Bedeutung des Tempus
Die morphologische Einteilung der (Verb-)Formen und die Kategorien der zeitlichen Interpretation können in verschiedenen Weisen auseinanderlaufen. Daher ist zwischen dem Tempus als grammatischer Form und als Bedeutung zu unterscheiden. Die Dudengrammatik empfiehlt, die aus der lateinischen Grammatik übernommenen Bezeichnungen im Deutschen nur „als reine Namen (zu) verstehen“, noch nicht als Einteilung der Funktionen.[29]
So wird im Deutschen die Zukunft tatsächlich mehr durch die grammatische Form des Präsens als durch die grammatische Form des Futur I ausgedrückt; gleichwohl gilt das Präsens prototypisch als Gegenwarts- und das Futur I als Zukunftsform. Darüber hinaus wird auch die Zeit in Erzähltexten in verschiedener Hinsicht anders ausgedrückt als im normalen Tempusgebrauch, zum Beispiel kann dann ein Präsens in einer Erzählung über die Vergangenheit erscheinen (historisches Präsens). Gewisse Verwendungen einzelner Tempora können auch Bedeutungen ohne Zeitbezug haben (siehe unter dem Stichwort Atemporalität).
Die nachfolgende Darstellung der temporalen Bedeutung bezieht sich also zunächst auf die „typischen“ Verwendungen. Für Besonderheiten im Gebrauch von Zeitformen siehe die Spezialartikel zu Präteritum, Präsens, Futur.
Die Existenz von Tempusformen wie Präteritum, Präsens oder Futur hat damit zu tun, dass eine Situation, die in einem Satz beschrieben wird, in der Vergangenheit, Gegenwart bzw. Zukunft eingeordnet werden kann. Für diese Einordnung wird ein Bezugspunkt in der Zeit benötigt, relativ zu dem etwas vergangen, gegenwärtig oder zukünftig ist. Die direkteste Möglichkeit ist, diese Einteilung an dem Zeitpunkt auszurichten, an dem die Aussage geäußert wird (im Folgenden „Sprechzeit“). Dann ergibt sich ein Fall von Deixis, also Abhängigkeit einer sprachlichen Bedeutung von der aktuellen Äußerungssituation. Die Bedeutung der normalen Tempusformen ist meist deiktisch. Es gibt aber auch den Fall, dass mit sprachlichen Mitteln ein anderer Bezugspunkt in der Zeit eingeführt wird, dies wird dann als ein Relativtempus bezeichnet; siehe hierzu den eigenen Abschnitt weiter unten.
Es ist zwar letztlich so, dass in einem Satz eine Einordnung von Ereignissen und anderen Situationen in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft stattfindet, doch die Rolle des grammatischen Tempus im Satz ist nur eine Komponente hiervon. Das Tempus selbst redet nicht über Ereignisse, sondern nur über Zeiten. Da der Zusammenhang zwischen Tempus und Situation somit indirekt ist, benötigen sprachwissenschaftliche Modelle für temporale Aussagen nicht nur die bisher genannten zwei Parameter Sprechzeit und Situation, sondern drei Parameter:
- Sprechzeit: die deiktische Verankerung der Zeitverhältnisse.
- Situationszeit: die zeitliche Lage der beschriebenen Situation (Ereignisse, Zustände oder andere Sachverhalte).
- Betrachtzeit: die Zeit, auf die sich das Tempus bezieht = die Zeit, über die gesprochen wird.
Die klassische Arbeit, in der der dritte Parameter eingeführt wird, stammt von Hans Reichenbach (1947)[30] (dort heißt er „reference time“, Referenzzeit; die Bezeichnung „Betrachtzeit“ stammt von Bäuerle 1979[31]). Die Darstellung dieses Abschnitts orientiert sich überwiegend an der jüngeren Version dieser Idee in Klein (1994). Dort wird die Betrachtzeit „Topik-Zeit“ genannt, da sie sich wie ein grammatisches Topik verhält (also eine im Kontext gegebene Information).
Die Unterscheidung zwischen Situationszeit und Betrachtzeit ist also wesentlich[32] für die Definition dessen, was die Tempusbedeutung innerhalb des Satzes beiträgt, und was sie im Vergleich zu benachbarten Kategorien leistet:
- Tempus
- Tempus bezeichnet das Verhältnis zwischen Sprechzeit und Betrachtzeit:
- Vergangenheitstempus: Es wird eine Zeit betrachtet, die früher als die Sprechzeit liegt.
- Gegenwartstempus: Es wird eine Zeit betrachtet, die sich mit der Sprechzeit überschneidet.
- Zukunftstempus: Es wird eine Zeit betrachtet, die später als die Sprechzeit liegt.
- Aspekt
- Aspekt bezeichnet das Verhältnis zwischen Betrachtzeit und Situation:[33]
- Unvollendeter Aspekt: Die Betrachtzeit fällt auf ein Intervall innerhalb der laufenden Situationszeit.
- Vollendeter Aspekt: Die Betrachtzeit enthält die gesamte Situationszeit.
- (Je nach Theorie kann auch ein Relativtempus wie Perfekt und Prospektiv hier eingeordnet werden, siehe unten im Abschnitt #Die Abgrenzung zwischen Tempus, Aspekt und Relativtempus).
Die genannten „Zeiten“ sind stets als Zeitintervalle zu verstehen. Dies ist parallel dazu, dass auch die meisten Ereignisse eine Laufzeit haben, die eine gewisse Ausdehnung besitzt. Es wird zwar anerkannt, dass es auch punktuelle Situationen gibt, aber ein Zeitpunkt wird dann als der Grenzfall eines Intervalls erfasst, nämlich ein Intervall, das nicht unterteilt werden kann.[34]
Die entscheidende Beobachtung, die zu einem solchen dreigliedrigen Modell der temporalen Bedeutung führt, besteht darin, dass im Gebrauch der Tempusformen eine kontextuell gegebene „in Rede stehende Zeit“ im Mittelpunkt steht, die sich mit der zeitlichen Lage der betreffenden Situation nicht decken muss. Dies fällt unter anderem dann auf, wenn es um Zustände geht, die sehr lange anhalten.[35]
- „Man fand John in der Badewanne. Er war tot.“
Die Situationszeit des Zustands „John ist tot“ dauert mit Sicherheit bis in die Gegenwart an. Dies spielt für die Wahl des Tempus aber keine Rolle, denn betrachtet wird eine vergangene Zeit, zu der zunächst John entdeckt wird, und zu dieser Zeit trifft das Totsein auch zu. Die Betrachtzeit liegt also innerhalb der Situationszeit von „tot“ und dieser Ausschnitt liegt vollständig vor der Sprechzeit, nur letzteres ist entscheidend für die Tempuswahl. Die Betrachtzeit deckt sich außerdem mit der Situationszeit des Auffindens. Eine derartige Deckungsgleichheit mit der Zeit eines Ereignisses ist möglich, aber eben nicht die einzige Möglichkeit.
Ein berühmtes Beispiel von Partee (1973)[36] illustriert den Punkt auf andere Weise (um die Behandlung des deutschen Perfekts zu umgehen, orientiere man sich am Präteritum des englischen Originals):
- „I didn't turn off the stove!“ (Dt.: „Ich habe den Herd nicht ausgemacht!“)
Dieser englische Satz muss so gedeutet werden, dass dem Sprecher ein vergangener Zeitpunkt vor Augen tritt, an dem der Herd hätte ausgemacht werden müssen, aber nicht ausgemacht wurde. Die Verneinung in der Aussage bezieht sich nicht global auf „die Vergangenheit“ (etwa: „In der Vergangenheit gab es (überhaupt) keine Situation des Ausschaltens“, dies wäre zu stark), sondern es wird ein bestimmter Zeitpunkt der Betrachtung angesetzt, der im Äußerungskontext als einziger relevant ist.
Schließlich ist deutlich, dass Erscheinungen wie das Plusquamperfekt einen dritten Parameter erfordern: Diese Form bezeichnet eine Situation, die in einer „Vor-Vergangenheit“ liegt. Auf die Frage, vor was diese liegt, ergibt sich die Antwort, dass dieser Bezugspunkt eine eigenständige Betrachtzeit sein muss, die ihrerseits in der Vergangenheit liegt:
- „Als ich zur Party kam / Um neun Uhr
- ... war Maria schon gegangen.“
Die Betrachtzeit wird durch die anwesenden Zeitadverbiale gesetzt (u. a. der Temporalsatz „als ich kam“ mit Präteritum), somit liegt die betrachtete Zeit irgendwo in der Vergangenheit. Diese betrachtete Zeit ist aber nicht die, zu der das beschriebene Ereignis abläuft (Marias Weggang), sondern das Ereignis liegt in einer noch früheren Vergangenheit.
Die alternativen Zeitadverbiale des obigen Beispiels zeigen außerdem, dass die Betrachtzeit nicht immer der Zeit eines anderen Ereignisses entsprechen muss (hier: „als ich kam“), sondern auch rein zeitlicher Natur sein kann, wie etwa eine Uhrzeitangabe („neun Uhr“). Hieran zeigt sich, dass Zeiten als eigene Gegenstände aufzufassen sind, über die geredet wird.[37] – Mehr zu dieser Art von Konstruktion findet sich unten im Abschnitt über das Relativtempus.
Wenn ein Text eine Abfolge von Ereignissen berichtet, muss die Betrachtzeit schrittweise mitgeführt werden, es ergibt sich also eine Progression, ein Voranschreiten, der Betrachtzeit in Texten, die Handlungsabläufe darstellen. Die Leser/Hörer eines Textes müssen erschließen können, welche Zeiten als dieselben und welche Zeiten als nacheinander zu identifizieren sind. Eine Faustregel (mit Ausnahmen) ist hierbei, dass die Nennung eines Zustands an die bisher bestehende Betrachtzeit angeschlossen wird, dass aber die Nennung eines (abgeschlossenen) neuen Ereignisses die Betrachtzeit im Text einen Schritt vorrückt (nachfolgend symbolisiert durch t1, t2 etc.):[38]
- (t1): Ich blickte in das Zimmer.
- (t1): Ein Mann lag reglos auf dem Boden.
- (t1): Er schien Japaner oder Chinese zu sein.
- (t1): Eine Frau stand über ihn gebeugt.
- (t1): Sie versuchte gerade, die Geldbörse des Mannes aus seiner Tasche zu bekommen.
- (t2): Sie bemerkte mich,
- (t3): und drehte sich zu mir um...
(t1 < t2 < t3; alle vor der Sprechzeit, daher Präteritum.) Die Beibehaltung von t1 in den ersten Sätzen ist genau der Effekt, der diese Zeit als ein Topik (eingeführter Redegegenstand) erscheinen lässt, parallel zu „ein Mann“, der auch ein eingeführtes Individuum ist, auf das man sich wiederholt bezieht.
Die Analyse der Zeitbeziehungen in Texten lässt sich allerdings nicht vollständig auf der Ebene des Tempus darstellen, entscheidend wird hierfür die Komponente des Aspekts. Dies zeigt sich bereits in der Formulierung „Sie versuchte gerade...“, die ein unabgeschlossenes Ereignis (im Progressiv) beschreibt, im Gegensatz zu „Sie bemerkte mich“.
In Nebensätzen können sich Interpretationen ergeben, in denen Tempusformen nicht ihre sonst anzutreffende, deiktische Bedeutung haben. Die grammatischen Regeln solcher Fälle werden auch als Consecutio temporum, deutsch „Zeitenfolge“, bezeichnet. Diese Regeln zur Verwendung der Tempusformen in abhängigen Sätzen unterscheiden sich dabei von Sprache zu Sprache.
Das Phänomen zeigt sich zum Beispiel an Unterschieden zwischen Deutsch und Englisch in Nebensätzen nach Verben des Sagens oder der Einstellung:
- a) John said that Mary was pregnant.
- b) John said that Mary is pregnant.
- b') Hans sagte, dass Maria schwanger ist.
Wenn die Schwangerschaft zu derselben vergangenen Zeit besteht, zu der Johns Aussage gemacht wurde, wird im Englischen a) benutzt. Die Interpretation des Präteritums im Nebensatz richtet sich nach der Betrachtzeit des Hauptsatzes.[39] Im Deutschen ist jedoch hierfür unter anderem auch b') im Präsens möglich (im Russischen wäre ein Präsens sogar die einzige Möglichkeit[40]). Dessen englische Entsprechung b) ist hingegen eingeschränkter: Sie erfordert, dass die Schwangerschaft auch zur Sprechzeit des Satzes noch besteht – das Präsens in b) ist also deiktisch. Das deutsche Präsens in b') kann jedoch statt deiktischer Gegenwart die bloße Gleichzeitigkeit mit der Betrachtzeit von „sagte“ bezeichnen. (Abgesehen davon kann im Deutschen der Bezug auf die reale Gegenwart ausgeschlossen werden, indem Konjunktiv verwendet wird).[41]