Autarkie Geschichte
Bereits im antiken Griechenland war die Autarkie ein zentraler Aspekt des politischen Denkens und nahe an den Bereichen der Politik und der Ökonomie angesiedelt. Herodot beschrieb das Wesen der Autarkie als ein „politisches Ideal“. Nach ihm solle das Territorium einer Polis, vor allem im landwirtschaftlichen Bezug, so ertragreich sein, dass alle Bewohner eines Landes mit ausreichenden Gütern unabhängig versorgt und damit ernährt werden können. Für Aristoteles beruhte das gesamte politische System der Polis auf der Aufrechterhaltung der Autarkie, durch die ein Gemeinwesen erst möglich sein könne. Allerdings waren sich schon Herodot und Aristoteles darüber bewusst, dass vollständige Autarkie praktisch kaum zu realisieren ist und oft mit verschiedenen Einschränkungen einhergeht. Deshalb betonten beide Philosophen, dass sich Menschen mit dem zufriedengeben sollten, was sie erreichen können. Ziel müsse es stets sein, eine höchstmögliche wirtschaftliche Unabhängigkeit anzustreben. Gelinge das nicht, so führe dies zum Verlust der lokalen Selbstverwaltung und somit unweigerlich in eine Fremdherrschaft. Bei Platon ist die Autarkie ein Kennzeichnen des höchsten Wertes und das Hauptziel des idealen Staates. Der Mensch ist nach platonischer Ansicht nicht autark, kann aber indirekt zu einer gewissen Autarkie gelangen. Der eine Weg besteht darin, dass sich die einzelnen Menschen zur politischen Gemeinschaft zusammenschließen. Ein anderer Weg verlangt, dass der Mensch innerlich unabhängig wird von äußeren Lebensumständen, was nahezu unmöglich ist.[1][2][3]
Im Gegensatz zur dominierenden Selbstversorgung im antiken Griechenland wurde die florierende Wirtschaft im Römischen Reich durch einen bestens vernetzten Land- und Seehandel und den damit verbundenen Wohlstand geprägt. Max Weber wie auch Hans Delbrück führten den Untergang Roms maßgeblich auf einen Rückfall in die autarke Naturalwirtschaft zurück. Ausgelöst durch die Bildung römisch-katholischer Gemeinden, entstanden Güter, Sprengel, später ganze Kirchenprovinzen, die zunehmend den Charakter eines autarken Herrschaftsgebildes annahmen. So war die monastische Autarkie, unter anderem, in Form eines Klostergartens, bereits im 6. Jahrhundert in den Regula Benedicti fest vorgegeben. Letztlich führte die gezielt herbeigeführte Herauslösung aus der städtischen Wirtschaft und die Entkoppelung vom transnationalen Handel Schritt für Schritt in eine Autarkie, die zur Grundlage des mittelalterlichen Feudalsystems wurde. Armut, Bescheidenheit, Buße und Predigt waren die wesentlichen Elemente dieser Zeit. Das von der Kirche propagierte Armutsideal verbot fremde Einkünfte, sodass die Bevölkerung auf möglichst autarke eigene Höfe angewiesen war. Erst ab dem 13. Jahrhundert verloren die weitgehend autarken Grundherrschaften ihre vorherrschende Stellung. Der städtische Markt und der länderübergreifende Handel mit seiner Geldwirtschaft begann in Europa das ökonomische Leben zu dominieren.[4][5][6]
Eine nahezu vollständige Autarkie, verbunden mit gezieltem Isolationismus, starker Prosperität sowie hohem Lebensstandardund Bevölkerungswachstum, zeigt die Wirtschaftsgeschichte der Qing-Dynastie in China von etwa 1644 bis 1839 auf. Adam Smith bezeichnete 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen China als eines der „reichsten, fruchtbarsten, gewerblich fleißigsten, kultiviertesten und wohlhabendsten Länder“ der Erde. Als Vorteil nannte er die Größe des Landes, seine Bodenschätze, vor allem aber den erfolgreich praktizierten chinesischen Binnenhandel. Dieser bewahre Menschen vor Hungersnöten und sei „das beste Mittel zur Milderung einer Verknappung und Teuerung unter den verschiedenen Provinzen eines Landes“. Da aber nicht jeder Staat über ähnliche Voraussetzungen verfügt, kam Smith zu dem Ergebnis, dass mittels Freihandel der „Mangel in dem einen Land durch den Überfluss in dem anderen“ leicht ausgeglichen werden könne. Dabei solle der betroffene Wirtschaftsraum seine Einfuhren auf Waren beschränken, die er selbst nicht herstellen oder produzieren kann. Adam Smith zeigte sich davon überzeugt, dass Freihandel nicht nur zu größerem Wohlstand führt, sondern auch das „Band der Freundschaft“ zwischen den Staaten herstellt.[7][8][9]
Die Autarkie bezeichnete Adam Smith als eine Art von „Schutz gegenüber dem internationalen Handel“. In Verbindung mit dieser Aussage definierten britische Nationalökonomen später, dass „eine Wirtschaftspolitik der Autarkie darauf abziele, ein Land daran zu hindern, internationalen Handel zu betreiben“.[10] Diese Definition ist umstritten, da insbesondere die britische Wirtschaftsgeschichte nicht selten einen „einseitigen Freihandel“ aufweist. So versuchte das Vereinigte Königreich wiederholt, das Britische Weltreich gegenüber dem Rest der Welt durch Schutzzölle oder geschlossene „Freihandelszonen“ abzuschirmen.[11] Desgleichen bezeichnete Mahatma Gandhi den britischen Freihandel als einseitig, da er andere Länder in die Abhängigkeit britischer Exporte zwinge.[12] Tatsächlich blieben einige Ex-Kolonien des Folgekonstrukts Commonwealth of Nations bis weit in die 1970er Jahre hinein in erster Linie von Großbritannien abhängig.[13] Und auch zuletzt verfolgten offizielle britische Regierungsvertreter im Zusammenhang mit dem Brexit die Vision eines „globalen Großbritanniens“ nebst geschlossenen Freihandelszonen.[14][15]
Ebenso beteiligten sich die Vereinigten Staaten während der Präsidentschaft von Donald Trump nicht an der Fortentwicklung des Freihandelssystems, sie schlossen keine Freihandelsabkommen und bemühten sich zudem um die Beendigung beziehungsweise Rückabwicklung getroffener multilateraler Vereinbarungen. Damit verfolgen die USA, nach Ansicht verschiedener Wirtschaftsexperten, eine Abschottungspolitik, verbunden mit dem Streben nach größerer wirtschaftlicher Autarkie, bei der Importe durch Zölle erschwert, jedoch Exporte teilweise erzwungen werden.[16][17]Dabei sind die Handelskonflikte der USA mit China und der Europäischen Union von einer Lösung weit entfernt. Im US-Wahlkampf 2020sprach sich auch der Trump-Herausforderer und derzeitige Präsident Joe Biden für einen radikalen Protektionismus und für eine noch stärkere Abschottung des US-Binnenmarkts aus.[18][19][20]
Einzelnachweise
- ↑ Simon Varga: Vom erstrebenswertesten Leben. Aristoteles‘ Philosophie der Muße. De Gruyter, 2014, S. 58 f.
- ↑ Jan Kruse: Geschichte der Arbeit und Arbeit als Geschichte. LIT Verlag, Münster 2002, S. 84.
- ↑ Sung-Chul Rhim: Die Struktur des idealen Staates in Platons Politeia. Königshausen & Neumann, 2005, S. 136.
- ↑ Hans Delbrück: Das Mittelalter. Teil 2. Bearbeitet von Konrad Molinski. Berlin 1929, S. 5. (Neuauflage: Books on Demand 2011.)
- ↑ Wie das Römische Reich am Sozialismus zerbrach. Die Zürcherin – Online-Magazin, 26. Juni 2016.
- ↑ Hans-Werner Goetz: Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. C. H. Beck, 1994, S. 72.
- ↑ Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 2003.
- ↑ Gerhard Streminger: Adam Smith. Wohlstand und Moral. C. H. Beck, 2017, S. 99 f.
- ↑ Roy Bin Wong: China Transformed. Historical Change and the Limits of European Experience. Cornell University Press, 1997, S. 22 f.
- ↑ Simon Varga: Vom erstrebenswertesten Leben. Aristoteles‘ Philosophie der Muße. De Gruyter, 2014, S. 59, Fußnote 2.
- ↑ Peter Wende: Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs. C. H. Beck, 2012, S. 217 f.
- ↑ Axelrod Alan: Gandhi – der CEO. 14 zeitlose Grundsätze als Leitfaden für die Entscheider von heute. FinanzBuch Verlag, 2011, S. 173.
- ↑ Markus Bäuchle: Irland. Ein Länderporträt. Ch. Links Verlag, 2015, S. 45.
- ↑ Die Briten träumen wieder vom Empire Wirtschaftswoche vom 7. Juni 2017, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ Der illusorische Traum vom neuen Empire Zeit Online vom 24. April 2018, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ America-First-Politik Gabler Wirtschaftslexikon, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ Welthandel: Am Abgrund. In: Süddeutsche Zeitung. 17. Juni 2018, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ Biden Tries To Buy Rust Belt Votes With Protectionist 'Buy American' Plan. In: Reason. 13. Juli 2020, abgerufen am 7. August 2020.
- ↑ Both Biden and Trump back too much flawed protectionism Daily Breeze (MediaNewsGroup) vom 20. Juli 2020, abgerufen am 7. August 2020.
- ↑ Versprochen und gebrochen: Die düstere Handelsbilanz von Donald Trump. In: Handelsblatt. 5. August 2020, abgerufen am 7. August 2020.