Boethius (Cusanus)
Anicius Manlius Severinus Boethius (477 oder 480 - 524/5) entstammte einer der mächtigsten und reichsten Familien Roms. Früh verlor er den Vater, den Konsul des Jahres 487, im folgenden Jahr wurde er zur Erziehung dem gebildeten Memmius Symmachus übergeben, dessen Tochter Rusticiana er später heiratete. Symmachus bildete ihn gründlich aus; er lernte Platon, Aristoteles und die Neuplatoniker kennen. In der Forschung besteht Unklarheit über seinen Studienort: Athen oder Alexandria (P. Courcelle). Boethius stieg zu den höchsten Staatsämtern am Hof des Ostgotenkönigs Theoderich auf: im Jahre 522 wurde er zum Kanzler (magister officiorum) ernannt, seine beiden Söhne waren im selben Jahr Konsuln. Um 523 wurde er aufgrund einer verleumderischen Anklage in Haft genommen, vermutlich gefoltert und 524 hingerichtet. Aufgrund seines Martyriums erhielt er den Ehrennamen des Severinus, dessen Fest am 23. Oktober gefeiert wird und dessen Kult erst 1883 offiziell anerkannt wurde.
Boethius’ großes Projekt, die Hauptwerke Platons und Aristoteles’ durch Übersetzungen und Kommentare dem lateinischsprachigen Abendland zugänglich zu machen, erwies sich als unmöglich. Wegen seines vorzeitigen Todes gelang es ihm nur, die Kategorien, die Lehre vom Satz und Porphyrios’ Isagoge ins Lateinische zu übersetzen. Bis zum Jahr 1120 blieben diese Werke die einzigen bekannten Schriften von Aristoteles, sie bildeten die Grundlage der mittelalterlichen Logik (logica vetus). Nach 1120 kam die logica nova dazu, der Boethius’ Übersetzungen der Ersten Analytik, der Topik und der Sophistischen Widerlegungen zugrundelagen. Unvollendet blieb Boethius’ Kommentar zu Ciceros Topik. Zu seinen eigenen Werken gehören die logische Introductio ad syllogismos categoricos, die Introductio ad syllogismos hypotheticos, De divisione und De topicis differentiis. Sein Lehrbuch zur Arithmetik (Institutio arithmetica) bezieht sich auf das Werk des Nikomachos von Gerasa. Die mittelalterliche Musiktheorie verdankt Boethius’ Institutio musica die Kenntnis der griechischen Harmonik. Außerdem übersetzte er die Fragmente von Euklids Elementen. Insofern gilt er als Begründer der artes liberales. Seine Position zu damals heftig diskutierten theologischen Problemen vertrat er in folgenden Werken: Quomodo trinitas unus deus ac non tres dii?, Utrum Pater et Filius et Spiritus Sanctus de divinitate substantialiter praedicentur?, Quomodo substantiae in eo quod sint bonae sint cum non sint substantialia bona, De fide catholica, Contra Eutychen et Nestorium. Sein letztes Werk, höchstwahrscheinlich im Gefängnis in Pavia verfasst, ist De consolatione philosophiae. Darin sucht man vergeblich Anspielungen auf das Christentum oder auf die Kirchenväter. Aus diesem Grunde fand das Werk zahlreiche Erforscher, freilich blieben Meinungsverschiedenheiten über seinen Wert unvermeidlich.
Im Trost der Philosophie bemerkt Boethius, dass das menschliche Handeln immer auf das Gute ausgerichtet sei. Insofern sei der Mensch imstande, das vollendete Gut zu erreichen, das „nichts mehr braucht und zugleich das stärkste und das edelste ist“; dabei bildet es ein Wesen, keine Summe der Güter. Ein solches Gut würde dem Menschen die Glückseligkeit bringen (III, 9). Sobald der Mensch sein vollkommenstes Erkenntnisvermögen erlangt, das Geist ist (Intellectus), wird ihm klar, dass ein solches Gut existiert und Ursprung aller übrigen Güter ist. Die sinnliche Welt, die unvollkommen und relativ bleibt, wird durch das Absolute und Vollkommene erkannt. Um den regressus in infinitum zu vermeiden, müsse man die Existenz Gottes annehmen, der sich schließlich als das Vollkommenste und das höchste Gut erweist (III, 10). Eine Aussage von Boethius antizipiert einen Gedanken des Anselm von Canterbury: „Gott ist das allermächtigste Wesen, weiter ist er das Gute, das stellen alle Menschen fest. Es ist unmöglich, etwas Besseres als Gott zu denken, insofern darf man nicht bezweifeln, dass er das Gute ist.“ (Nam cum nihil deo melius excogitari queat, id quo melius nihil est bonum esse quis dubitet? III, 10).
Gott ist ein guter Fürst (princeps) aller Dinge, auch ist er eine Vorsehung (providentia), wobei Boethius zwischen der Vorsehung (providentia) und dem Schicksal (fatum) unterscheidet. Die Vorsehung fasst er als die unbewegliche und einfache Form dessen auf, was geschehen soll, das Schicksal als ihre bewegliche Verknüpfung und zeitliche Ausführung. Das Schicksal ist ein Werkzeug der Vorsehung, und wie alles, was Gott direkt unterliegt, steht auch die Vorsehung über der Notwendigkeit des Fatums (IV, 6). Der göttlichen Vorsehung unterliegt alles, selbst ein Zufall beruht auf Ursachen, die vom Menschen einfach nicht gut erkannt worden sind (V, 1). Diese Gedanken führen zu einem Problem: Welches Verhältnis besteht zwischen der göttlichen Vorsehung und dem menschlichen freien Willen? Boethius scheint einzuräumen, dass das göttliche Allwissen mit dem freien Willen des Menschen nicht zu vereinbaren sei (V, 3). Zum anderen stellt er eindeutig fest, dass die göttliche Vorsehung nicht erzwingt, was in Zukunft passieren wird, und dass sie gerade dadurch den freien Willen nicht abschafft. Das Wissen Gottes von der Gegenwart hat keine Auswirkung auf die Ereignisse, ebenso nicht das bloße Betrachten dessen, was sich vor unseren Augen abspielt. Das Problem taucht erst dann auf, wenn man annimmt, dass Gott „nach vorne schaut“. Es stellt sich jedoch als Pseudoproblem heraus, weil die menschliche Erkenntnis nicht nur auf dem Objekt der Erkenntnis basiert, sondern, so Boethius, auf dem Subjekt, präziser: auf dem Erkenntnisvermögen. Der göttliche Geist erfasst alles direkt. Was sich für den menschlichen Geist als Vergangenheit oder Zukunft darstellt, ist für den göttlichen die Gegenwart. Im Gegensatz zum menschlichen Dasein zeichnet sich das Göttliche durch Ewigkeit (aeternitas) aus, d. h. durch den Vollbesitz der ganzen Fülle des Lebens als Gegenwart (Aeternitas est interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio, V, 6). Die Consolatio schließt mit der Aufforderung, den Lastern auszuweichen, die Tugenden zu pflegen und sich im Gebet zu üben, weil alles, was man tut, sich vor den Augen des allwissenden Richters abspielt (V, 6).
Boethius geht von der aristotelischen Einteilung in praktische und theoretische Philosophie aus. Letztere fasst er als die wichtigere von beiden auf und nennt ihre drei Bereiche: Physik (naturalis), Mathematik und Theologie. Gegenstand jeder dieser Wissenschaften ist die Form: die Physik befasst sich mit der Form in der Materie (in der Bewegung), die Mathematik mit der Form ohne Bewegung; die Theologie sieht vom Gegenständlichen aller theoretischen Wissenschaften am meisten ab, indem sie sich auf die höchste Form ausrichtet, auf Gott. Die Theologie wird dabei als die Art der intellektuellen Kontemplation aufgefasst, welche durch das vollkommenste menschliche Vermögen ausgeübt werden kann, durch den menschlichen Geist. Die vollkommenste Vorbereitung für die Kontemplation – worauf bereits Platon verwies – ist die Mathematik. Sie hilft dem Geist, sich vom Irdischen abzuwenden. Um die intellektuelle Kontemplation zu Ende zu bringen, ist das göttliche Licht nötig. Boethius ist damit, wie er selbst beteuert, ein Nachfolger des heiligen Augustin.
Zu den wichtigsten Fragen der theologischen Traktate: Boethius behandelt die Frage Gottes im Zusammenhang mit den zehn aristotelischen Kategorien. Er stellt die ‚substanziellen‘ Prädikate dar: Substanz, Quantität und Qualität. Dann listet er die übrigen, die ‚akzidentellen‘ Kategorien auf. Die ‚substanziellen‘ Kategorien beantworten die Frage: „was ist das Ding?“, die ‚akzidentellen‘ hingegen betrachten die äußeren Relationen der Dinge. Nur unter einer Bedingung kann Gott von den ‚substanziellen‘ Kategorien ausgesagt werden: Sie müssen auf die vollkommen einfache Substanz verweisen, die über der Substanz steht. Die göttliche Substanz ist reine Form ohne Materie, ihre Existenz (esse) ist das, „was sie ist“ (id quod est). Die anderen Dinge existieren aufgrund ihrer Teilhabe, daher gibt es zwischen ihrer Existenz (esse) und dem, „was sie sind“ (id quod est), einen realen Unterschied.
Der Traktat De Hebdomadibus behandelt das Problem der Relation zwischen Gott und Schöpfung. In neuplatonischer Art schildert Boethius Gott als das höchste und einzige Gut. Seine Überlegungen führen zu dem Gedanken, dass nur ein vollkommen einfaches Sein existiert. Es ist zugleich das Gute: die anderen Dinge sind nur gut, weil sie vom Willen des höchsten Gutes abhängen. Sprachlich ähnelt dieser Traktat am meisten Boethius’ Kategorien-Übersetzung. Er bietet hier eine neue Art des theologischen Vortrags; als Muster dient ihm Proklos’ Werk Die Grundlagen der Theologie: beginnend mit wenigen Axiomen wird die theologische Problematik more geometrico dargestellt. Dieser Methode bedient sich auch der Traktat Contra Eutychen et Nestorium. Boethius nimmt hier Stellung zur Christologie, indem er gegen die zwei radikalen Positionen von Eutyches und Nestorius polemisiert. Nestorius behauptete, in der Person Jesu Christi seien göttliche und menschliche Natur streng voneinander getrennt; Eutyches meinte, beide Naturen seien dort in der Tat eins. Boethius vermeidet diesen Streit, indem er die Bedeutung von ‚Natur‘ präzisiert. Erstens bezieht sich ‚Natur‘ einfach auf die Körper, zweitens auf die materiellen und auf die immateriellen Substanzen, schließlich auf alles, was irgendwie existiert, einschließlich Gott, Materie und das Nicht-Seiende. Der Naturbegriff rekurriert insofern auf die intellektuelle Substanz, die sich als Ursprung der Aktivität (facere) und der Affekte (pati) auszeichnet; dennoch sind sie nicht austauschbar. Der Naturbegriff ‚macht‘ den Substanzbegriff deutlich, diese Funktion hat nach Aristoteles der Artunterschied. Im Anschluss entwirft Boethius die vierte Bedeutung von ‚Natur‘: Die Natur ist ein Artunterschied (specifica differentia), welchen die Form jedem Einzelding gibt (formans). Weiterhin werden die Verhältnisse zwischen den Begriffen ‚Natur‘ und ‚Person‘ erklärt. Person ist eine Substanz, aber kein Akzidens; sie ist eine besondere Substanz, deren Artunterschied die Rationalität ist. Darüber hinaus wird Person als einzelnes, individuelles und untrennbares Dasein aufgefasst. Auf diese Weise entwirft Boethius die Definition der Person (persona): rationalis naturae individua substantia. Beide Naturen, die göttliche und die menschliche, befinden sich in einer Person, der Jesu Christi, zugleich untrennbar zusammen.
Jedes Werk des Boethius hat eine besondere Rezeption erfahren. Seine Lehrbücher zu den Artes liberales gehörten bis zur Renaissance zu den Standards der wissenschaftlichen Ausbildung. Die erste Rezeption beginnt schon im 10. Jahrhundert mit den Glossen zu seiner Isagoge. In dieser Zeit wird auch Boethius’ De hypotheticis syllogismis von Abbo von Fleury kommentiert. Boethius’ Logik war im 9. und 10. Jahrhundert die Grundlage in den Schulen von Fleury und Reims. Im 12. Jahrhundert lösten die Kategorien und die Isagoge von Porphyrios den Streit über die Universalien aus. 1118/19 verfasste Petrus Abelard Kommentare zu beiden Schriften des Porphyrios. Sie wurden aufgrund von Boethius’ Hermeneutik neu interpretiert. Die Rezeption der theologischen Traktate geschah in drei Phasen: 1) karolingische – die ältesten Manuskripte stammen aus dem frühen 9. Jahrhundert, sie wurden von Fredegisus von Tours (Autor von De substantia nihili et tenebrarum) und Eriugena gelesen; 2) die Opuscula wurden in der Schule von Chartres kommentiert (Theodoricus von Chartres, Gilbert de la Porrée, Clarembald von Arras); 3) das 13. Jahrhundert – die Kommentare von Thomas von Aquin. Spuren der Rezeption der Consolatio Philosophiae finden sich schon bei Cassiodor und Alkuin; Kommentare schrieben Lupus von Ferrières, Remigius von Auxerre, Bovo von Corvey und Wilhelm von Conches. Das Werk beeinflußte Bernhard Silvestris, Alain von Lille, Brunetto Latini, Christine de Pizan und Nikolaus von Kues. Es wurde rasch in die nationalen Sprachen übersetzt, im 9. Jh. im Auftrag von König Alfred, um 1300 von Jan de Meun.
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Agnieszka Kijewska, übersetzt von Maciej Tanski
30.09.2009
zuletzt bearbeitet: 01.10.2009