Begriffsbildung im Physikunterricht
◀▷Die Begriffsbildung liegt dem Vokabular und Verstehensprozess aller wissenschaftlichen Disziplinen zu Grunde und spielt in der Physikdidaktik insbesondere beim Übergang von der Alltagssprache der Schüler zur Fachsprache der Physik (vgl. generativer Unterricht) eine große Rolle. Allgemein versteht man unter Begriffsbildung den Prozess des Nachvollziehens und Erschaffens von Begriffen, dem immer ein Prozess des Abstrahierens vorangeht. Sowohl in der Physik, als auch im Allgemeinen dient der Begriff also der Distanzierung, Isolierung, Strukturierung und Abgrenzung von Teilen der wahrgenommenen Realität.

Aufgrund ihrer abstrahierenden Wirkweise geht mit der physikalischen Begriffsbildung auch immer ein Verlust der Anschaulichkeit einher. Sie greift aus der Realität jene Phänomene, also Auffälligkeiten und Regelmäßigkeiten, heraus, die im Rahmen der Physik von Interesse sind. Dabei vollzieht sich ein aktiver Prozess der Akkommodation(Anpassung) und Assimilation (Vereinnahmung), wie er nach Jean Piaget allem menschlichen Lernen zu Grunde liegt. Hat dieser Prozess Erfolg, ist der Begriff also erfolgreich in die bereits vorhandene Wissensstruktur eingebettet (assimiliert) worden, so kann er vom Lerner in Zukunft zu einer wissenschaftlich exakten (=physikalischen) Beschreibung von Auffälligkeiten und Regelmäßigkeiten seiner Umgebung verwandt werden, ohne dabei den Blick auf das Ganze zu verstellen.
Wie etwa das prominente Beispiel der Kraft zeigt, stehen physikalische Begriffe jedoch häufig im Gegensatz zu ihren umgangssprachlichen Äquivalenten. Versteht man umgangssprachlich unter der Kraft etwa einer Zugmaschine eine für dieses Objekt charakteristische Eigenschaft, so steht der Kraftbegriff in der Physik immer für eine Wechselwirkung zwischen Objekten. Es ist daher umso wichtiger, im Physikunterricht die physikalische Begriffsbildung transparent zu gestalten und Unterschiede zwischen physikalischen Begriffen und Alltagsbegriffen nicht auszuklammern, sondern gezielt zu thematisieren. (vgl. auch Unterrichtsbeispiele aus Schlichting und Backhaus, 1981) Dabei gilt es auch, die Schüler auf die konventionellen und empirischen Randbedingungen einer jeden physikalischen Begriffsbildung hinzuweisen und ihnen damit einen Eindruck davon zu vermitteln, dass die Beschreibung der Welt in den Begriffen der Physik nur eine, nicht aber die einzig wahre Naturbeschreibung darstellt.