschlossen bleibt, nichts von Gespräch, Gesang, Melodien und ähnlichem enthalten. Dasselbe gilt von den übrigen Sinnen. Der Kosmograph strebt also mit allen Mitteln danach, alle Tore offen zu haben und ständig die Berichte neuer Boten zu vernehmen und seine Beschreibung immer wahrer zu machen.▷Demum quando | in sua civitate omnem sensibilis mundi fecit:[1] designationem, ne perdat eam, in mappam redigit bene ordinatam et proportionabiliter mensuratam convertitque se ad ipsam nuntiosque amplius licentiat clauditque portas et ad conditorem mundi internum transfert intuitum, qui nihil eorum est omnium, quae a nuntiis intellexit et notavit, sed omnium est artifex et causa. Quem cogitat sic se habere ad universum mundum anterioriter, sicut ipse ut cosmographus ad mappam, atque ex habitudine mappae ad verum mundum speculatur in se ipso ut cosmographo mundi creatorem, in imagine veritatem, in signo signatum mente contemplando. In qua speculatione advertit nullum brutum animal, licet similem videatur habere civitatem, portas et nuntios, mappam talem facere potuisse. Et hinc in se reperit primum et propinquius signum conditoris, in quo vis creativa plus quam in aliquo alio noto animali relucet. Intellectuale enim signum primum et perfectissimum est omnium conditoris, sensibile vero ultimum. Retrahit igitur se quantum potest ab omnibus sensibilibus signis ad intelligibilia simpliciaque atque formalia signa.

Wenn er schließlich in seiner Stadt die ganze Beschreibung der sinnlichen Welt fertig hat, dann legt er sie wohlgeordnet und im Verhältnis abgemessen auf einer Karte nieder und wendet sich ihr zu. Die Boten entläßt er. Er schließt die Tore und wendet sich nun mit seinem inneren Schauen dem Gründer der Welt zu, der nichts von alledem ist, was er über die Boten verstanden und festgehalten hat, sondern der der Künstler und der Grund aller dieser Dinge ist. Von ihm denkt er, daß er sich zu dem Weltgesamt vorgängig so verhält, wie er selbst als der Kosmograph sich zur Karte verhält. Auf Grund des Verhältnisses der Karte zu der wirklichen Welt erblickt er in sich selbst als dem Kosmograph den Schöpfer der Welt im Gleichnis, da er die Wahrheit im Bild, im Zeichen das Bezeichnete, durch den Geist betrachtet. Bei dieser Betrachtung stellt er fest, daß kein geistloses Tier, wenn es auch eine ähnliche Stadt, Boten und Tore zu besitzen scheint, eine solche Karte herzustellen vermöchte. Und so findet er in sich selbst das erste und nächste Zeichen des Schöpfers, in dem seine Schöpferkraft mehr ah in irgendeinem anderen bekannten Lebewesen widerstrahlt. Das vernunfthafte Zeichen ist nämlich das erste und vollkommenste des All-Gründers, das sinnliche hingegen das letzte. Er zieht sich also, soweit er kann, von allen sinnlichen Zeichen zurück und wendet sich den verstehbaren, einfachen und gestalthaften Zeichen zu.▷Et quomodo in illis splendet lux aeterna et inaccessibilis omni acumine mentalis visus, attentissime advertit, ut videat incomprehensibilem aliter quam incomprehensibili essendi modo videri non posse atque ipsum, qui est omni modo comprehensibili incomprehensibilis, omnium, quae sunt, <esse> essendi formam, quae in omnibus, quae sunt, manens incomprehensibilis in intellectualibus signis ut «lux in tenebris lucet»[2], a quibus nequaquam comprehenditur, quasi una facies in diversis politis speculis varie apparens nullo speculo quantumcumque polito inspeculatur, incorporatur seu immateriatur, ut ex ipsa facie et speculo aliquod unum compositum ex utroque fiat, cuius forma sit facies et speculum materia, sed in se manens una varie se ostendit, ut hominis intellectus in suis variis artibus et ex variis artium productis in se unus et invisibilis manens varie se visibiliter manifestat, licet in omnibus illis maneat omni sensui penitus incognitus. Hac speculatione dulcissime pergit contemplator ad sui et omnium causam, principium et finem, ut feliciter concludat.

Und wie in ihnen das ewige und für alle Schärfe geistiger Schau unerreichbare Licht widerstrahlt, darauf wendet er seine ganze Aufmerksamkeit, so daß er sieht, daß der Unbegreifliche anders als in unbegreiflicher Seinsweise nicht gesehen werden kann und daß er, der für jedes Begreifen Unbegreifliche, die Seinsgestalt aller Dinge, die sind, ist, welche in allem, das ist, unbegreiflich bleibt, (und) in vernunfthaften Zeichen wie das Licht in der Finsternis leuchtet. Von dieser wird es keineswegs begriffen; so wie wenn ein Gesicht in verschiedenen geschliffenen Spiegeln verschieden erscheint, jedoch, mag man es auch in einem noch so sehr geschliffenen Spiegel betrachten, inkorporiert oder verstofflicht wird, so daß aus dem Gesicht und dem Spiegel ein aus beiden Zusammengesetztes würde, dessen Form das Gesicht und dessen Materie der Spiegel wäre. In sich verbleibend zeigt sich das eine Licht vielmehr mannigfach so wie die Vernunft des Menschen sich in seinen verschiedenen Künsten und den Produkten dieser verschiedenen Künste zwar sichtbar in verschiedener Weise offenbart, aber unsichtbar in sich selbst bleibt, auch wenn sie in alledem für jeden Sinn vollkommen unbekannt bleibt. Durch diese Betrachtung gelangt der Betrachtende in angenehmster Weise zum Grund, Ursprung und Ziel seiner selbst und aller Dinge, so daß er seinen Weg glücklich beschließt.◀▷

  1. ↑ fol.172r
  2. ↑ Ioh. 1,5.