Anmerkung:Die Sphäre des Begriffs und die Logik der Sphäre/10
Die Uferlosigkeit der Metaphysik nach Kant
Picht vergleicht die Metapher von der Sphäre des Begriffs mit Ausführungen von Kant zur Uferlosigkeit in der 1790 posthum veröffentlichten Preisschrift über die Fortschritte der Metaphysik.
»Die Grenzbestimmung unserer Erkenntnis, also der Übergang von der unbestimmbaren Fläche der Erfahrungswissenschaft zur Konstruktion eines Modells des globus intellectualis [das Francis Bacon eingeführt hat, t.] wäre die Aufgabe der Metaphysik. Von dieser aber sagt Kant [...]: Sie ist ein uferloses Meer« (Picht, Von der Zeit, S. 67f).
Kant schreibt:
»Die Königliche Academie der Wissenschaften verlangt, die Fortschritte eines Theiles der Philosophie, in einem Theile des gelehrten Europa, und auch für einen Theil des laufenden Jahrhunderts aufzuzählen.
Das scheint eine leicht zu lösende Aufgabe zu seyn, denn sie betrifft nur die Geschichte, und wie die Fortschritte der Astronomie und Chemie, als empirische Wissenschaften, schon ihre Geschichtschreiber gefunden haben, die aber der mathematischen Analysis, oder der reinen Mechanik, die in demselben Lande, in derselben Zeit gemacht worden, die ihrige, wenn man will, auch bald finden werden: so scheint es mit der Wissenschaft, wovon hier die Rede ist, eben so wenig Schwierigkeit zu haben.
»Aber diese Wissenschaft ist Metaphysik, und das ändert die Sache ganz und gar. Dies ist ein uferloses Meer, in welchem der Fortschritt keine Spur hinterläßt, und dessen Horizont kein sichtbares Ziel enthält, an dem, um wieviel man sich ihm genähert habe, wahrgenommen werden könnte. [...] Denn Metaphysik ist ihrem Wesen, und ihrer Endabsicht nach, ein vollendetes Ganze; entweder Nichts, oder Alles. Was zu ihrem Endzweck erforderlich ist, kann also nicht, wie etwa Mathematik oder empirische Naturwissenschaft, die ohne Ende immer fortschreiten, fragmentarisch abgehandelt werden« (Kant, FM, AA 20: 259.12-24).
In der Metaphysik gibt es keine Fortschritte, denn sie umfasst nach ihrem eigenen Anspruch die Zeit und damit die Fortschritte. Es wird sich zeigen, dass es in diesem Meer nur eine innere Krümmung gibt. – Picht hat diesen Ansatz im weiteren Verlauf seines Werks Von der Zeit mit Heidegger kritisiert. Nach seiner Überzeugung liefert auch die Metaphysik nur Entwürfe, die innerhalb der menschlichen Geschichte und innerhalb des Horizonts des In-der-Zeit-Seins des Menschen stehen. Sie vermag sich nicht zu über-zeitlichen Begriffen aufzuschwingen. Wenn Hegel das dennoch versucht, kann ihm vorgehalten werden, eine neue Metaphysik zu gründen, die sich den seit Kant gestellten Fragen ausgesetzt sieht. Umgekehrt gibt es für die Hegelianer nach Hegel keinen Fortschritt mehr, sondern einen Stillstand der Philosophie. Sie kann sich darauf beschränken, das Werk Hegels zu interpretieren.
Siehe hierzu auch die Anmerkung[1] zu Nikolaus von Kues.