ÜdSAC/Buch III • Kapitel 12
Seite 211–217
12. Alles, was lebendig ist und eine Seele hat, hat notwendig eine ernährende Seele, und zwar von Geburt bis zum Tod. Denn was entstanden ist, hat notwendig Wachstum und Blüte und Schwinden, und diese sind ohne Ernährung unmöglich. Also ist das Ernährungsvermögen notwendig in allem vorhanden, was wächst und schwindet. Wahrnehmung ist dagegen nicht notwendig in allem Lebendigen vorhanden. Denn weder können diejenigen, deren Körper einfach ist, sie besitzen [noch ist es möglich, dass es ohne sie irgendein Lebewesen gibt], noch alles dasjenige, was nicht fähig ist, die Formen ohne ihre Materie aufzunehmen. Das Lebewesen besitzt aber notwendig Wahrnehmung, wenn die Natur nichts umsonst hervorbringt. Denn alles, was von Natur aus besteht, gibt es um eines Zweckes willen bzw. ist Begleiterscheinung von dem, was um eines Zweckes willen existiert. Nun würde jeder fortbewegungsfähige Körper dann, wenn er keine Wahrnehmung besäße, zugrunde gehen und nicht ans Ziel kommen, worin das Werk der Natur besteht – denn wie könnte er sich ernähren? Den ortsgebundenen (Lebewesen) kommt die Nahrung ja von dort zu, wo sie angewachsen sind. Dass aber ein Körper, der nicht ortsgebunden, jedoch entstanden ist, zwar Seele bzw. unterscheidungsfähige Vernunft hat, aber keine Wahrnehmung, ist nicht möglich [ indessen, nicht einmal einer, der unentstanden ist ]. Denn warum sollte er sie nicht besitzen? Entweder nämlich, weil es für die Seele besser ist oder für den Körper. Nun ist aber beides nicht der Fall. Denn die Seele wird nicht in höherem Grad denken und auch der Körper wird dadurch nichts in höherem Grade sein. Also hat kein Körper, der nicht ortsgebunden ist, eine Seele ohne Wahrnehmung. Indessen, wenn er einmal Wahrnehmung hat, muss der Körper entweder einfach sein oder gemischt. Einfach kann er aber nicht sein. Denn dann wird er keinen Tastsinn haben, es ist jedoch notwendig, diesen zu besitzen. Dies wird klar aus Folgendem: Da das Lebewesen nämlich ein beseelter Körper ist und jeder Körper tastbar, tastbar aber das ist, was durch den Tastsinn wahrnehmbar ist, dann ist notwendig, dass auch der Körper des Lebewesens tastfähig ist, wenn das Lebewesen sich erhalten soll. Denn bei den anderen Wahrnehmungen, wie Riechen, Sehen und Hören, findet die Wahrnehmung durch andere Körper statt; wenn man dagegen (direkt mit den Dingen) in Berührung kommt, ohne eine Wahrnehmung davon zu haben, wird man nicht das eine meiden und das andere ergreifen können. Und wenn dies der Fall ist, wird es unmöglich sein, dass das Lebewesen sich erhält. Deswegen ist auch das Schmecken so wie eine Art Tasten. Es bezieht sich nämlich auf Nahrung, und die Nahrung ist der tastbare Körper. Schall, Farbe und Geruch dagegen ernähren nicht und bewirken auch kein Wachsen und Schwinden. Daher ist das Schmecken notwendig eine Art von Tasten, da es die Wahrnehmung vom Tastbaren und Nährenden ist. Diese also sind für das Lebewesen notwendig, und es ist offensichtlich, dass das Lebewesen ohne den Tastsinn nicht existieren kann. Die anderen (Wahrnehmungsgattungen) gibt es um des guten (Lebens) willen, und sie kommen auch nicht einer beliebigen Gattung von Lebewesen zu, sondern ganz bestimmten, z. B. dem, das fähig zur Fortbewegung ist, notwendig zu. Wenn es sich nämlich erhalten soll, darf es nicht erst durch direkte Berührung wahrnehmen, sondern auch von Weitem. Dies dürfte aber dann der Fall sein, wenn es fähig ist, durch das Dazwischenliegende wahrzunehmen, d. h. dadurch, dass das Dazwischenliegende vom Wahrnehmungsgegenstand affiziert und bewegt wird und das Lebewesen vom Dazwischenliegenden. Denn so wie das, was Ortsbewegung auslöst, bis zu einem gewissen Punkt einen Umschlag bewirkt, und das, was stößt, bewirkt, dass (wiederum) etwas anderes stößt und die Bewegung sich durch ein Mittleres (fortsetzt), und zwar so, dass das Erste bewegt und stößt, ohne selbst gestoßen zu werden, das Letzte aber nur gestoßen wird, ohne weiter zu stoßen, während das Mittlere beides tut und es viele Mittelglieder gibt: so ist es auch bei der qualitativen Veränderung, außer dass (das Bewegende) verändert und dabei am selben Ort bleibt, so wie, wenn man (etwas) in Wachs hineintauchte, das Wachs so weit bewegt würde, wie man getaucht hat, ein Stein aber (wird so) gar nicht (bewegt), Wasser dagegen über eine sehr weite Distanz; am weitesten reicht aber die Bewegung, d. h. das Wirken und Leiden der Luft, solange sie stillsteht und einheitlich ist. Deswegen ist es auch bei der Spiegelung besser, nicht anzunehmen, dass der Sehstrahl heraustritt und dann zurückgespiegelt wird, sondern, dass die Luft von der Gestalt und Farbe affiziert wird, solange sie einheitlich ist. Auf einer glatten Fläche ist sie einheitlich, und deswegen setzt sie dann wiederum das Sehorgan in Bewegung, so wie wenn das Siegelzeichen im Wachs bis zum Ende durchgegeben würde.