Zum Inhalt springen

ÜdSAC/Buch II • Kapitel 3

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 81–87

3. Von den erwähnten Vermögen der Seele kommen, wie gesagt, einigen (lebendigen Dingen) alle zu, anderen einige von ihnen, einigen aber nur eines. Vermögen nannten wir: Ernährungsvermögen, Strebevermögen, Wahrnehmungsvermögen, Vermögen zur Ortsbewegung und Denkvermögen. Den Gewächsen kommt nur das Ernährungsvermögen zu, anderen aber dieses und das Wahrnehmungsvermögen. Wenn aber das Wahrnehmungsvermögen, dann auch das Strebevermögen; denn Strebung ist Begierde, Mut und Wunsch, und alle Lebewesen haben zumindest eine der Wahrnehmungen, den Tastsinn. Wem aber die Wahrnehmung zukommt, dem kommt sowohl Lust als auch Leid und der Gegenstand der Lust und der Gegenstand des Leids zu, wem aber diese, dem kommt auch Begierde zu; denn diese ist die Strebung nach dem Lustvollen. Ferner haben sie eine Wahrnehmung der Nahrung; der Tastsinn ist nämlich die Wahrnehmung der Nahrung. Denn alles Lebendige ernährt sich durch Trockenes und Feuchtes und Warmes und Kaltes, und deren Wahrnehmung ist der Tastsinn. Den übrigen Wahrnehmungsgegenständen ist (die Nahrung) dagegen akzidentell. Denn weder Schall noch Farbe noch Geruch tragen etwas zur Ernährung bei, und der Geschmack ist einer von den Tastgegenständen. Hunger und Durst sind Begierden, und zwar der Hunger nach Trockenem und Warmem und der Durst nach Kaltem und Feuchtem. Und der Geschmack ist gewissermaßen eine Versüßung davon. Darüber soll später genauer gesprochen werden, für jetzt sei nur soviel gesagt, dass den Lebewesen, die den Tastsinn besitzen, auch Strebung zukommt. Hinsichtlich der Vorstellung ist es unklar; sie soll später untersucht werden. Einigen kommt außerdem noch das Vermögen zur Ortsbewegung zu, anderen auch das Denkvermögen und Vernunft, wie den Menschen, und falls es noch anderes Derartiges oder Würdigeres gibt. Es ist also klar, dass der Begriff der Seele und (der) der Figur auf die gleiche Weise einheitlich sein dürften. Denn weder gibt es dort eine Figur neben dem Dreieck und den sich anschließenden (Figuren), noch gibt es hier eine Seele neben den genannten (Vermögen). Es könnte wohl auch für die Figuren ein gemeinsamer Begriff gegeben werden, der zwar auf alle passt, jedoch keiner Figur eigentümlich sein wird. Auf gleiche Weise verhält es sich auch bei den erwähnten Seelen. Deswegen ist es lächerlich, einen solchen gemeinsamen Begriff zu suchen, sowohl hier als auch in anderen Fällen, der ein keinem der existierenden Dinge eigentümlicher Begriff ist und auch nicht der zugehörigen und unteilbaren Art entsprechen wird, und dabei auf einen solchen (eigentümlichen Begriff) zu verzichten. Bei der Seele verhält es sich ganz ähnlich wie bei den Figuren: In der nachfolgenden ist nämlich dem Vermögen nach immer die vorhergehende enthalten, sowohl bei den Figuren als auch beim Beseelten, wie im Viereck ein Dreieck und im Wahrnehmungsvermögen das Ernährungsvermögen. Man muss daher im Einzelnen untersuchen, was die Seele jedes einzelnen ist, etwa was die des Gewächses und was die des Menschen oder Tieres ist. Und man muss untersuchen, aus welchem Grund |sie auf diese Weise eine Reihe bilden: Denn ohne das Ernährungsvermögen gibt es kein Wahrnehmungsvermögen. Bei den Gewächsen jedoch trennt sich das Ernährungsvermögen von dem Wahrnehmungsvermögen. Umgekehrt aber kommt keine der übrigen Wahrnehmungen ohne das Tastvermögen vor, Tastsinn jedoch kommt ohne die anderen vor. Es haben nämlich viele Lebewesen weder Gesichtssinn noch Gehör noch eine Wahrnehmung von Geruch. Und von den zur Wahrnehmung fähigen Lebewesen haben einige das Vermögen zur Ortsbewegung, andere aber nicht. Als Letztes und auch in geringster Zahl (haben Lebewesen) Überlegung und Denken. Denn denjenigen sterblichen (Lebewesen), denen Überlegung zukommt, kommen auch alle übrigen (Vermögen) zu, von denjenigen dagegen, die jedes von diesen haben, kommt nicht allen Überlegung zu, sondern einigen nicht einmal Vorstellung, während andere allein mit dieser leben. Von der theoretischen Vernunft soll an anderer Stelle gehandelt werden. Dass also der Begriff von jedem einzelnen dieser (Vermögen) auch für die Seele (insgesamt) der geeignetste ist, ist klar.