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Johannes Scottus Eriugena/Rezeption

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▶Der Gelehrte Heiric von Auxerre, ein jüngerer Zeitgenosse (nicht Schüler) Eriugenas, übernahm von ihm wichtige Begriffe, insbesondere den Naturbegriff.[1]

Mit einzelnen Lehraussagen und auch mit seinen methodischen Grundsätzen stieß Eriugena in der Kirche auf energischen Widerspruch. Seine zeitgenössischen Gegner meinten, es sei unangemessen, Entscheidungen über Glaubensfragen mit Verstandesurteilen nach dem Kriterium logischer Stimmigkeit zu fällen. Sie empörten sich darüber, dass er die Beweisführung nicht auf Bibelzitate und patristische Autoritäten stütze und die Heilsgeschichte auf subjektives Erleben reduziere. Bischof Prudentius von Troyes und der Erzdiakon Florus von Lyon verfassten umfangreiche Gegenschriften. Die kirchlichen Verurteilungen einzelner Inhalte des Prädestinationsgutachtens und der neuen Methode in den Jahren 855 und 859 verhinderten eine breite Rezeption der Ansichten und der exegetischen Vorgehensweise des irischen Gelehrten.

Der englische Geschichtsschreiber Wilhelm von Malmesbury (12. Jahrhundert) erzählt eine Legende, wonach Eriugena auf Einladung König Alfreds des Großen nach England auswanderte und dann in der Abtei Malmesbury lebte und lehrte. Dort sei er von seinen eigenen Schülern mit den Schreibgriffeln ermordet worden.[2] Wilhelm ließ in seinem Kloster eine Fassung von Periphyseon herstellen, für die verschiedene Handschriften dieses Werks herangezogen wurden.[3]

Um 1125/1130 stellte der theologische Schriftsteller Honorius Augustodunensis, der stark von Eriugenas Ideen beeinflusst war, einen Auszug aus Periphyseon zusammen, dem er den Titel Clavis physicae gab.[4]

Die Amalrikaner, die im Jahr 1210 als häretisch verurteilte Gruppe der Anhänger des Gelehrten Amalrich von Bena, vertraten theologische Ansichten, die teils den Ideen Eriugenas ähnlich waren. Inwieweit sie tatsächlich von ihm beeinflusst waren, ist allerdings unklar. Im Spätmittelalter wurde die Entstehung der amalrikanischen Häresie dem Einfluss des Iren angelastet. Der Urheber der Behauptung eines solchen Traditionszusammenhangs war der einflussreiche Theologe Odo von Châteauroux († 1273), der nachdrücklich für die Verdammung der Lehren Eriugenas eintrat. Schon im frühen 13. Jahrhundert – vielleicht um 1223/1224 – war Periphyseon in Frankreich auf einer Provinzialsynode der Kirchenprovinz von Sens verurteilt worden. 1225 hatte Papst Honorius III. in Briefen an die französischen und die englischen Bischöfe die Verbrennung aller Exemplare des Werks angeordnet, da der Inhalt glaubenswidrig sei.[5]

Über die sehr populäre Clavis physicae des Honorius Augustodunensis gelangte Gedankengut Eriugenas zu Meister Eckhart[6] und Berthold von Moosburg. Wegen der kirchlichen Verurteilung konnten sich die Lehren des irischen Philosophen im Spätmittelalter nur auf diesem indirekten Weg verbreiten.

Sehr beliebt war im Mittelalter Eriugenas Homilie über den Johannes-Prolog. Sie wurde allerdings nicht unter dem Namen ihres wirklichen Verfassers verbreitet, sondern Origenes oder Johannes Chrysostomos zugeschrieben. Auch die Übersetzungen der Schriften des Pseudo-Dionysius wurden bis ins Spätmittelalter verwendet; noch im 15. Jahrhundert legte sie der prominente theologische Schriftsteller Dionysius der Kartäuser seinem Kommentar zum Corpus Dionysiacum zugrunde.[7]

Nikolaus von Kues kannte nicht nur die Clavis physicae, sondern auch Periphyseon; Randbemerkungen in seinem Exemplar dieses Werks bezeugen, dass er zumindest das erste Buch gründlich durchgearbeitet hat. Er war der Meinung, beide Schriften sollten nicht allgemein zugänglich sein, sondern verständigen Lesern vorbehalten bleiben.[8]

Das Prädestinationsgutachten wurde 1650 erstmals gedruckt; es fand in Zusammenhang mit dem damaligen Konflikt um den Jansenismus Beachtung. Die erste Ausgabe von Periphyseon, besorgt von Thomas Gale, erschien erst 1681. Sie wurde 1684 von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, in dem sie noch im 20. Jahrhundert aufgeführt wurde.[9]

In der Moderne fand Eriugenas Denkweise Zustimmung bei Hegel, der in ihm einen Geistesverwandten sah. Allerdings kannte Hegel Eriugenas Philosophie nicht durch eigene Lektüre von Originaltexten, sondern nur aus sekundären Quellen.[10] Auch Schopenhauer schätzte ihn. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert betrachtete man ihn – kritisierend oder zustimmend – oft als Pantheisten.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das Interesse an Eriugena stark zugenommen. Die „Society for the Promotion of Eriugenian Studies“ (SPES) veranstaltet seit ihrer Gründung (1970) internationale Colloquien, deren Vorträge publiziert werden. Seit 1992 erscheint auch ein jährliches Bulletin: Eriugena. The Annual Bulletin of SPES.

Hinsichtlich der Bewertung von Eriugenas philosophischer Leistung gehen die Ansichten weit auseinander. Das Spektrum der Meinungen reicht von Gangolf Schrimpf, der in dem irischen Gelehrten einen bedeutenden Pionier des wissenschaftlichen Denkens sieht, bis John Marenbon, für den Periphyseon eine Masse von heterogenen, unzureichend verarbeiteten und teils widersprüchlichen Ideen unterschiedlicher Herkunft ist (allerdings schätzt Marenbon Eriugenas Beitrag zur Kategorienlehre). Verbreitet ist die Einschätzung, Eriugena sei der originellste westliche Denker in der Zeit zwischen der Spätantike und Anselm von Canterbury (11. Jahrhundert) gewesen.[11]

  1. ↑ Zu Heirics Eriugena-Rezeption siehe John J. O’Meara: Eriugena’s Immediate Influence. In: Werner Beierwaltes (Hrsg.): Eriugena redivivus, Heidelberg 1987, S. 19–22.
  2. ↑ Vereinzelt ist in der Forschung ein historischer Kern der Legende in Betracht gezogen worden; siehe dazu Dermot Moran: The philosophy of John Scottus Eriugena, Cambridge 1989, S. 37.
  3. ↑ Édouard Jeauneau: Guillaume de Malmesbury, premier éditeur anglais du „Periphyseon“. In: Édouard Jeauneau: Études érigéniennes, Paris 1987, S. 489–521; Dermot Moran: The philosophy of John Scottus Eriugena, Cambridge 1989, S. 65–67.
  4. ↑ Zu Honorius’ Eriugena-Rezeption siehe Paolo Lucentini: La Clavis physicae di Honorius Augustodunensis e la tradizione eriugeniana nel secolo XII. In: René Roques (Hrsg.): Jean Scot Érigène et l’histoire de la philosophie, Paris 1977, S. 405–414; Stephen Gersh: Honorius Augustodunensis and Eriugena. In: Werner Beierwaltes (Hrsg.): Eriugena redivivus, Heidelberg 1987, S. 162–173.
  5. ↑ Siehe dazu Roberto Plevano: Exemplarity and Essence in the Doctrine of the Divine Ideas: Some Observations on the Medieval Debate. In: Medioevo 25, 1999/2000, S. 653–711, hier: 663–675, 704–711; Paolo Lucentini (Hrsg.): Garnerii de Rupeforti Contra Amaurianos, Turnhout 2010, S. LXXX–LXXXV.
  6. ↑ Zur Frage der Eriugena-Rezeption bei Meister Eckhart siehe Alois M. Haas: Eriugena und die Mystik. In: Werner Beierwaltes (Hrsg.): Eriugena redivivus, Heidelberg 1987, S. 264–278; vgl. Dermot Moran: The philosophy of John Scottus Eriugena, Cambridge 1989, S. 279.
  7. ↑ Siehe dazu Kent Emery, Jr.: A Complete Reception of the Latin Corpus Dionysiacum: The Commentaries of Denys the Carthusian. In: Tzotcho Boiadjiev u. a. (Hrsg.): Die Dionysius-Rezeption im Mittelalter, Turnhout 2000, S. 197–247, hier: 209.
  8. ↑ Werner Beierwaltes: Eriugena und Cusanus. In: Werner Beierwaltes (Hrsg.): Eriugena redivivus, Heidelberg 1987, S. 311 f.
  9. ↑ Maïeul Cappuyns: Jean Scot Érigène. Sa vie, son œuvre, sa pensée, Bruxelles 1964 (Nachdruck), S. 249.
  10. ↑ Werner Beierwaltes: Eriugena. Grundzüge seines Denkens, Frankfurt a. M. 1994, S. 314 f.
  11. ↑ Bernard McGinn: The Originality of Eriugena’s Spiritual Exegesis. In: Gerd Van Riel u. a. (Hrsg.): Iohannes Scottus Eriugena. The Bible and Hermeneutics, Leuven 1996, S. 55; Franz Brunhölzl: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. 1, München 1975, S. 471; Werner Beierwaltes: Eriugena. Grundzüge seines Denkens. Klostermann, Frankfurt a. M. 1994, S. 7.