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ÜdSAC/Buch II • Kapitel 9

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 125–131

9. Bei dem Geruchssinn und dem Riechbaren fällt die Einteilung weniger leicht als bei den (bisher) besprochenen (Wahrnehmungsgattungen und ihren Gegenständen). Es ist nämlich nicht so klar wie beim Schall oder der Farbe, von welcher Beschaffenheit der Geruch ist. Ursache dafür ist, dass diese Wahrnehmung bei uns nicht genau, sondern schwächer als bei vielen Lebewesen ausgebildet ist. Der Mensch kann nämlich nur schlecht riechen, und er nimmt auch keinen riechbaren Gegenstand wahr, ohne das Unangenehme oder das Angenehme (dabei zu empfinden), da sein Sinnesorgan nicht genau ist. Und es ist wahrscheinlich, dass auch die Tiere mit starren Augen auf diese Weise die Farben wahrnehmen und ihnen die Farbunterschiede nicht deutlich sind, bis auf das, was zu fürchten und was nicht zu fürchten ist; und so (nimmt) das Menschengeschlecht auch die Gerüche (wahr). Es scheint sich nämlich (der Geruchssinn) analog zum Geschmackssinn zu verhalten, und die Arten der Geschmäcker (verhalten) sich ähnlich denen des Geruchs, doch unser Geschmackssinn ist genauer, weil es sich dabei um eine Art Tastsinn handelt und diese Wahrnehmung beim Menschen am genauesten ist. Denn zwar bleibt (der Mensch) bei den anderen (Wahrnehmungen) hinter vielen Lebewesen zurück, beim Tastsinn ist er den anderen jedoch an Genauigkeit um vieles voraus. Deswegen ist er auch das klügste unter den Lebewesen. Ein Indiz dafür ist, dass man bei den Menschen anhand dieses und keines anderen Sinnesorgans Begabte und Unbegabte (unterscheiden kann): Die mit festem Fleisch sind nämlich unbegabt in Bezug auf das Denken und die mit weichem Fleisch begabt. Es ist mit den Gerüchen aber so wie mit dem Geschmack, der teils süß, teils bitter ist. Allerdings haben einige Dinge analogen Geruch und Geschmack – ich meine z. B. süßen Geruch und süßen Geschmack –, bei anderen aber ist das Gegenteil der Fall. Ebenso gibt es auch scharfen und sauren und pikanten und fettigen Geruch. Aber, wie wir gesagt haben, deswegen, weil die Gerüche nicht stark voneinander unterschieden sind so wie die Geschmäcker, haben sie von diesen ihre Bezeichnungen nach Ähnlichkeit der Gegenstände erhalten: der süße (Geruch) vom Krokus und Honig und der scharfe vom Thymian und derartigen Sachen. Und auf die gleiche Weise auch bei den anderen. So wie das Gehör und jede Wahrnehmungsgattung teils für das Hörbare und Nicht­-Hörbare, teils für das Sichtbare und Nicht­-Sichtbare zuständig ist, so ist auch der Geruchssinn für das Riechbare und Nicht­-Riechbare zuständig. Nicht­riechbar ist aber einerseits das, was überhaupt unmöglich Geruch haben kann, und andererseits das, was einen schwachen oder schlechten (Geruch) hat. In gleicher Weise spricht man auch vom Nicht­-Schmeckbaren. Auch der Geruchssinn erfolgt durch das Dazwischenliegende, wie Luft oder Wasser; denn auch die Wasserlebewesen scheinen Geruch wahrzunehmen, blutführende und blutlose gleichermaßen, so wie auch die in der Luft. Denn auch von diesen nähern sich einige ihrer Nahrung von Weitem, nachdem sie sie gewittert haben. Deswegen scheint es auch schwer erklärlich, dass zwar alle (Lebewesen) gleichermaßen riechen können, der Mensch jedoch nur beim Einatmen, beim Ausatmen dagegen nicht, sondern vielmehr, wenn er ausatmet oder den Atem anhält, nicht riecht, und zwar weder von Weitem noch von Nahem, selbst dann nicht, wenn (der riechende Gegenstand) in die Nase gesteckt wird. Dass der direkt auf das Sinnesorgan gelegte Gegenstand nicht wahrnehmbar ist, ist zwar allen Lebewesen gemeinsam, doch dass ohne Einatmen keine Wahrnehmung stattfindet, ist den Menschen eigentümlich; dies wird klar, wenn wir die Probe machen. Folglich hätten die blutlosen (Lebewesen), da sie ja nicht einatmen, noch eine andere Wahrnehmung neben den bereits erwähnten. Aber dies ist unmöglich, so sie denn Geruch wahrnehmen. Denn das Riechen ist die Wahrnehmung des Riechbaren, sowohl des Übelriechenden als auch des Wohlriechenden. Ferner zeigt sich, dass sie von denselben heftigen Gerüchen zugrunde gehen wie auch der Mensch, z. B. von Erdpech, Schwefel und dergleichen. Also ist es zwar notwendig, dass sie riechen, nicht aber dadurch, dass sie einatmen. Und bei den Menschen scheint sich dieses Sinnesorgan im Vergleich zu dem der anderen Lebewesen auf die Weise zu unterscheiden, wie die (menschlichen) Augen sich von denen der Lebewesen mit starren Augen (unterscheiden); erstere haben ihre Lider nämlich als einen Verschluss und wie eine Hülse, so dass sie nicht sehen können, wenn sie diese nicht bewegen und hochziehen, doch die Lebewesen mit starren Augen haben nichts dergleichen, sondern sehen unmittelbar, was sich im Durchsichtigen zuträgt. Auf die Weise also ist bei den einen das Geruchsorgan unbedeckt, wie das Auge, bei denen aber, die Luft aufnehmen, hat es eine Bedeckung, die beim Einatmen geöffnet wird, wenn sich die Äderchen und Gänge erweitern. Deswegen können die Lebewesen mit Atmung im Feuchten auch nicht riechen. Sie müssen ja einatmen, um zu riechen, und dies im Feuchten zu tun ist unmöglich. Der Geruch ist von dem, was trocken ist, so wie der Geschmack von dem ist, was feucht ist, und das Geruchsorgan ist dem Vermögen nach auf diese Weise beschaffen.