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ÜdSAC/Buch III • Kapitel 10

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 203–209

10. Es scheint aber doch, dass diese zwei die bewegenden sind, entweder Strebung oder Vernunft, falls man die Vorstellung als eine Art Denken ansetzt; – denn viele folgen trotz ihres Wissens den Vorstellungen, und bei den anderen Lebewesen gibt es weder Denken noch Überlegung, sondern nur Vorstellung. – Also sind diese beiden fähig, Ortsbewegung zu bewirken, Vernunft und Strebung: Vernunft, wenn sie um eines bestimmten Zweckes willen überlegt, d. h. die handelnde; sie unterscheidet sich nämlich von der betrachtenden durch ihren Zweck. Und auch jede Strebung besteht um eines bestimmten Zweckes willen; denn das, worauf sich die Strebung bezieht, dies ist Ausgangspunkt der handelnden Vernunft; und das letzte (in der vernünftigen Überlegung) ist Ausgangspunkt der Handlung. Folglich scheinen diese zwei mit gutem Grund die Bewegenden zu sein: Strebung und praktisches Denken; denn der Gegenstand der Strebung bewegt, und aufgrund seiner bewegt das Denken, weil sein Ausgangspunkt der erstrebte Gegenstand ist. Und auch die Vorstellung, wenn sie bewegt, bewegt nicht ohne Strebung. Also ist eines das Bewegende, und zwar das Strebevermögen. Wenn nämlich zwei bewegen würden, Vernunft und Strebung, so würden sie auf eine gemeinsame Art bewegen. Nun bewegt die Vernunft aber offenbar nicht ohne Strebung – das Wünschen ist nämlich eine Strebung, und wenn man sich aufgrund der Überlegung bewegt, so bewegt man sich auch aufgrund des Wünschens –, doch die Strebung bewegt auch gegen die Überlegung, die Begierde ist nämlich eine Strebung. Freilich ist alle Vernunft(­erkenntnis) richtig, aber Strebung und Vorstellung sind sowohl richtig als auch nicht richtig. Deswegen bewegt jedes Mal der Gegenstand der Strebung,aber dieser ist entweder das Gute oder das, was das Gute zu sein scheint; allerdings nicht jedes, sondern das Gute, das Gegenstand einer Handlung ist. Gegenstand einer Handlung aber ist das, was sich auch anders verhalten kann. Dass es also das so beschaffene Seelenvermögen ist, das bewegt, die sogenannte Strebung, ist klar. Für diejenigen aber, welche die Teile der Seele einteilen, wenn sie sie nach den Vermögen einteilen und trennen, werden es sehr viele: Ernährungsvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen, Beratungsvermögen, ferner Strebevermögen; denn diese unterscheiden sich mehr voneinander als Begehrvermögen und Mutvermögen. Da es aber vorkommt, dass Strebungen einander entgegengesetzt sind – dies passiert dann, wenn die Vernunft und die Begierden einander entgegengesetzt sind, und kommt bei den (Lebewesen) vor, die eine Wahrnehmung von Zeit haben: auf der einen Seite befiehlt die Vernunft nämlich, aufgrund des Zukünftigen zu widerstehen, und auf der anderen Seite die Begierde aufgrund des Gegenwärtigen, das gegenwärtig Lustvolle scheint nämlich auch schlechthin lustvoll und gut schlechthin zu sein, weil man das Zukünftige nicht sieht –, deswegen dürfte das Bewegende wohl der Art nach eines sein, nämlich das Strebevermögen, insofern es zur Strebung fähig ist. Das erste von allen ist aber der Gegenstand der Strebung, denn dieser bewegt als Unbewegter, indem er gedacht oder vorgestellt wird, doch der Zahl nach gibt es mehrere Beweger. Da es aber dreierlei (Faktoren in der Bewegung) gibt – zum einen das Bewegende, zweitens das, womit es bewegt, ferner drittens das Bewegte,[Anm. KF 1] und (da) das Bewegende zweierlei meint, nämlich einerseits das Unbewegte und andererseits das Bewegende und Bewegte, (deswegen) ist das Unbewegte der Gegenstand der Handlung und das Bewegende und Bewegte ist das, was fähig ist zu streben – denn das Strebende bewegt sich, insofern es strebt, und die wirkliche Strebung ist eine Art von Bewegung, – und das Bewegte (ist) das Lebewesen. Und das Werkzeug, mit dem die Strebung bewegt, dies ist vollends körperlich und deswegen im Rahmen der für Körper und Seele gemeinsamen Leistungen zu betrachten[Anm. Hrsg. 1]. Um es für jetzt aber der Hauptsache nach zu sagen: Das werkzeughaft Bewegende findet sich dort, wo Ausgangspunkt und Ende dasselbe sind, wie beim Knochengelenk. Denn dort sind das Konvexe und Konkave einmal Ende und einmal Ausgangspunkt – deswegen ruht das eine und das andere bewegt sich –, da sie dem Begriff nach verschieden, jedoch der Größe nach untrennbar sind. Es bewegt sich nämlich alles durch Stoß und Zug, weswegen – so wie beim Rad – etwas feststehen und von dort aus die Bewegung in Gang setzen muss. Überhaupt also ist das Lebewesen, wie gesagt, eben insofern es zur Strebung fähig ist, auch fähig, sich selbst zu bewegen; »zur Strebung fähig« aber nicht ohne Vorstellung. Und alle Vorstellung ist entweder vernünftig oder wahrnehmungsmäßig. An Letzterer haben nun auch die übrigen Lebewesen teil.

Anm. KF:

  1. ↑ 433b19 f. »im Rahmen der für Körper und Seele gemeinsamen Leistungen zu betrachten.« Dies bezieht sich auf keinen der uns in den sog. Kleinen Naturwissenschaftlichen Schriften überlieferten Traktate, sondern auf Aristoteles’ Über die Bewegung der Lebe wesen (De motu animalium).


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