Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/02
▷[C] Als ich noch in meiner Jugend war, ging es mir wie vielen Jünglingen. Ich hatte im Sinne, sobald ich mein eigener Herr geworden war, mich an der Verwaltung des Staates zu beteiligen. Da kamen mir einige Verwicklungen im Staate dazwischen, und die waren folgender Art. Da Viele mit der damaligen demokratischen Staatsverfassung unzufrieden waren, so entstand eine Umwälzung derselben, und einundfünfzig aristokratische Männer stellten sich an die Spitze derselben, davon walteten elf in der Stadt Athen und [D] zehn in der Hafenstadt Pirayas als Verwaltungsbehörden, jede von beiden in Markt- und andren notwendigen Ämtern, die übrigen Dreißig aber machten sich zu unabhängigen Herrn des Staates. Unter diesen hatte ich einige Verwandte und Bekannte, und sonach luden sie mich alsbald zur Teilnahme an ihrer Politik, weil sie glaubten, dass diese mir willkommen sein würde. Und da war es kein Wunder, wenn ich aus jugendlicher Unerfahrenheit mich dazu verleiten ließ. Ich hegte nämlich den Glauben, [E] sie würden den Staat aus seinem moralisch zerrütteten Leben herausschaffen und ihre Verwaltung denn doch auf eine rechtliche Grundlage stützen, und darin widmete ich ihren politischen Reformen ein aufmerksames Augenmerk. Nach meiner Beobachtung nun zeigten diese Herrn in kurzer Zeit, dass der frühere politische Zustand noch Gold gewesen war. Und als ich erst sah, wie sie unter andern den Sokrates in seinen älteren Jahren, den mir so teuren Mann, welchen ich den Besten der damaligen Welt zu nennen keinen Anstand nehmen möchte, nebst anderen Gesellen ihres Gelichters ausschicken wollten, um ihnen einen der Bürger mit Gewalt zur Schlachtbank zu führen, [325 St.3 A] und wie sie das offenbar aus keiner anderen Absicht taten als dass Sokrates, sei es mit oder ohne Willen, als Teilnehmer ihrer Politik gelte. Dieser aber folgte ihrem Befehle nicht und wollte sich lieber der größten Lebensgefahr unterziehen als ein Genosse ihrer verbrecherischen Staatshandlungen werden. Als ich, sag' ich, alle diese und noch etwelche andere Gräueltaten ansah, [B] da bekam ich einen Ekel an dieser neuen Politik und zog mich zurück von der damaligen Misswirtschaft. Nach nicht langer Zeit kam es zum Sturz der Dreißig und gegen ihre politische Richtung. Und wiederum führte mich der Zug meines Herzens, obwohl etwas abgekühlt, unter Hintansetzung meiner persönlichen und häuslichen Interessen, zu den Staatsgeschäften der wiederhergestellten Republik. Auch hierin gab es nun, wie natürlich nach solchen Erschütterungen, viele Dinge, woran man Abscheu empfinden musste, und man dürfte es gar nicht auffallend finden, wenn bei der einen Partei in Revolutionszeiten starke Repressalien gegen die Gegenpartei stattfinden. Es ist indessen nicht zu leugnen, dass die damals zurückgekommenen Demokraten noch viele Mäßigung zeigten. Aber ein neuer Unstern sollte mir in meinem politischen Leben begegnen. Das Unglück verfolgte den genannten Sokrates, unseren langjährigen Freund und Lehrer und einige Wortführer brachten ihn vor Gericht, [C] indem sie ihn der Gottlosigkeit beschuldigten, welche mit dem Charakter des Sokrates im grellsten Widerspruche stand. Es fanden sich Leute die ihn durch Anklage vor Gericht brachten, und es fand sich auch eine Stimmenmehrheit, welche ihn verdammte und das Todesurteil über ihn aussprach, über ihn, welcher unter der vormaligen Aristokraten-Herrschaft, zu einer Zeit als sie in der politischen Verbannung schmachteten, hinsichtlich eines ihrer damals flüchtigen Gesinnungsgenossen Anteil an einem abscheulichen Standrechtsprozesse zu nehmen [D] sich beharrlich weigerte. Bei der Betrachtung solcher Vorgänge und der Menschen, welche damals an der Spitze der Staatsverwaltung standen, ferner bei näherer Prüfung der Staatsgesetze und sittlichen Gewohnheiten der Bürger schien mir die Verwaltung eines Staatsamtes mit der Vernunft desto schwerer vereinbar, je tiefer ich in diese Zustände blickte und je mehr ich dem reiferen Alter zuschritt. Denn ohne eine politische Assoziation mit Freunden und treu verbrüderten Parteigängern ist es nicht möglich mit Politik sich abzugeben, solche, wenn sie auch vorhanden gewesen wären, waren aber schwer aufzufinden, denn unser Staat wurde nicht mehr verwaltet im Geiste der alten guten Sitten und Einrichtungen, [E] und ohne Gefahr sich andre neue heranzuziehen war unmöglich. Dazu kam, dass die ausdrücklichen Vorschriften der Gesetze unbefolgt blieben, dass die Sitten der Menschen immer fort verderbt wurden und dass das Verderbnis außerordentlich zunahm. Die Folge davon war, dass ich, der ich früher so voll Eifer für die Staatsgeschäfte war, beim Hinblick auf diese Zustände und beim Anblick eines gänzlichen Drunter- und Drübergehens der Dinge endlich [326 St.3 A] gleichsam eine Art Schwindel bekam. Da entschloss ich mich, zwar nicht von der Theorie über die etwaige Verbesserung dieser politischen Zustände und der Staatsverfassung überhaupt abzulassen, in Bezug aber auf die praktische Tätigkeit in der Politik bis auf bessere Zeiten zu warten. Endlich kam ich zur Einsicht, dass alle jetzigen Staaten schlecht regiert sind und dass ihnen ihre Verfassungen [B] in dem heillosen Zustande verbleiben ohne eine gewisse außerordentliche Kurmethode in Verbindung mit einem glücklichen Zufall. Ich musste nämlich zur Ehre der wahren Philosophie gestehen, dass nur aus dieser das ganze Heil des Staats- wie des Privat-Lebens zu erblicken ist, dass sonach die Menschheit von ihrem Elend nicht früher erlöst werde, bis entweder der Stand der wahrhaften Philosophen zum Regiment der Staaten kommt oder bis der Stand derjenigen welche in den Staaten das Regiment in den Händen haben in Folge einer göttlichen Fügung gründlich sich dem Studium der Philosophie ergibt.▷