ÜdSAC/Buch II • Kapitel 11
Seite 137–145
11. Und für das Tastbare und den Tastsinn gilt dasselbe. Wenn der Tastsinn nämlich nicht eine Wahrnehmung ist, sondern mehrere, ist notwendig, dass auch die tastbaren Wahrnehmungsgegenstände mehrere sind. Es bereitet aber eine Schwierigkeit, ob es mehrere (Wahrnehmungen) sind oder eine und auch, was das Wahrnehmungsorgan des Tastvermögens ist, ob es das Fleisch und bei den anderen (Lebewesen) das Entsprechende ist oder nicht oder ob dies (das Fleisch) nur das Dazwischenliegende, das primäre Wahrnehmungsorgan aber etwas anderes, im Inneren (des Körpers Befindliches) ist. Denn es scheint jede Wahrnehmung für ein einziges Gegensatzpaar zuständig zu sein, z. B. das Sehen für Helles und Dunkles, das Gehör für Hohes und Tiefes und der Geschmack für Bitteres und Süßes, im Tastbaren dagegen sind viele Gegensatzpaare enthalten: warm – kalt, trocken – feucht, hart – weich und alles andere Derartige. Es bedeutet aber eine gewisse Milderung jedenfalls dieser Schwierigkeit, dass es auch bei den anderen Wahrnehmungen mehrere Gegensatzpaare gibt: z. B. (gibt es) bei der Stimme nicht nur Höhe und Tiefe, sondern auch das Laute und Leise und Glätte und Rauheit der Stimme und anderes Derartiges. Und auch bei der Farbe gibt es andere derartige Unterschiede. Aber was – so wie für das Gehör der Schall – das eine Zugrundeliegende für den Tastsinn ist, ist nicht klar. Hinsichtlich der Frage, ob das Wahrnehmungsorgan sich im Inneren befindet oder nicht, sondern es unmittelbar das Fleisch ist, scheint der Umstand, dass die Wahrnehmung gleichzeitig mit der Berührung stattfindet, kein Indiz zu sein. Denn auch wenn man jetzt eine künstliche Haut um das Fleisch spannte, würde sie ebenso die Wahrnehmung unmittelbar bei der Berührung anzeigen; und doch ist klar, dass sich das Wahrnehmungsorgan nicht darin befindet. Und wenn sie noch (mit dem Fleisch) zusammenwüchse, würde die Wahrnehmung noch schneller hindurchgelangen. Deswegen scheint der Teil unseres Körpers,der so beschaffen ist, sich so zu verhalten, wie wenn die Luft rings um uns herumgewachsen wäre. Denn dann würden wir gewiss meinen, mit einem einzelnen (Organ) sowohl Schall als auch Farbe als auch Geruch wahrzunehmen und dass Sehen, Gehör und Geruchssinn eine einzige Wahrnehmungsgattung wären. Nun ist aber dadurch, dass das, wodurch uns die Bewegungen erreichen, (jeweils voneinander) abgetrennt ist, offensichtlich, dass die besagten Wahrnehmungsorgane verschieden sind. Aber beim Tastsinn ist dies nun unklar. Denn aus Luft oder Wasser kann der beseelte Körper unmöglich zusammengesetzt sein; denn es muss etwas Festes da sein. Bleibt also, dass er aus Erde und diesen (Luft und Wasser) gemischt ist, wie es das Fleisch und sein Analogon tendenziell sind. Es folgt, dass notwendig der Körper auch das angewachsene Dazwischenliegende des Tast-vermögens ist, durch das die Wahrnehmungen – die mehrere sind – erfolgen. Dass es aber mehrere sind, zeigt die Tastwahrnehmung bei der Zunge. Sie nimmt nämlich mit dem gleichen Körperteil alle tastbaren Qualitäten und auch den Geschmack wahr. Wenn nun auch das übrige Fleisch Geschmack wahrnehmen könnte, würde es den Anschein haben, dass das Schmecken und das Tasten ein und dieselbe Wahrnehmung wären. Nun sind es aber zwei, weil sich nicht von dem einen auf das andere schließen lässt. Man könnte aber folgende Schwierigkeit aufwerfen: Wenn jeder Körper Tiefe hat – dies ist die dritte Dimension – und es nicht möglich ist, dass zwei Körper einander berühren, zwischen denen ein (weiterer) Körper liegt, und wenn es das Feuchte nicht ohne Körper gibt und das Nasse auch nicht, sondern es notwendig Wasser ist bzw. hat und wenn außerdem das, was einander im Wasser berührt, da die Oberflächen nicht trocken sind, notwendig Wasser zwischen sich hat, womit seine Ränder bedeckt sind; wenn dies wahr ist, dann ist es unmöglich, dass ein (Körper) den anderen im Wasser berührt, und ebenso auch in der Luft. Denn die Luft verhält sich zu dem, was sich in ihr befindet, wie das Wasser zu dem, was sich im Wasser befindet, doch bleibt uns dies eher verborgen, so wie es auch den Tieren im Wasser verborgen bleibt, wenn Nasses sich mit Nassem berührt. (Die Schwierigkeit besteht dann darin,) ob die Wahrnehmung also von allen Gegenständen auf gleiche Weise erfolgt oder bei unterschiedlichen Gegenständen auf unterschiedliche Weise, so wie jetzt das Schmecken und das Tasten durch das (unmittelbare) Berühren, die anderen aber von ferne erfolgen. Doch so ist es nicht, sondern wir nehmen auch das Harte und Weiche durch anderes wahr, so wie auch das Erschallende und das Sichtbare und das Riechbare, allerdings das eine von Weitem und das andere von Nahem. Deswegen bleibt es (das Dazwischenliegende) verborgen, da wir eben alles durch das Dazwischenliegende wahrnehmen, doch bei diesen (Tastgegenständen) bleibt es verborgen. Gleichwohl, so wie wir auch schon vorher gesagt haben,selbst wenn wir alle tastbaren Gegenstände durch eine Haut wahrnähmen und es uns verborgen bliebe, dass sie uns (von den Gegenständen) trennt, so würden wir uns ebenso verhalten wie jetzt im Wasser oder in der Luft; denn wir sind jetzt der Meinung, sie selbst zu berühren, und dass nichts dazwischen liegt. Allerdings unterscheidet sich das Tastbare vom Sichtbaren und von dem, was fähig ist, Schall zu erzeugen, weil wir diese dadurch wahrnehmen, dass das Dazwischenliegende etwas in uns bewirkt, während wir bei den tastbaren Gegenständen nicht durch das Dazwischenliegende, sondern zusammen mit dem Dazwischenliegenden (etwas erleiden), wie einer, der durch seinen Schild getroffen wird. Der Schild schlägt ihn nämlich nicht als einer, der bereits getroffen wurde, sondern beide werden gleichzeitig geschlagen. Überhaupt scheinen sich das Fleisch und die Zunge zu ihrem Wahrnehmungsorgan genau so zu verhalten, wie die Luft und das Wasser sich zum Gesichtssinn, Gehör und |Geruchssinn verhalten. Denn weder hier noch dort kommt es zur Wahrnehmung, wenn das Wahrnehmungsorgan selbst berührt wird, z. B. wenn man einen weißen Körper auf das Äußere des Auges legt. Dadurch ist auch klar, dass das Wahrnehmungsvermögen des Tastbaren sich im Inneren befindet. Denn so dürfte sich ereignen, was sich auch bei den anderen (Wahrnehmungen ereignet): Was auf das Wahrnehmungsorgan gelegt wird, wird nämlich nicht wahrgenommen, was dagegen auf das Fleisch gelegt wird, wird wahrgenommen. Folglich ist das Dazwischenliegende des Tastbaren das Fleisch. Nun sind tastbar die Unterschiede des Körpers, insofern er Körper ist. Mit den Unterschieden meine ich die, welche die Elemente definieren, (nämlich) warm – kalt, trocken – feucht, überdie wir vorher in der Abhandlung über die Elemente gesprochen haben.[Anm. Hrsg. 1] Das Wahrnehmungsorgan für diese (tastbaren Qualitäten) ist das tastfähige (Organ). Und das, worin als Erstem der sogenannte Tastsinn als Wahrnehmung vorkommt, ist der Körperteil, der dem Vermögen nach von dieser Beschaffenheit ist. Das Wahrnehmen ist nämlich eine Art Erleiden. Folglich macht der bewirkende (Gegenstand) den (Körperteil), der dem Vermögen nach (ist wie er), der Wirklichkeit nach wie sich selbst. Deswegen nehmen wir das gleichermaßen Warme und Kalte oder Harte und Weiche nicht wahr, sondern die Überschreitungen, da die Wahrnehmung wie eine Art Mitte des Gegensatzes in den wahrnehmbaren Gegenständen ist. Deswegen unterscheidet sie auch die wahrnehmbaren Gegenstände; denn das Mittlere ist fähig zu unterscheiden. Es wird nämlich relativ zu jedem von beiden zu dem jeweils anderen Extrem. Und so wie das, was in der Lage sein soll, hell und dunkel wahrzunehmen, der Wirklichkeit nach keines von beiden sein darf, dem Vermögen nach aber beides – und entsprechend auch bei den anderen (Wahrnehmungsgattungen) –, so darf es auch beim Tastsinn weder warm noch kalt sein. Ferner: So wie das Sehen auf gewisse Weise für das Sichtbare und Unsichtbare zuständig war und ebenso auch die übrigen Gegensätze (jeweils eine für sie zuständige Wahrnehmungsgattung haben), so ist auch der Tastsinn für das Tastbare und Nicht-Tastbare zuständig; nichttastbar aber ist sowohl das, was einen sehr geringen Unterschied des Tastbaren aufweist, wie etwa die Luft, als auch die Überschreitungen des Tastbaren, wie das, was (die Wahrnehmung) zerstört. Nun ist im Umriss über jede einzelne Wahrnehmungsgattung gesprochen worden.
- ↑ 423b29 »in der Abhandlung über die Elemente« De generatione et corruptioneII 3 330a30 ff.