Adel zur Zeit des Nationalsozialismus
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[✐ | ✎]Von der Mehrheit des deutschen Adels wurde die Weimarer Republik rigoros abgelehnt. Der Adel unterstützte deshalb weiterhin die konservativen deutschnationalen Strömungen in der Gesellschaft und hoffte auf die Wiederherstellung einer monarchischen Staatsform. Jedoch stellte der deutsche Adel von jeher keine homogene Gruppe dar und war geprägt von der jeweiligen Landschaft und der dort vorherrschenden Konfession. Angehörige des historischen Adels fanden sich auf der Seite der begeisterten Unterstützer des Nationalsozialismus ebenso wie später auf der Seite des offenen Widerstandes, der oft mit dem Tod endete. Zudem herrschte auch eine weit verbreitete ambivalente Haltung vor.
Einerseits bediente sich der Nationalsozialismus konservativer Begriffe und forderte das Wiedererstarken der deutschen Nation, die auch vom Adel erwünscht war. Der Nationalsozialismus fand so auch viele adelige Anhänger insbesondere bei den jüngeren, protestantisch und preußisch geprägten Vertretern der ostelbischen Junker. Zudem war die von den Nationalsozialisten betriebene Rassenideologie des „reinen Stammbaums“ (Ariernachweis) dem heute noch angewandten „Nachweisprinzip des Adels“ (Adelsprobe, Adelsrecht) entlehnt. Die völkischbis rassistisch geprägte Deutsche Adelsgenossenschaft (DAG), die größte Vereinigung deutscher Adeliger im Deutschen Reich, repräsentierte aber nicht alle deutschen Adeligen. Die DAG – deren Prüfstelle für Abstammungsfragen noch heute im sogenannten Deutschen Adelsrechtsausschuss besteht – hatte bereits 1920 den Ariernachweis als erweiterten Teil der Adelsprobe eingeführt. Adelige wie Karl Freiherr von Hirsch, der später im Konzentrationslager Theresienstadt umkam, waren damit aus dem Verband des deutschen Adels ausgeschlossen worden. Viele führende Rassentheoretiker waren Angehörige des Adels, so etwa Max von Gruber, Otmar Freiherr von Verschuer, Karl von Behr und besonders Egon Freiherr von Eickstedt (nach seiner „rassendiagnostischen Formel“ wurden die Nürnberger Gesetze angewandt). Welche Wirkung die Ideologie des Herrenmenschtums von Arthur de Gobineau auf so manche deutsche Adelige hatte, kann nur vermutet werden. Als Beispiel der aktiv am Regime beteiligten Adeligen mit einer solchen Gesinnung sei Franz Pfeffer von Salomongenannt. Heinrich Himmler, ein ausgesprochener Verehrer des alten deutschen Adels, beispielsweise beabsichtigte mit seiner Lebensborn-Organisation die Heranziehung des erweiterten „Adels der Zukunft“.[1]
Andererseits lehnten viele Adelige trotz Befürwortung von paternalistischem sozialem Engagement die egalitäre Seite des Nationalsozialismus und auch die proletischen Schlägertrupps der SA ab. Sie standen aufgrund einer überwiegend religiösen und politisch konservativen Grundhaltung der neuen Bewegung des Nationalsozialismus skeptisch gegenüber. Obwohl solche Kreise der NSDAP deshalb eher nicht beitraten und deren rassistische Ideologie ablehnten, galten auch sie oft als Sympathisanten des nationalsozialistischen Programms einer nationalen Erhebung und Wiederaufrüstung. Bei katholisch geprägten west- und süddeutschen, insbesondere auch bayerischen Adeligen, konnte der Nationalsozialismus aber durchaus auch auf heftige Ablehnung stoßen, insbesondere bei den Vertretern der älteren Generation.[2] Es gab große Vorbehalte gegenüber radikalen, 'antiadligen' und sozialistischen Aspekten des Nationalsozialismus. In adligen Führungseliten und im noch vom Adel stark geprägten Offizierskorps stand man dem Parvenü und „Gefreiten Hitler“ ebenfalls oft eher skeptisch gegenüber.
Der bayerische Adel insbesondere wollte die Rückkehr zur Monarchie, notfalls unter Abspaltung Bayerns vom Deutschen Reich, und hatte mit Kronprinz Rupprecht von Bayern auch einen wesentlich kompetenteren Thronprätendenten zu bieten als etwa im Vergleich dazu das Haus Hohenzollern mit dem deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen, der Hitler offenherzig bewunderte.
Nach der Niederschlagung des Hitler-Ludendorff-Putsches im Jahr 1923 nutzte der deutsch-nationale Reichswehrchef Hans von Seeckt seine Amtsmacht, um sowohl die KPD als auch die NSDAP zu verbieten.
Zu den einflussreichen Förderern Adolf Hitlers gehörte bereits ab 1922 der frühere Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha. Später machten Organisationen wie die Harzburger Front von Alfred Hugenberg mit Unterstützung von Reichswehrgeneral a. D. Hans von Seeckt und dem Kaisersohn und SA-Gruppenführer August Wilhelm Prinz von Preußen in Deutschland Adolf Hitler ab 1931 in den konservativen deutschnationalen Kreisen salonfähig. Dieses geschah, obwohl Wilhelm II., wie er später im niederländischen Exil einräumte, der Annäherung dieses Sohnes an den Nationalsozialismus ablehnend gegenüber stand.[3] Dennoch gilt diese Salonfähigmachung als großer Schritt zur späteren Machtergreifung.
Reichspräsident Paul von Hindenburg sah weiterhin auf die Nationalsozialisten und den „böhmischen Gefreiten“ Hitler herab und versuchte, so lange es ihm möglich schien, sie von der Macht fernzuhalten. Als die NSDAP und die KPD die Mehrheiten im Reichstag seit 1932 dominierten, erwogen die Reichskanzler der Präsidialkabinette Franz von Papenund Kurt von Schleicher sogar mit Hilfe der Reichswehr eine Machtergreifung dieser Parteien zu verhindern. Der Chef der Heeresleitung Kurt von Hammerstein-Equord und der Leiter des Ministeramts im ReichswehrministeriumFerdinand von Bredow befürworteten ein militärisches Vorgehen gegen Hitler.
Die einzige Alternative schien eine Einbindung der Nationalsozialisten in eine von der DNVP geführte Regierung. Eine Vizekanzlerschaft lehnte Hitler ab, und die Spaltung der NSDAP scheiterte. In dieser kritischen Phase der Partei schrieb Hitlers Propagandachef Goebbels in sein Tagebuch:
„Spät nachts entwickelt der Führer noch im Kaiserhof seine Gedanken über den Adel. Auch hier wie immer originell und einfallsreich. Der Adel hat nur dann einen Sinn, wenn er nicht nur auf Vorrechten, sondern auch auf Vorpflichten beruht. Fordern, aber nicht leisten, das gilt nicht.“
Stephan Malinowski wies indes darauf hin, dass viele Mitglieder der adeligen Familien schon vor der MachtergreifungMitglieder der NSDAPwaren. Er betont, dass es signifikant mehr Parteimitglieder als später Widerstandskämpfer gab (allerdings gilt dies auch für die übrige Bevölkerung). Malinowski kommt zu dem Schluss, dass „der Adel in der NSDAP bereits 1933 eindeutig überproportional vertreten gewesen“ sei.[5]
Der Jurist und Diplomat Erhard Graf von Wedel trat am 1. Dezember 1931 der NSDAP bei und äußerte sich in seinen Schriften des Öfteren sehr positiv, zum Teil begeistert über den Nationalsozialismus und stand mit dieser Einstellung stellvertretend für viele seiner sozialen Schicht.[6] Gemäß einer Überprüfung von 350 Adelsfamilien durch Stephan Malinowski ergaben sich 3600 Adelige mit Parteibuch. Die Zahl ist jedoch nicht einfach zu interpretieren, da sie nicht alle Adeligen erfasst, die in der NSDAP-Mitglieder waren und zudem nicht ins Verhältnis gesetzt ist zur Anzahl aller Personen, die dem historischen Adel im Deutschen Reich damals zuzurechnen waren. Unterscheidet man die Konfession, so fällt auf, dass katholische Adelige z. B. in Bayern, Rheinland und Westfalen weniger anfällig für den Nationalsozialismus waren. Die NSDAP übte entsprechenden Druck aus und verlieh auch ohne Parteieintritt ihr Goldenes Parteiabzeichen 1937 u. a. an die Minister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk und Paul von Eltz-Rübenach, was letzterer als Katholik beim Festakt ablehnte, so dass Hitler unter Protest den Raum verließ. Jedenfalls fanden sich in den Reihen der NSDAP etwa 41 Schulenburg, 52 Schwerin, 27 Hardenberg, 34 Bismarck, 53 Arnim, 37 Goltz, 70 Osten, 38 Puttkamer, 40 Bülow, 43 Kleist, 48 Winterfeld und 78 Wedel;[38] die Auflistung ließe sich lange fortführen. Zwar findet man viele dieser Namen auch im militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismuswieder, was allerdings damit zu erklären ist, dass dieser aus der Führungsebene der Wehrmacht und des NS-Regimes heraus erwuchs.[7]
Aus den Fürstenhäusern traten 80 Mitglieder vor der Machtergreifung 1933 in die NSDAP ein, bis 1941 wuchs die Zahl auf 270.[8] Einige namhafte Vertreter des Hochadels mit einer Mitgliedschaft in der NSDAP stammten aus dem Haus Hessen. Es waren dies Friedrich Karl Landgraf von Hessen, Richard Prinz von Hessen Philipp Landgraf von Hessen, Christoph Prinz von Hessen, Wilhelm Prinz von Hessen-Philippsthal-Barchfeld, Wolfgang Prinz von Hessen, Georg Donatus Erbgroßherzog von Hessen-Darmstadt und Ludwig Prinz und Landgraf von Hessen und bei Rhein.
Auch aus dem ernestinischen Zweig des Geschlechts der Wettiner gab es einige Prominenz in der Partei. Es waren dies neben dem schon genannten Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zudem Hubertus Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, Johann Leopold Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, Rainer Prinz von Sachsen-Coburg-Koháry, Georg Herzog von Sachsen-Meiningen und Ernst Herzog von Sachsen-Altenburg.
Weitere Vertreter des Hochadels in der NSDAP[9] waren zum Beispiel auch Joachim Ernst Herzog von Anhalt, der bereits erwähnte Adolf Fürst zu Bentheim-Tecklenburg, des Weiteren Otto (III.) Fürst von Bismarck, Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen, Carl Friedrich Fürst zu Castell-Castell, Hermann Burggraf und Graf zu Dohna-Finckenstein, Alexander Graf zu Erbach-Erbach, Friedrich Wend Fürst zu Eulenburg, Botho-Wendt Graf zu Eulenburg, Max Egon Fürst zu Fürstenberg, Karl Egon Prinz, seit 1941 Fürst zu Fürstenberg, Maximilian Egon Prinz zu Fürstenberg, Joachim Egon Prinz zu Fürstenberg, Georg Graf Henckel von Donnersmarck, Ernst Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Gottfried Prinz zu Hohenlohe-Langenburg, Friedrich Karl Fürst zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, Albrecht Prinz von Hohenzollern, Franz Joseph Prinz von Hohenzollern-Emden, Wilhelm Karl Prinz von Isenburg, Emich Fürst zu Leiningen, Hermann Prinz zu Leiningen, Karl Fürst zu Leiningen, Ernst Leopold Prinz zur Lippe, Karl Christian Prinz zur Lippe-Weißenfeld, Friedrich Franz Herzog zu Mecklenburg, Nikolaus Herzog von Oldenburg, Eugen Graf von Quadt zu Wykradt und Isny, Heinrich Erbprinz von Reuß, Heinrich Prinz Reuß zu Köstritz, Wolrad Fürst zu Schaumburg-Lippe, Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe (seit 1929 NSDAP-Mitglied, Adjutant von Joseph Goebbels), Max Prinz zu Schaumburg-Lippe, Ernstotto Graf zu Solms-Laubach, Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, Roderich Graf von Thun und Hohenstein, Albrecht Fürst von Urach, Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, Viktor Prinz zu Wied und Heinrich Ferdinand von Österreich-Toskana. An dieser Stelle sei auch Bernhard zur Lippe-Biesterfeld erwähnt, der Prinzgemahl der späteren niederländischen Königin Juliana, der freilich im Vorfeld seiner im Januar 1937 erfolgten Hochzeit aus der Partei austrat.
Auch einige namhafte Frauen aus dem Hochadel zog es in die Partei, wie etwa Marie Auguste Prinzessin von Anhalt, Clementine Gräfin zu Castell-Rüdenhausen, Margarethe Landgräfin von Hessen-Kassel, die jüngste Schwester von Kaiser Wilhelm II., Alexandra Fürstin zu Hohenlohe-Langenburg, Sophie Charlotte Prinzessin von Preußen, Magdalene Gräfin zu Stolberg-Wernigerode und Pauline Fürstin zu Wied.
Allein schon wegen ihrer Prominenz haben diese Vertreter des Hochadels – ganz überwiegend protestantischer Konfession – durch die Mitgliedschaft in der Partei dem NS-Regime erheblichen Vorschub geleistet. Die meisten Angehörigen des Adels übersahen, dass Hitler weder den Adel in seine alten Rechte wieder einsetzen wollte noch dessen Werte teilte. Im Grunde machten Hitler und seine Entourage den Adel für die Niederlage im Ersten Weltkrieg mit verantwortlich. Viele Adelige durchschauten nicht, dass sie nur als nützliche Handlanger und Reklameträger für die Sache der Nazis herhalten sollten. Auch einer der prominentesten des Hochadels in den Reihen der Nazis, der Kaisersohn August Wilhelm Prinz von Preußen, begriff dies nicht.[10] Wenn auch der Adel in der NSDAP überrepräsentiert war, so ist dennoch davon auszugehen, dass es stets mehr Adelige außerhalb als innerhalb der Partei gab.[11] Dienstältestes adeliges SS-Mitglied war nach den Unterlagen des ehemaligen Berlin Document CenterHubertus Karl Graf von Schimmelmann.
Die Motive für den Partei-Eintritt waren vielfältig, einige Adlige waren ideologisch überzeugt, andere versprachen sich eine Überwindung ihres Status- und Machtverlusts von 1918, wieder andere teilten die – auch im Bürgertum sehr verbreitete – Angst vor einer BolschewisierungDeutschlands und Europas, viele hofften (ebenso wie im Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft) auf einen wirtschaftlichen Aufschwung nach der Weltwirtschaftskrise, manche versprachen sich (nach der Machtergreifung) Karrieremöglichkeiten in Diplomatie und Militär, wieder andere versuchten, sich trotz innerlich ablehnender Haltung durch ein Parteibuch vor Denunziation zu schützen und zugleich ihren Besitz vor Konfiskation (wie etwa Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau).[12]
Jedoch war dieser Prozess durch vielfältige Repression und auch Verfolgung jener Adeliger begleitet, die eine Kooperation verweigerten, so wurden z. B. Angehörige der katholischen Adelshäuser Wittelsbach (wie Franz von Bayern) und Habsburg (wie Maximilian Hohenberg) mit ihren Geschwistern in KZ-Sippenhaft genommen. Ebenso erging es den Familien adeliger Widerstandskämpfer, z. B. Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg und des Generals Walther von Seydlitz-Kurzbach.
Zur Situation des österreichischen Adels in dieser Zeit siehe Österreichs ehemaliger Adel und der Nationalsozialismus.
Werden die Verhältnisse des Adels auf der Ebene des Reichstags beleuchtet, so waren im Jahre 1932 sogar 15 Reichstagsabgeordnete der NSDAP adeliger Abstammung.[13] Das war bei dieser Wahl der höchste Anteil aller Parteien und lag somit bei rund 7 Prozent, wohingegen der Adel bezogen auf die Gesamtbevölkerung nur bei rund einem Promille lag. Hier sticht also die überproportionale Vertretung des Adels bei den Nazis mit dem ungefähren Faktor 70 sehr deutlich hervor. Auch auf der Ebene des späteren Kabinetts Hitler gab es einen relevanten Anteil Adliger, allerdings war der Anteil niedriger als im erwähnten Kabinett von Papen, das auch explizit als „Kabinett der Barone“ galt und von der Absicht getragen war, die Nationalsozialisten von der Macht fernzuhalten.
Die Kamarilla (Otto Meissner, Oskar von Hindenburg, Elard von Oldenburg-Januschau, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Alfred Hugenberg und bedingt auch August von Mackensen) um Paul von Hindenburg trieb nun zur Unterstützung einer national ausgerichteten Regierung die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler voran. Anfangs hofften Hindenburg und Teile des Adels, den Nationalsozialismus so unter Kontrolle zu bringen. An der Regierung waren demgemäß nur zwei nationalsozialistische Minister beteiligt. Zu Beginn der „Machtergreifung“ stützte sich Adolf Hitler auf die noch immer zahlreichen Offiziere des Adels in der Reichswehr (General Werner von Blomberg von 1933 bis 1938 Reichswehrminister bzw. seit 1935 Reichskriegsminister und 1936 der erste Generalfeldmarschall der Wehrmacht).
Im Jahre 1933 hatte Adolf Fürst zu Bentheim-Tecklenburg-Rheda, der Adelsmarschall und Vorsitzende der Deutschen Adelsgenossenschaft (DAG), gelobt, dass der Adel an der Seite Hitlers für seine Sache eintreten und sie gewinnen würde oder mit ihm untergehen solle. Er sorgte dafür, dass alle Mitglieder der DAG ausgeschlossen wurden, die nicht bis mindestens zurück bis zum Jahr 1750 den Nachweis nichtjüdischer Vorfahren führen konnten. Die DAG unterstützte somit die Nazis ganz wesentlich in ihrem Antisemitismus. Die DAG hatte zu der Zeit rund 17.000 Mitglieder. Bentheim sprach also für etwa 20 Prozent des gesamten deutschen Adels. Er hatte dem Wunsch entsprochen, dass erhebliche Teile des Adels mit dem Regime kollaborieren wollten. Mit der propagandistischen Inszenierung des Tags von Potsdam am 21. März 1933 sollte die preußisch-deutsche Militärelite gleich zu Beginn des NS-Herrschaft umgarnt und für die Sache Hitlers vereinnahmt werden. Allerdings gab es schon früh Spannungen mit der nicht vollkommen gleichgeschalteten Wehrmacht und ihren Offizieren, die häufig aus Adelsfamilien stammten. Insbesondere als SS-Offiziere, jedoch auch als Offiziere in der Wehrmacht, waren zahlreiche Adelige später dann aber direkt in die Verbrechen und den Völkermord der Nazis verstrickt.
1934 wurden der ehemalige Reichskanzler und General Kurt von Schleicher, dessen Frau Elisabeth von Schleichersowie der General Ferdinand von Bredow im Rahmen nationalsozialistischer „Säuberungen“ nach dem Röhm-Putschumgebracht. Die Säuberungen dienten zur Abwehr eines vorgeblich geplanten Putsches durch die SA. Dabei wurden auch die dem Adel entstammenden SA-Führer Peter von Heydebreck und Hans Erwin Graf von Spreti-Weilbach getötet sowie aus der Umgebung Papens Herbert von Bose. Mit der Ermordung des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr im KZ Dachau begannen damals auch Verfolgungen von Adeligen aus Politik und Kirche. Weitere namentlich bekannte Opfer der Mordaktion, die aus dem Adel stammten, waren Veit Ulrich von Beulwitz, Ferdinand von Bredow, Georg von Detten, Hans-Joachim von Falkenhausen, Eugen von Kessel, Fritz von Kraußer, Walter von Mohrenschildt und Eberhard Carl Freiherr von Wechmar. Von den rund 90 bekannten Todesopfern dieser von Hitler angeordneten Aktion entstammten demnach 14 aus dem Adel.
Der greise Generalfeldmarschall August von Mackensen und der Freund Schleichers, Generaloberst z. V. Kurt von Hammerstein-Equord, versuchten während der Mordtage vergeblich Hindenburg zu erreichen. Darauf hofften sie durch eine Denkschrift den Reichspräsidenten aufzuklären. Die Schrift trug zwar zu einer kritischen Haltung des Offizierskorps bei, dessen Angehörige überwiegend eine Untersuchung wollten, sie erreichte Hindenburg aber nie. Die Furcht vor Verfolgung veranlasste jedoch nun auch viele Angehörige der oberen Gesellschaftsschicht aus Adel und Bürgertum, die weder zu den Überzeugten noch zu den frühen Opportunisten gehört hatten, zu einem angepassten Verhalten gegenüber den neuen Machthabern.
In der Blomberg-Fritsch-Krise 1938 gelang es Hitler, im Rahmen teilweise konstruierter Affären den Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch und Kriegsminister Werner von Blomberg abzusetzen, die gewagt hatten, gegen seine aggressive Außenpolitik Einspruch zu erheben. 1938 wurde der Diplomat und Attaché Papens Wilhelm Freiherr von Ketteler ermordet, der bereits damals ein Attentat auf Adolf Hitler plante.[14]
Im Rahmen der sogenannten Septemberverschwörung bildete sich 1938 bereits ein Widerstandskreis im Amt Ausland/Abwehr, der für den Fall einer Mobilmachung Kommandeure für Staatsstreichspläne in Berlin gewinnen konnte, u. a. Erwin von Witzleben (Kommandierender General und Befehlshaber des Wehrkreises III), Walter Graf von Brockdorff-Ahlefeldt, Paul von Hase, Wolf-Heinrich Graf von Helldorff(Polizeipräsident von Berlin), Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg. Auch der neu ausgewählte und vermeintlich regimetreue Nachfolger als Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch scheint an den Verschwörungsplänen aktiv beteiligt gewesen zu sein. Auch als er von diesen Abstand nahm, deckte er diese Pläne nicht auf. Nach der Münchner Konferenz wurde den Plänen zunächst der Boden entzogen. Auf Grund seines aktiven Widerstands wurde der ehemalige Stabsoffizier, NSDAP- und SA-Mitglied Malte zu Putbus ausgeschlossen, verfolgt und 1945 (wahrscheinlich) im KZ Sachsenhausen ermordet. Das gleiche Schicksal am gleichen Ort erlitt Hans von Ribbeck-Ribbeck.
Gemäß dem so genannten Heß-Erlass vom Februar 1938 war die Doppelmitgliedschaft von NSDAP und – evangelischem – Johanniterordenuntersagt. Ausgehend von der letztmals im Frühjahr 1931 publizierten Mitgliederliste der Kongregation, gesamte Mitgliederzahl im In- und Ausland: 4760 (bestehend aus Ehrenritter, Rechtsritter, höhere Ordensmitglieder)[15] und den Nachweisungen der Austritte in den Johanniter-Ordensblättern bis 1939[16] verließen etwa zehn Prozent den Orden. Darunter waren zuerst Polizeioffiziere wie Jürgen von Kamptz, sehr viele Juristen sowie Diplomaten und Grundbesitzer.[A 1] Des Weiteren befanden sich einige höhere SA-Führer unter dieser Gruppe, der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, der Rektor Achim von Arnim, Alexander Freiherr von Humboldt-Dachroeden oder Georg von Neufville, ebenso mittlere NSDAP-Funktionäre, aber auch Beamte der Ritterschaft (Landschaft), hier Wedego Graf von Wedel, und ein Domherr, wie der letzte Kuratur der Brandenburger Ritterakademie, Hans von Rochow-Stülpe. Nach Kriegsende galt die Auflage, diese Personen nicht wieder aufzunehmen. Es gibt aber nachweislich zwei Ausnahmen, jeweils aus den Familien von Plotho und von Zeschau.
Angesichts der langen und respektablen Liste von Adeligen im Widerstand entstand in der Öffentlichkeit, insbesondere in den westlichen Nachkriegsmedien, vielfach der Eindruck, der gesamte Adel wäre im Widerstand gegen das NS-Regime gewesen. Dies entspricht jedoch keineswegs der Realität. Die meisten Angehörigen des Adels leisteten wie auch die Mehrheit der Bevölkerung keinen Widerstand. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 waren jedoch auch viele Nazis der Meinung, dass der Adel insgesamt Verrat begangen habe. So forderte Robert Ley in einer öffentlichen Rede Ende Juli 1944 die Ausrottung der alten Adelsfamilien. Joseph Goebbels war allerdings strikt dagegen, denn er war von der Loyalität der überwiegenden Mehrheit der adeligen Offiziere in der Wehrmacht und der Waffen-SS nach wie vor überzeugt und wusste, dass das Regime sich auf sie verlassen konnte, sogar weiterhin dringend auf sie angewiesen war. Nach Rücksprache mit Hitler untersagte Goebbels am 26. Juli 1944 eine allgemeine Adelshetze und zwang Ley nach einer Unterredung, sich öffentlich für seine Ausfälle gegen den Adel zu entschuldigen.[17]
Angehörige des Adels, die aktiv zu den Verbrechen des Regimes beigetragen haben, gab es sehr viele. Wie in der gesamten Wehrmacht spielte dabei der Fahneneid gegenüber Hitler eine Rolle sowie strikter Gehorsam gemäß der preußischen Militärtradition. Insbesondere ostelbische Adelige fanden offenbar die Idee der Ausdehnung des deutschen Lebensraums im Osten sehr attraktiv, um ihrem vermeintlichen Volk ohne Raum neue Siedlungsgebiete zu erschließen. Es wurde dabei in Kauf genommen, dass damit die Unterdrückung und Entrechtung der dort heimischen slawischen Bevölkerung einhergehen sollte. Auch das brutale Vorgehen gegen politisch andersdenkende, „Bolschewisten“ und Partisanen, sowie die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bewohner, wurde von Angehörigen des Adels in Wehrmacht, SS und Polizei entweder hingenommen oder aktiv vorangetrieben.
Die aus altem Adel stammenden Generale Erich von Manstein und Gerd von Rundstedt waren beim Überfall auf Polen 1939 und der Sowjetunion 1941 führend beteiligt und hatten somit erheblichen Anteil an den Verbrechen der Wehrmacht. Walter von Reichenau propagierte im Krieg gegen die Sowjetunion als überzeugter Parteigänger Hitlers den „Weltanschauungskrieg“ gegen „Bolschewisten“ und Juden. Als Befehlshaber der 6. Armee duldete er die Massaker in seinem Bereich.[18] Weitere Generale, die dem Adel entstammten und an den Kriegsverbrechen ihren Anteil hatten, waren die Generalfeldmarschälle Fedor von Bock, Ewald von Kleist, Günther von Kluge, Georg von Küchler, Wolfram Freiherr von Richthofen und Maximilian von Weichs sowie die Generalobersten Hans-Jürgen von Arnim, Nikolaus von Falkenhorst und Eberhard von Mackensen. Die Generalfeldmarschälle Wilhelm Ritter von Leebund Robert Ritter von Greim sowie der Generaloberst Eugen Ritter von Schobert stammten aus bayerischen Offiziersfamilien und erhielten während des Ersten Weltkriegs durch die Verleihung des Militär-Max-Joseph-Ordensdas Recht, einen persönlichen Adelstitel zu führen.
Der Anteil adliger Offiziere bei der SS war weit überdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Er betrug 1938 8 % der Standartenführer, 9 % der Gruppenführer und 19 % der Obergruppenführer.[18]
Die adeligen SS-Obergruppenführer waren Erich von dem Bach-Zelewski, Friedrich Karl Freiherr von Eberstein, Curt von Gottberg, Wolf-Heinrich Graf von Helldorff (pro forma), Maximilian von Herff, Jürgen von Kamptz, Heinrich von Maur, Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont und Udo von Woyrsch. Die adeligen SS-Gruppenführer waren Ludolf-Hermann von Alvensleben, Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr, Max von Behr, Adolf von Bomhard, Leo von Jena, Otto von Oelhafen, Carl Friedrich Graf von Pückler-Burghauss, Fritz von Scholz und Karl von Fischer-Treuenfeld.
Sie machten sich schwerster Kriegsverbrechen schuldig. Ludolf-Hermann von Alvensleben, zeitweiliger Adjutant des Reichsführers SS Heinrich Himmler, ließ Massenexekutionen auf der Halbinsel Krim durchführen. Udo von Woyrsch verantwortete die Erschießung tausender Zivilisten im besetzen Generalgouvernement Polen, in der besetzten Ostukraine desgleichen Georg-Henning von Bassewitz-Behr.
Offiziere der Wehrmacht und der SS, die wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, waren Karl Freiherr von Bothmer, Albrecht Digeon von Monteton, Erwin von Helmersen, Hartwig von Ludwiger, Carl von Oberkamp, Theodor Adrian von Renteln, Eduard von Saß, Erwein von Thun und Hohenstein und Eckart von Tschammer und Osten. Der zum Tode verurteilte Wolfgang von Ditfurthstarb vermutlich vor der Vollstreckung 1946.
Karl Michel Freiherr von Tüßling ist ein klassisches Beispiel, wie sich die Täter nach dem verlorenen Krieg durch gelungene Vertuschung einer Strafverfolgung für ihre Beteiligung an den Verbrechen der NS-Zeit entziehen konnten.
Ebenso blieb der Freiherr Wernher von Braun unangetastet.
Viele namhafte Adelige, die den verbrecherischen Charakter des Regimes durchschauten und als Patrioten essentielle nationale Interessen verletzt sahen, spielten eine führende Rolle beim geistig-politischen Widerstand, darunter insbesondere Offiziere der Wehrmacht (siehe oben und siehe unten etwa beim 20. Juli). Sie übernahmen aber auch innerhalb kirchlicher, völkischer und bürgerlicher Widerstandskreise die Führung.
Schon vor der eigentlichen Machtergreifung Hitlers bildeten überwiegend katholisch-jungkonservative Gegner des Nationalsozialismus in Berlin ab 1931 den sogenannten Jordan-Kreis (auch Jordan-Halem-Gruppe), siehe insbesondere Carl von Jordans, Nikolaus Christoph von Halem und Hans Graf von Lehndorff. Daraus entwickelte sich 1934, nach dem Röhm-Putsch, unter den Mitarbeitern von Hitlers Vizekanzler und Botschafter in Wien, Franz von Papen der Edgar-Jung-Kreis, darunter der Diplomat Wilhelm Freiherr von Ketteler, der bereits 1938 die Erschießung Hitlers beim Einmarsch in Wien plante und daraufhin ermordet wurde.[19]
Auf katholisch-kirchlicher Seite hielt der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen bereits ab 1934 seine weit verbreiteten Predigten gegen die Nazi-Ideologie und später gegen die Euthanasie. Ihn unterstützte darin ab 1941 in der Reichshauptstadt der Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing. 1944 wurden als katholische Staatsbeamte z. B. Ferdinand Freiherr von Lüninck und Nikolaus Christoph von Halem vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und erhängt. Das gleiche Schicksal erlitt auch der Diplomat Ulrich von Hassell, obwohl er nicht zum engeren Kreis des Widerstands gehörte. Wegen seiner Hilfe für einen jüdischen Landrat verstarb Johannes von Francken-Sierstorpff (Märtyrer) beim Abtransport aus dem Zuchthaus. Infolge Schwächung in einem Gestapo-Gefängnis starb Kurt Mathias von Leers.
Zum Widerstand der Bekennenden Kirche zählten Adelige wie Friedrich von Bodelschwingh, Hannah von Bredow, Constantin von Dietze, Anni von Gottberg, Ewald von Kleist-Schmenzin, Ruth von Kleist-Retzow, Stephanie Mackensen von Astfeld, Friedrich von Rabenau, Hans von Soden, Elisabeth von Thadden und Reinhold von Thadden-Trieglaff. Wegen seiner Verbindung mit Dietrich Bonhoeffer wurde Randolph von Breidbach-Bürresheim im KZ Sachsenhausen umgebracht. Der reformierte Jurist Adolf von Harnier (Widerstandskämpfer) wurde nach 1939 u. a. wegen Verteidigung von NS-Gegnern zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, die er nicht überlebte.
Im Freiburger Kreis, mit ökumenisch-ordoliberalen Vorstellungen, spielte neben R. Eucken der Volkswirt Constantin von Dietze eine besondere Rolle (vgl. auch die Vorgängerorganisation ‚Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath‘). Die Richtung lehnte sowohl Zentralverwaltungswirtschaft als auch Laissez-faire-Kapitalismus ab und leistete Vorarbeiten für die in der Bundesrepublik später entwickelte soziale Marktwirtschaft.
Im von liberalen und konservativen Eliten getragenen Solf-Kreis mit Verbindungen zum Auswärtigen Amt spielten etwa Albrecht Graf von Bernstorff und Herbert Mumm von Schwarzenstein wichtige Rollen.
Anfang der vierziger Jahre bildete sich der politische Widerstand des Kreisauer Kreises auf Initiative der Adeligen Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Carl Dietrich von Trotha, Horst von Einsiedel, Adam von Trott zu Solz, Michael Graf von Matuschka, (auch die spätere Chefredakteurin der »Zeit«, Marion Gräfin Dönhoff, stand dem Kreis nahe).
Einzelne Personen aus dem Adel, welche in aller Regel mit ihrer sozialen Herkunft gebrochen hatten, waren im Widerstand der Arbeiterbewegung aktiv, so zum Beispiel Waldemar von Knoeringen, der das Grenzsekretariat der Sopade in Nýrsko und ein Widerstandsnetzwerk der Gruppe Neu Beginnen leitete oder Fritz Eberhard (Geburtsname Helmut von Rauschenplat), der 1933 untertauchen musste und 1934–1937 die illegale Arbeit des ISK koordinierte.
Im Zweiten Weltkrieg verloren die adeligen Offiziere mehr und mehr an Einfluss, da Hitler ihnen als gesellschaftlicher Gruppe zunehmend misstrauisch gegenüberstand. Diese durchschauten im Krieg zunehmend Hitlers Lügen und militärische Fehlentscheidungen. Deshalb baute z. B. in der Schlacht von Stalingrad General Walther von Seydlitz-Kurzbach Widerstand gegen Hitlers Befehle auf und setzte sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft für die Aufstellung eines Korps aus gefangenen deutschen Soldaten ein, das auf Seiten der Anti-Hitler-Koalition kämpfen sollte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, oft auch aufgrund des Wissens um Gräueltaten an der Ostfront, beteiligten sich viele adelige Stabsoffiziere und teilweise auch Frontoffiziere am verdeckten und dann offenen Widerstand gegen Adolf Hitler. So ermöglichte z. B. Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs die Verteilung der Sonette des pazifistischen Dichters Reinhold Schneider[20]. Auch an der Mehrzahl der Attentatsversuche auf Hitler seit 1940 waren Personen aus adligen Familien meist führend mit beteiligt (Liste der Attentate auf Adolf Hitler). Seit Mitte 1942 versuchte von Tresckow Anschläge auf Hitler zu organisieren. 1943 versuchten Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff ein Sprengstoffattentat auf das Flugzeug von Hitler. Der Versuch scheiterte aber wegen einer fehlerhaften Zündung. Daraufhin überzeugte Tresckow Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff, der Zugang zu Hitler hatte, zu einem Sprengstoff-Selbstmordattentat in einem Museum. Wegen geänderter Pläne Hitlers musste dieser Attentatsversuch abgebrochen werden, und Gersdorff gelang es im letzten Moment, den Säurezünder unbemerkt zu entschärfen. Weitere erfolglose Versuche, Hitler zu töten, unternahmen von dem Bussche, von Kleist-Schmenzin und von Breitenbuch.
Diese Versuche mündeten in das am 20. Juli 1944 von Claus Schenk Graf von Stauffenberg durchgeführte Bombenattentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze.[21] Trotz Zündung der Bombe überlebte Hitler dieses Attentat nur leicht verletzt. Die Verschwörer versuchten dennoch, die ausgearbeiteten Umsturzpläne umzusetzen (siehe auch Unternehmen Walküre). Dadurch wird das Attentat am 20. Juli 1944 zum größten Widerstandsereignis, das aus der deutschen Bevölkerung gegen die nationalsozialistische Regierung hervorging. An diesen Ereignissen waren viele Personen des Adels unter Lebensgefahr beteiligt oder ließen ihr Leben (etwa: Albrecht Graf von Bernstorff, Hans-Jürgen Graf von Blumenthal, Hasso von Boehmer, Georg Freiherr von Boeselager, Philipp Freiherr von Boeselager, Hans von Dohnanyi, Max Ulrich Graf von Drechsel, Horst von Einsiedel, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, Hans Bernd von Haeften, Werner von Haeften, Carl-Hans Graf von Hardenberg, Paul von Hase, Ulrich von Hassell, Caesar von Hofacker, Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, Wolf-Heinrich von Helldorff, Wessel Freytag von Loringhoven, Ludwig von Leonrod, Helmuth James Graf von Moltke, Hans-Ulrich von Oertzen, Margarethe von Oven, Kurt von Plettenberg, Albrecht Mertz von Quirnheim, Alexis von Roenne, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Carl-Heinrich von Stülpnagel, Henning von Tresckow, Carl Dietrich von Trotha, Adam von Trott zu Solz, Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Hans-Alexander von Voss, Job-Wilhelm Georg Erwin von Witzleben).[22]
Andere Adelige, z. B. der als „Retter von Paris“ bezeichnete General Dietrich von Choltitz und der als „Retter von Gotha“ bezeichnete Josef von Gadolla, konnten im Krieg wenigstens sinnloses Blutvergießen und Zerstörungen verhüten, indem sie Führerbefehle nicht befolgten. Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs z. B. organisierte im Herbst 1944 die Räumung Griechenlands und Jugoslawiens von deutschen Truppen während der sowjetischen Belgrader Operation entgegen den Befehlen Hitlers, indem er planmäßige Rückzugsbewegungen in den Lagemeldungen an das OKW als durch feindliche Angriffe bedingt darstellte. In den letzten Kriegstagen befreite Wichard von Alvensleben als Hauptmann der Wehrmacht in Südtirol in der Nähe des Pragser Wildsees einen Transport 139 prominenter Sonderhäftlinge, deren SS-Wachmannschaft den Befehl hatte, diese Häftlinge nicht lebend in Feindeshand fallen zu lassen. Zu diesen Häftlingen gehörten u. a. der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der mehrfache französische Premierminister Léon Blum, der Theologe Martin Niemöller, Fritz Thyssen, Bogislaw von Bonin, Fabian von Schlabrendorff, Alexander von Falkenhausen, die Kabarettistin, Filmschauspielerin und spätere Ordensschwester Isa Vermehren sowie Sippenhäftlinge des 20. Juli 1944, wie etwa die Familie von Stauffenberg.
Aus der Haft im März 1945 wieder entlassen, nach dem Stand der Forschung durch Konnexionen zum schwedischen Königshaus, wurde der Grundbesitzer Friedrich Fürst zu Solms-Baruth.
- ↑ Lilienthal 2003, S. 47.
- ↑ Stephan Malinowski, Vom König zum Führer, 2003 (Rezension Vom König zum Führer: „Auch konfessionelle Gründe allein waren nicht ausschlaggebend für die weitgehendere Distanzierung des süddeutschen, insbesondere des bayerischen Adels vom Nationalsozialismus, wie der Kontrast mit dem westfälischen Pendant zeigt. Hier spielt wohl das Zusammentreffen von Katholizismus, partikularistischen Tendenzen und einem durch einen hoffnungsvolleren Thronanwärter stabileren Monarchismus eine Rolle.“)
- ↑ Dagmar Wittmers (Buch & Regie). Film Kaiser A.D. - Wilhelm der II im Exil, Das Erste. 22. Oktober 2018 (44 Minuten).
- ↑ Ralf Georg Reuth (Hrsg.): Joseph Goebbels Tagebücher, Piper München, 2. Auflage. 2000, Bd. 2, ISBN 3-492-25284-2, S. 698.
- ↑ Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat. Akademie Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-05-004070-X, S. 575.
- ↑ Uwe Klußmann: Nützliche Handlager. In: Bettina Musall, Eva-Maria Schnurr (Hrsg.): Die Welt des Adels. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, S. 159. ISBN 978-3-421-04868-4.
- ↑ Es war kein Aufstand des Adels, in: Cicero (Zeitschrift)
- ↑ Der Historiker Stephan Malinowski in: Hitler und der Adel, Spielfilm-Dokumentation von Monika Czernin und Melissa Müller, 2004, 45 Minuten, ORF/MDR. Hierbei fehlte jedoch die Angabe, wie viele Mitglieder der ehemaligen Fürstenhäuser es insgesamt zu der Zeit gab.
- ↑ Blaues Blut und braune Brut, FAZ vom 28. März 2007
- ↑ Uwe Klußmann: Nützliche Handlanger. In: Bettina Musall, Eva-Maria Schnurr (Hg.): Die Welt des Adels. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, ISBN 978-3-421-04868-4, S. 157
- ↑ Walter Demel, Sylvia Schraut: Der deutsche Adel.C.H.Beck, München 2014, S. 118
- ↑ Adel bereichert, in: TAZ, 2. Dezember 2016
- ↑ Iris Freifrau v. Hoyningen-Huene: Adel in der Weimarer Republik. Die rechtlich-soziale Situation des reichsdeutschen Adels 1918–1933. C. A. Starke, Limburg 1992, ISBN 3-7980-0690-3, S. 212.
- ↑ Detlef Graf von Schwerin: Dann sind's die besten Köpfe, die man henkt, Piper, München / Zürich 1991, S. 145. ISBN 3-492-03358-X.
- ↑ ebenda: Gesamt-Liste der Mitglieder der Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis von Jerusalem nach dem Stande vom 10. März 1931, Eigenverlag, Berlin 1931, S. Vorbemerkungen.
- ↑ ebenda: Johanniter-Ordensblatt. Mitteilungsblatt für die Mitglieder des Johanniterordens, Jg. 79 und 80, ab April 1938 bis Dezember 1939, Berlin.
- ↑ Uwe Klußmann: Nützliche Handlanger. In: Bettina Musall, Eva-Maria Schnurr (Hrsg.): Die Welt des Adels. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, S. 168. ISBN 978-3-421-04868-4.
- ↑ a b Uwe Klußmann: Nützliche Handlanger. In: Bettina Musall, Eva-Maria Schnurr (Hrsg.): Die Welt des Adels. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, S. 165. ISBN 978-3-421-04868-4.
- ↑ Detlef Graf von Schwerin: Dann sind's die besten Köpfe, die man henkt, Piper, München/Zürich 1991, S. 145. ISBN 3-492-03358-X.
- ↑ Karl Borromäus Glock, "Nachruf auf Reinhold Schneider" in "Besinnung" (1958). Der Verleger Glock druckte noch in den letzten Nächten des Krieges in einem Raum neben dem SS-Posten Zehntausende der Sonette und sandte sie - versehen mit SS-Dienststempeln! - an die Front und in die Lazarette.
- ↑ Zum Attentat und der Vorgeschichte siehe etwa die Darstellung und ein paar Zeitzeugen (Philipp Freiherr von Boeselager, Ewald-Heinrich von Kleist etc.) im ZDF semi-Dokumentarfilm von 2004 zum 50. Jahrestag des 20. Juli 1944 Die Stunde der Offiziere.
- ↑ „Die besten Namen des ostelbischen Adels waren hier (Anm.: im Widerstand) noch einmal vereint.“ Walter Görlitz: Die Junker, 2. Auflage, C. A. Starke, Glücksburg (Ostsee) 1957, S. 407.
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