Aus der Geschichte des südwestdeutschen Sprachgebiets
Holger Münzer
[✐ | ✎]Quelle: Die Entstehung der Deutschen Sprache
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Das südwestdeutsche Sprachgebiet oder der südwestliche Teil des gesamten deutschen Sprachraumes ist nicht identisch mit Südwestdeutschland, das lediglich einen Teil dieses Sprachgebiets darstellt. Die deutsche Sprache zusammen mit ihren Mundarten geht ja zum Teil ganz erheblich über die deutschen Staatsgrenzen hinaus, im Bereich des südwestdeutschen Sprachgebiets in das Elsaß, in die gesamte deutschsprachige Schweiz und in das Land vor dem Arlberg, das österreichische Bundesland Vorarlberg, Tirol und das Fürstentum Liechtenstein. In dieser Größe und Verteilung des Sprachraumes ist das – oft vergessene – Faktum begründet, daß das Deutsche, gemessen an der Zahl seiner Sprecher, in Europa die größte Sprache ist, gefolgt von Russisch, Italienisch, Englisch, Französisch und den übrigen europäischen Sprachen. Die Schreibweise Alemannen ist im Kern falsch, das kommt jedoch aus dem Lateinischen Alamanni. Es müßte jedoch geschrieben werden: Alle Manen (mit langem a ). Als Kind habe ich ein Lied auf der Straße gelernt: Alle Mane sind halt Pueschte (Pueschte sind Helden), Manen sind einfach Menschen (vgl. man und jederman ). Manen sind Männer und Frauen. Wo nun in diesem deutschen Sprachraum die Alemannen und wo die Schwaben zu lokalisieren sind, scheint hierzulande keine besonders schwierige Frage zu sein: Die Alemannen sind hier - z.B. in Bad Krozingen - und die Schwaben sind drüben hinter dem Schwarzwald. So jedenfalls lautet eine oft erteilte Antwort, wenn nach dem Gebiet des Alemannischen gefragt wurde. Im Großen und Ganzen entspricht diese Antwort auch dem, was Johann Peter Hebel zur Lokalisation des Alemannischen ausgeführt hat. Der Dichter schreibt in der Vorrede zur ersten Auflage seiner 1803 erschienenen Allemannischen Gedichte: Der Dialekt, in welchem diese Gedichte verfaßt sind, mag ihre Benennung rechtfertigen. Er herrscht in dem Winkel des Rheins zwischen Frickthal und ehemaligem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald hin in einem großen Teil von Schwaben. Der Bereich des Alemannischen wäre demnach also – grob gesagt – das Oberrheingebiet samt Schwarzwald im Norden und Elsaß im Westen, die deutschsprachige Schweiz im Süden. Linguistisch etwas strenger betrachtet kommt dazu noch Vorarlberg und Tirol, salopp gesagt das Bergvolk: Schwarzwald, Vogesen, Schweiz und die nördlichen Alpengebiete bis Tirol.
Zwischen diesem Bereich und dem Lande der Bayern wäre folglich das Schwäbische anzusiedeln und somit das hier in Rede stehende südwestdeutsche Sprachgebiet komplett.
Was nun das Land der Bayern betrifft, so ist es offenbar nicht immer rein und ausschließlich bayerisch, nennt sich doch die gesamte Südwestecke dieses Landes nach den Schwaben, nämlich Bayerisch-Schwaben. Und die traditionelle Mundart von Augsburg z.B. ist eben nicht bayerisch, sondern schwäbisch. Unter den Bewohnern Bayerisch – Schwabens wird gelegentlich sogar die Meinung zu hören sein, daß man bei ihnen die eigentlichen und Ur-Schwaben finde, im Unterschied zu den minder schwäbischen württembergischen Schwaben.
Vor fascht zweimol töisich Johr Üs-em hinterschte Ural Herner am Hirn un Pech in de Hoor Sinn se gchumme, d’Allemane.
Durich Sumpf, Muer, Wald un Wies, Nüsgepoltert iwweral lwwer de Rhin, wie d’Ratte scharewis, Sinn si gchumme, d’Allemane.
D’Alewiwer, d’ ganz Bagasch Hintenooch sitter-em Ural, Herner am Hirn un kchen Hemd am A ... Sin se gchumme, d’Allemane.
Holteri-Polteri, rnummlichi Munni, Hungri, lüsi, arm wie Kchilchemiis Haawi Schlüri, rüdigi Trueli, Klotzigi Gselle, growi Tapp-ins-Mues.
Un vun so ebbs stamme mer ab, Un m’r sieht’s uns schins noch an; Herner am Hirn, armseli Lumpepack, Unsre Ahne, d’Allemane.
Gschafft ihr Läwe n’och kchen Streich, Füli Hüt wie Bärefell. Awwer e Herz wie Händschiledder weich Unsri Ahne, dAllemane.
Ohne auf den Wahrheitsgehalt dieser Meinungsäußerung näher einzugehen kann man immerhin bereits bemerken, daß seit dem Anfang dieser Ausführungen die Räume des Schwäbischen und Alemannischen offenbar stetig größer werden, besonders wenn man bedenkt, wie bescheiden es mit hier und drüben hinter dem Schwarzwald soeben noch geklungen hat.

Diese friedliche Expansion ist im Falle des Schwäbischen jedoch nicht auf Bayern beschränkt; meinen doch unsere schweizerischen Nachbarn, wenn sie von Schwaben reden, nicht immer nur die württembergischen oder die bayerischen Schwaben, sondern die Deutschen und früher die Reichsdeutschen überhaupt, also auch die Königsberger, Berliner und Ostfriesen. Ganz Deutschland – ein einziges Schwabenland also.
Bildbeschreibung: Die Karte soll zeigen, wie die Alemannen um das Jahr 100 n.Chr. beginnen, in den Süden vorzudringen. Um sich auf dieser Karte zurechtzufinden empfiehlt es sich, zunächst den Bodensee, das „Alemannische Meer“ (hellblau) zu suchen (links unten)
Für einen Ausgleich zugunsten des Alemannischen sorgen bekanntlich unsere romanischen Nachbarn, so z.B. in Frankreich oder in Spanien, wenn sie mit Allemagne oder Alemanes nicht nur Baden, sondern Deutschland und die Deutschen insgesamt bezeichnen.
Solch eine Ausweitung einer Benennung ist übrigens eine häufige Erscheinung in der Namengebung, die oft pars pro toto verfährt und den Teil für das Ganze einsetzt, in diesem Falle den nächsten Nachbarn für die ganze Nation. Ähnlich verfahren wir beispielsweise hier in Deutschland, wenn wir von Engländern reden und selbstverständlich – manchmal zu deren Leidwesen – auch die Walliser und Schotten mit einschließen. Dieser Typus der Namengebung ist also weder den Engländern, noch den Schwaben oder Alemannen anzulasten.
Aber auch wenn für letztere vornehmlich wieder nur das südwestdeutsche Sprachgebiet reklamiert und in genannter Weise unter ihnen aufgeteilt wird, - also etwa Alemannen im Westen, Schwaben im Osten - geht das nicht ganzohne Schwierigkeiten ab. Die meisten Sprachwissenschaftler fassen nämlich die gesamten südwestdeutschen Mundarten bis in das Gebiet um Augsburg unter dem Leitnamen des Alemannischen zusammen, dem sich dann das Bayerische im Osten und das Fränkische im Norden anschließen.
Bildbeschreibung: Um 260 n.Chr. sind die Alemannen bereits weit in den Süden vorgedrungen, aus dem sie die Römer verdrängt haben.

Alemannien lautete auch der überlieferte politische Name des gesamten südwestdeutschen Sprachgebiets im frühen Mittelalter; und so weisen es auch die entsprechenden Karten in Putzgers historischem Weltatlas aus.
Danach lägen also Stuttgart oder Augsburg in Ostalemannien. Im Hochmittelalter wiederum ist von Alemannien kaum die Rede; dafür heißt nun das gesamte Gebiet Schwaben; somit wären also Freiburg, Colmar oder Bad Krozingen in Westschwaben gelegen.
Bildbeschreibung: 20 Jahre später um 280 n.Chr. haben sie auch das Rheinknie besetzt. Der Rhein ist zunächst eine natürliche Grenze.
Um dieses Hin und Her der Namenverschiebung und Namenwanderung noch etwas zu vervollständigen, sei daran erinnert, daß in der römischen Kaiserzeit das Schwäbische Meer, das mare suebicum, nicht etwa der Bodensee gewesen ist, sondern die Ostsee.
Im 5. und 6. Jh. sind Sueben und zeitweise sogar ein Reich der Sueben im Gebiet des heutigen Nordportugal und Nordwestspanien bezeugt.
Wenn man den großflächigen Bedeutungsumfang von Alemannien und Schwaben für Deutschland insgesamt einmal beiseite läßt, da als Typus der ‘pars-pro-toto-Namengebungen’ ohne weiteres erklärbar, dann bleibt also zunächst für die Schwaben und Alemannen im engeren Sinne immer noch genügend Fragwürdigkeit übrig.
Um es noch einmal zusammenzufassen: Einmal nennt sich das südwest-deutsche Sprachgebiet Alemannien, dann Schwaben, dann wieder ist es geteilt in einen schwäbischen und einen alemannischen Bereich und schließlich soll sogar die Ostsee ein schwäbisches Meer gewesen sein. Diese merkwürdige Konfusion hat ihre Geschichte; und diese Geschichte ist zu befragen, wenn man diese scheinbare Unordnung verstehen will.

Von der Wissenschaft her ist diese ganze Geschichte der schwäbisch- alemannischen Namenskonfusion in ihren Grundzügen längst geklärt. Die Ostsee als mare suebicum der römischen Kaiserzeit verdankt diesen Namen jenem Stamm der bereits mehrfach genannten Sueben, dessen Wohnsitze damals etwa im Gebiet zwischen mittlerer Elbe und der Meeresküste lagen. Im Namen Sueben/Schwaben steckt das germanische Wort sueba, was soviel bedeutet wie ‘frei, selbständig, eigenen Rechts’; damit verbunden ist noch unser heutiges Wort schweben im Sinne von flügge sein. Das Wort sweba ist zudem noch verwandt mit dem germanischen Wort swear, und hat etwa die Bedeutung von ‘die Selbständigen’; die Wurzel swear aber steckt auch in dem Namen des heutigen Schweden. Stammes- oder Volksnamen wie Schweden oder Schwaben stellen von ihrer Herkunft her einen Typus dar, in dem eine bestimmte Qualität oder ein Ideal namenbestimmend wird, in diesen Fällen das Ideal der Selbständigkeit und Freiheit. Der gleiche Typus mit sogar gleicher Bedeutungsrichtung liegt vor im Namen der Franken, der uns als Adjektiv heute nur noch in der Redewendung frank und frei geläufig ist.
Bildbeschreibung: Um 450 n.Chr. dehnen sich die alemannischen Gruppen entlang der Donau aus. Noch ist der Rhein nicht überschritten.
Ganz anders verhält es sich mit dem Namen der Alemannen, der im Unterschied zum Franken- oder Schwabennamen nicht mit einem Bedeutungsideal verbunden ist. Alemannen bedeutet lediglich soviel wie ‘Menschen (Manen) oder Männer, im Gesamten genommen’. Das holländische alman wird übersetzt mit jedermann. Antike Geschichtsschreiber haben folglich den Namen Alamanni oder alamannoi erklärt als zusammengelaufenen und gemischten Haufen von Leuten.
In dieser Bedeutung ist der Sammelname Alemannen als Typus etwa dem Namen Deutsch vergleichbar, der auch keine besondere Qualität meint, sondern schlicht und einfach das Volk heißt. Der Alemannen-Name ist insofern nicht nur weniger ‘bedeutungsschwer’, er ist auch eindeutig jünger als der Schwaben- oder Sueben-Name, der beispielsweise bereits in den Schriften Cäsars belegt ist, während Alamanni zum ersten Male für das Jahr 213 n. Chr. genannt werden.

Unter diesem Namen erschien damals an der römischen Reichsgrenze im heutigen Südwestdeutschland eine Art Stammes- oder Heeresverband, von dem bis dahin noch niemand etwas gehört hatte. Ungeachtet ihres absolut mangelhaften Bekanntheitsgrades haben es diese Alemannen dann fertig gebracht, in wenigen Jahrzehnten das damalige römische Gebiet im heutigen Südwestdeutschland zu erobern. Sie waren damit der erste germanische Verband überhaupt, der römisches Reichsgebiet auf Dauer und für Rom unwiederbringlich in seinen Besitz nehmen konnte.
Bildbeschreibung: Durch die Franken im Norden wird der Expansionsdrang der Alemannen gebremst, die sich dafür über den Rhein ausbreiten und dort Fuß fassen. Die Karten entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Ernst Klett Verlag Stuttgart, Sprachbuch A/B 10
Was hatten aber diese Alemannen mit den Schwaben oder Sueben zu tun? Die Forschung ist sich ziemlich sicher, daß diese alemannischen Verbände, die, von Norden kommend, gegen das römische Gebiet vorrückten, zu einem großen Teil oder zumindest in ihrem Kern aus Sueben bestanden, denen sich auf der Wanderung nach Süden Teile anderer germanischer Stämme zugesellt haben.
In ähnlicher Weise sind wohl andere Sueben-Verbände mit den Zügen der Westgoten nach Spanien gekommen. Diese Sammlung unterschiedlicher Stammeszugehörigkeiten würde den Sammelnamen der Alemannen erklären; die Annahme eines Verbandskernes vorwiegend suebischer Provenienz würde dagegen erklären, warum sich der Schwabenname neben seinem alemannischen Konkurrenten gehalten hat. Die auch für die Römer höchst beeindruckende Eroberungstat wäre somit der erste historische Beweis für die gemeinsame alemannisch-schwäbische Tüchtigkeit. (...)
(...) Der gegenüber Sueben jüngere Name Alamanni hat sich bis zum 6./ 7. Jh. durchgesetzt, danach aber taucht in den Schriftquellen der Schwaben-Name wieder auf. Beispiele: Gregor von Tours schreibt im 6.Jh.: „Suevi, id est Alamanni“, Wahlafried, der Mönch von der Reichenau, nennt im 9.Jh. die Provinz der Alemannen oder Schwaben: „provincia Alamannorum vel Suaborum, Alamannia vel Suevia“, eine Mitteilung Einhart’s aus dem 9.Jh. bezeichnet den Lech als Grenze zwischen Baiern und Alemannen, und umgekehrt zählt im Jahre 1018 Kaiser Heinrich den Breisgau zu Schwaben.
Quellen:
Holger Münzer: „Handbuch der Rhetorik“ (Edition Aetas 2001)
Konrad Sonntag: „Alemannen und Schwaben“ in „Alemannisch dunkt üs guet “,Heft III/IV 1984 (MUETTERSPROCH-Gsellschaft Freiburg) www.lateinforum.de/limes.htm, Sprachbuch A/B 10, Ernst Klett Verlag
Redaktion und Layout:Holger Münzer