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Vorwort
Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren wies mich mein akademischer Lehrer in Göttingen auf die besondere Bedeutung der altdeutschen Glossen für die frühmittelalterliche Kulturgeschichte hin. Gern bin ich dem Hinweis gefolgt und habe ihn vielfach bestätigt gefunden. Nur allzu gern hätte ich dabei ein brauchbares, alle althochdeutschen Quellen zusammenfassendes Wörterbuch benutzt.
Zur Verfügung stand dabei in erster Linie der vor allem auf Editionen zwischen 1826 und 1829 beruhende Althochdeutsche Sprachschatz des Königsberger Germanisten Eberhard Gottlieb Graff (1780-1841). Seinerzeit ein die verschiedenen althochdeutschen Mundarten (Altbayerisch, Altalemannisch, Altfränkisch [,Altsüdrheinfränkisch, Altrheinfränkisch, Altostfränkisch, Altmittelfränkisch,] Langobardisch usw.) erstmals lexikographisch zusammenfassender Meilenstein der deutschen Germanistik ist dieses Wörterbuch heute in vielen Hinsichten überholt. Nicht nur sind seit seinem Erscheinen die schon bekannten Quellen in verbesserter Form ediert und viele neue Quellen aufgespürt worden, sondern es ist auch deren Inhalt vielfach genauer erschlossen worden. Hinzu kommt, daß dieses die Belege umfassend dokumentierende Grundlagenwerk wegen seiner Ordnung nach Stammsilben trotz eines 1846 von Hans Ferdinand Maßmann besorgten alphabetischen Indexes nicht leicht zu benützen ist.
Einen einfacheren Zugang vermittelte demgegenüber das 1882 in zweiter Auflage in zwei Bänden vorgelegte Altdeutsche Wörterbuch des ebenfalls in Königsberg wirkenden Germanisten Oskar Schade, welches sein 1861 erschienenes Altdeutsches Lesebuch entlasten und ergänzen sollte. Da es aber den Versuch wagte, die verschiedenen Lautstände etwa des Gotischen, des Althochdeutschen, des Altsächsischen und des Mittelhochdeutschen zu einem annähernd übersichtlichen Ganzen zu gruppieren, und dabei einen Lautstand wählte, der noch altertümlich genug sein sollte, zugleich aber auch den späteren Formen möglichst entsprechen sollte, blieb ihm der große Erfolg versagt. Hinzu kam, daß es unter Zeitdruck mit zahlreichen Unzuträglichkeiten veröffentlicht worden war.
Ein kritischer Neubeginn wurde danach auf Grund des von Elias von Steinmeyer gesammelten Materiales im Auftrag der sächsischen Akademie der Wissenschaften von Elisabeth Karg-Gasterstädt und Theodor Frings unternommen. Seit 1952 erschien in Berlin ihr seine (althochdeutschen) Ansätze nach dem Lautstand der altostfränkischen Übersetzung der Evangelienharmonie des Syrers Tatian normalisierendes, die Stichwörter grundsätzlich nach dem neuhochdeutschen Alphabet ordnendes Wörterbuch, welches einerseits den gesamten in althochdeutschen Texten und Glossaren überlieferten Wortschatz, nach Form und Bedeutung untersucht und in seinen Belegen vollständig erfaßt, für die weitere Forschung bereitstellen soll und andererseits als Index zu der fünfbändigen Ausgabe der althochdeutschen Glossen (d. h. Einzelworterklärungen) von Steinmeyer und Sievers und zu den kleineren althochdeutschen Sprachdenkmälern von Steinmeyer gedacht ist. Wegen dieses ambivalenten Charakters verzeichnet es zum einen auch mittelhochdeutsche, altsächsische und altniederfränkische Ansätze, ist aber zum anderen weder für diese Sprachen noch für das Althochdeutsche, für welches es hinsichtlich der in den lateinischen Quellen (Urkunden, Chroniken, Viten usw.) der althochdeutschen Zeit vorkommenden volkssprachigen Wörter auf einen Supplementband (bzw. für die Eigennamen auf einen Ergänzungsband) verweist, erschöpfend. Hinzu kommt, daß es wegen seiner Gründlichkeit auch nach vierzig Jahren erst zu weniger als der Hälfte bearbeitet ist und zugleich wegen dieses langsamen Fortschreitens gegenüber der parallelen Forschung in den erschienenen Teilen in Einzelheiten deutlich veraltet.
Im übrigen liegen - abgesehen von Wörterbüchern zu einzelnen Texten (z. B. Notker, Otfrid, Tatian, Mondseer Fragmente, Isidor, Murbacher Hymnen, kleinere althochdeutsche Sprachdenkmäler usw.) - bisher nur zwei Wörterbücher zu größeren Teilbereichen vor. Rudolf Schützeichel, dem gegenwärtigen Meister der althochdeutschen Sprachwissenschaft, verdankt die Forschung ein 1969 in erster, 1974 in zweiter, 1981 in dritter und 1989 in vierter Auflage veröffentlichtes Althochdeutsches Wörterbuch. Es beschränkt sich auf die in allmählicher Entwicklung von ihm anerkannten geschlossenen althochdeutschen Texte. Es läßt in dieser Beschränkung die für seine alphabetische Ordnung zugrundegelegten Normalisierungen der Ansätze nicht eindeutig erkennen, grenzt das Althochdeutsche nicht strikt genug vom Altsächsischen und Altniederfränkischen ab, sondert Texte und Glossen nicht völlig überzeugend voneinander und geht auf den Einfluß der lateinischen Vorlagen auf das Althochdeutsche im Gegensatz zu seinen drei Vorläufern überhaupt nicht ein. Das von Taylor Starck angeregte und von John C. Wells ausgearbeitete, von 1971 bis 1990 erschienene Glossenwörterbuch beschränkt sich im Gegensatz hierzu auf die volkssprachigen Glossen. Es normalisiert und alphabetisiert zwar sein Material, trennt aber die erfaßten Sprachen nicht klar genug voneinander ab, gibt trotz der fast vollständigen Abhängigkeit seiner Belege von lateinischen Vorlagen nur jeweils höchstens drei lateinische Vorlagewörter an und ist infolge der nur allmählich erfolgten Verbesserung seiner Anlage und durch die Vielzahl seiner Nachträge, Berichtigungen und Ergänzungen nicht übersichtlich genug.
Aus all dem folgt, daß es nicht nur vor 30 Jahren das gesuchte, alle althochdeutschen Quellen zusammenfassende althochdeutsche Wörterbuch noch nicht gegeben hat, sondern daß es auch heute dieses grundlegende Forschungsinstrument noch nicht gibt. Deswegen soll es nach langjährigen Vorarbeiten hier versucht werden. Dabei sollen folgende Grundsätze Anwendung finden.
Allgemein geht es darum, den gesamten Wortschatz des Althochdeutschen als der gegenüber dem Germanischen durch die sog. althochdeutsche Lautverschiebung gekennzeichneten ältesten Sprachstufe des Hochdeutschen zu erfassen, welche vielleicht bis ins 6. Jahrhundert, jedenfalls aber bis ins frühe 8. Jahrhundert zurückreicht und um die Mitte des 11. Jahrhunderts in das Mittelhochdeutsche übergeht. Deswegen sind nicht nur die etwa 290 000 Wörter der 74 bekannten althochdeutschen Texte, welche durch rund 125 (bzw. 200) Handschriften überliefert werden und sich auf etwa 11 000 Stichwörter aufteilen, einbezogen, sondern auch die rund 210 000 volkssprachigen Glossenbelege (Einzelworterklärungsbelege) zu meist antiken lateinischen Texten, welche durch mehr als 1100 Handschriften tradiert sind und zu etwa 22 000 Stichwörtern gehören. Darüber hinaus sind erstmals auch die sonstigen althochdeutschen bzw. lateinisch-althochdeutschen Einsprengsel in frühmittelalterlichen lateinischen Texten wie Urkunden, Chroniken, Viten usw. aufgenommen, soweit sie mir (in etwa gut 1000 Fällen) bekannt geworden sind. Und schließlich habe ich viertens erstmals versucht, in zahlreichen Fällen zufällige Überlieferungslücken durch systematische Verwertung des überlieferten Wortschatzes zu schließen. Nicht mindestens teilweise althochdeutsche Wörter der einbezogenen Quellen sind bei dieser Zusammenstellung ausgesondert, auch nur teilweise althochdeutsche Wörter aus im übrigen nichtalthochdeutschen Denkmälern dagegen aufgenommen. Über Verweise ist hierbei mittelbar auch der gesamte altsächsische und altniederfränkische Wortschatz verwertet.
Geordnet ist dieser gesamte, erstmals in rund 40 000 Ansätzen bzw. Verweisen das gesamte Althochdeutsche und zugleich auch unmittelbar nur dieses erfassende Stoff nach dem modernen deutschen Alphabet. Im Gegensatz zu den Vorgängern habe ich dabei unbetonte Vorsilben nicht anders behandelt als betonte Vorsilben. Homonyme (völlig gleichlautende) Ansätze sind nach vergebenen Kennziffern (1), (2), (3) usw. aufgereiht.
Jeder Wörterbuchartikel beginnt mit einem von den Schreibgewohnheiten bzw. dem Lautstand der um 830 in Fulda entstandenen altostfränkischen Übersetzung der Evangelienharmonie des Syrers Tatian ausgehenden wissenschaftlichen und insofern künstlich vereinfachenden Normalansatz (Normalform), auch wenn dieser selbst quellenmäßig nicht überliefert ist. Nur so kann dem interessierten modernen Benutzer der althochdeutsche Wortschatz übersichtlich dargestellt werden. Will er sich über die ganz unterschiedlichen Schreibgewohnheiten aller althochdeutschen Schreiborte bzw. Schreiber genauer in Kenntnis setzen, muß er von der Ebene des Wörterbuchansatzes auf diejenige der Texte bzw. Belegverzeichnisse fortschreiten.
Nicht gefolgt wird dabei anderen normalisierenden Wörterbüchern darin, ein unter k, kk oder sk eingeordnetes Wort mit c, ck oder sc anzusetzen. Vielmehr wird jeder Ansatz so gebildet, daß er sich dort findet, wo ihn der Benutzer nach dem modernen Alphabet erwartet (z.B. wird ein unter sk eingeordnetes Wort auch mit sk angesetzt). Statt der im Germanischen vorhandenen Buchstaben bzw. Buchstabenfolgen þ, (h)l, (h) n, (h)r, (h)w werden - wie allgemein üblich - d, l, n, r, w gebraucht.
Lange Vokale werden dabei grundsätzlich wie kurze Vokale behandelt. Allerdings sind die entsprechenden Wörter nicht homonym und wird deshalb das Wort mit kurzem Vokal einem nur durch die Länge eines Vokals von ihm geschiedenen zweiten Wort vorausgeordnet (z. B. ahtunga vor õhtunga). Kann ein Vokal kurz und lang sein, werden für das Althochdeutsche beide Formen nebeneinander verwendet (z. B. bara, bõra), während für die anderen Sprachen die Vokalzeichen À, Á, Â, Å, È usw. benützt werden.
Jeder in dieser Weise vollständig normalisierte und alphabetisch eingeordnete Ansatz ist dann durch ein Sternchen (*) am Wortanfang gekennzeichnet, wenn er nicht durch mindestens einen (zu seinem Paradigma gehörenden) Beleg der Überlieferung gesichert, sondern nur (auf Grund von mittelbaren Zeugnissen) erschlossen ist. Ist (nach Ausweis der jeweiligen Editionen) ein Wort nur in einer nicht dem Ansatz entsprechenden Form bzw. Schreibweise bezeugt, also nur grammatikalisch oder orthographisch abgewandelt überliefert, zeigt ein Sternchen am Ende des Ansatzes diese Besonderheit an. Maßgeblich ist dabei die buchstabengetreue Übereinstimmung, welche etwa nicht besteht zwischen i und j, zwischen u und v oder zwischen uu und w. Die Tatsache der Groß- oder Kleinschreibung wird hierbei nicht berücksichtigt. Gängige Geheimschriften und Abkürzungen werden dagegen umgewandelt und aufgelöst. Übergeschriebene Buchstaben werden beachtet.
Diesem allgemeinen Hinweis auf die Beleglage folgt in der Regel eine durch Auszählen, bei hohen Belegmengen manchmal auch durch Schätzen ermittelte Zahl der (mindestens teilweise) althochdeutschen Belege des Stichworts, wobei mehrere Handschriften desselben Textes grundsätzlich nur als ein einziger Beleg gewertet werden. Allerdings war es mir dabei ebenso wie der gesamten bisherigen Forschung nicht möglich, alle schon mittelhochdeutschen Glossenbelege von den (mindestens teilweise) noch althochdeutschen Belegen zu trennen, so daß diese Zahlen nur einen relativen Aussagewert besitzen. Bei Beachtung dieser Besonderheit ergeben sie aber doch schon einen ersten Hinweis auf die Bedeutung eines Wortes im Althochdeutschen bzw. genauer in der auf uns gekommenen Überlieferung des Althochdeutschen.
Zusätzlich zu der Hauptform des Ansatzes, welche die alphabetische Einordnung eines Stichwortes uneingeschränkt bestimmt, sind an verschiedenen Stellen Nebenformen beigegeben worden, welche andere Normalisierungsvorschläge einbinden wollen und zugleich die weitere Sprachentwicklung andeuten können. Hierher gehören etwa c, ch, ck, ph, sc und v neben k, hh, kk, pf, sk und f (z.B. akkar, ackar, druk, druc, hafan, havan). Regelmäßig wird dabei vom Standort der Nebenform auf den Standort der Hauptform verwiesen.
An Hauptform und eventuelle Nebenform des Ansatzes schließt sich die Angabe der zugehörigen Sprache an. Sie lautet im Zweifel ahd. (d.h. althochdeutsch), kann aber wegen der Besonderheiten des ebenfalls einbezogenen Langobardischen auch auf diese (knapp 1000 Ansätze bietende) Sprache hinweisen (lang.). Bei Mischwörtern ist dementsprechend auch die Kennzeichnung als lateinisch-althochdeutsch (lat.-ahd.) oder lateinisch-langobardisch (lat.-lang.) möglich. In unsicheren Fällen ist sie mit einem Fragezeichen versehen.
Dem folgt die genaue grammatikalische Bestimmung des Stichwortes. Im Vordergrund stehen dabei die nach den allgemeinen Gepflogenheiten abgekürzt gekennzeichneten Wortarten. Darüber hinaus ist aber hier erstmals auch der Versuch gemacht, eine genauere Klassifikation vorzunehmen (z.B. Stämme der Substantive, Klassen der Verben usw.). Unsicherheiten sind auch hier jeweils durch Fragezeichen offengelegt.
An das damit abgeschlossene Lemma wird (nach einem Doppelpunkt) die Angabe der neuhochdeutschen Bedeutungen (nhd.) angeschlossen. Sie verwertet in weitem Umfang die vorliegende Literatur, welche für die Bedeutungsermittlung so weit wie möglich vom jeweiligen Kontext ausgeht. Darüber hinaus versucht sie, in vorsichtiger Weise die Zufälligkeiten auszugleichen, welche sich bei diesem bloß kontextbezogenen Vorgehen aus dem vielfach doch recht engen Überlieferungsbefund ergeben. Zusätzlich bemüht sie sich verschiedentlich darum, dem Leser die geschichtliche Entwicklung der Bedeutungen dadurch nahezubringen, daß sie teils eine möglichst wörtliche Wiedergabe in neuhochdeutschem Sprachmaterial vornimmt, wie dies die frühmittelalterlichen Autoren bei ihrer Begegnung mit ihren lateinischen Vorlagen ebenfalls getan haben dürften, daß sie teils aber auch die heutigen Inhalte des Wortes verzeichnet. Beides geschieht jedoch jeweils nur innerhalb von Anführungszeichen (»....«).
Um das Werk einer internationalen Gelehrtenwelt leichter zu eröffnen, folgen den neuhochdeutschen Bedeutungsangaben einfache neuenglische (ne.) Bedeutungsangaben. Im Zweifel gebührt dabei wegen des zusätzlich notwendigen Übersetzungsvorganges den neuhochdeutschen Angaben der Vorzug. Immerhin ermöglichen die neuenglischen Angaben aber auch dem nichtdeutschsprachigen Interessenten an der deutschen Germanistik einen ersten Einstieg in das Althochdeutsche.
An diese Bedeutungsangaben schließen sich (unter ÜG.:) alle lateinischen Teile der lateinisch-althochdeutschen Übersetzungsgleichungen an. Sie sind keine Bedeutungsangaben in Latein aus heutiger Sicht, sondern wollen in normalisierter Form und alphabetisierter Reihenfolge sowie unter summarischer Angabe der zugehörigen Quellen nur anzeigen, welches lateinische Wort einer lateinischen Vorlage (der römisch-christlichen Antike) dem althochdeutschen Verfasser bei der (übersetzenden) Verwendung seines jeweiligen althochdeutschen Wortes vorgelegen hat (oder mit größter Wahrscheinlichkeit vorgelegen hat). Wegen der grundsätzlichen Herkunft der althochdeutschen Zeugnisse aus dem lateinisch-althochdeutschen Übersetzungsvorgang wird nämlich das Althochdeutsche erst bei Kenntnis dieser Übersetzungsbezüge wirklich verständlich und kann seinerseits Rückwirkungen auf das Verständnis der lateinischen Sprache im Frühmittelalter entfalten.
Die sich hieran anschließenden Verweise stellen sodann (unter Vw.:) in erster Linie die durch die strenge Alphabetisierung notwendigerweise zerrissenen Sachzusammenhänge in einfacher und leicht verständlicher Weise wieder her, indem sie von allen Grundwörtern bzw. bloßen Wortelementen auf die mit ihnen gebildeten Zusammensetzungen verweisen, wobei der bloße Gedankenstrich ausschließlich die Normalform des jeweiligen Lemmas ersetzt, von welchem verwiesen wird. Hinzu kommen verschiedentlich sonstige Hinweise innerhalb des Althochdeutschen. Schließlich wird, weil das Althochdeutsche in der Überlieferung gegenüber dem Altsächsischen und Altniederfränkischen eindeutig vorherrscht und eine Abgrenzung zwischen diesen drei Sprachen des öfteren überhaupt nicht oder zumindest nicht eindeutig möglich ist, von jedem (, wenn auch nur auf der Grundlage des Altsächsischen oder Altniederdeutschen erst erschlossenen,) althochdeutschen Stichwort auf eine eventuell vorhandene altsächsische oder altniederfränkische Überlieferung verwiesen.
Danach folgen (unter Q.:) summarische Angaben der Quellen, in denen das jeweilige Stichwort belegt ist. Aus praktischen Gründen wird dabei den Kennzeichnungen der Texte durch Siglen seitens Rudolf Schützeichels weitgehend gefolgt. Insbesondere mit den zusätzlichen Siglen Gl und Urk wird sachlich aber ein erheblich weiterer Umfang von Material einbezogen. Der jeweils ältesten Quelle ist dabei trotz aller auch damit verbundenen Schwierigkeiten und Unsicherheiten eine Jahreszahl ihrer vermutlichen Entstehungszeit bzw. hilfsweise der Entstehungszeit ihrer Überlieferung beigefügt, welche erkennen läßt, wann etwa das Stichwort erstmals in der Überlieferung erscheint.
Der Abschnitt Interferenz (I.:) prüft erstmals für jedes der behandelten Stichwörter die Frage, in welchem Maße es durch die Begegnung der althochdeutschen Welt mit einer fremden Sprache beeinflußt worden ist. Hierbei werden Lehnwort, Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung und Lehnbedeutung unterschieden und Unsicherheiten wieder durch Fragezeichen kenntlich gemacht. Insgesamt läßt sich hieraus ohne weiteres ein erstes Gesamtbild der stürmischen Entwicklung des Althochdeutschen in der Zeit seiner Begegnung mit dem antik-christlichen Erbe gewinnen.
Im Anschluß hieran geht die Rubrik Etymologie (E.:) in gebotener Kürze systematisch der Frage der etymologischen Herkunft jedes Ansatzes nach. Abgesehen von den Fällen der Lehnwörter bedeutet dies die Suche nach Vorformen vor allem im (allerdings seinerseits nur rekonstruierten) Germanischen. Darüber hinaus lassen sich aber in vielen Fällen und in verschiedenen Abstufungen der Wahrscheinlichkeit auch die aus dem Indoeuropäischen kommenden (rekonstruierten) älteren Wurzeln aufzeigen.
Dem folgt (unter W.:) ein in dieser Breite erstmals unternommener Versuch, die weiterlebenden Teile des Althochdeutschen zusammenzustellen. Dabei wird auf das Mittelhochdeutsche und das Neuhochdeutsche ausgegriffen. In zahlreichen Fällen werden in diesem Zusammenhang auch die neuzeitlichen Mundarten einbezogen.
Den vorläufigen Beschluß jedes Artikel bildet (unter R.:) ein Überblick über die wichtigsten überlieferten Redensarten. Er vermag zwar nicht, eine vollständige Auflistung aller Kontexte und damit auch aller syntaktischen Verhältnisse, wie sie nur einem Werk größeren Umfanges möglich ist, zu ersetzen. Er gibt aber doch einige Hinweise auf besondere Gebrauchsmöglichkeiten des Wortes, die in den Ausgaben bzw. Einzelwörterbüchern ohne weiteres vertieft werden können.
Faßt man all dies zusammen, so ergibt sich, daß das neue, erstmals maschinenlesbar aufgezeichnete Wörterbuch, das seine Vorläufer weder verdrängen will noch ersetzen kann, mit Hilfe seines neuartigen Zuschnittes in aller Kürze eine bisher noch nicht bekannte Fülle von Informationen zur deutschen Sprachgeschichte vereinigt und für jedermann auch ohne spezielle Vorkenntnisse leicht zugänglich macht. Wer sich darüber hinaus für Einzelfragen interessiert, findet in einer umfangreichen Bibliographie alle bedeutenderen Arbeiten der neueren althochdeutschen Forschung (einschließlich der Editionen und Handschriftenverzeichnisse), welche ihm zu weiterer Klärung verhelfen können. Zusätzliche Register werden zudem den Inhalt des Buches von allen berücksichtigten Seiten (neuhochdeutsch, neuenglisch, lateinisch, germanisch, indogermanisch, altsächsich, altniederfränkisch und mittelhochdeutsch) her aufschließen.
Daß mir dieses Werk möglich geworden ist, verdanke ich auch meinen hilfsbereiten Mitarbeitern, von denen ich nur Monika Frese, Marianne Wischmeier-Bayer, Peter Kaser, Josef Schönegger, Claudia Scheiber und Veronika Schönegger besonders hervorheben möchte. Zu danken habe ich ebenso meinen Lehrern, Kollegen und Freunden, welche mir Unterstützung zuteil werden haben lassen. Um Nachsicht zu bitten habe ich schließlich alle meine möglichen Kritiker, die sich aber auch jeweils fragen sollten, warum die sonstige Forschung ein ähnliches Werk bis zum heutigen Tage nicht vorgelegt hat, obwohl es die deutsche Kulturnation längst benötigt und verdient hätte.
Möge das neue Buch künftig die Bearbeitung der deutschen und damit auch europäischen Kulturgeschichte so erleichtern, wie ich mir dies schon vor 30 Jahren gewünscht habe.
Göttingen - Gießen - Innsbruck, den 13. 5. 1993 Gerhard Köbler