ADHM/AdH/Herm. 010
▶10) An Stellen wie dieser tritt die intrikate Reflexivität dieses Textes besonders hervor: Ein und derselbe Terminus tritt unmittelbar nebeneinander auf zwei logisch verschiedenen Ebenen auf. Es kann aber nicht anders gehen, wenn mithilfe von Sprache über Sprache gesprochen wird. – Was nun die ungewöhnliche Sache selbst angeht, nicht-A, das unbestimmte Nomen, dem in Kap. 3 sogleich ein ebenso unbestimmtes Verb zur Seite tritt, so gibt es einige verfolgbare Spuren. Ausgangspunkt ist Metaph., A 9 990 b 13f. (= 1079 a 9f.): »nach dem Beweis, welcher von der Einheit über der Vielheit ausgeht, müßte es auch von den Negationen Ideen geben« (übers. Bonitz; der originale Wortlaut ist noch viel konziser). Für sich selbst würde diese knappe Bemerkung nichts ausgeben, zumal die Partien 990 b 2ff. (= 1078 b 34ff.) bis zur Unverständlichkeit zusammengekürzt sind. Gerade dieser Befund hat darauf geführt, in beiden Partien das stichwortartige Exzerpt einer früheren Schrift des Aristoteles zu identifizieren, deren Punkte er in seiner Auseinandersetzung mit der platonischen Ideenlehre hier eingearbeitet hat. Vgl. Düring, Arist. (1966), S. 243 ff. Mithilfe der weiteren Angaben des Kommentators Alexander v. Aphrod. (bei Ross, Arist. Fragmenta selecta (1955), De ideis Frg. 3, dort speziell S. 123 f.) kann man die Argumentation weitgehend aufhellen, und das bringt mehr: »Auch eine Verneinung wird ja von vielem ausgesagt« ist die Begründung zum o. z. Satz; also das Nennen von etwas (hier einer Idee) setzt ein Schweigen über alles andere außer ihm mit. Und Aristoteles hat, wenn Alexander Glauben verdient, bei diesem Negativen auch an negative Form gedacht: Nicht-Mensch – was dann sein könnte: Pferd, Hund und überhaupt alles, was eben »nicht Mensch« ist; item nicht-gebildet, Nicht-Pferd, Nicht-Holz. Die Beispiele zeigen also, daß er das in der Hermeneutik verwendete Material für verallgemeinerbar gehalten hat. Wenn es nun davon auch Ideen nicht geben kann, so wäre es immerhin sinnvoll, von solchen Negativa zu reden. In der Hermeneutik versucht er darüber hinaus, diese Kontradiktion in Absetzung gegen das Konträre in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang einzuordnen (23 b 20f.), zwar offenbar nur inzidentell und unbeholfen, aber es zeigt, daß ihm diese Vorstellung auch anderswo geläufig ist. – Nichtweiter führt der Hinweis auf den Dialog Eudemos (Frg. 45 Rose = 7 Ross): Die dortige »unbestimmte Verneinung« gibt erstens inhaltlich nichts her, zweitens ist sie nicht auf Aristoteles zurückzubringen, sondern Alexanders Eigentum. – Über alles bisher Beigebrachte hinaus ist aber die Topik eine Fundgrube zur Sache. Mehrere Topoi befassen sich ausdrücklich mit Verneinung in allen Varianten. Ausgehend von dem zutiefst dialektischen Satz: Wer »Wissen« bestimmt, bestimmt nebenbei irgendwie auch »Unkenntnis« mit, den er inzidentell fallenläßt (VI, 9 Topos [37], 147 a 17f.), finden sich Ausdruck und bedachte Vorstellung von »nicht gut« (IV, 4 [41]), »nicht schön« (IV, 7 (30]), »nicht gleich« (VI, 9 [41]); daneben setzt er »nicht Mensch« (II, [24 a]), »nicht Lebewesen« (V, 6 [4 b]), Letzteres ist eben »nicht mit Seele ausgestattet« (V, 6 [4 a]); wo er Blindheit einordnen muß, reicht es in einem Fall mit »nicht Sinneswahrnehmung« aus (IV, 4 [40]), entsprechend »nicht sehen« (V, 6 [3]); die Bestimmung der Geraden schließlich als einer Länge, die »nicht Breite« hat (VI, 6 143 b 1ff.) ist geradezu Standard: Eine Prüfung dieses Stoffs würde ergeben, wie sehr diese negativen Setzungen aus der Akademischen Dihairesismethode kommen, die sich, wenn sie ein x definitionis herunterverfolgen will, auf der je anderen Einteilungsseite ja mit einem »nicht so« zufriedengeben kann. – Man darf schließlich noch auf seine späteren, eleganteren Lösungen zwar des Kontrastes halber hinsehen: »Was der Möglichkeit nach etwas ist, ohne es doch schon in tatsächlicher Wirklichkeit zu sein, das ist das (noch) Unbestimmte (Metaph., Γ 4, 1007 b 28 f.); und: »Aus ›nicht-Mensch, aber der Möglichkeit nach schon Mensch (wird) Mensch, und aus ›nicht-weiß, aber der Möglichkeit nach weiß‹ weiß (Metaph., N 2, 1089 a 29–31; vgl. Phys., Γ 2, 202 a 11f.). Aber man sollte es vom hier vorliegenden Stand des Bewußtseins fernhalten, es sei denn, wirklich überzeugende Gründe zwängen zum Gegenteil.