ÜdSAC/Buch III • Kapitel 1
Seite 149–155
1. Davon, dass es keine andere Wahrnehmungsgattung neben den fünf gibt – unter diesen verstehe ich aber Gesichtssinn, Gehör, Geruchssinn, Geschmackssinn und Tastsinn –, kann man sich aus Folgendem überzeugen: Wenn wir nämlich von allem, wovon Tastsinn die Wahrnehmung ist, schon jetzt eine Wahrnehmung haben – denn alle Eigenschaften des tastbaren Gegenstandes, insofern sie tastbar sind, sind für uns durch den Tastsinn wahrnehmbar –, ist es auch notwendig, dass uns, falls uns eine Wahrnehmungsgattung fehlt, auch ein Wahrnehmungsorgan fehlt. Und alles, was wir dadurch wahrnehmen, dass wir es selbst berühren, ist durch den Tastsinn wahrnehmbar, den wir ja besitzen; all das dagegen, was wir durch ein Dazwischenliegendes (wahrnehmen) und nicht durch direkte Berührung, ist durch die einfachen (Körper wahrnehmbar), ich meine aber z. B. durch Wasser und Luft. Es verhält sich aber so, dass wenn durch einen (einfachen Körper) mehrere der Gattung nach voneinander verschiedene Gegenstände wahrnehmbar sind, notwendig derjenige, der ein so beschaffenes Wahrnehmungsorgan hat, fähig ist, beide wahrzunehmen – wenn z. B. das Wahrnehmungsorgan aus Luft besteht, dann ist die Luft auch (das Dazwischenliegende) des Schalls und der Farbe –, wenn dagegen mehrere (einfache Körper) demselben (Wahrnehmungsgegenstand zukommen), wie etwa der Farbe sowohl Luft als auch Wasser – sie sind nämlich beide durchsichtig –, dann wird auch derjenige, der nur einen von ihnen (als Beschaffenheit seines Wahrnehmungsorgans) hat, den durch beide (Körper wahrnehmbaren Gegenstand) wahrnehmen. Wahrnehmungsorgane aber bestehen nur aus diesen zweien unter den einfachen Körpern, aus Luft und Wasser – die Pupille nämlich besteht aus Wasser, das Hörorgan aus Luft, und das Geruchsorgan besteht aus einem von beiden –, das Feuer aber kommt keinem zu bzw. ist allen gemeinsam, denn ohne Wärme ist nichts fähig wahrzunehmen; Erde dagegen kommt entweder keinem zu bzw. ist noch am ehesten speziell mit dem Tastsinn vermischt. Deswegen dürfte wohl übrig bleiben, dass es kein Wahrnehmungsorgan außer den aus Wasser und Luft (bestehenden) gibt; und diese besitzen einige Lebewesen jetzt auch. Es werden also alle Wahrnehmungsgattungen von den (Lebewesen) besessen, sofern sie weder unvollkommen noch verstümmelt sind; denn offenbar hat auch der Maulwurf unter der Haut Augen. Folglich dürfte, wenn es keinen anderen (einfachen) Körper gibt und keine Affektion, die keinem der hiesigen Körper zukommt, auch keine Wahrnehmungsgattung fehlen. Allerdings kann es auch kein eigentümliches Wahrnehmungsorgan für die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände geben, die wir durch jede einzelne Wahrnehmungsgattung auf akzidentelle Weise wahrnehmen, wie Bewegung, Stillstand, Gestalt, Ausdehnung, Anzahl und Einheit; denn diese nehmen wir alle durch Bewegung wahr – z. B. Ausdehnung durch Bewegung und folglich auch Gestalt, denn die Gestalt ist eine Art von Ausdehnung, das Ruhende aber durch das Nichtbewegtsein und die Anzahl durch die Negation der Kontinuität – und durch die eigentümlichen Wahrnehmungsgegenstände; denn jede Wahrnehmungsgattung nimmt einen (von diesen) wahr. Folglich ist klar, dass es unmöglich von irgendeinem dieser (gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) eine eigentümliche Wahrnehmung gibt, z. B. von Bewegung; dies wäre nämlich so, wie wenn wir jetzt durch den Sehsinn das Süße wahrnehmen würden. Dies ist aber nur deswegen möglich, weil es sich trifft, dass wir von beiden eine (jeweils eigene) Wahrnehmung haben, wodurch wir sie auch, wenn sie zusammenfallen, zugleich erkennen. Wäre dem nicht so, würden wir (die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) gar nicht, außer auf akzidentelle Weise wahrnehmen, so wie wir den Sohn des Kleon nicht deswegen wahrnehmen, weil er der Sohn des Kleon ist, sondern weil er weiß ist; und diesem (Weißen) kommt es akzidentell zu, Sohn des Kleon zu sein. Von den gemeinsamen Wahrnehmungsgegenständen haben wir jedoch bereits eine gemeinsame Wahrnehmung, die nicht akzidentell ist; es handelt sich bei ihnen also nicht um eigentümliche Wahrnehmungsgegenstände, denn (sonst) würden wir auf keine andere Weise wahrnehmen als so, wie gesagt wurde, dass wir den Sohn des Kleon sehen. Die (verschiedenen) Wahrnehmungsgattungen nehmen die eigentümlichen Gegenstände der jeweils anderen auf akzidentelle Weise wahr, d. h. nicht insofern sie es jeweils sind, sondern insofern sie eine (Wahrnehmung) sind, wenn die Wahrnehmung zugleich stattfindet und denselben (Gegenstand) betrifft, z. B. (die Wahrnehmung), dass die Galle bitter und gelb ist; denn es kommt jedenfalls keiner anderen (als der akzidentellen Wahrnehmung) zu, zu sagen, dass beide eines sind; deswegen kann sie sich auch täuschen und glaubt, wenn es gelb ist, sei es Galle. Man könnte aber untersuchen, weshalb wir mehrere Wahrnehmungsgattungen haben und nicht eine einzige. Ist es etwa, damit uns die begleitenden und gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände, wie Bewegung, Ausdehnung und Anzahl, weniger entgehen? Wenn es nämlich nur den Sehsinn gäbe und dieser auf Weißes ausgerichtet wäre, dann würden sie (die gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstände) uns eher entgehen und alles würde uns dasselbe zu sein scheinen, weil Farbe und Ausdehnung zugleich miteinander einhergingen. Da die gemeinsamen (Wahrnehmungsgegenstände) nun aber auch in einem anderen Wahrnehmungsgegenstand vorkommen, wird klar, dass jedes davon etwas anderes ist.