Meisterschluß
Diodoros Kronos aus Karien, gest. 307 v. Chr. D. gehört zur Schule der Megariker, die als Dialektiker berühmt waren auch durch ihre Trugschlüsse. Unter dem Namen »Kyrieuon« (kyrieuôn logos) ist D.'s Argument bekannt, daß nur das Wirkliche möglich, das Nichtwirkliche aber unmöglich sei (»Id solum fieri posse, quod aut verum sit aut verum futurum sit«, Cicero, de fato 17; vgl. 6, 12; Epiktet, Dissertat. II, 19, l). Wenn von zwei Alternativen eine wirklich ist so ist die zweite unmöglich, kann daher nicht möglich werden. D. erklärte sich auch (dialektisch) gegen die Möglichkeit der Bewegung (Sext. Empiric. Adv. Phys. II, 115.) Vgl. ZELLER, Sitzungsberichte d. Berliner Akademie, 1882.[1]
Megariker
←Fatalismus Erscheinungsformen im Altertum
Im späten 4. und frühen 3. Jahrhundert v. Chr. lebte der Philosoph Diodoros Kronos, der zur Richtung der Megariker gehörte. Die Megariker lehrten, dass nur das Wirkliche möglich sei, das heißt, dass nichts anderes geschehen könne als das, was tatsächlich geschieht. Zum Beweis dieser These formulierte Diodoros ein Argument, das als „Meisterargument“ oder „Meisterschluss“ (kyrieúōn lógos) bekannt ist und bis in die Gegenwart ein starkes Echo gefunden hat. Vermutlich reagierte Diodoros damit auf die Möglichkeitslehre des Aristoteles, der zufolge Ereignisse, die nicht tatsächlich eintreten, möglich sind. Mit seiner Beweisführung wollte Diodoros wohl zeigen, dass der aristotelische Möglichkeitsbegriff den Prinzipien von Aristoteles’ eigener Modallogik widerspreche. Allerdings ist diese Stoßrichtung nicht bewiesen. [2]
Die Prämissen des Meisterarguments sind bekannt, doch sein Wortlaut ist nicht überliefert. Daher ist die Rekonstruktion des Gedankengangs mit Unsicherheit behaftet. [3] Der Überlieferung zufolge behauptete Diodoros, dass die beiden Aussagen „Alles Wahre in der Vergangenheit ist notwendig“ und „Aus Möglichem folgt nichts Unmögliches“, wenn man sie miteinander kombiniert, mit der Aussage „Es gibt Mögliches, das weder wahr ist noch wahr sein wird“ unvereinbar seien. Wenn man wie Aristoteles und Diodoros die ersten beiden Sätze für wahr hält, muss man dem Meisterargument zufolge den dritten aufgeben. Das bedeutet, dass es keine Möglichkeiten geben kann, die nicht zur Verwirklichung gelangen. Das Mögliche ist dann als das zu definieren, was entweder schon wirklich ist oder künftig wirklich sein wird. Was niemals wirklich geschieht, ist unmöglich. Das Meisterargument setzt Wirklichkeit mit logischer Richtigkeit gleich. Es ist zwar logisch korrekt, aber nur auf dem Boden der modallogischen Semantik des Diodoros Kronos schlüssig. [4]
Nach dem Verständnis der antiken Nachwelt ergibt sich aus dem Meisterargument der logische Fatalismus als Konsequenz, wenn man die Prämissen des Arguments akzeptiert und die Folgerung für schlüssig hält. Die formale Korrektheit des Schlusses wurde von den antiken Philosophen offenbar nicht angefochten. Auch die Gegner gaben die Unverträglichkeit der drei Sätze zu, sie bestritten nur, dass alle drei gültig seien. [5] Allerdings ist unklar, ob Diodoros tatsächlich beabsichtigte, aus dem Meisterargument einen harten Fatalismus abzuleiten. Möglicherweise haben erst seine Schüler diese Konsequenz gezogen.[78]
Ein weiteres Argument der Megariker für ihre Möglichkeitslehre lautet: „Falls du das Getreide mähen wirst, wirst du es nicht vielleicht mähen und vielleicht nicht, sondern du wirst es auf alle Fälle mähen.“ Das „Getreidemähargument“ ist erst in spätantiken Quellen überliefert. [6]
Definitionen der Modalbegriffe und der Meisterschluss
▶Cicero, Plutarch, Boethius und Alexander von Aphrodisias berichten von Diodoros' Definitionen der ModalbegriffeMöglichkeit, Unmöglichkeit, Notwendigkeit und Nicht-Notwendigkeit. Möglich sei, was entweder wahr ist oder wahr sein wird[7], nach anderen Quellen[8], was entweder der Fall ist oder der Fall sein wird. Die übrigen Modalbegriffe hat Diodoros laut Boethius folgendermaßen definiert. Unmöglich sei, was nicht ist und nicht sein wird. Notwendig sei, was ist und sein wird. Nicht notwendig ist, was nicht ist oder nicht sein wird. Diodoros' Möglichkeitsbegriff weist eine Ähnlichkeit mit demjenigen auf, den Aristoteles[9] bereits zuvor den Megarikern zugeschrieben hat.[10]
Die Richtigkeit seiner Definition des Möglichkeitsbegriffs hat Diodoros mit dem bereits in der Antike so bezeichneten Meisterschluss oder Meisterargument (kyrieúōn lógos [ὁ κυριεύων λόγος]) zu erweisen versucht. Der wichtigste antike Bericht stammt von Epiktet[11], Verständnis und Deutung des Meisterschlusses sind in der Forschung allerdings umstritten. So soll Diodoros folgende drei Aussagen für miteinander unvereinbar gehalten haben:
- Alles Wahre in der Vergangenheit ist notwendig.
- Aus Möglichem folgt nichts Unmögliches.
- Es gibt Mögliches, das weder wahr ist noch wahr sein wird.
Die ersten beiden seien nach Diodoros wahr, also müsse die dritte falsch sein. Wenn die Negation der dritten Aussage wahr sei, so sei auch Diodoros' Definition des Möglichen wahr. Bereits in der Antike wurde Einspruch gegen die Wahrheit der ersten beiden Aussagen erhoben.[12]
Einzelnachweise
- ↑ Quelle: Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 131. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001819755; Lizenz: Gemeinfrei
- ↑ Dorothea Frede: Aristoteles und die „Seeschlacht“, Göttingen 1970, S. 93; Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 139–364, hier: 227–230.
- ↑ Siehe die Untersuchung von Richard Gaskin: The Sea Battle and the Master Argument, Berlin 1995 (sein eigener Rekonstruktionsversuch S. 282–296).
- ↑ Eine Zusammenfassung gibt Magnus Schallenberg: Freiheit und Determinismus, Berlin 2008, S. 18–22.
- ↑ Magnus Schallenberg: Freiheit und Determinismus, Berlin 2008, S. 17 f., 22; Klaus Döring: Die Megariker, Amsterdam 1972, S. 134; Dorothea Frede: Aristoteles und die „Seeschlacht“, Göttingen 1970, S. 93 f.
- ↑ Hermann Weidemann: Das sogenannte Meisterargument des Diodoros Kronos und der Aristotelische Möglichkeitsbegriff.In: Archiv für Geschichte der Philosophie 69, 1987, S. 18–53, hier: S. 31 f. Anm. 38.
- ↑ Plutarch, De Stoicorum repugnantiis 1055d-1055e; Cicero, De fato 17.
- ↑ Boethius, De interpretatione II 234,22-234,24; Alexander von Aphrodisias, In Aristotelis analyticorum priorum librum I commentarium183,34-184,1.
- ↑ Aristoteles, Metaphysik 1046b29-1046b32.
- ↑ Klaus Döring: Diodoros Kronos, Philon, Panthoides. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 221–230, hier: S. 227–228.
- ↑ Epiktet, Dissertationes 2,19,1.
- ↑ Klaus Döring: Diodoros Kronos, Philon, Panthoides. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 221–230, hier: S. 228–229.
Einzelnachweise