ÜdSAC/Buch III • Kapitel 6
Seite 187–189
6. Nun gehört das Denken von ungeteilten Gegenständen in den Bereich, in dem es das Falsche nicht gibt. Wo es aber sowohl das Falsche gibt als auch das Wahre, handelt es sich bereits um eine Zusammensetzung von Gedanken, die so sind wie eines. Ganz so wie Empedokles sagte: »Wo die Köpfe von vielen halslos entsprossen« und darauf durch die Liebe zusammengesetzt werden, so werden auch diese (Gedanken), die getrennt gewesen waren, zusammengesetzt, z. B. das Inkommensurable und die Diagonale. Und bei (Gedanken) von Gewesenem oder Zukünftigem denkt man die Zeit hinzu und setzt sie zusammen. Denn das Falsche liegt immer in einer Zusammensetzung: Und auch dann, wenn man das Weiße (als)nicht weiß (denkt), hat man das Nicht-Weiße hinzugesetzt. Man kann aber auch alles als Trennung bezeichnen. Nun ist aber jedenfalls das Falsche oder Wahre nicht nur (darin), dass Kleon weiß ist, sondern auch (darin), dass er es war oder sein wird. Das aber, was es jeweils zu einem macht, dies ist die Vernunft. Da »ungeteilt« zweifach ausgesagt wird, entweder dem Vermögen oder der Wirklichkeit nach, hindert nichts, das Ungeteilte zu denken, wenn man die Länge denkt – denn der Wirklichkeit nach ist sie ungeteilt – und auch in einer ungeteilten Zeit; denn die Zeit ist auf gleiche Weise geteilt und ungeteilt wie die Länge. Es ist also nicht möglich anzugeben, was man in jeder der beiden Hälften dachte; dies ist nämlich nicht möglich, wenn sie nicht (tatsächlich) geteilt wurde, außer dem Vermögen nach. Wenn man jede einzelne der Hälften getrennt denkt, teilt man zugleich auch die Zeit: Dann sind es aber gleichsam (zwei) Längen. Wenn man sie aber als aus beiden (bestehend denkt), dann denkt man sie auch in der Zeit, die beiden zukommt. Und wenn man etwas (denkt), was nicht quantitativ ungeteilt ist, aber der Form nach, so denkt man es in einer ungeteilten Zeit und mit einem ungeteilten (Vermögen) der Seele.[Anm. Hrsg. 1] Auf akzidentelle Weise aber und nicht insofern es jene (zwei Hälften) sind, ist das geteilt, womit man denkt, und die Zeit, in der (man denkt) [sondern (man denkt sie) insofern sie ungeteilt sind][Anm. Hrsg. 2]. Denn auch in diesen befindet sich etwas Ungeteiltes, das aber vielleicht nicht getrennt ist und das die Zeit zu einer macht und die Länge. Und dies befindet sich auf gleiche Weise in jeder kontinuierlichen Zeit und Länge. Der (geometrische) Punkt und jeder Einteilungspunkt und das auf diese Weise Ungeteilte werden so verdeutlicht wie die Privation. Und die gleiche Erklärung gilt bei den Übrigen, z. B. wie man das Schlechte erkennt oder das Schwarze; denn man erkennt es auf gewisse Weise durch sein Gegenteil. Das Erkennende muss es (das Gegenteil) aber dem Vermögen nach sein, und es muss ihm innewohnen. Wenn einer der Ursachen jedoch nichts entgegengesetzt ist, erkennt (das Erkennende) sich selbst und ist wirklich und getrennt. Das Sagen ist aber ein etwas von etwas (Sagen), so wie bei der Affirmation, und es ist in jedem Fall wahr oder falsch, die Vernunft dagegen ist dies nicht in jedem Fall, sondern die, die sich auf das Was-es -ist im Sinn des Was-es -hieß-dies-zu-sein bezieht, ist (immer) wahr und (sagt) nicht etwas von etwas; sondern so wie das Sehen des eigentümlichen Wahrnehmungsgegenstandes (immer) wahr ist, es aber nicht immer wahr ist, ob das Weiße ein Mensch ist oder nicht, so verhält es sich bei allem, was keine Materie hat.
- ↑ 430b14 f. » ... der Seele« Ross folgt hier Bywater, der den ganzen Satz »Wenn man sie aber als aus beiden (bestehend denkt), dann denkt man sie auch in der Zeit, die beiden zukommt. Und wenn man etwas (denkt), was nicht quantitativ ungeteilt ist, aber der Form nach, so denkt man es in einer ungeteilten Zeit und mit einem ungeteilten (Vermögen) der Seele« von hier hinter Zeile 20 setzen will, da erst dort vom Denken quantitativ ungeteilter Gegenstände die Rede sei.
- ↑ 430b17 »[sondern (man denkt sie), insofern sie ungeteilt sind].« Förster folgt hier Torstrik, der den Halbsatz für eine Interpolation hält (Torstrik, 192). Allerdings scheint es nicht völlig unmöglich, den Satz als ganzen zu verstehen.