ÜdSAC/Buch II • Kapitel 8
Seite 115–125[Anm. KF 1]
8. Jetzt wollen wir zuerst Schall und Gehör bestimmen. Der Schall ist von zweierlei Art: Einerseits nämlich ist er etwas der Wirklichkeit nach, andererseits dem Vermögen nach. Wir sagen ja von einigen Dingen, dass sie keinen Schall erzeugen, z. B. von Schwamm und Wolle; von anderen dagegen (sagen wir), dass sie dies tun, z. B. von Erz und allem, was fest und glatt ist, weil es vermögend ist zu erschallen, und das heißt, in dem, was sich zwischen ihm und dem Hörorgan befindet, einen wirklichen Schall zu erzeugen. Der Schall der Wirklichkeit nach entsteht aber immer (als Schall) von etwas, an etwas und in etwas; denn ein Schlag ist es, der ihn hervorbringt. Deswegen ist es unmöglich, dass Schall entsteht, wenn nur eines vorhanden ist. Schlagendes und Geschlagenes sind nämlich verschieden. Folglich erschallt das, was Schall bewirkt, an etwas. Ein Schlag aber entsteht nicht ohne Ortsbewegung. Wie wir schon gesagt haben: Der Schall ist kein (Aufeinander)Schlag von beliebigen Gegenständen. Wolle erzeugt ja keinen Schall, wenn sie angeschlagen wird, sondern Erz und alles, was glatt und hohl ist. Das Erz (erzeugt Schall), weil es glatt ist, und Hohlkörper bringen durch Rückbrechung nach dem ersten viele Schläge hervor, da das, was in Bewegung gesetzt worden ist, nicht entweichen kann. Ferner kann man in der Luft hören und auch im Wasser, allerdings in geringerem Maße. Aber weder die Luft noch das Wasser sind ausschlaggebend für den Schall, sondern es muss ein Schlag von Festkörpern gegeneinander und auch gegen die Luft stattfinden. Und dies passiert, wenn die Luft, nachdem sie geschlagen wurde, (in diesem Zustand) verharrt und sich nicht zerstreut. Deswegen erschallt sie immer dann, wenn sie schnell und heftig geschlagen wird. Die Bewegung des Schlagenden muss nämlich der Zerstreuung der Luft zuvorkommen, so wie wenn man einen Sandhaufen bzw. einen sich schnell bewegenden Sandwirbel schlagen würde. Und ein Echo entsteht dann, wenn eine einheitlich gewordene Luftmasse durch das Gefäß, das sie umgrenzt und ihr Zerstreutwerden verhindert, wieder abgestoßen wird, so wie ein Ball. Es scheint aber immer ein Echo zu entstehen, allerdings kein deutliches, da sich beim Schall ja das gleiche ereignet wie bei dem Licht. Denn auch das Licht wird immer reflektiert – sonst gäbe es ja nicht überall Licht, sondern nur Dunkelheit außerhalb von dem, was direkt von der Sonne beschienen wird –, es wird aber nicht so reflektiert wie vom Wasser oder Erz oder einem anderen glatten Körper, so dass es einen Schatten wirft, durch den wir das Licht begrenzen. Mit Recht sagt man, dass das Leere für das Hören ausschlaggebend ist. Denn die Luft scheint leer zu sein, und sie ist es, die das Hören bewirkt, wenn sie als kontinuierliche und einheitliche bewegt wird. Dadurch jedoch, dass sie leicht zerfällt, erschallt sie nicht, wenn das Angeschlagene nicht glatt ist. Aber wenn dies der Fall ist, wird sie aufgrund der Oberfläche gleichzeitig zu einer Einheit; denn die Oberfläche des Glatten ist einheitlich. Schallerzeugend ist also das, was fähig ist, eine einheitliche Luftmasse in Kontinuität bis zum Gehör zu bewegen. Das Gehör ist aber von Natur mit Luft zusammengewachsen. Und aufgrund der Tatsache, dass es sich in Luft befindet, wird, wenn die äußere (Luft) bewegt wird, die innere (Luft) bewegt. Deswegen hört das Lebewesen nicht überall, und die Luft kommt auch nicht überall hindurch, weil der (Körper)Teil, der bewegt werden soll und beseelt ist, nicht überall Luft hat. Und die Luft selbst ist ja ohne Schall, weil sie sich leicht zerstreut. Wenn sie aber gehindert wird sich zu zerstreuen, ist ihre Bewegung Schall. Die Luft in den Ohren ist dafür eingebaut, unbewegt zu sein, damit alle Unterschiede ihrer Bewegung deutlich wahrgenommen werden. Und deswegen hören wir auch im Wasser, weil es nicht bis zu der (mit dem Gehör) zusammengewachsenen Luft selbst hineinkommt, ja nicht einmal in das Ohr hinein, wegen seiner Windungen. Wenn dies aber passiert, hört man nicht. Und auch dann nicht, wenn das Trommelfell verletzt wird, so wie die Hornhaut auf dem Augeninneren, wenn sie verletzt wird. Es ist aber ein Indiz dafür, ob man hören kann oder nicht, ob das Ohr immer widerhallt so wie das Horn. Die Luft in den Ohren wird nämlich immer in einer gewissen ihr eigenen Bewegung bewegt; der Schall dagegen ist fremd, d. h. (dem Ohr) nicht eigen. Deswegen sagen sie auch, man höre durch das Leere und Widerhallende, weil wir mit dem hören, was die Luft umgrenzt hält. Erschallt das Angeschlagene oder Schlagende? Vielleicht auch beide, aber auf unterschiedliche Weise; der Schall ist nämlich eine Bewegung dessen, was das Vermögen hat, auf die Weise bewegt zu werden, in welcher die von den glatten (Oberflächen) abprallenden (Gegenstände) bewegt werden, wenn jemand sie anschlägt. Allerdings erschallt, wie gesagt, nicht alles Angeschlagene und Schlagende, z. B. wenn eine Nadel eine Nadel schlägt, sondern das Angeschlagene muss eben sein, so dass die Luft als versammelte abprallt und erschüttert wird. Die Unterschiede des Erschallenden werden aber durch den wirklichen Schall aufgezeigt. Denn so wie ohne Licht die Farben nicht gesehen werden, so auch nicht ohne Schall das Hohe und das Tiefe. Diese (Bezeichnungen) aber werden als Metapher vom Tastbaren übernommen: Das Hohe bewegt die Wahrnehmung nämlich in kurzer Zeit stark und das Tiefe in langer Zeit schwach. Es ist daher nicht das Hohe schnell und das Tiefe langsam, sondern die derartige Bewegung des einen entsteht durch die Schnelligkeit und die des anderen durch Langsamkeit. Und es scheint sich analog zum Spitzen und Stumpfen beim Tastsinn zu verhalten: Das Spitze sticht nämlich gleichsam, während das Stumpfe gleichsam stößt, weil das eine kurz und das andere lang bewegt; daher ergibt sich, dass das eine langsam und das andere schnell ist. Über den Schall soll die Einteilung hiermit nun vorgenommen sein. Die Stimme ist aber ein gewisser Schall eines Beseelten. Denn keines der unbeseelten Dinge hat Stimme, sondern man sagt von ihnen nur im Sinn der Ähnlichkeit, dass sie Stimme haben, z. B. eine Flöte und Lyra und alles | andere Unbeseelte, das Tonlänge, Stimmung und Farbe hat, weil es scheint, dass auch die Stimme diese (Eigenschaften) hat. Viele der Lebewesen haben keine Stimme, z. B. die blutlosen, und unter den blutführenden die Fische. Und dies aus gutem Grund, so der Schall denn eine gewisse Bewegung der Luft ist. Die jedoch, von denen es heißt, sie hätten Stimme, wie z. B. die in dem (Fluss) Acheloos, erzeugen Schall durch ihre Kiemen oder etwas anderes Derartiges, die Stimme aber ist Schall eines Lebewesens, und zwar nicht durch einen beliebigen (Körper)Teil. Da aber alles dadurch erschallt, dass etwas schlägt, und zwar (gegen) etwas und in etwas, und dies Luft ist, so dürften aus gutem Grund wohl nur die (Lebewesen) Stimme haben, die Luft aufnehmen. Nun verwendet die Natur die eingeatmete Luft für zwei Leistungen: So wie sie auch die Zunge sowohl für das Schmecken als auch für den sprachlichen Ausdruck (verwendet) – wovon das Schmecken (für das Überleben) notwendig ist, weswegen es auch mehreren (Arten von Lebewesen) zukommt, der sprachliche Ausdruck dagegen um des guten (Lebens) willen besteht –, so (verwendet die Natur auch) den Atem sowohl für die innere Wärme, als etwas Notwendiges – der Grund dafür wird woanders genannt werden[Anm. Hrsg. 1] – als auch für die Stimme, damit das gute (Leben) stattfindet. Das Organ für die Atmung ist der Kehlkopf. Und der Zweck, um dessen willen dieser Körperteil existiert, ist die Lunge. Denn dieser Körperteil ermöglicht, dass die Landlebewesen viel mehr Wärme haben als die anderen. Aber auch die Gegend um das Herz bedarf der Atmung, und zwar an erster Stelle. Deswegen ist es notwendig, dass Luft durch das Einatmen hineinkommt. Folglich ist Stimme das Anschlagen der eingeatmeten Luft von der in diesen Körperteilen befindlichen Seele gegen die sogenannte Luftröhre. Denn nicht jeder Schall eines Lebewesens ist Stimme, wie wir schon gesagt haben – es ist ja auch möglich, mit der Zunge Schall zu erzeugen und auch so wie die Hustenden –, sondern das Schlagende muss sowohl beseelt als auch mit einer bestimmten Vorstellung versehen sein, da die Stimme ja ein zum Bezeichnen geeigneter Schall ist. Und es ist auch nicht (der Schall) der eingeatmeten Luft, so wie das Husten, sondern mit dieser (eingeatmeten Luft) schlägt es die Luft in der Luftröhre gegen eben diese. Ein Indiz dafür ist, dass man keine Stimme hat, während man einatmet, und auch nicht, während man ausatmet, sondern nur während man (die Luft) anhält. Mit ihr setzt derjenige, der die Luft anhält, nämlich die (Stimm)Bewegung in Gang. Damit ist auch klar, warum die Fische stimmlos sind: Sie haben ja keine Kehle. Und diesen Körperteil haben sie deshalb nicht, weil sie die Luft nicht aufnehmen und auch nicht atmen. Aus welchem Grund, ist ein anderes Thema.[1]
Anm. KF:.
- ↑ 420b21 f. »wird woanders genannt werden« De iuventute, 4– 6, De respiratione 1, 470b24–27; 7, 474a15–b24.
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- ↑ 421a6 »ein anderes Thema« De respiratione 9, 474b25 ff.; 10, 476a1 f; Part. an.III 5, 669a2–5.