ÜdSAC/5. Der Text von De anima
In Immanuel Bekkers maßgeblicher Werkedition des Aristoteles von 1831 umfasst De anima 33 zweispaltige Seiten. Der Text teilt sich in drei mehr oder weniger gleichlange Abschnitte, die traditionell »Bücher« genannt werden. Diese Bezeichnung geht auf eine alte, noch auf antike Papyrusrollen zurückgehende Zählung zurück. Buch I umfasst fünf Kapitel von insgesamt 9 Bekker-Seiten, Buch I zwölf Kapitel von insgesamt 12, und Buch III dreizehn Kapitel von insgesamt 1 Bekker-Seiten. Allerdings ist wichtig, sich klarzumachen, dass weder die Unterteilung in Bücher noch die Kapiteleinteilung inhaltlich bindend sind. Die Büchereinteilung dürfte mindestens ebenso sehr auf die Länge der Papyrusrollen wie auf inhaltliche Erwägungen zurückzuführen sein, und die Kapiteleinteilung ist überlieferungsgeschichtlich erst sehr spät, nämlich mit den ers- ten Druckausgaben von Aristoteles' Schriften in der Renais- sance, vorgenommen worden.[1]
Der Text von De anima ist uns in knapp 100, meist aus dem Mittelalter stammenden griechischen Handschriften überliefert. Sie enthalten entweder den vollständigen Text oder mehr oder minder umfangreiche Teile bzw. Exzerpte der Schrift. Doch trotz der zahlreichen kritischen Editionen, die seit Bekkers Ausgabe von 1831 erschienen sind, und trotz zweier speziell der handschriftlichen Überlieferung von De anima gewidmeten Publikationen aus vergleichsweise junger Zeit[2] liegt bisher keine den modernen Standards der Manuskriptforschung, Textkritik und Editionswissenschaft genügende Aus- gabe vor. Eine diesen Standards entsprechende Edition von De anima ist daher nach wie vor ein dringendes Desiderat der Aristoteles-Forschung. Allerdings ist die Herausforderung, die eine moderne Ausgabe von De anima darstellt, erheblich. Dies liegt nicht nur an der vergleichsweise hohen Zahl von Manu- skripten, antiken Kommentaren und der reichen indirekten Überlieferung in Zitaten späterer Autoren, sondern auch an der ungewöhnlich großen Varianz der überlieferten Lesarten. Dies mag auf den besonders knappen Stil zurückzuführen sein, den Aristoteles in De anima pflegt und der in Kombination mit der thematischen Schwierigkeit der Schrift Schreiber und gelehrte Leser vielleicht in besonderer Weise zu eigenen Ergänzungen, Konjekturen oder »Verbesserungen« angeregt haben mag. Hinzu kommt, dass der Text ungewöhnlich kor- rupt ist. Die Manuskriptschreiber haben offenbar häufiger als sonst verschiedene Vorlagen ineinandergearbeitet. Die Über- lieferungsverhältnisse sind daher nur sehr schwer zu entwir- ren. Andererseits gehört De anima zu einer aus textkritischer Warte ohnehin schwierigen Gruppe von aristotelischen Schrif- ten. Es sind dies diejenigen Texte (neben De anima auch Teile aus dem siebten Buch der Physik und dem vierten Buch von De partibus animalium), von denen längere Passagen in mehreren, textlich anscheinend unabhängigen Versionen überliefert sind. Dieser Befund hat Adolf Torstrik im 19. Jahrhundert zu der Hypothese veranlasst, Aristoteles sei selbst Autor verschiedener Diskussionen ein- und desselben Themas gewesen, die uns nun als ein Werk überliefert seien (1862, viii-xv). Dies ist jedoch keine zwingende Annahme. Wie wir uns zu dieser Frage verhalten, scheint überdies von einer weiteren Grundsatzfrage der Aristoteles-Forschung abzuhängen. Dies ist die Frage nach dem literarischen Charakter seiner esoterischen, also nicht breit veröffentlichten, sondern nur dem inneren Kreis seiner Schule zugänglich gemachten Vorlesungen: Sind es seine eigenen Vorlesungsmanuskripte? Sind es vielleicht Arbeiten seiner Schüler? Oder sind es Mitschriften seiner Hörer? Vielleicht handelt es sich bei dem Problem der mehrfachen Textversionen aber auch um eine Frage, für deren Beantwortung man nicht schon in der Antike, sondern erst später anzusetzen hat. Doch wie immer es sich damit verhalten mag, klar ist, dass die kriti- sche Ausgabe von De anima keine geringe Aufgabe darstellt.
Was die bisherigen Textausgaben betrifft, so beschränke ich mich hier auf die jüngeren kritischen Ausgaben aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies sind: Jannones Budé-Edition von 1966, Siweks Edition von 1965 sowie die wohl am besten zugängliche und auch am weitesten verbreitete kleine Ausgabe von David Ross von 1956 (erschienen bei Oxford Classical Texts). Letztere ist 1961 in einer veränderten und mit erweitertem kritischen Apparat versehenen Version neu veröffentlicht worden, allerdings ohne die editio minor von 1956 als gebräuchlichen Referenztext zu ersetzen. Unter den genannten drei jüngeren Editionen scheint Ross' editiominor trotz ihres relativ höchsten Alters die zuverlässigste. Wie wir gleich noch sehen werden, liegen die Gründe dafür jedoch weniger in den besonderen Vorzügen von Ross' Text als in gewis- sen Mängeln der seitdem erschienenen Ausgaben von Siwek und Jannone. Was letztere betrifft, so hat Moraux unlängst in einer Rezension sehr deutlich auf die Unzulänglichkeiten sowohl der Editionsprinzipien als auch des kritischen Apparats von Jannone hingewiesen. Wenn wir Moraux glauben dürfen, handelt es sich dabei nicht um ein den modernen Ansprüchen an kritische Editionen genügendes Werk.[3]
Bei Paul Siweks ein Jahr zuvor erschienener und anscheinend nur wenig bekannter Edition gestaltet sich die Sachlage erheblich komplexer. Seine bereits erwähnte, ebenfalls 1965 erschienene Studie zur Textüberlieferung von De anima erhebt den Anspruch, den durch Försters Budapester Ausgabe von 1912 markierten, dann von De Cortes Studie von 1933 ergänzten Forschungsstand auf eine massiv erweiterte Hand- schriftenbasis und damit auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen.[4] Und Siweks Ausgabe fußt in der Tat auf der im Vergleich zu vorherigen Arbeiten beeindruckend hohen Zahl von 65 vollständig kollationierten Manuskripten. Vorher wurden lediglich ein Dutzend Handschriften zur Gänze und darüber hinaus nurstichprobenweise kollationiert. Siweks Studium der De-anima-Handschriften gelangt jedoch zu Re- sultaten, die, wenn sie auch gut dokumentiert sein mögen, aus textkritischer Warte Anlass zur Skepsis geben und jedenfalls erneuter Prüfung bedürfen. Er unterscheidet nämlich ganze neun voneinander unabhängige Handschriftengruppen und behauptet, dass deren Filiationsverhältnisse sich aufgrund wechselseitiger Kontaminierung, unbekannter Vorlagen und willkürlicher Texteingriffe nicht mehr feststellen lassen. Die Anzahl der Binde- und Trennfehler, so sagt er, weiche in diesen Gruppen nämlich nicht signifikant voneinander ab.[5] Was an dieser radikalen Diagnose Skepsis hervorruft, ist der Umstand, dass es bei den gegebenen Methoden der Textkritik wie ein unwahrscheinlicher Zufall anmuten muss, dass sich in gleich so vielen Fällen Ab- oder Unabhängigkeiten nicht mehr feststellen lassen sollen. Selbst wenn sich die Ergebnisse seiner Untersuchung also dadurch bestätigen soll- ten, so bedürfen sie doch einer unabhängigen Überprüfung. Siweks Forschungsresultate sind auch aus dem zusätzlichen Grund nur schwer zu akzeptieren, dass die Annahme von neun gleichwertigen Handschriftengruppen zu einer gewissen Beliebigkeit in der Auswahl von Lesarten führen muss. Es besteht daher Anlass, die Ergebnisse von Siweks Forschungen, trotz ihrer breiten handschriftlichen Basis, vorläufig als nicht gesichert und insoweit auch nicht als vertrauenswürdig anzusehen.[6] Dieser Vorbehalt soll hier jedoch ausdrücklich nur in Bezug auf Siweks Thesen zur Filiation der Handschrif- ten ausgesprochen sein. Seine Textausgabe mit ihrer vortreff- lichen lateinischen Übersetzung und dem Stellenkommentar sei jedem Studenten von Aristoteles' Seelenlehre ans Herz gelegt.
Angesichts dieser Situation mag es nun scheinen, als sei die Ausgabe von Ross die zuverlässigste unter den neueren kritischen Editionen. Hierzu ist allerdings zu sagen, dass sein Text gar nicht auf eigenständigen Handschriftenkollationen beruht. Ross hat auf das eigene Studium der Manuskripte von De anima verzichtet und sich so gut wie vollständig auf die Kollationen und das Stemma von Förstersallseitsgelobter Budapes- ter Edition von 1912 verlassen.[7] Genau genommen handelt es sich bei der Ausgabe von Ross daher nicht um eine kritische Edition aus Handschriften, sondern lediglich um eine Adaption der Ausgabe von Förster. Die Unterschiede zwischen den Texten von Ross und Förster bestehen nicht in den Früchten von Ross' eigener Kollationstätigkeit, sondern oft genug nur in seiner abweichenden Bewertung von Textvarianten. Allzu häufig aber bestehen sie in Texteingriffen, d. h. Konjekturen und Textumstellungen, die er entweder selbst vorschlägt oder von anderen übernimmt (in der Mehrzahl von Torstrik sowie von seinem Lehrer Bywater). Aus textkritischer Sicht bedeutet Ross' Ausgabe daher keinen Fortschritt gegenüber Förster.[8]
Damit ist die letzte wirklich vertrauenswürdige und auf ei- genen Kollationen beruhende kritische Ausgabe von De anima die Budapester Edition von Aurel Förster. Text und kritischer Apparat, der vorliegender Übersetzung beigegeben ist und ihr zugrunde liegt, stimmen daher weitestgehend mit Försters Ausgabe überein. Die Absicht ist dabei nicht nur, eine ver- griffene, aber nach wie vor maßgeblich wichtige Ausgabe von De anima wieder zugänglich zu machen, sondern auch einen kritischen Text zu bieten, der unverstellt ist von Ross' doch sehr zahlreichen Texteingriffen.[9] Wie massiv Ross in den Text eingegriffen hat, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Wortlaut des vorliegenden Textes an nur 12 Stellen von Försters Text abweicht, während die Abweichungen von Ross' Adaption des Förster'schen Textes sich auf ca. 150 belaufen, worunter viele für die inhaltliche Interpretation des Textes bedeutsam sind. Angesichts dieser Zahlen scheint es wünschenswert, einen von Ross' Eingriffen unverstellten Text zugänglich zu machen. Ein Verzeichnis mit den Abweichungen von Ross findet sich in einem Appendix. Abweichungen des vorliegenden Texts von Förster sind im Apparat verzeichnet. Unterschiede in der Interpunktion des griechischen Textes werden nicht eigens kenntlich gemacht.
- ↑ Für eine Übersicht über Werk und Überlieferung des Aristoteles vgl. Primavesi 2011.
- ↑ De Corte 1933 und Siwek 1965.
- ↑ Moraux 1968. Moraux belegt sein Urteil durch von ihm selbst vor- genommene Stichproben in den Handschriften.
- ↑ Siwek 19652, siehe S. 10, 17.
- ↑ Siwek 19652, 172f.
- ↑ Vgl. Moraux' kritische Bemerkungen zu Siweks Studie in (1968), 761, Anm. .2
- ↑ Wie Ross in seiner praefatio auch selber sagt: »non necessarium esse putavi codices meipsum iterum conferre« (viii). Vgl. auch Theilers Rezension (1958) und Moraux (1968), 761.
- ↑ 52 Ein Unterschied zwischen Förster und Ross besteht darin, dass Ross den Schreiberwechsel im berühmten Kodex E (Parisinus Graecus 1853) im zweiten Buch von De anima richtigerweise mit einem eigenen Siglum (e) versieht, da mit der Hand auch die Familie der Vorlage wech- selt. Förster weiß um diese Verhältnisse, bezeichnet jedoch trotz der verschiedenen Vorlagen den Kodex durchgängig als E (praefatio, ix).
- ↑ Was nicht heißen soll, dass Försters Apparat frei von Fehlern wäre (vgl. De Corte, 1933, 263-265, und auch Siwek 19657, 5-7).