A priori und A posteriori vor Kant
Die Begriffe stammen ursprünglich keineswegs aus der Erkenntnistheorie, sondern aus der aristotelischen Logik und Physik. Sie wurden im Mittelalter (bereits im 14. Jahrhundert, u.a. durch Albert von Sachsen) latinisiert:
- A priori (von dem, was davor liegt): Meinte ursprünglich den Beweis von der Ursache auf die Wirkung. Wenn ich weiß, dass es blitzt (Ursache), kann ich a priori folgern, dass es gleich donnert (Wirkung). [1]
- A posteriori (von dem, was danach kommt): Meinte den Beweis von der Wirkung auf die Ursache. Ich höre den Donner (Wirkung) und schließe a posteriori darauf, dass ein Blitz eingeschlagen hat. [1]
In der Scholastik bei Thomas von Aquin und Duns Scotus ging es bei diesen Begriffen also rein um die Richtung des logischen Argumentierens.
Erst Kant hat die Begriffe im 18. Jahrhundert radikal umgedeutet: Bei ihm meint a priori plötzlich „völlig unabhängig von aller Erfahrung“ (reine Vernunftformen wie Raum, Zeit und die Kategorien), während a posteriori „aus der Sinneserfahrung stammend“ bedeutet. Und genau hier greift Ihre Kritik: Kant setzt diese apriorischen Formen als unbeweisbare, feste „Hardware“ des Geistes voraus, um ein stabiles Fundament zu behaupten. [1, 2]
2. Geschieht das hier bei Duns Scotus auch?
Auf den ersten Blick sieht es exakt so aus: Scotus erklärt die „Intellektualität“ zur prima ratio constitutiva – zu einem Ur-Grund, der nicht weiter abgeleitet werden kann. Man könnte ihm vorwerfen: „Du behauptest einfach, dass der Geist so aufgebaut ist, damit dein theologisches System funktioniert!“
Bei genauerer Betrachtung unterscheidet sich Scotus’ Methode hier jedoch fundamental von Kants Dogmatismus. Es gibt zwei entscheidende Unterschiede:
A. Der unhintergehbare Definitions-Stopp (Kein Trick, sondern Logik)
Scotus wendet hier ein rein logisches Prinzip an. Wenn man eine Definition baut, muss man irgendwann bei den kleinsten, unteilbaren Bausteinen ankommen.
- Wenn ich frage: „Warum ist ein Dreieck ein Dreieck?“, lautet die Antwort: „Weil es drei Ecken hat.“ Wenn ich weiter frage: „Warum konstituieren drei Ecken ein Dreieck?“, gibt es keinen früheren Begriff mehr. Man steht am logischen Ur-Anfang (prima ratio).
- Scotus sagt: Das Denken (die Intellektualität) ist ein solcher Ur-Baustein. Er „schummelt“ sich nicht an einer Begründung vorbei, sondern stellt fest, dass man das Denken nicht durch Nicht-Denken erklären kann.
B. Die Verankerung in der Realität (A posteriori als Rettung)
Während Kant behauptet, wir könnten die Dinge an sich (die wahre Realität) niemals erkennen und müssten uns mit unseren inneren, apriorischen Geist-Strukturen abfinden, verankert Scotus sein System in der realen Außenwelt:
- Er sagt im Text explizit: Wir beweisen, dass Gott und der Geist real existieren und aktiv sind, a posteriori – also durch ihre messbaren, realen Wirkungen im Universum (necessario effectus in universo).
Fazit für Ihre Forschung (Die Brücke zu Cusanus)
Duns Scotus nutzt a priori im alten, ehrlichen Sinne: Er gibt offen zu, dass der menschliche Verstand unfähig ist, den göttlichen Geist a priori (aus sich selbst heraus) zu durchleuchten.
Und genau das ist die direkte Wurzel für Cusanus:
Cusanus wird diesen Gedanken im „Gelehrten Nichtwissen“ vollenden. Da der Ur-Geist unendlich ist, versagt jede A-priori-Konstruktion der menschlichen Logik. Cusanus wirft den Scholastikern (die sich zu sehr auf feste, scheinbar selbstverständliche Begriffe verließen) vor, sie würden Gott in das Korsett ihrer eigenen Verstandesregeln zwängen wollen. Für Cusanus ist der menschliche Geist zwar ein Bild des göttlichen Geistes, aber er erlangt Wahrheit nur, indem er erkennt, dass seine eigenen A-priori-Kategorien vor dem Unendlichen kollabieren.