Aitia
Aitia agr.-deu., v. aitíā agr. αἰτία 'Anklage, Zurechnung, Tadel, Schuld, Fehler'
Aitia, altgriechisch αἰτία, kann mit ‚Ursache‘ übersetzt werden. Aristoteles verwendet diesen Begriff aber in einer breiteren Bedeutung. Der Sinn dieses zentralen aristotelischen Terminus' lässt sich oft als ‚Grund‘ oder auch ‚Erklärung‘ wiedergeben: Notwendige Bedingung dafür, Wissen von etwas zu haben, heißt seine aitiai angeben zu können. Hiervon gibt es für Aristoteles vier:
- die Materialursache (in mittelalterlicher Tradition: causa materialis): etwa Ursachen, die darin liegen, welche Materialien zum Bau eines Hauses verwendet werden;
- die Wirkursache (causa efficiens): die Kausalität im engeren Sinne; hier die Arbeit derjenigen, die den Bauprozess ausführen;
- die Formursache (causa formalis): Ideen, Absichten usw.; hier der Entwurf des Architekten (auch: die Baukunst)
- die Finalursache oder Zweckursache (causa finalis): hier die Tatsache, dass ein Haus Schutz bietet.
Will man die Einteilung in gerade vier aitiai rechtfertigen, so muss man betrachten, was durch ihre Angabe erklärt werden soll. Das sind Dinge und Veränderungen. Nach Boris Hennig[1] kann man unterscheiden: zum einen zwischen dem natürlichen Ding, das sich verändert, und der natürlichen Veränderung, der das natürliche Ding unterliegt; zum anderen zwischen dem, woraus ein natürliches Ding/eine natürliche Veränderung wird, was es/sie ist, und dem wozu das natürliche Ding/die natürliche Veränderung wird. Kombiniert man diese beiden Unterscheidungen, so ergibt sich die folgende Kreuzklassifikation:[2]
| natürliches Ding, das sich verändert | die natürliche Veränderung, der das Ding unterliegt | |
|---|---|---|
| woraus das Ding oder die Veränderung wird, was es/sie ist | Die Stoffursache betrifft natürliche Dinge, nicht Veränderungen und ist das, woraus diese werden, was sie sind. | Die Wirkursache betrifft natürliche Veränderungen und ist das, woraus die Veränderung wird, was sie ist. |
| wozu das Ding oder die Veränderung wird | Die Formursache betrifft auch nur natürliche Dinge und ist das, wozu das Ding wird, wenn es sich natürlich entwickelt. | Die Zweckursache betrifft auch nur natürliche Veränderungen und ist das, wozu diese werden, wenn sie sich ereignen. |
Um Wissen von Veränderungsprozessen und somit von der Natur zu besitzen, muss man – so Aristoteles – die entsprechenden Ursachen (aitiai) kennen (Phys. I 1, 184a10–14). Aristoteles behauptet, es gebe genau vier Ursachentypen, die jeweils auf verschiedene Weise auf die Frage Warum antworten und die in der Regel bei einer vollständigen Erklärung alle angegeben werden müssen (Phys. II 3, 194b23–35):
| Bezeichnung | traditionelle Bezeichnung | Erläuterung | Beispiel: Ursachen eines Hauses |
|---|---|---|---|
| Materialursache | causa materialis | das, aus dem eine Sache entsteht und dabei in ihr enthalten ist | Holz und Ziegel |
| Formursache | causa formalis | die Struktur; das, was angibt, worin das Sein einer Sache besteht | Bauplan |
| Wirk- oder Bewegungsursache | causa efficiens | das, woher der erste Anlass von Bewegung und Ruhe oder einer Wirkung kommt | Architekt |
| Ziel- oder Zweckursache | causa finalis | das Ziel oder der Zweck, um dessentwillen etwas geschieht | Schutz vor Unwetter |
Der aristotelische Ursachenbegriff unterscheidet sich weitgehend vom modernen. In der Regel treffen zur Erklärung desselben Sachverhaltes oder Gegenstandes verschiedene Ursachen zugleich zu. Die Formursache fällt oft mit der Bewegungsursache und der Finalursache zusammen. Die Ursache eines Hauses sind so Ziegel und Holz, der Bauplan, der Architekt und der Schutz vor Unwetter. Letztere drei fallen oft zusammen, insofern beispielsweise der Zweck Schutz vor Unwetter den Bauplan (im Geist) des Architekten bestimmt.
Die Finalursache ist vom Standpunkt der neuzeitlichen mechanistischen Physik aus kritisiert worden. Von einer insgesamt teleologisch ausgerichteten Natur wie bei Platon setzt sich Aristoteles jedoch weitgehend ab. Finale Ursachen treten für ihn in der Natur vor allem in der Biologie auf, und zwar beim funktionellen Aufbau von Lebewesen und der Artenreproduktion.