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ÜdSAC/Buch III • Kapitel 7

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 189–195

7. Das wirkliche Wissen ist dasselbe wie sein Gegenstand, doch im Einzelnen ist das dem Vermögen nach seiende Wissen der Zeit nach früher, insgesamt aber nicht einmal der Zeit nach. Denn alles, was entsteht, ist aus einem in Voll­endung Seienden. Offenbar macht der wahrnehmbare Gegenstand das Wahrnehmungsvermögen aus einem dem Vermögen nach Seienden zu einem der Wirklichkeit nach. Er erleidet nämlich nichts und wird auch nicht verändert.[Anm. Hrsg. 1] Deswegen ist dies eine andere Art von Bewegung; die Bewegung ist nämlich die Wirklichkeit des Unvollkommenen, doch die einfache Wirklichkeit, die des Vollendeten, ist eine andere. Nun ist das Wahrnehmen dem bloßen Sagen und Denken gleich; wenn es aber lustvoll oder schmerzhaft ist, verfolgt oder meidet (die Seele), so als würde sie bejahen oder verneinen. Und das Lust­ und Leidempfinden besteht in dem Tätigsein mit der wahrnehmungsfähigen Mitte in Bezug auf das Gute oder Schlechte, insofern sie Derartige sind. Und das Meiden und die Strebung sind dasselbe, wenn sie der Wirklichkeit nach sind, und auch das Strebevermögen und Meidevermögen sind nicht verschieden, weder voneinander noch vom Wahrnehmungsvermögen, sondern dem Sein nach anders. Der zum Denken fähigen Seele kommen die Vorstellungsgehalte wie Wahrnehmungsgehalte zu; und wann immer es gut oder schlecht ist, bejaht oder verneint sie und meidet oder verfolgt. Deswegen denkt die Seele niemals ohne Vorstellungsgehalt. – So aber wie die Luft die Pupille in diese bestimmte Beschaffenheit versetzt hat und diese ein anderes, auf dieselbe Weise (versetzt sie) auch das Gehör (in eine bestimmte Beschaffenheit und das Gehör wiederum ein anderes), doch das Äußerste ist eines, d. h. eine Mitte, aber ihrem Sein nach ist es mehrere. Zwar ist auch schon früher gesagt worden[Anm. Hrsg. 2], womit man beurteilt, worin Süßes und Warmes sich unterscheiden, es soll aber auch noch auf folgende Weise gesagt werden: Es ist nämlich ein bestimmtes Eines, das so ist wie die Grenze. Und diese (verschiedenen Sinne), da sie der Analogie nach und numerisch eins sind, verhalten sich zu jedem von beiden so, wie jene (Süßes und Warmes) sich zueinander verhalten. Denn was macht es für einen Unterschied, zu fragen, wie (die Seele) unterscheidet, was verschiedenen (Wahrnehmungs­)Gattungen angehört oder was (innerhalb einer Wahrnehmungsgattung) entgegengesetzt ist, so wie weiß und schwarz? Es soll also, so wie das Weiße A sich zum Schwarzen B verhält, C sich zu D verhalten [so wie jene sich zueinander]; folglich auch bei Vertauschung der Glieder. Wenn daher C D einem zukommt, wird es sich auch so verhalten wie A B, die zwar ein­ und dasselbe, dem Sein nach aber nicht dasselbe sind – und auch jenes (C A) auf dieselbe Weise. Dasselbe Verhältnis läge aber auch dann vor, wenn A das Süße wäre und B das Weiße. – Nun denkt das Denkvermögen die Formen in den Vorstellungsgehalten; und so wie ihm in jenen (Formen) das zu Suchende und zu Meidende bestimmt ist, so setzt es sich auch ohne Wahrnehmung, wenn es bei den Vorstellungs­gehalten ist, in Bewegung. Wenn man z. B. die Fackel wahrgenommen hat, (nämlich) dass es Feuer ist, erkennt man mithilfe der gemeinsamen (Wahrnehmung), indem man es (das Feuer) in Bewegung sieht, dass es die Ankunft der Feinde meldet. Und wenn man mit den Vorstellungsgehalten bzw. Gedanken in der Seele überlegt, so als würde man sehen, kalkuliert man und wägt das Künftige gegen das Gegenwärtige ab. Und wenn man feststellt, dass dort das Lustvolle oder Schmerzhafte ist, dann meidet oder verfolgt man hier, und so überhaupt beim Handeln. Auch das, was ohne Handeln ist, das Wahre und das Falsche, ist in derselben Gattung wie das Gute und das Schlechte. Es unterscheidet sich allerdings durch das schlechthin (wahr oder falsch) und für jemanden (gut oder schlecht sein). Das, was in Abstraktion ausgesagt wird, denkt man so, wie wenn man das Stupsnasige (denkt), das man zwar, insofern es stupsnasig ist, nicht auf abgetrennte Weise (denken kann); wenn man es aber der Wirklichkeit nach dächte, insofern es konkav ist, dann würde man es ohne das Fleisch denken, in dem das Konkave sich befindet. Auf diese Weise denkt man die mathematischen Gegenstände, obwohl sie nicht abgetrennt sind, als ob sie abgetrennt wären, wann immer man sie denkt. Und überhaupt ist die Vernunft, die der Wirklichkeit nach ist, (dasselbe wie) ihre Gegenstände. Ob sie aber eines der abgetrennten Dinge denken kann, ohne selbst von Ausdehnung abgetrennt zu sein, oder nicht, ist später zu untersuchen.


  1. ↑ 431a5 »Er erleidet nämlich nichts und wird auch nicht verändert« Dies wird von den Interpreten nicht wie hier als Aussage über den Wahrnehmungsgegenstand, sondern über das Wahrnehmungsver-mögen aufgefasst (»Es erleidet nämlich nichts und wird auch nicht verändert.«). Grammatisch ist beides möglich.
  2. ↑ 431a20»Zwar ist auch schon früher gesagt worden ...« In III 2, 426b12 ff.