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ÜdSAC/Buch II • Kapitel 2

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 73–81

2. Da das Deutliche und dem Begriff nach Bekanntere aus dem hervorgeht, was zwar undeutlich, aber anschaulicher ist, soll (die Untersuchung) über die Seele auf folgende Weise erneut angegangen werden. Die definitorische Bestimmung soll nämlich nicht nur das Dass aufzeigen, so wie die meisten Definitionen es tun, sondern es soll auch die Ursache darin enthalten sein und sichtbar werden. Derzeit sind die begrifflichen Bestimmungen der Definitionen aber so wie Konklusionen aus Schlüssen: Zum Beispiel: Was ist die Quadratur? Ein gleichseitiges Viereck (zu konstruieren), das die gleiche Fläche hat wie ein ungleichseitiges. Eine solche Definition gibt eine begriffliche Bestimmung der Konklusion; wer da gegen sagt, dass die Quadratur ein Auffinden einer mittleren Proportionalen ist, der nennt die Ursache des Sachverhaltes. Wir sagen also, und machen damit den Anfang der Untersuchung, dass das Beseelte von dem Unbeseelten durch das Lebendig­-Sein unterschieden ist. »Lebendig­-Sein« wird aber auf vielfache Weise ausgesagt, und wir sagen auch dann, wenn nur eines davon darin vorkommt, es sei lebendig, z. B. Vernunft, Wahrnehmung, Ortsbewegung und Stillstand, ferner Nahrungsaufnahme, Schwinden und Wachstum. Deswegen scheinen auch alle Gewächse lebendig zu sein. Offenbar haben sie in sich selbst nämlich ein Vermögen und ein solches Prinzip, aufgrund dessen sie in die entgegengesetzten Richtungen wachsen und schwinden. Alles, was aufwächst und lebt, wächst ja nicht nach oben, ohne nach unten zu wachsen, sondern gleichmäßig in beide Richtungen und nach allen Seiten, und zwar fortwährend, solange es in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen. Und es ist zwar möglich, dieses (Vermögen) von den anderen abzutrennen, jedoch die anderen von ihm (abzutrennen), ist bei den sterblichen (Lebewesen) unmöglich. Das zeigt sich bei den Gewächsen. Ihnen kommt nämlich kein anderes Vermögen der Seele zu. Lebendig zu sein kommt also allem, was belebt ist, durch dieses Prinzip zu; Lebewesen (zu sein) aber zuerst durch die Wahrnehmung. Denn auch von denen, die sich nicht bewegen und nicht den Ort wechseln, jedoch Wahrnehmung haben, sagen wir, es sind Lebewesen, und nicht nur, dass sie leben. Und als erste Wahrnehmung kommt allen (Lebewesen) der Tastsinn zu. So wie das Ernährungsvermögen aber vom Tastsinn und jeder Wahrnehmung abgetrennt werden kann, so der Tastsinn von den anderen Wahrnehmungsvermögen. Ernährungsvermögen dagegen nennen wir den so beschaffenen Teil der Seele, an dem auch die Gewächse teilhaben. Die Lebewesen haben aber offensichtlich alle die Tastwahrnehmung. Aus welcher Ursache dieses beides der Fall ist, werden wir später sagen.[Anm. Hrsg. 1] Für jetzt soll nur soviel gesagt sein, dass die Seele Prinzip dieser genannten (Tätigkeiten) ist und durch diese definiert ist als Ernährungsvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen oder, (Orts­)Bewegung. Ob aber jedes einzelne davon Seele ist oder Teil der Seele, und wenn es Teil ist, ob es auf solche Weise (Teil ist), dass er nur dem Begriff nach abtrennbar ist oder auch dem Orte nach, ist bei einigen von ihnen nicht schwer zu sehen, bei manchen bereitet es aber Schwierigkeiten. Denn so wie bei den Gewächsen manche offenbar lebendig sind, wenn sie durchschnitten und voneinander abgetrennt werden – so als wäre die in ihnen befindliche Seele zwar der Vollendung nach in jedem Gewächs eine einzige, dem Vermögen nach jedoch von mehreren (Gewächsen) –, so sehen wir, dass dies offensichtlich auch in Betreff eines anderen Unterschieds der Seele der Fall ist, (nämlich) bei den Insekten, wenn sie entzweigeschnitten werden. Jeder der beiden Teile hat nämlich Wahrnehmung und Ortsbewegung; wenn aber Wahrnehmung, dann auch Vorstellung und Strebung. Denn wo es Wahrnehmung gibt, dort gibt es auch Schmerz und Lust. Und wo es diese gibt, gibt es notwendig auch Begierde. Über die Vernunft und das Vermögen der theoretischen Betrachtung ist noch nichts klar, es scheint aber eine andere Gattung von Seele zu sein, und diese allein scheint abgetrennt werden zu können, so wie das Ewige vom Vergänglichen. Daraus ist aber klar, dass die übrigen Teile der Seele nicht in der Weise, wie manche sagen, abtrennbar sind. Dass sie aber dem Begriff nach andere sind, ist offensichtlich. Denn das, was es heißt, fähig zum Wahrnehmen zu sein, ist verschieden von dem, was es heißt, fähig zum Meinen zu sein, wenn denn das Wahrnehmen vom Meinen (verschieden ist). Ebenso verhält es sich auch bei jedem der übrigen genannten (Vermögen). Ferner kommen einigen Lebewesen diese alle zu, manchen aber nur einige davon und anderen (kommt) nur eines (zu) – und dies erzeugt Verschiedenheit |unter den Lebewesen. Aus welchem Grund, soll später untersucht werden. Ähnliches ergibt sich auch für die (Arten der) Wahrnehmungen: Manche besitzen alle, manche einige, andere als einzige die notwendigste, die Tastwahrnehmung. Da das, wodurch wir lebendig sind und wahrnehmen, auf zweifache Weise ausgesagt wird, so wie auch das, wodurch wir wissen – wir meinen damit nämlich zum einen die Wissenschaft und zum anderen die Seele, weil wir von beiden von ihnen sagen, dass wir durch sie wissen –, ebenso (meint) das, wodurch wir gesund sind, zum einen: durch die Gesundheit, zum anderen aber: durch einen bestimmten Teil des Körpers oder auch: durch den ganzen. Davon aber ist die Wissenschaft und die Gesundheit, Gestalt, bestimmte Form und Begriff und wie die Wirklichkeit dessen, das fähig ist, sie aufzunehmen, und zwar zum einen für das, was fähig ist (etwas) zu wissen, und zum anderen für das, was fähig ist gesund zu sein – die Wirklichkeit dessen, das fähig ist zu bewirken, scheint sich ja in dem zu vollziehen, was affiziert und in einen Zustand versetzt wird. Die Seele ist aber das, wodurch wir primär lebendig sind und wahrnehmen und denken – sie dürfte folglich eine Art Begriff und Form sein, nicht aber Materie und das Zugrundeliegende. Da, wie wir gesagt haben, die Substanz auf dreifache Weise ausgesagt wird, nämlich erstens als Form, zweitens als Materie und drittens als das aus beiden Zusammengesetzte, wovon die Materie Vermögen und die Form Vollendung ist, (und) da das aus beiden Zusammengesetzte Beseeltes ist, ist nicht der Körper die Vollendung der Seele, sondern sie ist (die Vollendung) eines bestimmten Körpers. Und deswegen liegen diejenigen richtig, die meinen, die Seele existiere weder ohne Körper noch sei sie ein bestimmter Körper; denn sie ist kein Körper, sondern etwas des Körpers, und deswegen kommt sie im Körper vor, und zwar in einem Körper von bestimmter Beschaffenheit. Und nicht so wie die früheren Philosophen sie in einen Körper einfügten, ohne zusätzlich zu bestimmen, in welchen und von welcher Beschaffenheit, obgleich es nicht einmal den Anschein hat, dass jedes Beliebige Beliebiges aufnimmt. So aber ergibt es Sinn: Denn die Vollendung eines jeden Dinges kommt von Natur aus in das dem Vermögen nach Vorhandene und die ihr geeignete Materie hinein. Dass die Seele also eine Art von Vollendung und Begriff dessen ist, das ein Vermögen hat, ein solches zu sein, ist hieraus klar.


  1. ↑ 413b10 »werden wir später sagen.« In III 12.