AAGMW/Anfangsgründe der Baukunst.
Die Baukunst ist eine Wissenschaft, ein Gebäude recht anzugeben, daß es nemlich mit den Hauptabsichten des Bauherrns in allem völlig übereinkommet.
2. Durch das Gebäude verstehen wir einen Raum, der durch die Kunst eingeschlossen wird, um sicher und ungehindert gewisse Verrichtungen darinnen vorzunehmen.
3. Ein Gebäude wird feste genennet, wenn keine Gefahr ist, daß es einfället, oder in kurzem durch den Gebrauch verschlimmert und unbrauchbar gemachet wird.
4. Ein Gebäude ist bequem, wenn man alle nöthige Verrichtungen ohne Hinderniß und Verdruß darinnen vornehmen kan.
5. Die Vollkommenheit des Gebäudes bestehet in einer völligen Uebereinstimmung desselben mit den Hauptabsichten des Bauherrns.
6. Die Schönheit ist die Vollkommenheit, oder ein nöthiger Schein derselben, in so weit so wohl jene als dieser wahrgenommen wird, und ein Gefallen in uns verursachet.
7. Weil uns um eines Vorurtheils willen etwas gefallen kan; so können wir für schön halten, was in der That nicht schön ist, und im Gegentheil entweder die Schönheit nicht merken, oder gar einen Uebelstand daraus machen. Und daher ist es möglich, daß einer etwas für schön hält, der andere nicht.
8. Weil aber die wahre Vollkommenheit eine nothwendige Verknüpfung mit den Hauptabsichten des Gebäudes haben muß (§. 5.), so kan man, wenn man sich nach denselben erkundiget, die wahre Schönheit von der falschen unterscheiden.
9. Ausserwesentliche Zierrathen des Gebäudes werden genennet alles dasjenige, was bloß zu dem Ende gemacht wird, damit die Vorbeygehenden dadurch angelocket werden, das Gebäude anzuschauen.
10. Damit man nun nicht an denselben allein hangen bleibe, und dadurch von Betrachtung des Gebäudes abgehalten werde; so müssen sie nicht überflüßig gemacht werden.
11. Will man demnach den Anschauenden Gedanken von der Kostbarkeit des Gebäudes beybringen; so kan dieses viel besser durch die Vortreflichkeit der Materie und der Arbeit, als durch den Ueberfluß der ausserwesentlichen Zierrathen geschehen.
12. Ein jedes Gebäude muß feste aufgeführet werden (§. 3.).
13. Die Dauerhaftigkeit des Gebäudes hat man aus der Länge der Zeit zu urtheilen, durch welche die Verrichtungen währen, die in demselben vorzunehmen sind.
14. Ein jedes Gebäude muß bequem gebauet werden (§. 4.).
15. Ein Gebäude muß schön und zierlich gebauet werden (§. 6. 9.).
16. Diejenigen Verhältnisse sind in der Baukunst die besten, welche sich durch nicht allzugrosse Zahlen aussprechen lassen.
Diejenigen Verhältnisse sind für schön zu erachten, welche einen Gefallen in uns verursachen, indem wir sie wahrnehmen (§. 6.). Wir können sie aber nicht wahrnehmen, wenn wir sie nicht durch das Augenmaaß ausmessen können: welches auch bey Geübten nicht anders angehet, als in denen Verhältnissen, welche sich durch nicht allzugrosse Zahlen aussprechen lassen. Derowegen sind diese für die besten Verhältnisse zu achten. W. Z. E.
17. Die guten Verhältnisse sind demnach 1:1, 1:2, 1:3, 1:4, 1:5, 1:6, u. s. w. ingleichen 2:3, 3:4, 4:5, 5:6, u. s. w. noch mehr 3:5, 5:7, 7:9, u. s. w.
18. Weil das blosse Augenmaaß, auch der Geübten, die Verhältnisse nicht auf ein Haar treffen kan: so mag man ohne Gewissen, sonderlich wenn es andere Umstände erfordern, von den erzählten in Kleinigkeiten abweichen.
19. Durch das Augenmaaß kan man am besten urtheilen, ob etwas noch einmal so groß ist, als das andere. Derowegen ist die Verhältniß wie 1 zu 2 die zierlichste unter allen.
20. In einem jeden vorkommenden Falle aus den guten Verhältnissen die beste zu erwählen.
1. Weil die Verhältnisse auch mit den Absichten der Theile des Gebäudes, in welchem sie gebrauchet werden, übereinkommen müssen (§. 1.): so könnet ihr aus Erwegung derselben urtheilen, welche Abmessung grösser seyn soll, als die andere, z. E. ob die Höhe grösser seyn soll, als die Breite; ja ihr könnet auch daraus schliessen, ob die grössere viel oder wenig grösser seyn soll, als die kleinere.
2. Nachdem ihr dieses gefunden, so wählet euch aus dem ersten Zusatze des dritten Lehrsatzes (§. 17.) ein Verhältniß, da die beiden Glieder entweder viel oder wenig nach Erforderung der Sache von einander abgehen.
Z. E. eine Gemachthüre muß so hoch seyn, daß man aufgerichtet durchgehen kan, und also nicht unter 6
{\displaystyle {\tfrac {1}{2}}}Schuhen. Da nun die Hälfte davon 3{\displaystyle {\tfrac {1}{4}}} nicht viel grösser ist, als die Breite eines angekleideten Menschen; so schicket sich am besten für die Verhältniß der Breite einer Gemachthüre zu der Höhe wie 1 zu 2.21. Die Eurythmie oder Wohlgereimtheit ist die Aehnlichkeit der Seiten bey einem unähnlichen Mittel. Die Franzosen nennen sie Symmetrie. Ein Exempel giebet die äusserliche Gestalt unseres Leibes.
22. Da nun die Erfahrung lehret, daß, wenn man auch nur im geringsten von der Eurythmie abweichet, das gute Ansehen so bald verderbet [
623] wird; so muß der Baumeister dieselbe sorgfältig in allem, was man auf einmal übersehen kan, in Acht nehmen.23. Wenn man demnach etwas in der Weite ganz übersiehet, in der Nähe aber nur einen Theil desselben auf einmal sehen kan; so muß man die Eurythmie sowol im Ganzen, als in den besonderen Theilen anbringen.
24. Daher, wenn ein Gebäude sehr breit ist, so wird es entweder nur in der Mitten, oder auch an den Ecken etwas herausgerücket, oder, wie man insgemein redet, es bekommet risalit.
25. Durch den Bauzeug verstehen wir alles, was zum Baue wirklich angewendet wird, als Holz, Ziegel, Steine, Sand, Kalk.
26. Zu einem vorhabenden Baue soll man dauerhaften Bauzeug erwählen (§. 12.).
27. Weil die Gebäude durch das Feuer, das Wasser, die Witterungen der Luft, ihre eigene Last, und endlich durch ihren Gebrauch verschlimmert und verheeret werden; so müsset ihr nachforschen, wie sich der Bauzeug im Feuer, im Wasser, in den Witterungen der Luft, unter der Last des Gebäudes und bey dessen Gebrauch halte.
28. Wenn das Holz nicht trocken ist, so trocknet es erst in dem Gebäude. Wenn es trocknet, so schwindet es, wirft sich und bekommet Ritze. Hierdurch aber wird das Gebäude verschlimmert. Derowegen muß das Bauholz trocken seyn (§. 26.).
29. Das Bauholz zu fällen.
1. Hauet im Herbste die Bäume auf der einen Seite bis auf die Mitte des Marks ein.
2. Endlich vom Mittel des Decembris an bis gegen das Mittel des Februarii, da der Baum am wenigsten Saft hat, lasset es fällen (§. 28.).
30. Das gefällete Bauholz recht auszutrocknen.
Leget es 3 Jahr unter einem Schopfen in einem trockenen Orte dergestalt über einander, daß es nicht auf der Erde auflieget, und für dem Regen zwar verwahret ist, dennoch aber allenthalben von der freyen Luft durchstrichen werden kan.
31. Die Güte der Steine zu erforschen.
Ob die Steine feste sind, könnet ihr durch Schlagen erfahren. Die Dauerhaftigkeit in [
625] der Kälte und Luft aber, wenn ihr sie nach dem Vitruvio (lib. 2. c. 7.) zwey Jahre unter freyem Himmel liegen lasset. Wenn ihr einen Stein ins Feuer werfet, werdet ihr gewahr, ob er darinnen springet, oder nicht. Auch meynet Alberti (lib. 2. c. 8.), es könne sich ein Stein im Feuchten nicht wohl halten, wenn er schwerer wird, so man ihn mit Wasser begiesset.32. Die Backsteine oder Ziegel zu machen.
1. Streichet die Ziegel im Frühlinge und Herbste, nicht aber im heissen Sommer und im Winter, da sie von der Hitze Ritzen bekommen, oder durch den Frost von einander fallen; aus zarter und nicht allzufetter Erde, die ohne Sand, Kieß, Würzelchen und Würmer ist, welche ihr vorher eingeweichet und wohl unter einander gerühret.
2. Setzet sie in eine Scheune, da sie zwar wider die Sonnenstrahlen und den Regen verwahret sind, aber doch die Luft frey durchstreichen kan, damit sie austrocknen.
3. Endlich, wenn sie recht getrocknet, lasset sie in dem Ofen brennen. So werden sie feste und nicht übrig schwer.
33. Die Ziegel zu probiren, ob sie gut sind oder nicht.
Ob die Ziegel feste sind, erfahret ihr durch [
626] Schlagen: ob sie recht ausgebrannt sind aber, wenn ihr mit einem Hölzlein, Eisen oder Finger daran schlaget, und darauf merket, ob sie helle klingen.34. Der Sand, den man zum Bauen brauchet, muß trocken, rauh und rein, das ist, mit keiner Erde vermenget seyn.
Denn sonst läßt er sich nicht mit dem Kalke fest vereinigen, und kan man die Ziegel und Steine in Mauren damit nicht fest binden, wie die Erfahrung lehret.
35. Den Bausand zu probiren.
Reibet ihn in dem Handteller, und merket darauf, ob er ein Geräusche machet und Staub zurück lässet. Denn aus dem ersten erkennet man, daß er trocken und rauh; aus dem andern, ob er rein ist.
36. Vitruvius (lib. 2. c. 4.) erzählet dreyerley Arten des Sandes, nemlich den gegrabenen Sand, den Flußsand, und den Meersand. Der gegrabene ist entweder schwarz, oder grau, oder roth, oder glänzend, oder kieselicht. Der schwarze Sand ist unrein, und also zum Bauen nicht tauglich. Der graue ist etwas besser, weil er nicht so viel Erde bey sich hat. Vitruvius ziehet ihm den rothen vor; allen Arten des Sandes aber den glänzenden.
37. Der Kalk soll aus harten und reinen Steinen gebrannt werden.
[
627]Denn sie geben einen weissen und festen Kalk.
38. Den Kalk zu probiren, ob er gut gebrannt sey, oder nicht.
Es sollen die Steine um 1/3 leichter worden seyn; der Kalk soll weiß, leicht und klingend seyn; er soll sich in dem Gestelle, darinnen er eingemacht wird, dicke anhängen, und im Löschen mit einem dicken Dampfe aufsteigen.
39. Den Kalk durch etliche Jahre gut zu erhalten.
1. Löschet ihn mit Wasser, und rühret ihn in einen dünnen Brey.
2. Lasset ihn durch ein Loch an dem Boden des Troges in eine in der Erden zubereitete Grube fliessen.
3. Wenn die Grube voll ist, decket sie mit Sande zu, damit der Kalk nicht austrocknen kan, sondern so lange feuchte bleibet, bis man ihn zum Verarbeiten mit Spathen aussticht.
40. Eine Stütze nennen wir alles dasjenige, was eine Last aufhält, die sonst fallen würde.
[
628]41. Die runde Stützen werden Säulen genennet, und zwar Wandsäulen, wenn ihr Schaft zum Theil eingemauret.
42. Die eckichten Stützen heissen Pilasters oder Pfeiler, und nennen sie einige Wandpfeiler, wenn sie zum Theil eingemauret sind.
43. Ein Stein, der den Kopf eines über die Mauer hervorragenden Balkens vorstellet, wird ein Kragstein genennet.
44. Es muß an dem ganzen Gebäude nichts angehängtes und angekleibetes erscheinen, sondern vielmehr alles entweder seinen festen Grund haben, oder zulänglich unterstützet seyn.
Dieses erfordert die Festigkeit (§. 12.) und der Schein derselben.
45. Man muß keine Stütze an das Gebäude machen, wo nichts zu tragen ist; jede Stütze aber muß auf einem festen Grunde ruhen.
46. Jede Stütze muß in ihren Abmessungen der Last proportioniret seyn, die sie tragen soll, und entweder aus eben solcher Materie zubereitet [
629] werden, aus welcher die Last bestehet, oder aus gleich fester, oder auch lieber aus noch festerer.47. Weil nun eine kurze und dicke Stütze mehr tragen kan, als eine hohe und dünne; so muß die Dicke in der Höhe wenigmal enthalten seyn, wo eine grosse Last zu tragen ist; hingegen vielmal, wo eine kleine zu unterstützen.
48. Und da sie gewisser stehet, wenn sie unten dicke, oben dünne ist; so muß sie wie ein abgekürzter Kegel in ihrer Dicke abnehmen.
49. Eine Säule mit ihren dazu gehörigen Gesimsen nennet man in der Baukunst eine Ordnung.
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50. Der unterste Theil der Ordnung AB, der zur Erhöhung der Säule gebraucht wird, wird das Postement; der mittlere CD die Säule; der obere EF, welcher das Gebälke vorstellet, so von der Säule getragen wird, das Hauptgesimse genennet. [Fig. 1]
51. Das Postement kan überall wegbleiben, wo die Säule schon vor sich erhöhet ist; hingegen das Hauptgesimse niemals (§. 45.).
52. Das Postement kan man auch zur Erhöhung anderer Sachen, die um einer gleichmäßigen Ursache willen erhöhet werden müssen, als der Statüen in einem Garten, brauchen.
[
630]53. Die Linie, um welche ein Theil, oder auch ein Glied eines Theiles breiter ist, als das andere, nennet man die Ausladung; Goldmann heisset sie die Vorstechung.
54. Das Postement hat drey Theile, 1. das Fußgesimse BG, 2. den Würfel HG, 3. das Postementgesimse AH: deren der erste den Grundstein, den man unter den Würfel, der dritte aber den Deckel, den man über den Würfel leget, vorstellet.
55. Da nun das Fuß- und Postementgesimse zur Verwahrung des Würfels dienen, kan keines von beiden jemals weggelassen werden: beide aber müssen Ausladung über den Würfel haben.
56. Die Säule hat gleichfalls drey Theile: 1. das Schaftgesimse IC, 2. den Schaft IK, 3. das Capitäl DK. Der erste stellet einen Besetzziegel vor, der unter die Säule kommet; der dritte eine Tafel, so auf die Säule geleget wird.
57. Daher muß das Schaftgesimse und Capitäl Ausladung über die Säule haben, damit die Säule gewisser stehet, und der Balken sicherer auflieget. Hingegen kan das Schaftgesimse keine Ausladung über den Würfel haben, weil es auf diesem ruhet.
[
631]58. Auch das Hauptgesimse hat drey Theile, 1. den Architrab LE, 2. den Frieß MN, 3. den Karnieß FO. Der erste stellet einen Querbalken vor, der nach der Breite des Hauses geleget wird; der andere die Köpfe der Balken, so auf diesem ruhen; und der dritte die Dielen, so darauf genagelt werden, nebst der Dachrinne.
59. Daher muß das unterste Glied des Architrabs, ingleichen der Frieß, keine Ausladung über den Obertheil des Schaftes haben; denn keine Last muß breiter seyn, als der Grund, worauf sie ruhet, wenn sie feste liegen soll.
60. Hingegen der Karnieß muß Ausladung über die ganze Ordnung haben, weil er den Regen von ihr abhalten soll.
61. Damit die erwähnten Theile der Ordnungen ein besseres Ansehen bekämen, hat man sie aus kleinen Gliedern zusammensetzen wollen. Da man sich aber vorgenommen, keine anzunehmen, als die sich durch Zirkel und Lineal zeichnen lassen; so hat man zweyerley Arten der Glieder bekommen, platte und krumme. Jene nennet man Platten, wenn sie groß sind, Plättlein, wenn sie klein sind. Diese aber sind entweder erhaben, oder ausgehöhlet, oder erhaben und ausgehöhlet zugleich. [
632] Es können aber die erhabenen und ausgehöhlten entweder aus einem halben Circul, oder nur aus einem Bogen gemachet werden. Die erhabenen heissen Stäbe, wenn sie groß sind; Stäblein, wenn sie klein sind; Viertelstäbe, wenn ihre Figur nach einem Bogen gerichtet: die ausgehöhlten insgesamt Hohlkehlen: die zugleich erhaben und ausgehöhlet sind, Karniesse, wenn sie groß sind; Karnießlein, wenn sie klein sind. Hierzu kommet noch der Ab- und Anlauf, welcher ein ausgehöhletes Glied ist, so entweder oben oder unten zwey, sonderlich platte, Glieder an einander hänget.
62. Einen Stab zu zeichnen.
1. Theilet die Höhe AB in 2 gleiche Theile in C. [Fig. 2]
2. Beschreibet aus C mit dem Radio CA einen halben Circul (§. 61.).

63. Einen Viertelstab zu zeichnen.
1. Theilet die Höhe AC in 3 gleiche Theile, und gebet
{\displaystyle {\tfrac {2}{3}}}davon, nemlich AG, der Ausladung AB. [Fig. 3]2. Machet mit BC aus C und B einen Durchschnitt in D.
3. Beschreibet aus D den Bogen BC.[
633]
64. Eine Hohlkehle zu zeichnen.
1. Theilet die Höhe AB in 2 gleiche Theile in E, und machet die Ausladung AC = AE. [Fig. 4]
2. Machet mit BC aus B und C einen Durchschnitt in D.
3. Beschreibet aus D mit DB den Bogen BC.

65. Einen grossen Karnieß zu zeichnen.
1. Machet die Ausladung AC = AB. [Fig. 5]
2. Richtet aus der Mitten E der Höhe BC ein Perpendicul DE = AC auf (§. 70. Geom.).
3. Beschreibet aus D mit dem Radio DA den Quadranten AF, und aus E mit dem Radio EB den Quadranten BF.

66. Einen kleinen verkehrten Karnieß zu zeichnen.
1. Machet die Ausladung AC =
{\displaystyle {\tfrac {1}{2}}}AB. [Fig. 6]2. Theilet die Linie BC in zwey gleiche Theile in D.
3. Machet mit CD aus C und D den Durchschnitt F, und aus D und B den andern G.
4. Endlich beschreibet aus F mit FC den Bogen DC, und aus G mit GD den Bogen DB.
67. Eine doppelte Hohlkehle zu zeichnen.

1. Theilet die Höhe NL in drey gleiche Theile, so daß NK =
{\displaystyle {\tfrac {1}{3}}}NL und KL = {\displaystyle {\tfrac {2}{3}}}NL.[Fig. 7]2. Machet HN = NK und LI = KL, und ziehet KM mit NH parallel.
3. Machet KO = NH und KM = LI, und beschreibet aus O mit KO den Bogen KH, und aus M mit MK den Bogen KI.
68. Einen Ab- und Anlauf zu zeichnen.

1. Theilet die Höhe HC in zwey gleiche Theile, und machet die Ausladung AH =
{\displaystyle {\tfrac {1}{2}}}HC.[Fig. 8]2. Ziehet CI auf HC perpendicular, und machet es =
{\displaystyle {\tfrac {5}{4}}}HC.Wenn man die Ausladung AH =
{\displaystyle {\tfrac {2}{3}}}HC machet; so wird CI = {\displaystyle {\tfrac {13}{12}}}HC.Man könte auch mit AC aus A und C einen Durchschnitt in I machen.
69. Der Würfel, Schaft und Frieß sollen an ihre Ober- und Unter-Plättlein ab- und anlaufen.
Die Sachen, so aus Einem Stücke gemacht sind, sehen fester aus, als die aus vielen zusammengefüget werden. Da nun der Würfel, Schaft [
635] und Frieß, als Dinge, die zum Unterstützen gemacht sind, feste aussehen sollen (§. 54. 56. 58); so müssen sie mit ihrem Ober- und Unterplättlein nicht allein aus Einem Stücke gemacht werden, sondern man muß auch dieses deutlich wahrnehmen können. Dieses letztere aber wird durch den Ab- und Anlauf erhalten (§. 61.).70. Der Schaft soll nicht mit Ringen und Kränzen umgeben, noch mit Weinranken umwunden, oder auf Schraubenart umher ausgedrehet werden.
Der Beweis gründet sich, wie der vorige, auf das Ansehen der Festigkeit.
71. Durch die wesentlichen Glieder verstehe ich diejenigen, welche in einem Theile der Ordnung nothwendig seyn müssen.
72. Demnach muß in dem Fußgesimse nothwendig eine Platte, und in dem Postementgesimse eine Platte, oder wenigstens ein Oberplättlein; an dem Schaft ein Unterplättlein mit einem Anlaufe, und ein Oberplättlein mit einem Ablaufe; in dem Schaftgesimse und Capitäl eine grosse Platte; in dem Architrab eine grosse Platte, und in dem Karniesse eine grosse abhangende Platte nebst dem Karniesse und Oberplättlein seyn; denn diese Glieder stellen etwas vor, so zu den Theilen der Ordnungen gehöret (§. 54. 56. 58.).
'[636]'73. In das Postementgesimse, das Captäl und den Karnieß schicken sich alle Glieder ausser dem Stabe und der doppelten Hohlkehle; in das Fuß- und Schaftgesimse alle Glieder ausser dem Viertelstabe.
In dem Postement-Gesimse, Capitäle und Karniesse nimmet die Ausladung beständig zu; und dannenhero schicken sich dahin alle Glieder, welche nicht allein selbst oben eine Ausladung haben, sondern über die auch andere darüber geordnete Glieder eine Ausladung bekommen können. Dieses aber trifft bey allen Gliedern ausser dem Stabe und der doppelten Hohlkehle ein (§. 61.). Denn weil am Stabe die Glieder über den Diameter, und in der genannten Hohlkehle über die Linie, welche den ausgehöhleten Bogen berühret, geordnet werden müssen; können sie keine Ausladung über dieselben bekommen. Derowegen schicken sich in die erwähnten Theile der Ordnungen alle Glieder ausser dem Stabe und derselben Hohlkehle. Welches das erste war.
In dem Fuß- und Schaftgesimse nimmet die Ausladung immer ab; derowegen schicken sich ausser den Platten, dem Stabe und der doppelten Hohlkehle, nur diejenigen Glieder dahin, welche man verkehrt setzen kan. Man kan aber die Karniesse und Hohlkehlen verkehrt setzen, und [
637] wegen des Stabes hat man den Viertelstab nicht nöthig. Derowegen schicken sich dazu alle Glieder, ausser dem Viertelstabe. Welches das andere war.74. Ausser den verschiedenen Gliedern haben die Griechischen Baumeister und mit ihnen die Römischen noch andere Zierrathen eingeführet, nemlich die Schnörkel und Blätter von welschem Bärenklee mit den Stengeln; die Triglyphe mit den Zapfen; die Kälberzähne und Kragsteine: die ersten, als einen Zierrath der Capitäle; die andern als einen Zierrath des Frieses; und die dritten als einen Zierrath des Karniesses im Hauptgesimse. Den Raum zwischen zwey Triglyphen, Kälberzähnen und Kragsteinen nennet man die Zwischentiefe. Aller dieser Zierrathen Beschaffenheit ist aus den unten folgenden Aufgaben (§. 89. 90. 91. 92.) abzunehmen.
75. Aus den bisher erklärten Gründen lassen sich die fünf Ordnungen zusammensetzen: deren vier, die Toscanische, Dorische, Ionische und Corinthische von den Griechen, die fünfte und Römische aber von den Römern erfunden worden.
76. Die Toscanische Ordnung ist die schlechteste unter allen, deren Capitäl und Gesimse mit wenigen Gliedern gezieret. Die Dorische hat im Capitäl auch keine Schnörkel, [
638] aber in den Gesimsen mehr Glieder, und im Friese Triglyphen mit Zapfen. Die Ionische hat im Capitäle acht Schnörkel, und keine Blätter: die Römische noch dazu zwey Reihen Blätter: die Corinthische 16 Schnörkel, acht Stengel, und drey Reihen Blätter.Auflösung.
1. Weil die Höhe der Säule nach ihrer Dicke proportioniret werden muß; so nehmet zum Maaß oder Modul den Semidiameter des gleichdicken Schaftes an, und theilet ihn in 30 kleine Theile oder Minuten.
2. Gebet den kleinen Gliedern wenige, den grossen mehrere von diesen Dreyßig-Theilchen des Moduls; so werden lauter gute Verhältnisse der Glieder gegen einander herauskommen.
Beweis.
Der deutlichste Beweis ist, wenn man eine Tafel verfertiget, darinnen die Höhen jedes Gliedes nach dergleichen Theilchen angewiesen. Dergleichen wir auch zu dem Ende hieher setzen.
[639]
| Namen der Glieder | Höhe |
| Ein Plättlein | 1 bis 2 |
| Ein Oberplättlein | 1 bis 4 |
| Eine Platte | 3 bis 10 |
| – im Architrab | 8 bis 15 |
| Die abhangende Platte | 6 bis 10 |
| Ein Stäblein | 1 bis 3 |
| Ein Stab | 4 bis 8 |
| Ein Viertelstab | 3 bis 6 |
| Eine Hohlkehle aus einem halben Circul | 2 bis 5 |
| Eine Hohlkehle | 2 bis 5 |
| Ein Karnießlein | 2 bis 5 |
| Ein Karnieß | 5 bis 10 |
Denn hier dürfet ihr nur die Höhen verschiedener Glieder mit einander vergleichen; so werdet ihr allezeit wahrnehmen, daß eine gute Verhältniß (§. 17. 20.) herauskommet. W. Z. E.