aus AufEinWort, der freien Forschung
Cod. Cus. 211, fol. 55v = ed. Klibansky, S. 44, Z. 1ff.: Consideravi, quomodo non est possibile, quod aliquis motus sit precise circularis. Unde nulla stella describit circulum precisum ab ortu ad ortum.
▷ Der Satz zeigt perfekt, wie revolutionär Nikolaus von Kues (Cusanus) für seine Zeit gedacht hat. Er nimmt hier im Grunde schon Erkenntnisse vorweg, die erst über ein Jahrhundert später durch Johannes Kepler mathematisch bewiesen wurden.
Deutsche Übersetzung:
„Ich habe bedacht, dass es nicht möglich ist, dass irgendeine Bewegung exakt kreisförmig ist. Daher beschreibt kein Stern von seinem Aufgang bis zu seinem [nächsten] Aufgang einen exakten Kreis.“
Das gesamte mittelalterliche Weltbild basierte auf Aristoteles und Ptolemäus. Dieses besagte, dass das Universum im Jenseits der Erde perfekt sei – und weil der Kreis als die perfekte geometrische Form galt,
mussten sich alle Himmelskörper auf perfekten Kreisbahnen bewegen.
Cusanus bricht hier radikal mit diesem Dogma:
- Keine perfekte Geometrie in der Physik: Er argumentiert philosophisch-mathematisch, dass es in der materiellen Welt niemals eine hundertprozentige Perfektion oder Exaktheit geben kann. Da der Mensch (und die Natur) die absolute Wahrheit/Perfektion nie ganz erreicht (seine berühmte Lehre von der Docta Ignorantia – dem „belehrtem Nichtwissen“), gibt es auch keinen exakten Kreis in den Planetenbahnen.
- Vorläufer Keplers: Erst 1609 bewies Johannes Kepler mit seinen Gesetzen, dass sich Planeten tatsächlich nicht auf Kreisen, sondern auf Ellipsen bewegen. Cusanus hat das rein durch philosophische Überlegung bereits 1444 erkannt.