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ÜdSAC/Buch II • Kapitel 5

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 99–105

5. Nachdem wir dies abgehandelt haben, wollen wir in gemeinsamer Weise über die Wahrnehmung insgesamt sprechen. Die Wahrnehmung findet im Bewegt-werden und Erleiden statt, wie gesagt wurde[Anm. Hrsg. 1]; sie scheint nämlich eine Art qualitativer Veränderung zu sein. Einige aber behaupten auch, dass das Gleiche durch das Gleiche affiziert werde. Inwieweit dies möglich oder unmöglich ist, haben wir in den allgemeinen Darlegungen über das Wirken und Leiden gesagt.[Anm. Hrsg. 2] Es bereitet aber eine Schwierigkeit, warum nicht auch eine Wahrnehmung der Wahrnehmungen selbst zustande kommt und warum diese ohne die Außendinge keine Wahrnehmung bewirken, obwohl doch Feuer und Erde und die anderen Elemente in ihnen sind, welches die Gegenstände der Wahrnehmung an sich sind bzw. diesen akzidentell zukommen.[Anm. KF 1] Es ist also klar, dass das Wahrnehmungsvermögen nicht der Wirklichkeit, sondern nur dem Vermögen nach da ist[Anm. KF 2]; deswegen (nimmt es nicht wahr), so wie auch das Brennbare nicht (schon) selber an sich brennt ohne das, was es in Brand setzen kann. Es würde sich dann nämlich selber in Brand setzen und bedürfte nicht des der Vollendung nach seienden Feuers. Da wir das Wahrnehmen zweifach aussagen – denn wir sagen, dass auch das dem Vermögen nach Hörende und Sehende höre und sehe, und zwar sowohl wenn es gerade schläft als auch wenn es bereits wirklich tätig ist –, so dürfte wohl auch die Wahrnehmung zweifach ausgesagt werden: einmal als dem Vermögen und das andere Mal als der Wirklichkeit nach. Und ebenso ist auch der Gegenstand der Wahrnehmungteils dem Vermögen nach und teils der Wirklichkeit nach seiend. Nun wollen wir zuerst unter der Voraussetzung sprechen, dass das Leiden, d. h. das Bewegt­-Werden, und das Wirklich­-Sein dasselbe seien.[Anm. KF 3] | Denn auch die Bewegung ist eine Art Wirklichkeit, freilich eine unvollkommene, wie bereits an anderer Stelle gesagt worden ist.[Anm. Hrsg. 3] Und alles leidet und wird bewegt von dem Bewirkenden und der Wirklichkeit nach Seienden. Deswegen ist es einerseits möglich, dass es von dem Gleichen erleidet, andererseits aber auch von dem Ungleichen, wie wir bemerkt haben[Anm. Hrsg. 4]; denn es erleidet zwar das Ungleiche, doch wenn es einmal erlitten hat, ist es ein Gleiches. Es muss aber auch bei Vermögen und Vollendung differenziert werden; denn im Augenblick sprechen wir über sie in undifferenzierter Weise. Es gibt nämlich etwas Wissendes teils auf solche Weise, wie wir einen Menschen wissend nennen, weil der Mensch zu den wissenden (Lebewesen) gehört und denen, die Wissen haben, und teils so, wie wir schon den wissend nennen, der im Besitz des Schriftwissens ist. Denn sie beide sind nicht auf dieselbe Weise vermögend, sondern der eine (ist es), weil seine Gattung so beschaffen ist und seine Materie, der andere dagegen, weil er dann, wenn er es wünscht, betrachten kann, wenn nichts Äußeres ihn hindert. Noch ein weiterer ist der, der bereits betrachtend ist, indem er der Vollendung nach ist und dieses bestimmte A im eigentlichen Sinn weiß. Nun sind die ersteren beiden zwar dem Vermögen nach Wissende, doch der eine (weiß erst dann der Vollendung nach), wenn er sich durch Lernen verändert hat und häufig aus einem entgegengesetzten Zustand umgeschlagen ist, der andere dagegen dann, wenn er aus dem Besitz der Wahrnehmung und des Schriftwissens, doch ohne sie wirklich auszuüben, auf andere Weise in das Wirklich­-Sein umschlägt. Und auch das Erleiden ist nichts Einfaches, vielmehr ist es zum einen eine Art von Zerstörung durch das Entgegengesetzte und zum anderen eher ein Bewahren des dem Vermögen nach Seienden durch das der Vollendung nach Seiende und dessen, was ihm auf solche Weise gleich ist, wie ein Vermögen sich zur Vollendung verhält. Denn indem es betrachtet, entsteht das, was das Wissen hat, was entweder keine Veränderung ist – denn der Fortschritt geht hin zu ihm selbst und in eine Vollendung –, oder es ist eine andere Gattung von Veränderung. Deswegen trifft es nicht zu, zu sagen, dass das Denkende, wenn es denkt, sich verändere, so wie auch nicht der Hausbauer, wenn er ein Haus baut.[Anm. KF 4] Das also, was beim Denkenden und Erkennenden aus dem dem Vermögen nach Seienden in die Vollendung überführt, ist nicht Unterricht, sondern sollte mit Recht eine andere Bezeichnung erhalten. Wer aber als dem Vermögen nach seiender lernt und Wissen erwirbt, und zwar von dem, der es der Wirklichkeit nach ist und die Fähigkeit hat zu unterrichten, von dem soll entweder gar nicht gesagt werden, dass er erleidet [wie gesagt wurde], oder es gibt zwei Weisen der Veränderung, nämlich einerseits den Umschlag in die privativen Zustände, andererseits den hin zum Haben und zur Natur. Der erste Umschlag des Wahrnehmungsvermögens jedoch erfolgt von dem Erzeuger, und wenn man geboren wird, verhält sich das Wahrnehmen bereits so wie das Wissen. Und das wirkliche (Wahrnehmen) wird ebenso ausgesagt wie das Betrachten; es ist aber verschieden, weil bei Ersterem das, was die Wirklichkeit bewirkt, von außen kommt, nämlich der sichtbare und der hörbare Gegenstand, und ebenso auch die übrigen Wahrnehmungsgegenstände. Ursache dafür ist, dass die wirkliche Wahrnehmung sich auf Einzeldinge bezieht, das Wissen dagegen auf Allgemeines und dies befindet sich in gewisser Weise in der Seele selbst. Deswegen steht es zwar in der Macht (des Denkenden) zu denken, wann immer er will; wahrzunehmen aber steht nicht in seiner Macht; denn es ist notwendig, dass der wahrnehmbare Gegenstand vorliegt[Anm. KF 5]. Ebenso verhält sich dies auch mit den Wissenschaften von den wahrnehmbaren Dingen, und zwar aus demselben Grund, weil die wahrnehmbaren Gegenstände zu den Einzel­- und Außendingen gehören. Aber hierüber ausführlich zu sprechen wird später wieder Gelegenheit sein. Für jetzt sei soviel gesagt, dass das dem Vermögen nach Ausgesagte nichts Einfaches ist, sondern teils so (ausgesagt wird), wie wenn wir sagen würden, dass ein Knabe das Vermögen hat, Feldherr zu sein, und teils so wie bei einem, der das passende Alter erreicht hat; (und) auf diese Weise verhält es sich bei dem Wahrnehmungsvermögen. Da es für den Unterschied zwischen ihnen keine Bezeichnung gibt, hinsichtlich ihrer aber bereits bestimmt worden ist, dass sie verschieden sind und auf welche Weise sie verschieden sind, ist es notwendig, »Erleiden« und »Veränderung« als geltende Bezeichnungen zu benutzen. Das Wahrnehmungsvermögen ist, wie gesagt, dem Vermögen nach so, wie der Wahrnehmungsgegenstand bereits der Vollendung nach ist. Also erleidet es, während es nicht gleich ist, nachdem es aber erlitten hat, ist es angeglichen und wie jenes.


  1. ↑ 416b34 »wie gesagt wurde« In II 4 , 415b24.
  2. ↑ 417a1 f. »in den allgemeinen Darlegungen über das Wirken und Leiden« Gemeint ist die Schrift Über Werden und Vergehen (De generatione et corruptione), Buch I, Kapitel 7.
  3. ↑ 417a17 »wie bereits an anderer Stelle gesagt worden ist.« Nämlich in Aristoteles’ Physik III 2, 201b31 f
  4. ↑ 417a19 f. »wie wir bemerkt haben« Nämlich in II 4, 416b7 f.


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