Zum Inhalt springen

ÜdSAC/Buch I • Kapitel 4

aus AufEinWort, der freien Forschung

Seite 39–49

4. Auch eine andere Ansicht über die Seele ist überliefert, die für viele nicht weniger glaubwürdig ist als irgendeine von den bereits besprochenen und die auch in den öffentlichen Dis­kussionen gleichsam zur Rechenschaft gezogen worden ist.[Anm. Hrsg. 1] Sie sagen nämlich, sie sei eine Art von Harmonie. Denn die Harmonie sei Mischung und Zusammensetzung von Gegenteiligem und der Körper sei auch aus Gegenteiligem zusammengesetzt. Nun ist die Harmonie zwar in der Tat ein Verhältnis der vermischten Teile bzw. deren Zusammensetzung, die Seele kann aber keines von beiden sein. Ferner: Zu bewegen ist nicht Eigenschaft von Harmonie, der Seele dagegen sprechen dies alle sozusagen in höchstem Maße zu, und es passt auch besser, Harmonie von der Gesundheit und von den körperlichen Tugenden insgesamt auszusagen als von der Seele. Am deutlichsten (würde dies), wenn man versuchte, die Leistungen und Affektionen der Seele durch eine Art Harmonie zu erklären; es nämlich schwer miteinander zusammenpasst. Ferner: Wenn wir »Harmonie« sagen, haben wir zweierlei im Blick: zum einen, im eigentlichen Sinne, die Zusammensetzung von Dingen mit Ausdehnung, die Bewegung und Position haben, und zwar dann, wenn sie sich so zusammenfügen, dass sie nichts Gleichartiges mehr in sich aufnehmen können; und zum anderen, davon abgeleitet, auch die Proportion der vermischten Teile. Allerdings ist (in Bezug auf die Seele) keine von beiden Aussageweisen plausibel. Die (Auffassung, die Seele sei die) Zusammensetzung der Teile des Körpers, ist allzu leicht zu widerlegen: Es gibt nämlich viele verschiedene Zusammensetzungen der Teile und auch viele verschiedene Weisen (sie zusammenzusetzen); von was oder auf welche Weise soll man nun annehmen, dass die Vernunft eine Zusammensetzung sein soll, oder auch das Wahrnehmungs­ oder Strebevermögen? Und ebenso abwegig ist (die Auffassung), die Seele sei ein Verhältnis der Mischung. Die Mischung der Elemente hat ja nicht das gleiche Verhältnis, je nachdem, ob es Fleisch ist oder Knochen. Es würde sich also ergeben, dass es viele Seelen gibt, die zudem über den ganzen Körper verteilt sind, wenn denn wirklich alle (Körper) aus den vermischten Elementen bestehen und das Verhältnis der Mischung Harmonie und Seele ist. Hierzu könnte man freilich auch von Empedokles eine Erklärung fordern: Er behauptet nämlich, jeder (Körperteil) bestehe durch ein bestimmtes Verhältnis (der Elemente). Ist die Seele nun das Verhältnis oder eher etwas anderes, was in die Körperteile hineinkommt? Ferner: Ist die Liebe Ursache für jede beliebige Mischung oder (nur) für die, die dem Verhältnis entspricht? Und ist sie selbst das Verhältnis oder etwas anderes neben dem Verhältnis? Solche Schwierigkeiten sind also mit diesen Auffassungen verbunden. Wenn die Seele aber etwas anderes als die Mischung ist, warum gehen dann das, was es heißt, Fleisch zu sein, und die übrigen Teile des Lebewesens gleichzeitig zugrunde? Außerdem: Wenn nicht jeder Körperteil eine Seele hat und die Seele nicht das Verhältnis der Mischung ist, was ist es, das zugrunde geht, wenn die Seele abgeschieden ist? Dass die Seele also keine Harmonie sein noch sich im Kreis herumdrehen kann, ist aus dem Gesagten klar. Dass sie akzidentell bewegt wird, ist jedoch möglich, wie wir gesagt haben,[Anm. Hrsg. 2] und auch dass sie sich (akzidentell) selbst in Bewegung setzt, etwa indem das bewegt wird, worin sie sich befindet und dies (wiederum) | von der Seele bewegt wird. Auf andere Weise ist es nicht möglich, dass sie dem Orte nach bewegt wird. Mit mehr Recht könnte man bei ihr zweifeln, ob sie nicht bewegt sei, wenn man Folgendes in den Blick nimmt: Wir pflegen ja zu sagen, dass die Seele Schmerz leidet, sich freut, kühn ist, sich fürchtet, ferner zürnt, wahrnimmt und denkt; und dies scheinen alles Bewegungen zu sein. Von daher könnte man glauben, dass sie bewegt sei. Das ist aber nicht notwendig. Wenn das Schmerz­-Leiden oder Sich­Freuen oder das diskursive Denken nämlich auch noch so sehr Bewegungen sind und jedes einzelne davon auch ein Bewegt­-Werden ist, das Bewegt­-Werden aber von der Seele ausgeht, wie etwa das Sich-Erzürnen oder Sich­-Fürchten das auf diese bestimmte Weise Bewegt­-Werden des Herzens ist – das diskursive Denken ist vielleicht auch so etwas oder etwas anderes –, und diese teils dadurch zustande kommen, dass sich etwas dem Orte nach bewegt, teils aber durch qualitative Veränderung – welche (Teile) dies sind und auf welche Weise (sie bewegt werden), ist eine andere Frage – : Doch zu sagen, die Seele erzürne sich, ist so, wie wenn man sagte, die Seele webe ein Tuch oder baue ein Haus. Vielleicht ist es nämlich besser, nicht zu sagen, die Seele habe Mitleid oder lerne oder denke diskursiv, sondern der Mensch durch die Seele. Dies aber nicht so, als wäre die Bewegung in ihr, sondern so, dass sie mal bis zu ihr hin und mal von ihr ausgeht, z. B. dass die Wahrnehmung von diesen bestimmten Gegenständen hier ausgeht und die Wiedererinnerung von ihr aus zu den Bewegungen und Stillständen in den Wahrnehmungsorganen geht. – Die Vernunft scheint aber als eine bestimmte Art von Substanz hineinzukommen und nicht zugrunde zu gehen. Sie würde sonst ja am ehesten durch Altersschwäche zugrunde gehen. Nun ereignet sich aber wohl genau dasselbe wie bei den Sinnesorganen: Wenn ein alter Mann nämlich ein gleich gutes Auge erhielte, so würde er so sehen können wie ein Jüngling. Das Alter besteht folglich nicht darin, dass die Seele etwas erlitten hat, sondern das, in dem sie sich befindet, ganz so wie bei Rausch und Krankheit. Und so lässt auch das Denken im Sinne der theoretischen Betrachtung nach, wenn etwas anderes innen zugrunde geht, es selbst aber wird nicht affiziert. Und diskursiv zu denken und zu lieben oder zu hassen sind nicht Affektionen von jenem (Denken), sondern | von diesem bestimmten Einzelnen, das es besitzt, und zwar insofern es jenes besitzt. Deswegen erinnert es sich nicht und liebt auch nicht, wenn dieses (bestimmte Einzelne) zugrunde geht; denn es gehörte nicht zu ihm, sondern zu dem Gemeinsamen (aus Seele und Körper), das umgekommen ist. Die Vernunft dürfte aber wohl etwas Göttlicheres und unaffiziert sein. Dass es also nicht möglich ist, dass die Seele bewegt wird, ist hieraus klar. Und wenn sie überhaupt nicht bewegt werden kann, dann offenbar auch nicht von sich selbst. Von dem, was dazu gesagt wurde, ist es aber bei Weitem am unsinnigsten, zu behaupten, die Seele sei eine Zahl, die sich selbst bewegt. Für diejenigen, die dies tun, ergeben sich nämlich als erste diejenigen Unmöglichkeiten, die sich aus der Annahme herleiten, die Seele sei bewegt, dann aber auch spezielle aus der Behauptung, sie sei eine Zahl: Wie soll man sich denn eine bewegte Einheit denken, und (bewegt) von wem, und wie, da sie doch ohne Teile und innere Unterschiede ist? Wenn sie nämlich zum Bewegen fähig und auch bewegbar sein soll, muss sie in sich unterschieden sein. Ferner: Da sie behaupten, die bewegte Linie bringe die Oberfläche hervor, der (bewegte) Punkt aber die Linie, so werden auch die Bewegungen der Einheiten Linien sein; denn der Punkt ist eine Einheit, die eine Position hat. Die Zahl der Seele befindet sich dann bereits an einem Ort und hat eine Position. Ferner: Wenn man von einer Zahl | eine Zahl oder Einheit subtrahiert, bleibt eine andere Zahl übrig; aber die Gewächse und auch viele Tiere bleiben lebendig, wenn sie zerschnitten sind, und scheinen der Art nach dieselbe Seele zu haben. Es dürfte (in dieser Hinsicht) aber wohl keinen Unterschied machen, ob man von Einheiten oder von kleinen Körperchen redet. Denn selbst bei den Kügelchen des Demokrit, wenn sie zu Punkten würden und nur ihre Quantität bliebe, würde darin etwas sein, was teils das Bewegende und teils das Bewegte ist, so wie im Kontinuierlichen. Denn was wir gesagt haben, ergibt sich nicht dadurch, dass ein Unterschied in Größe oder Kleinheit vorliegt, sondern dadurch, dass es ein Quantum ist; und deswegen muss es notwendig etwas geben, das die Einheiten in Bewegung setzt. Und wenn das Bewegende im Lebewesen die Seele ist, so auch in der Zahl, so dass die Seele nicht das Bewegende und das Bewegte, sondern nur das Bewegende ist. Wie kann sie dann aber noch Einheit sein? Ihr muss in Bezug auf die anderen (Einheiten) ja ein Unterschied zukommen. Was aber sollte der Unterschied eines einheitlichen Punktes sein, außer (seiner) Position? Wenn nun die Einheiten und die Punkte im Körper (von ihr) verschieden sind, so werden die Einheiten an demselben (Ort) sein; denn die Einheit wird den Ort eines Punktes einnehmen. Indessen: Wenn zwei (Einheiten) sich am gleichen Ort befinden, was hindert, dass es auch unendlich viele sind? Denn die Dinge, deren Ort unteilbar ist, sind es auch selbst. Wenn die im Körper befindlichen Punkte aber die Zahl der Seele sind bzw. wenn die Anzahl der im Körper befindlichen Punkte die Seele ist, warum haben dann nicht alle Körper eine Seele? Denn Punkte scheinen in allen (Körpern) vorzukommen, und zwar unendlich viele. Ferner: Wie können die Punkte von den Körpern getrennt und abgelöst werden, wenn schon die Linien nicht in Punkte geteilt werden können?


  1. ↑ 407b29 »die auch in den öffentlichen Dis­kussionen gleichsam zur Rechenschaft gezogen worden ist« Hier scheint Aristoteles sich auf seine eigene kritische Diskussion der Harmonie­-Auffassung der Seele in seinem veröffentlichten, nun aber verlorenen Dialog Eudemus zu beziehen (vgl. den Bericht von Philoponus, Comm. In De an. 141.33–142.6, 144.21–145.7 = Fr. 45 Rose). Möglich ist auch, dass er sich neben seiner eigenen Diskussion auch auf Platons Phaidon bezieht, in dem die Harmonie­-These ebenfalls schon einer Kritik unterzogen worden ist.
  2. ↑ 408a31 »wie wir gesagt haben« In I 3, 405b31 f