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ÜdSAC/Buch III • Kapitel 4

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 177–185

4. Bei dem Teil der Seele, mit dem die Seele erkennt und einsieht – unabhängig davon, ob er abtrennbar oder nicht der Größe nach, sondern dem Begriff nach abtrennbar ist –, ist zu untersuchen, welchen (spezifischen) Unterschied er aufweist und wie das Denken eigentlich zustande kommt. Also: Wenn das Denken so wie das Wahrnehmen ist, dürfte es entweder ein Erleiden durch den denkbaren Gegenstand sein oder etwas anderes Derartiges. Unaffizierbar muss es also sein, jedoch fähig, die Form aufzunehmen und dem Vermögen nach von ihrer Beschaffenheit, aber nicht diese (Form selbst); und ebenso wie das Wahrnehmungsvermögen sich zu den wahrnehmbaren Gegenständen verhält, so muss sich die Vernunft zu den denkbaren Gegenständen verhalten. Also ist sie notwendigerweise, da sie alles denkt, unvermischt, so wie Ana­xagoras sagt: »damit sie herrsche«, und das heißt, damit sie erkenne; denn das Fremde, das dazwischen erscheint, hindert und steht im Weg. Daher besitzt sie auch keine Natur, außer diese, dass sie vermögend ist.[Anm. Hrsg. 1] Also ist die sogenannte Vernunft der Seele – unter Vernunft verstehe ich das, womit die Seele diskursiv denkt und Annahmen macht – der Wirklichkeit nach keines von den seienden Dingen, bevor sie nicht denkt. Deswegen macht es auch keinen guten Sinn, dass sie mit dem Körper vermischt ist; denn dann würde sie eine bestimmte Beschaffenheit annehmen, wäre kalt oder warm, oder es müsste auch irgendein Organ (für sie) geben[Anm. Hrsg. 2] so wie für das Wahrnehmungsvermögen. Nun ist dies aber nicht der Fall. Und also haben diejenigen Recht, die sagen, die Seele sei der Ort der Formen, abgesehen davon, dass es nicht die ganze Seele ist, sondern nur die denkfähige und dass sie nicht der Vollendung nach, sondern dem Vermögen nach die Formen ist. Dass die Unaffizierbarkeit des Wahrnehmungsvermögens und des Denkvermögens nicht gleich sind, wird bei den Wahrnehmungsorganen und der Wahrnehmung offenkundig. Denn die Wahrnehmung vermag unmittelbar nach dem heftig (einwirkenden) Wahrnehmungsgegenstand nicht wahrzunehmen, z. B. Schall unmittelbar nach überlautem Schall, noch (vermag sie) unmittelbar nach heftigen Farb­ oder Geruchseindrücken zu sehen oder zu riechen; die Vernunft dagegen, wenn sie etwas in hohem Maße Denkbares gedacht hat, denkt die geringeren Gegenstände nicht in geringerem Maße, sondern sogar intensiver. Das Wahrnehmungsvermögen ist nämlich nicht ohne Körper, sie (die Vernunft) dagegen ist abtrennbar. Und sobald sie auf die Weise zu jedem einzelnen (Denkgegenstand) wird, wie es von dem wirklich Wissenden ausgesagt wird – dies aber tritt ein, wenn er durch sich selbst tätig sein kann –, so ist sie zwar auch dann noch auf gewisse Weise dem Vermögen nach, allerdings nicht auf dieselbe Weise wie vor dem Lernen oder Herausfinden. Und dann vermag sie auch sich selbst zu denken.[Anm. Hrsg. 3]

Da die Ausdehnung etwas anderes ist als das, (was es heißt,) Ausdehnung zu sein, und Wasser als das, (was es heißt,) Wasser zu sein – so aber auch bei vielem anderen, nicht jedoch bei allem, denn bei manchem ist es dasselbe –, so unterscheidet man das, (was es heißt,) Fleisch zu sein, und das Fleisch mit einem anderen (Vermögen) oder einem (Vermögen), das sich anders verhält. Denn das Fleisch existiert nicht ohne seine Materie, sondern ist, so wie das Stupsnasige, diese bestimmte (Form) in dieser bestimmten (Materie). Nun unterscheidet man mit dem Wahrnehmungsvermögen das Warme und das Kalte – d. h. das, wovon das Fleisch eine bestimmte Proportion ist – ; mit einem anderen (Vermögen) aber, das entweder abtrennbar ist oder sich so verhält, wie die geknickte (Linie) zu sich selbst, wenn sie ausgestreckt wird, unterscheidet man das, (was es heißt,) Fleisch zu sein. Bei den Gegenständen wiederum, die in Abstraktion existieren, verhält sich das Gerade so wie das Stupsnasige; denn es ist mit einem Kontinuum verbunden. Das aber, was es heißt, dies zu sein – wenn das, (was es heißt,) gerade zu sein und das Gerade verschieden sind –, ist ein anderes: Es sei nämlich (definiert als) Zweiheit. Also unterscheidet man es mit einem anderen (Vermögen) oder einem (Vermögen), das sich anders verhält. Und überhaupt: So wie die Sachen von ihrer Materie abtrennbar sind, so auch das, was die Vernunft angeht.

Man könnte aber folgende Schwierigkeiten aufwerfen: Wenn die Vernunft einfach ist und unaffizierbar und mit nichts irgendetwas gemeinsam hat, wie Anaxagoras sagt, auf welche Weise wird sie denken, wenn das Denken eine Art Erleiden ist? Denn insofern beiden etwas Gemeinsames zukommt, scheint das eine zu wirken und das andere zu erleiden. Ferner aber, ob sie auch selber Gegenstand des Denkens ist: Denn entweder wird dann den übrigen Dingen Vernunft zukommen, wenn sie nicht kraft eines anderen Gegenstand des Denkens ist und alles, was Gegenstand des Denkens ist, der Art nach eines ist, oder sie wird etwas Beigemischtes haben, was sie so wie das Übrige zu einem Gegenstand des Denkens macht. Oder ist mit Bezug auf das Erleiden infolge von etwas Gemeinsamem vorher festgestellt worden, dass die Vernunft auf gewisse Weise dem Vermögen nach die Denkgegenstände ist, jedoch der Vollendung nach nichts, bevor sie nicht denkt? Es muss aber so sein[Anm. Hrsg. 4] wie bei einer Schreibtafel, in die nichts der Vollendung nach eingeschrieben ist. Genau dies ist bei der Vernunft der Fall. Und sie ist selber Gegenstand des Denkens, ganz so wie die (anderen) Denkgegenstände. Bei dem, was ohne Materie ist, ist das Denkende und das Gedachte nämlich dasselbe, weil das betrachtende Wissen und der Gegenstand, der auf diese Weise gewusst wird, dasselbe sind. Die Ursache dafür, dass es nicht immer denkt, muss aber noch untersucht werden. Bei den Dingen dagegen, die Materie haben, ist jedes dem Vermögen nach ein Gegenstand des Denkens. Folglich wird ihnen zwar nicht Vernunft zukommen – die Vernunft ist ja ein auf derartige Dinge bezogenes materieloses Vermögen –, doch ihr wird es zukommen, Gegenstand des Denkens zu sein.


  1. ↑ 429a22 »außer diese, dass sie vermögend ist« Überliefert – undvon Förster auch gedruckt – ist statt des hier übersetzen Maskulinum dynatos das Neutrum dynaton (»da ss es, d. h. das Fremde, vermögend ist«). Ich übernehme hier mit der Mehrzahl der Herausgeber eine in (Pseudo­)Simplicius’ Lemma überlieferte Lesart, die auch durch den Wortlaut seiner Paraphrase bestätigt scheint.
  2. ↑ 429a26 »oder es müsste auch irgendein Organ (für sie) geben«Hier folge ich den Handschriften, die »oder« (ê) lesen. Förster konjiziert eine Behauchung und Iota subscriptum und liest hêi, was mit »insofern« zu übersetzen wäre. Damit würde sich ein enger Zusammenhang zwischen den beiden Konsequenzen ergeben, die Aristoteles aus der Hypothese der Vermischtheit der Vernunft mit dem Körper ableitet: Die Vernunft hätte dann eine bestimmte Beschaffenheit, wäre warm oder kalt etc., insofern sie ein körperliches Organ hätte.
  3. ↑ 429b9 f. »Und dann vermag sie auch sich selbst zu denken.«Förster folgt hier den Handschriften. Ross übernimmt dagegen eine Konjektur Bywaters, der anstatt »sich selbst« (hautou) »durch sich selbst« (di’ hautou) liest. Damit würde Aristoteles hier den Satz in b7 wiederholen, dass der Wissende nach dem Wissenserwerb fähig ist, durch sich selbst den Übergang vom Vermögen in die Wirklichkeit des Denkens zu vollziehen (vgl. II 5, 417a27 f). Die Tatsache dieser Wiederholung allein, besonders aber im Zusammenhang mit Aristoteles’ späterer problematisierender Diskussion der These, dass die Vernunft sich selbst denken kann (was ja voraussetzt, dass dies vorher irgendwann behauptet wurde, 429b26), spricht m. E. stark gegen Bywaters Textein­ griff.
  4. ↑ 429b31 »Es muss aber so sein« Mit Förster und den Handschriften. Ross druckt hier eine Konjektur Cornfords, der anstatt »es muss (dei)« lesen will »dem Vermögen nach (dunamei) so«.