ÜdSAC/Buch II • Kapitel 10
Seite 131–135
10. Das Schmeckbare ist etwas Tastbares. Und dies ist auch die Ursache dafür, dass es nicht durch das Dazwischenliegende als ein zu einem anderen gehöriger Körper wahrnehmbar ist. Es ist es nämlich auch nicht für den Tastsinn. Und der Körper, in dem sich der Geschmack befindet, der schmeckbare Gegenstand, befindet sich im Feuchten wie in einer Materie; und dieses (Feuchte) ist etwas Tastbares. Deswegen würden wir auch dann, wenn wir im Wasser wären, das Süße wahrnehmen, wenn es vorher hineingeworfen worden wäre; unsere Wahrnehmung würde dann aber nicht durch das Dazwischenliegende stattfinden, sondern dadurch, dass es mit dem Feuchten vermischt wäre, ganz wie bei einem Getränk. Die Farbe wird aber nicht auf diese Weise durch ihr Vermischt-Sein wahrgenommen und auch nicht durch ihre Ausströmungen. Es gibt (beim Geschmackssinn) also kein Dazwischenliegendes. Und so wie Farbe das Sichtbare ist, so ist der Geschmack das Schmeckbare. Nichts aber bewirkt eine Wahrnehmung von Geschmack ohne Feuchtigkeit, sondern es hat entweder der Wirklichkeit oder dem Vermögen nach Feuchtigkeit, so wie das Salzige. Dies löst sich (im Wasser) nämlich leicht auf und verschmilzt leicht mit der Zunge. Und so wie der Gesichtssinn sowohl für das Sichtbare als auch für das Unsichtbare zuständig ist – denn die Dunkelheit ist unsichtbar, aber auch diese unterscheidet der Gesichtssinn –, ferner für das, was zu hell ist – denn auch dieses ist unsichtbar, jedoch auf eine andere Weise als die Dunkelheit –, so ist auch das Gehör sowohl für Schall als auch für Stille (zuständig), von denen das eine hörbar und das andere unhörbar ist, und auch für den lauten Schall, so wie auch das Sehen für das Helle (zuständig ist). Denn so wie der leise Schall unhörbar ist, so auf gewisse Weise auch der laute und gewaltsame. »Unsichtbar« aber wird teils schlechthin ausgesagt, so wie auch in anderen Bereichen »unmöglich« (ausgesagt wird), teils aber auch, wenn etwas, obwohl es von Natur darauf ausgerichtet ist, es dies nicht hat bzw. in schlechter Weise hat, so wie das Fußlose und das Kernlose. Auf diese Weise ist offenbar auch der Geschmackssinn sowohl für das Schmeckbare als auch für das Nicht-Schmeckbare zuständig, und dies ist das, was einen geringen oder schlechten Geschmack hat bzw. fähig ist, den Geschmackssinn zu verderben. Ausgangspunkt (der Geschmäcker) scheint aber das Trinkbare und Nicht-Trinkbare zu sein, es gibt nämlich ein Schmecken von jedem von beiden, doch (das Schmecken) des einen ist schlecht und verderblich für den Geschmackssinn, das des anderen dagegen ist naturgemäß. Das Trinkbare ist dem Tastsinn und Geschmackssinn gemeinsam. Und da das Schmeckbare feucht ist, ist notwendig auch das für es zuständige Sinnesorgan weder der Vollendung nach feucht, noch ist es unvermögend, befeuchtet zu werden. Denn der Geschmackssinn erleidet etwas von dem Schmeckbaren, insofern es schmeckbar ist. Es ist also notwendig, dass das zum Schmecken fähige Organ, als eines, welches zwar das Vermögen hat, feucht zu werden, ohne Schaden zu nehmen, jedoch nicht (bereits) feucht ist, feucht gemacht wird. Dies zeigt sich daran, dass die Zunge weder dann wahrnimmt, wenn sie ausgetrocknet ist, noch wenn sie zu feucht ist. Sie wird nämlich durch Kontakt mit dem unmittelbar nächsten Feuchten (feucht), so wie wenn man einen starken Geschmack geschmeckt hat und dann einen anderen schmeckt und so wie den Kranken alles bitter erscheint, weil sie mit ihrer Zunge wahrnehmen, die voll von solcher (bitteren) Feuchtigkeit ist. Bei den Arten des Geschmacks sind aber, so wie auch bei den Farben, die entgegengesetzten einfache, das Süße und das Bittere, und an das eine schließen sich das Fette, an das andere (sc. das Bittere) das Salzige an. Zwischen diesen befinden sich das Scharfe und das Saure und das Herbe und Pikante. Dies scheinen nämlich in etwa die Unterschiede bei den Geschmäckern zu sein, so dass das Vermögen zu schmecken dem Vermögen nach von solcher Beschaffenheit ist (wie diese Unterschiede) und schmeckbar dasjenige ist, was dessen Vollendung bewirken kann.