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ÜdSAC/1. Thema der Schrift

aus AufEinWort, der freien Forschung

Moderne Leser werden unter dem Titel »Über die Seele« wohl zunächst einen psychologischen oder einen den Fragen der Philosophie des Geistes gewidmeten Traktat vermuten. Man wird dann annehmen, dass es darin um Themen wie das Körper­-Geist­-Verhältnis, Bewusstsein, Verhaltensmuster, das Selbst, Emotionen und Ähnliches mehr geht. Etwas in der Art hat z.B. D.W. Hamlyn, der Verfasser der inzwischen ersetzten, kommentierten englischen Clarendon­-Übersetzung von De anima, angenommen.[1] Davon kann jedoch nur mit starken Einschränkungen die Rede sein. Zwar geht es in De anima auch um Fragen, die von der Psychologie und der Philosophie des Geistes behandelt werden, doch nähert sich Aristoteles diesen Fragen, anders als diese Wissenschaften es tun, nicht im Rahmen einer methodisch eigenständigen und spezifisch auf den Menschen zugeschnittenen Disziplin. Dieser Unterschied kann kaum überbetont werden. Aristoteles hat keine Philo­sophie des Geistes. Vielmehr behandelt er Fragestellungen, die bei uns in den Bereich der Philosophie des Geistes fallen, im Rahmen einer umfassenden und allgemeinen Wissenschaft des Lebendigen. Das bedeutet nicht nur, dass bei ihm alles, was gemeinsam für Gewächse, Tiere und Menschen behandelt werden kann, auch tatsächlich gemeinsam behandelt wird – menschliche Wahrnehmung z.B. wird nicht getrennt von der Wahrnehmung der Tiere, sondern gemeinsam mit der Wahr­nehmung aller wahrnehmenden Wesen behandelt –, sondern auch, dass er viele Fragen, die wir mit Methoden der Psycho­logie oder der Philosophie des Geistes behandeln, mit nach seinen Maßstäben biologischen Methoden angeht. De anima lässt sich daher entweder gar nicht oder nur mit starken Ein­schränkungen den genannten Disziplinen zuordnen. Metho­disch fallen die Fragen der Psychologie und der Philosophie des Geistes für Aristoteles zwar überwiegend in den Bereich biologischer Erklärung, dabei ist aber, wie wir jetzt gleich se­hen werden, ein speziell aristotelisches Verständnis davon, was »biologische Erklärung« heißt, in Anschlag zu bringen.

  1. ↑ Hamlyn, D.W. Aristotle. De Anima (Oxford 1968). Man lese Ham­lyns Einleitung, in der er Aristoteles zunächst unterstellt, »philosophy of mind« zu betreiben, nur um ihn dann dafür zu tadeln, »die« Probleme der Philosophie des Geistes nicht gehörig behandelt zu haben.