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Autarkie Deutschland

aus AufEinWort, der freien Forschung

Autarkie Deutschland ◀▶

In Deutschland beschäftigten sich Ökonomen und Philosophen ebenfalls sehr früh mit der Autarkie-Theorie. Den Gedanken der wirtschaftlichen Selbstversorgung vertieften in umfangreichen Werken unter anderem List, Müller, Kant, Fichte, Hegel, Feuerbach, Treitschke, Mommsen und Marx.[1]

Beispielsweise erwartete sich Immanuel Kant – als Zeitgenosse von Adam Smith – vom Ausbau internationaler Handelsbeziehungen ebenfalls eine Eindämmung des kriegerischen Konfliktverhaltens der Staaten: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.“[2] Allerdings war Kant kein Anhänger eines bedingungslosen Freihandels und betonte:

„Dem Staat muss das Recht der Verbote der Einfuhr zustehen, damit die Erwerbsmittel dem Untertanen zum Besten und nicht zum Vorteil der Auswärtigen und Aufmunterung des Fleißes anderer befördert werden, weil der Staat, ohne Wohlhabenheit des Volkes, nicht Kräfte genug besitzt, auswärtigen Feinden zu widerstehen und sich selbst als gemeines Wesen so nicht erhalten kann.“[3]

Sinngemäß führte er in seinen Ausführungen Zum ewigen Frieden (1795) fort, dass der Staat zur Sicherung der Freiheit und Selbständigkeit seiner Bürger gestaltend in die wirtschaftliche Entwicklung eingreifen müsse. Dazu gehören, laut Kant, Maßnahmen, die geeignet sind, die technologische, organisatorische und wissenschaftliche Kompetenz eines Landes zu heben. So könne bei einem Entwicklungsdefizit die temporäre Abschottung des Binnenmarktes von Produkten aus dem Ausland zwingend erforderlich sein.[3] In seiner im Jahr 1800 publizierten Schrift Der geschlossene Handelsstaat entwarf Johann Gottlieb Fichte die Grundzüge eines autarken Nationalstaates. Grundlagen dieses Staates sind die Freiheit durch Vernunft sowie die wirtschaftliche und politische Autarkie. Den internationalen Handel beurteilte Fichte kritisch, da die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen der verschiedenen Nationen zu einem „allgemeinen geheimen Handelskrieg“ führen. Dazu hielt er fest:

„Die wahre Ursache von Kriegen liegt im streitenden Handelsinteresse der Nationen. Es entsteht ein endloser Krieg aller im handelnden Publikum gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern. Und dieser Krieg wird heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkert. Die Produktion und die Künste [gemeint ist damit der technische Fortschritt] steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge und mit ihr das Bedürfnis aller sich vermehrt und vervielfältigt.“[4]

Als Gegenmittel empfahl Fichte den geschlossenen Handelsstaat, dessen Regierung die eigene Nation gegen alle Einflüsse von außen abschirmt und mit einem vernünftigen Gleichmaß sowie mit strenger Gerechtigkeit herrscht. Unumgängliche Grundlage dieses Staates müsse die Fähigkeit zur Autarkie sein. Obwohl Fichtes Handelssystem eine gewisse Nähe zu sozialistischen Staatsutopien nicht abgesprochen werden kann, bleibt für ihn das private Eigentum unantastbar. Dieses private Eigentum begreift Fichte als existentielle Basis individueller Existenz, da ohne Eigentum keine Freiheit möglich sei. Außerdem muss bei seinen Überlegungen unbedingt berücksichtigt werden, dass Fichte unter Nationalismus keine Ideologie, sondern die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei verstand.[5][6]

Gleichermaßen untersuchte Adam Heinrich Müller, als Hauptvertreter der politischen Romantik, in seinem Werk Die Elemente der Staatskunst (1809) die geistigen Grundlagen von wirtschaftlich entwickelten Nationen, wie diese ihren Reichtum für alle Gesellschaftsschichten nutzbringend anwenden und eine gerechte Weltordnung erzeugen können. Zentral ist dabei seine Kritik am Liberalismus, der dem Gemeinwohl entgegenstehe. Adam Smiths Freihandelskonzept lehnte Müller ab und hob die „kräftigende Wirkung, die eine autarke Wirtschaft auf den Gemeinschaftssinn ausübt“ hervor.[7]

Friedrich List schlug in seinem Hauptwerk Das nationale System der politischen Ökonomie (1841) als Reaktion auf die sich anbahnende britische Freihandelspolitik einen verstärkten Zollschutz junger und noch nicht weltmarkttauglicher Industrien gegenüber der übermächtigen britischen Konkurrenz vor. List war kein Gegner autarker Wirtschaftsformen, jedoch auch kein Feind transnationaler Verflechtungen. Er empfahl eine reichhaltige Mischung wirtschaftspolitischer Maßnahmen, mit denen nachholende Ökonomien ihre Stellung in der Weltwirtschaft optimieren können. Für Deutschland war List außerdem ein Vorkämpfer des 1834 geschaffenen Zollvereins. International einflussreich wurden seine Theorien lange nach seinem Tod für die Wachstumsstrategien von Entwicklungsländern.[8]

Die heftigste Kritik am Freihandel liefert der Marxismus. Er versteht sich auch heute noch als klassische Gegentheorie zur liberalen Lehre und besagt, dass Freihandel abzulehnen ist, weil er die Freiheit des Kapitalverkehrs zur Grundlage hat. Ohne nationale Barrieren für das Kapital trete der Gegensatz zwischen den Klassen noch stärker hervor („gewissenlose Handelsfreiheit“). Zudem verschärfe der Freihandel die nationale und internationale Ungleichheit, was niemals friedensfördernd sein könne.[9] Zur Autarkie analysierte Karl Marx, dass kapitalistische Länder niemals autark sein können, da der Kapitalismus immer auf Expansion angewiesen ist. Deshalb sei „in einer internationalen Produktionsweise jeder Gedanke an das längerfristige Überleben einer autarken Wirtschaftsorganisation ein Hirngespinst“. Infolge dieser Ambivalenz haben kommunistische Bewegungen die Autarkie zu verschiedenen Zeiten als Ziel angenommen oder abgelehnt.[10]

Deutsches Kaiserreich

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Während des raschen Wirtschaftswachstums ab 1850 hatte sich die deutsche Wirtschaftsentwicklung von den Autarkiebestrebungen des Merkantilismus auf Laissez-faire und Internationalismus verlagert. Bismarck und mit ihm alle Deutschen Kaiser förderten den internationalen Handel. Bereits im April 1866 erklärte Georg Siemens, der bald die Deutsche Bank gründen sollte: „Seit wir nämlich durch Abschließung des französischen Handelsvertrages unsere ganze Handelspolitik geändert haben und in den Freihandel übergegangen sind, seit diesem Augenblick sind wir in das westeuropäische System übergegangen.“[11]

Dass 1871 mitten in Europa ein wirtschaftlich starker, ihren kontinentalen Nachbarn überlegener großer Einheitsstaat entstand, bedeutete eine geopolitische Revolution. Die Mitte Europas war bis dahin immer staatlich fragmentiert gewesen. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Deutschland, eine fundierte und erfolgreiche Wirtschaftspolitik weit über seine Grenzen hinaus zu führen. Dies war möglich geworden, weil sich das Deutsche Kaiserreich auf vielfältige Weise in die Weltwirtschaft einband. Die intensivsten Handels- und Finanzkontakte bestanden dabei mit anderen europäischen Ländern sowie den USA und hatten keinerlei imperialistische Bedeutung. Nach Großbritannien verfügte Deutschland bald über die größte Handelsflotte der Welt. Als Kapitalexporteur stand Deutschland hinter Großbritannien ebenfalls an zweiter Stelle. Seine Handelshäuser und Großkonzerne bauten Geschäftsbeziehungen in alle Welt auf. Deutschland war nicht nur Nutznießer, sondern aktiver Mitgestalter der großen wirtschaftlichen Globalisierungswelle vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser entpuppte sich dann im Wesentlichen als Handelskrieg.[12][13]

Nach der britischen Kriegserklärung vom 4. August 1914 verhängte Großbritannien gegenüber dem Deutschen Reich eine Seeblockade. Am 2. November 1914 erklärte die britische Admiralität die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet und legte für die neutrale Schifffahrt bestimmte Routen fest, um Schiffe leichter zur Kontrolle in englische Häfen zu zwingen. Mit militärischem und diplomatischem Druck wurden nahezu alle neutralen Staaten gezwungen, keinen Handel mit Deutschland zu treiben und die britische Kontrolle über den Seehandel zu akzeptieren. Die Seeblockade verstieß gegen das Völkerrecht, erwies sich aber als sehr wirksame und dauerhafte Waffe gegen die deutsche Wirtschaft und gegen die notleidende Bevölkerung, für die sie zur „Hungerblockade“ wurde. Auch nach dem Waffenstillstand von Compiègne im November 1918 setzten die Briten die Blockade fort.[14] Nach damals überwiegend vorherrschender Meinung wurde damit Deutschland gezwungen, eine Politik der Selbstversorgung einzuschlagen.[15]

Weimarer Republik

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Nicht zuletzt unter der Erfahrung der britischen Seeblockade knüpften nach 1918 Ökonomen, Politiker, Publizisten und Soziologen verschiedener politischer Couleur an das Konzept eines geschlossenen, autarken Wirtschaftsraums an. Dazu zählten unter anderem Max Weber, Werner Sombart, Karl Renner, Heinrich Braun, Edgar Jaffé, Robert Michels, Emil Lederer, Eduard Spranger, Robert Friedlaender-Prechtl, Ferdinand Fried.[16]

So prägte beispielsweise zu dieser Zeit Max Weber in Anlehnung an Aristoteles die These „Autarkie des Oikos“, wonach ein geschlossener, selbstgenügsamer Großhaushalt keinen Markt benötigt.[17] Oder Karl Renner, der bei seinen Autarkieüberlegungen zu dem Ergebnis kam: „Beinahe jedes Stück Erdfläche, selbst die Schneefelder der Eskimos, kann in völliger Isolierung noch Menschen nähren.“[18] Und Werner Sombart erhoffte sich die Überwindung des „ökonomischen Zeitalters“ durch eine starke Führerpersönlichkeit, wirtschaftliche Autarkie sowie die Hebung des Bauernstandes.[19]

Erheblich dezimiert wurde die deutsche Wirtschaftskraft nach Kriegsende durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags. Deutschlands Industrieproduktion war 1919 auf den Stand von 1888 zurückgefallen. Das Deutsche Reich musste zahlreiche Gebiete abtreten und verlor dadurch 26 % seiner Steinkohleförderung sowie 44 % der Roheisen- und 38 % der Stahlproduktion. Allein die Abtretung Elsass-Lothringens bedeutete den Verlust von 70 % der gesamten deutschen Erzförderung. Die Landwirtschaft verlor insgesamt einen Flächenanteil von 14 %.[20]

Verschärfend auf die Autarkiedebatten wirkte sich zudem aus, dass Deutschland keinen uneingeschränkten Zugang zum Weltmarkt erhielt, seinen Markt öffnen, Zölle reduzieren und den Siegermächten einseitig die Meistbegünstigungeinräumen musste. Dazu kamen enorme Reparationsforderungen, die größtenteils mit Waren oder in Devisen zu erbringen waren. Die Beschaffung ausreichender Devisen erwies sich infolge der handelspolitischen Beschränkungen als nahezu unmöglich, so dass bereits zur Zeit der Weimarer Republik das Erreichen einer größtmöglichen Autarkie eine der wichtigsten ökonomischen und politischen Herausforderungen darstellte.[21][22]

Bei der Nahrungsmittelproduktion sollte dieses Ziel beispielsweise durch den vermehrten Gebrauch von Mineraldünger zur Ertragssteigerung realisiert werden. Während es für die Düngemittelindustrie möglich war, Stickstoff und Kaliumim eigenen Land zu beziehen und herzustellen, musste Phosphat gegen Devisen importiert werden. Um dies zu vermeiden, begann die Forschung über die Pflanzenverfügbarkeit von Phosphat im Boden. Neben Feld- und Gefäßversuchen führten staatliche Institutionen gemeinsam mit der Industrie Laborversuche mit Bodenorganismendurch, um die landwirtschaftlichen Erträge zu steigern.[23] Garten- und Siedlungsplaner entwickelten Konzepte der „Selbstversorgung für Jedermann“. Diese besagten, dass jeder über ausreichend Gartenland verfügen müsse, um die für die eigene Ernährung notwendigen Lebensmittel anbauen zu können. Zudem wurden erfolgreich Konzepte zur Kreislaufwirtschaft und zu Anbaumethoden entwickelt, welche die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig verbesserten.[24]

Auch auf anderen Gebieten, wie bei der Umwandlung von Kohle in synthetisches Benzin, setzten die Autarkiebestrebungen ein gewaltiges Innovationspotential frei. Von den zwischen 1919 und 1933 verliehenen 36 naturwissenschaftlichen Nobelpreisenging jeder dritte an einen Forscher aus Deutschland. Zur Erhaltung und Förderung der Forschung wurde die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet. Der Staat trat dabei als Auftraggeber und Finanzier auch nichtstaatlicher Institutionen auf.[25]

Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stellte der vom Reichstag eingerichtete „Enquete-Ausschuss zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft“ einen Trend zur zunehmenden Autarkie fest. So sank beispielsweise der Anteil der gesamten Agrareinfuhren von 21,9 % im Jahr 1925 bis auf 9,6 % im Jahr 1931. Der deutliche Anstieg der Selbstversorgung wurden vor allem den agrar- und handelspolitischen Maßnahmen zugeschrieben.[26]

Spätestens nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise (1929) war das Thema Autarkie in Deutschland dann allgegenwärtig. Dabei waren antiliberale Wirtschaftstheorien und der Ruf nach Abschottung vom Welthandelssystem keineswegs ureigene Domänen nationalsozialistischer Programmatik.[27] Für eine Totalautarkie setzten sich grundsätzlich alle konservativen Parteien ein. Eine prinzipiell radikale, tatsächlich aber abgemilderte Autarkie forderten die NSDAP, die VNR und die KVP. Die KPD strebte eine Vollautarkie mit geistig-kultureller Verselbständigung nach russischem Vorbild in einem Sowjetdeutschland an. Der Landbund, die DNVP, verschiedene Bauernparteien und auch die Bayerische Volkspartei wollten eine ökonomische Teilautarkie (Agrarautarkie, Währungsautarkie). Die DDPverneinte eine Wiederherstellung des „Manchesterliberalismus“, lehnte aber genauso wie das Zentrum, die DVP und die SPD vom Grundsatz her jegliche Autarkie ab.[28]

Dessen ungeachtet unterstützten alle Kabinette der Weimarer Republik mittels Subventionen die Produktion heimischer Waren sowie die Forschung und Entwicklung von Ersatzstoffen. Die Subventionspolitik trat erstmals in der Weimarer Zeit in Erscheinung.[29] Sie wurde als wichtiges sowie modernes Instrument der Wirtschaftspolitik betrachtet und systematisch in großem Maße genutzt. Hauptsächliche Nutznießer der Subventionen waren die Landwirtschaft, die Chemie und die Schwerindustrie.[30] Der Zusammenbruch des Welthandels und die außenwirtschaftliche Entflechtung führten zu einer neuen Autarkiepolitik, die als Ausdruck einer breiten politischen Zeitströmung verstanden werden muss. In dieser dominierten aufgrund der Weltwirtschaftskrise, der hohen Arbeitslosigkeit, der Kapitalknappheit, der internationalen Kapitalverflechtung, der Zinslast und des Rückzugs vieler anderer Volkswirtschaften aus dem Welthandel ausschließlich wirtschaftliche Aspekte.[31]

Vor diesem Hintergrund schränkte die Regierung Brüning durch mehrere Notverordnungen im Jahr 1932 den freien Kapitalverkehr ein. Verbunden mit der Erhebung einer Reichsfluchtsteuer wurde der gesamte Außenhandel auf eine Devisen-Zwangsbewirtschaftung umgestellt. Private Devisenbestände waren der Reichsbank anzuzeigen. Über zentrale Devisenstellenlenkte und kontrollierte fortan der Staat jede einzelne Firma, die Handel mit dem Ausland betrieb. Dies war jedoch kein deutscher Alleingang. Weltweit kristallisierten sich abgegrenzte Handelsblöcke heraus, wobei Großbritannien und Frankreich mit ihren Kolonien eigene Blöcke bildeten.

Neben dem Deutschen Reich führten noch 15 andere europäische und sieben außereuropäische Länder eine Devisenbewirtschaftung ein. Da in diesen Staaten nur wenige Devisen vorhanden waren, versuchten die Regierungen dieser Länder auf Grundlage bilateraler Verträge den Außenhandel ohne Devisen mittels direktem Warentausch abzuwickeln. Deutschland schloss bereits 1932 mit mehreren osteuropäischen Staaten sowie Österreich und Dänemark bilaterale Verrechnungsabkommen. Die Abwicklung erfolgte auf Basis eines Clearing-Verfahrens, bei dem die beiden beteiligten Länder den Wert der Außenhandelsgüter sich auf Clearingkonten gegenseitig gutschrieben und versuchten zu einem Ausgleich zu kommen. Mit diesen autarken Kompensationsgeschäften unterliefen die teilnehmenden Länder nicht nur das Meistbegünstigungsprinzip, sondern das gesamte Börsen-, Kredit- und Zinssystem insbesondere der britischen und US-amerikanischen Finanzoligarchie.[32]

NS-Zeit

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Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde die Autarkie ein Schlagwort für die ökonomische Kompetenz der NSDAP und ein erklärter Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zur Ideologieerhoben, stellte zunächst die Autarkiepolitik nichts anderes als eine Fortsetzung der ergriffenen Maßnahmen während der Weimarer Republik dar, allerdings in erheblich größerem Ausmaß. Dass die Nationalsozialisten den eingeschlagenen Weg weitergingen, kam zum Beispiel im „Wirtschaftlichen Sofortprogramm“ von 1932 zum Ausdruck, in dem postuliert wurde, dass bei der Rohstoffeinfuhr befreundete europäische Staaten zu bevorzugen seien, insbesondere wenn sie im Gegenzug bereit wären, deutsche Fertigwaren zu importieren.[32]

Hitler selbst hat den Begriff der Autarkie immer nur als Annäherungsgröße verstanden und den vorübergehenden Notcharakter der Maßnahmen betont. Schon in der Regierungserklärung vom 23. März 1933 erläuterte er, dass „die geographische Lage des rohstoffarmen Deutschland eine Autarkie für unser Reich nicht vollkommen zulässt.“[33][34][35] Demzufolge definierten in der Folgezeit die Nationalsozialisten den Begriff der Autarkie recht unterschiedlich. So gab Werner Daitz, Leiter der Abteilung Außenhandel im Außenpolitischen Amt der NSDAP, vor:

„Die NSDAP versteht unter Autarkie das Lebensrecht jedes Volkes und jeder Nation, seine Wirtschaft so zu gestalten, daß sie ihm eine Burg ist, in der es im Falle handelspolitischer, kriegerischer oder gar währungspolitischer Verwicklungen nicht ausgedurstet oder ausgehungert werden kann.“[36][34]

Eine weitere offizielle Definition lieferte Heinrich Hunke, NS-Wirtschaftsideologe und Abteilungsleiter im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, der festhielt:

„Autarkie war uns niemals ein Gegensatz zum Außenhandel. Wir sind immer Gegner einer Autarkie im Sinne der Insularität gewesen. Wir haben es aber von jeher für unabweisbar notwendig gehalten, daß psychologisch und praktisch der Schwerpunkt der Wirtschaft unseres Volkes stets in unserem eigenen Raume liegt, daß die Ernährung unseres Volkes innerhalb seiner Grenzen gesichert ist, und daß die notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe, die in unserem Lande nicht vorhanden sind, weil die Rohstoffbasis oder weil die Anbaufläche nicht ausreicht, in erster Linie dort gekauft werden, wo sie im Falle von Verwicklungen im Bereich der eigenen Waffen liegen. Wir reden also nicht einer möglichen Insularität, das Wort, wohl aber von einer Autarkie im Sinne planvoller, vom Gesichtspunkt der eigenen Sicherheit geleiteten Einfuhr. Gewiß, das Wort Autarkie ist doppeldeutig. Wir sehen aber keinen Grund, diese Bezeichnung jetzt zu ersetzen, nachdem wir sie Jahre hindurch verfochten haben. Begriffe können ihre Bedeutung wechseln, aber politische Bewegungen müssen auch den letzten Anschein meiden, als ob sie ihre Ziele wechseln.“[34]

In der Praxis kamen der Autarkie und der Außenwirtschaft nur eine dienende Funktion für machtpolitische Ziele des Nationalsozialismus zu. Respektive wurde die Autarkie im Sinne einer völligen Selbstgenügsamkeit aus völkischen Gründen abgelehnt, weil das nach Auffassung Hitlers einer „Selbstaufgabe im Lebenskampf“ gleichgekommen wäre. Es ging dem NS-Regime nicht um Verzicht, sondern um eine Lenkung der Ökonomie durch Interventionen. Die Selbstversorgung blieb abhängig von der jeweils aktuellen innen- und außenpolitischen Konstellation sowie von der jeweiligen aktuellen Wirtschaftspolitik.[34][36]

Allgemein war in Deutschland die Zeit zwischen 1933 und 1939 von technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Aufschwung gekennzeichnet. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung verband damit ein Gefühl steigender sozialer Sicherheit. Der Historiker Götz Aly prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „Wohlfühldiktatur“.[37] Im Mittelpunkt stand zunächst die schnelle Durchsetzung umfangreicher Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung, wie das Reinhardt-Programm. Neben dem Straßenbau senkte das NS-Regime die Arbeitslosigkeit insbesondere durch Wohnungsbauprogramme, Steuererleichterungen, Durchführung von Fortbildungskursen und die Schaffung staatlich subventionierter Beschäftigungsmöglichkeiten zum Beispiel als Land- und Erntehelfer oder Fürsorgearbeiter. Zahlreiche Kampagnen zum bevorzugten Kauf in Deutschland hergestellter Produkte sollten zusätzlich Konsumbereitschaft und Binnennachfrage anregen.[38]

Im Zuge der Autarkiebestrebungen forcierte die Regierung ab 1935 den Aufbau einer Ersatzstoffproduktion vor allem auf den Gebieten der Benzin- und Kautschuksynthese sowie der Kunstfaserproduktion: Der bei der Brabag und in über 20 anderen Hydrierwerken produzierte synthetische Kraftstoff sollte die Abhängigkeit von Ölimporten vermindern und die Buna-Werke entwickelten synthetischen Kautschuk, um die Reifenindustrie von Rohgummiimporten zu befreien. Auch in der Konsumgüterproduktion wurde zunehmend auf Ersatzstoffe zurückgegriffen, zum Beispiel bei Radiogehäusen, Armaturengeräten und in der Bekleidungsindustrie: Wolle und Baumwolle wurden durch Kunstseideund Zellwolle ersetzt, Leder durch Igelit. Während bei der Ersatzstoffproduktion vor allem Privatunternehmen eingebunden waren, übernahm der Staat mit der Gründung der Reichswerke die Verarbeitung von Produkten, die für die Industrie unrentabel erschien.[39][40]

Allgemein wird in der Geschichtsforschung davon ausgegangen, dass die Autarkiebestrebung vor 1936 noch keine militärstrategische Komponente besaß. Dies änderte sich ab August 1936 mit Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplanund der daraus resultierenden Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplans vom 18. Oktober 1936. Damit erhielt Hermann Göringdie Generalvollmacht, binnen vier Jahren die wirtschaftliche und militärische Kriegsfähigkeit des Deutschen Reiches durch Autarkie und forcierte Aufrüstung zu erreichen. Ein von Hitler in seiner Denkschrift explizit gefordertes Ziel war eine stärkere Autarkie in der Rohstoffversorgung.[41] Nach der Entlassung von Hjalmar Schachtals Reichswirtschaftsminister im Sommer 1938 stellte Göring den Vierjahresplan völlig auf wehrwirtschaftliche Ziele um, so dass die Bedürfnisse der zivilen Wirtschaft keine Berücksichtigung mehr fanden.[40]

Hitlers Ziel bestand letztendlich darin, eine Versorgung des Deutschen Reiches möglichst unabhängig vom Ausland zu gewährleisten. Tatsächlich wurde im Dritten Reich eine Autarkie nie annähernd erreicht, weder in der Nahrungsmittelproduktion, noch in der Treibstoffherstellung, geschweige in der Schwerindustrie. Die Autarkie war lediglich pars pro toto. Denn sehr wohl bildete der Außenhandel den wichtigsten Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Die wehrwirtschaftliche Versorgung war maßgeblich von der Einfuhr abhängig. Deshalb erfolgte ein erheblicher Ausbau des Clearingverfahrens, vor allem durch den Abschluss bilateraler Verträge mit südosteuropäischen sowie südamerikanischen Ländern und bis Juni 1941 mit der Sowjetunion. Auf dieser Basis bestand allerdings auch ein deutsch-britisches Zahlungsabkommen ab 1934.

Ziel der Außenhandelspolitik sollte die Bildung autarker Wirtschaftsräume sein, die letztendlich Hitlers Lebensraumforderungund der Vorstellung einer blockadesicheren europäischen Großraumwirtschaft entsprachen. Hierfür wurde im Jahr 1939 die Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft gegründet. Ob die nationalsozialistischen weltanschaulichen Grundauffassungen der Rassenideologie, verbunden mit der Autarkie- und Großraumtheorie, so etwas wie ein außenwirtschaftliches Programm darstellten, ist bis heute Gegenstand kontrovers diskutierter wissenschaftlicher Untersuchungen.[32]

DDR

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Die im Dritten Reich praktizierte Autarkiepolitik führte die DDR fort.[42] Dafür hatte das SED-Regime günstige Voraussetzungen, denn die DDR erbte den von Beginn an auf Autarkie ausgerichteten, großbetrieblich strukturierten mitteldeutschen Industriekomplex (Leunawerke, Brabag-Werke, Buna-Werke etc.).[43] Zentrale Leitlinie der Wirtschaftspolitik in der DDR war die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, welche durch Autarkie, Dirigismusund Fünfjahrespläneverwirklicht werden sollte. Obwohl sich die Versorgungslage absolut gesehen stetig verbesserte, führte die Forderung der DDR-Regierung nach einer immer besseren Versorgung der Bevölkerung, und zwar möglichst ohne notwendige Importe, zu einer Mangelwirtschaft. Tatsächlich erreichte die DDR in Teilbereichen der Landwirtschaft einen hohen Selbstversorgungsgrad. Ebenso war die DDR bei Strom und Wärme unter Verwendung heimischer Braunkohle autark. Jedoch konnte die Konsumgüterproduktion zu keinem Zeitpunkt das Lebensniveau im erwünschten Maß erhöhen. Zudem hatten die Autarkiebestrebungen in nahezu allen Wirtschaftszweigen negative ökologische Auswirkungen.[44][45]

In der Landwirtschaft wurden durch Spezialisierung sowie durch Großflächigkeit eine Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion angestrebt, um neben der autarken Versorgung der eigenen Bevölkerung, möglichst Devisen erwirtschaften zu können.[46] Mit der Notwendigkeit einer effektiveren Bodennutzung und zur Sicherung von Ertragssteigerungen entstanden im Rahmen von Kollektivierungsmaßnahmen Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) und Volkseigene Güter (VEG). Zu einem tierischen Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung sollte Hühnerfleisch werden. Unmittelbar nach Gründung der DDR wurde die Eier- und Geflügelproduktion flächendeckend so organisiert, dass eine autarke Versorgung ab Ende der 1950er Jahre gewährleistet war. In diesem Bereich konnte ein Selbstversorgungsgrad von jährlich über 110 % erreicht werden.[47]

Die Eier- und Broilerproduktion erfolgte in insgesamt 22 industriellen Mastkombinaten (KIM).[48] Die Bestandsgrößen der offiziell sogenannten Broilermastanlagen waren außerordentlich hoch. Innerhalb der Mastkombinate gab es Betriebe mit über einer Million Legehennen und 1,6 Millionen Hähnchen. Obwohl dies eine Erfolgsgeschichte war, hatte die erreichte Autarkie eine Kehrseite. Die Massentierhaltung ging zu Lasten der Umwelt, Menschen und Tiere. Jährlich fielen über Tausende Tonnen Geflügelexkremente an, die nicht selten in ehemaligen Steinbrüchen oder Sandgruben abgekippt wurden. Die Fäkalien führten zu extremen Geruchsbelästigungen und das für die Neutralisation der Abgase nötige Kaliumpermanganat stand in der DDR-Volkswirtschaft nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Dazu brachen ab Beginn der 1970er Jahre durch die intensive Haltung und Konzentration großer Viehbestände großflächig Tierseuchen aus. Die DDR war weltweit das erste Land, das prophylaktische Impfungen gegen die Geflügelpest einführte. Diese sind heute in Deutschland und der EU aufgrund des Mutationsrisikos verboten.[49][50]

Gleichfalls konnte in der Schweinefleischproduktion ein sehr hoher Selbstversorgungsgrad erreicht werden. Hier existierten zahlreiche Mastanlagen, in denen je Einzelbetrieb bis zu 180.000 Tiere gehalten wurden. Die Großanlagen arbeiteten sehr energie- und damit kostenintensiv. Daneben führten die Ausscheidungen der Tiere bei einer derartigen Konzentration zur enormen Ammoniakbelastung der Luft in der Umgebung der Mastbetriebe.[51] Obwohl auf dieser Basis eine Autarkie aufgrund ausreichend hoher Tierbestände faktisch bestand und auch niemand in der DDR hungern musste, war die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch- und Wurstwaren von ständiger Knappheit geprägt. Denn Waren, die ursprünglich zur Deckung des Inlandbedarfs vorgesehen waren, wurden im großen Stil exportiert. Sehr viel Lebendvieh und frisch geschlachtetes Fleisch ging in den Export nach Westdeutschland. Im Gegenzug erhielt die DDR Devisen und importierte aus der Bundesrepublik älteres Kühlhausfleisch sowie billige Innereien. Das meiste Frischfleisch erhielt jedoch die UdSSR auf Grundlage spezieller „Öl-gegen-Fleisch-Tauschgeschäfte“.[52] Nachdem die sowjetischen Genossen äußerst verärgert feststellten, dass die DDR-Führung das billige Erdöl gegen Devisen in den Westen verkaufte, hoben sie die Festpreise Mitte der 1970er Jahre auf und verteuerten das Öl um das Achtfache.[53]

Damit blieb der DDR-Industrie nichts anderes übrig, als wieder auf die einheimische Braunkohle zurückzugreifen. Der in ganz Mitteldeutschland in ausreichender Menge vorhandene Rohstoff diente der über 100 % autarken Strom- und Wärmeerzeugung sowie der Herstellung carbochemischer Produkte, wie Synthesegas, Synthesekautschuk, Plaste, synthetische Kraftstoffe. So war auch die Benzinproduktion der DDR zu jeder Zeit größer als der Inlandsbedarf. Das hatte seine hauptsächliche Ursache im relativ niedrigen Motorisierungsgrad (1988: in der DDR 225, in der Bundesrepublik 470 PKW pro 1.000 Einwohner). Lange Warteschlangen vor den Tankstellen waren jedoch keine Seltenheit, denn jährlich wurden bis zu 6 Millionen Tonnen Mineralölprodukte – in erster Linie Kraftstoffe – exportiert. Wichtigster Abnehmer war die Bundesrepublik.[54]

Anstatt, wie ursprünglich vorgesehen, die mit größtenteils veralteten Ausrüstungen und Technologien kostenaufwendige Erzeugung carbochemischer Produkte einzustellen, ordnete die DDR-Wirtschaftsführung im Jahr 1980 an, vorhandene Anlagen zur Verarbeitung von Braunkohle zu stabilisieren, bereits abgeschaltete Hydrierwerkewieder anzufahren und die Kohleveredlung weiter auszubauen. Die Zentren der Kohleverflüssigung waren bis 1990 die Betriebe in Espenhain, Böhlen, Rositz, Lützkendorf und Hydrierwerk Zeitz. Vergiftete Gewässer, sterbende Wälder und die starke Belastung von Luft und Böden waren die Folge der ab 1980 verstärkten Verarbeitung von Braunkohle. Mit Ausstoßwerten von 5,2 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 2,2 Millionen Tonnen Schwebstaub erreichte die DDR im Jahr 1988 die höchsten Emissionswerte aller europäischen Länder.[54]

Bis 1989 entfaltete sich die DDR mit jährlich 320 Millionen Tonnen zum größten Braunkohleproduzenten der Welt. 90 % der Kohleproduktion wurde zu Benzin und Diesel verarbeitet.[55] Dafür ließ die Staatsführung der DDR mehrere Tausend Quadratkilometer umgraben, hunderte Orte zerstören und Zehntausende Menschen umsiedeln.[56] Neben dem Verlust riesiger Feld- und damit Ertragsflächen führte die Zwangsumsiedlung zu einer Bevölkerungsverdichtung in den Städten und zunehmenden Versorgungsproblemen.[57][58] Durch den Abbau von Braunkohle wurde der DDR jährlich etwa zwischen 12.000 bis 15.000 Hektar Fläche entzogen. Dabei betrug der Anteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche fast 20 Prozent, was neben den ökonomischen Verlusten auch eine Vernichtung von ökologisch wichtigen Lebensräumen bedeutete. Schwerer wog das Verschwinden von bisher wirtschaftlich ungenutzten Flächen insbesondere Waldgebieten für dort angesiedelte Tiere und Pflanzen, ebenso wie der Wegfall von wasserwirtschaftlich genutzten Flächen, die das Absinken des Grundwasserspiegels hätten abfedern können.[59]

Letztlich war die Verringerung der landwirtschaftlichen Flächen durch den Bergbau einer der Hauptgründe, warum die DDR pro Jahr bis zu fünf Millionen Tonnen Getreide importierten musste. Dabei handelte es sich überwiegend um Futtergetreide.[60] Damit erwiesen sich die Autarkiebestrebungen des SED-Regimes als reine Misswirtschaft. Der Futtermittelverbrauch war durch die großen Tierbestände derart hoch, dass der Bedarf durch Eigenproduktion nicht gedeckt werden konnte. Deshalb wurde der Futterbedarf zu einem Fünftel durch Einfuhren gedeckt. Ab Beginn der 1970er Jahre verursachten Getreide- und Futtermittelimporte 60 % der Westschulden. Aufgrund dessen war die Staatsführung stets bemüht, die Futterimporte zu reduzieren, um Devisen zu sparen. So fielen die Getreideeinfuhren infolge von Importbeschränkungen von 4,8 Millionen Tonnen im Jahr 1978 bis auf 1,5 Millionen Tonnen im Jahr 1987. Die Folgen der Importrestriktionen zeigten sich umgehend: Für die Tiere gab es weniger Futter, so dass im Durchschnitt das Ablieferungsgewicht der Schweine von 127 auf 94 Kilogramm sank und der Bestand auf die Hälfte der Tiere schrumpfte.[61]

Im Jahr 1987 musste die Staatliche Plankommission feststellen, dass die Pläne und Berechnungen, autark aus eigener Kraft eine umfangreiche technologische Rationalisierung in der Industrie durchzusetzen, gescheitert waren.[62]Abgeschottet vom Weltmarkt, überwiegend ausgestattet mit Vorkriegstechnik und wenig Innovationspotential, waren die Versuche absurd, in einem rohstoffarmen Land überproportional, in großem Stil einen für den Export produzierenden Sektor ressourcenintensiver Industrien autark betreiben zu können.[63] Dazu kam, dass mangels technischem Fortschritt die Arbeitsproduktivität im Laufe der Zeit weit hinter der westdeutschen zurückblieb (1989: Bundesrepublik 100 %, DDR 28,5 %). Dieser Modernisierungsrückstand hatte ideologische Gründe. Die DDR verstand sich als Arbeiter-und-Bauern-Staat mit einem extrem hohen Konzentrationsgrad von Beschäftigten in der Landwirtschaft und in der Industrieproduktion. Demgegenüber stand eine extrem niedrige Zahl der Studierenden.[64]

Bundesrepublik

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In der Bundesrepublik Deutschland wird der Autarkiebegriff seit den 1950er Jahren mit der Wiederaufnahme des Europagedankens beziehungsweise der Diskussion um Europa von der Politik meist abwertend verwendet, vor allem als Bezeichnung für eine unerwünschte Form der Abschottung anstelle gesamteuropäischer Zusammenarbeit und internationaler Freihandelspolitik.[65] Vorherrschende Meinung ist heute, dass der Staat viele wesentliche Aufgaben nur im Zusammenwirken mit anderen Staaten zu erfüllen vermag, zum Beispiel die Wahrung der äußeren und der inneren Sicherheit, die Förderung der Wirtschaft oder der Forschung.[66]

Im Zeitalter globaler Vernetzungen hat sich Deutschland von der Idee eines geschlossenen Handelssystems vollständig verabschiedet. Die Industrie der Bundesrepublik ist in allen Zweigen exportorientiert und auf ausländische Rohstoffe angewiesen.[67] Gleichfalls ist Deutschland heute bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln massiv vom Ausland abhängig. Das gilt sowohl bei Agrarrohstoffen als auch bei Fertigerzeugnissen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamts sind seit Beginn des 21. Jahrhunderts die im Inland landwirtschaftlich genutzten Flächen für Ernährungszwecke deutlich zurückgegangen. Ein Grund dafür ist der zunehmende Anbau von Energiepflanzen, so dass sich die deutsche Bevölkerung immer mehr aus dem Ausland und immer weniger aus der eigenen Landwirtschaft ernährt.[68]

Nach allgemeiner Lehrmeinung wäre die Umsetzung einer Politik der Autarkie heute auch nahezu undenkbar, da nationale Interessen in der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. So bestimme nicht mehr der Staat, sondern Konzerneüber Verlagerungen von Produktionsstätten ins Ausland, Firmenverkäufe oder Penetrationsstrategien. Dementsprechend gehe es in der globalen Wirtschaftspolitik nicht um einen Konsens, sondern um Profitinteressen, Gewinnsteigerung und Kapitalmaximierung.[69]

Einzelnachweise

  1. ↑ Institut für Deutsche Sprache (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch. Band 2. De Gruyter, 1996, S. 531 f.
  2. ↑ Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. In: ders., Werke, Band 9, Darmstadt 1983, S. 226.
  3. ↑ a b Burkhard Kühnemund: Eigentum und Freiheit. Ein kritischer Abgleich von Kants Rechtslehre mit den Prinzipien seiner Moralphilosophie. Dissertation. 2008, S. 186. Universität Kassel, abgerufen am 5. August 2019.
  4. ↑ Johann G. Fichte: Der geschlossene Handelsstaat. Felix Meiner Verlag, 2013.
  5. ↑ Peter Inhoffen: Freiheit durch Vernunft? Ordnung und Ziel der menschlichen Gesellschaft nach Johann Gottlieb Fichte. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften. Band 28, Universität Münster, 1987, S. 98 f.
  6. ↑ Extremer Idealismus mit politischer Zielsetzung Deutschlandfunk 19. Mai 2012, abgerufen am 5. August 2019.
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