Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/05
▷[C] Nach dieser seiner Gesinnungsänderung erkannte er, dass dieses Geisteslicht, welches er von rechter Belehrung empfangen hatte, nicht nur bei ihm aufgegangen war, sondern er sah und empfand, dass es auch bei Andren, wenn auch nicht Vielen, doch bei einigen Auserlesenen, gezündet habe, und er hatte Grund zu glauben, dass mit Gottes Hilfe auch Dionysius einer derselben werde, geschähe aber so Etwas, so werde nicht nur demselben sondern auch der übrigen syrakusischen Staatsgesellschaft das Los eines unbeschreiblich glücklichen Lebens zu Teil werden. Im Hinblick auf diese Pläne glaubte nun Dion, dass ich auf jeden Fall so schnell als möglich nach Syrakus kommen müsse [D] als Beirat bei deren Ausführung, und er berief sich dabei auf seinen und meinen früheren belehrenden Umgang und hob hervor, wie leicht er bei ihm die Wirkung hervorgebracht habe, dass ihm Hunger nach dem schönsten und besten Leben gekommen sei. Wenn meine Belehrung auch jetzt wieder bei Dionysius denselben Erfolg zu Stande brächte, [E] wie sie bereits dazu den Anfang gemacht hätte, so hätte er große Hoffnungen, ohne Mord, ohne Hinrichtung und ohne die jetzt üblich gewordenen Übeln ein glückliches und auf den Geist der Wahrheit gegründetes Leben im ganzen Lande herzustellen. Nachdem Dion diese Gedanken erfasst hatte, so bestimmte er den Dionysius mich nach Sicilien kommen zu lassen, und er selbst schickte zu mir und bat mich, ja sobald als möglich auf jeden Fall zu kommen bevor der Zufall einige Andre dem Dionys zuführte, und diese ihn zu einem anderen als zu dem besten Leben verleiteten. Er begleitete aber seine Bitte mit folgenden, wenn gleich zur vollständigen Aufführung hier etwas zu langen Einzelheiten: „Welche herrlichere Zeiten sollen wir abwarten, als die mit Gottes Glück jetzt eingetretenen?” Er zählte hierauf her, über welches Gebiet Dionysius in Italien und Sizilien herrsche und welchen Einfluss er darin besitze, [328 St.3 A] er rühmte die Jugend des Dionysius und die Wärme seines Verlangens nach philosophischer Bildung, er sprach von seinen Vettern und Verwandten, wie geneigt und geeignet sie seien zu der von mir gelehrten Lebensweise, und wie wichtig eine solche Gesellschaft für den Dionysius sei, um ihn auf dem rechten Wege zu erhalten, so dass jetzt oder nie alle Hoffnung zur Realisierung der Vereinigung der Philosophie und der Herrschergewalt in denselben Personen bestünde. Diese und gar vieles andere Zureden dieser Art kam mir also von Dion zu, [B] meine Meinung darüber aber anlangend, so schreckte mich immer nur der Gedanke an das Herz junger Herren ab, wie das immer so wandelbar sei, denn ihre Neigungen kommen und gehen schnell und geraten oft mit sich in Widerspruch. Was den Dion dagegen betraf, so war mir seine angeborener zuverlässiger Charakter und die Reife seines Alters bekannt genug. Als ich daher so die Sache überlegte und hin und her schwankte, ob ich gehen oder wie ich es machen sollte, so gab doch zum Gehenmüssen den Ausschlag folgender Gedanke: jetzt oder nie müsse man den Versuch machen, [C] wenn man seine Ansichten über Staatsgesetze und Staatsverfassung verwirklichen wollte, hätte ich nur einen vollkommen überzeugt, so würde ich alles Heil glücklich realisiert haben. Dieser Gedanke und dieser kühne Griff war's welcher mich zur Abreise von zu Hause bestimmte, nicht das Motiv, welches der Wahn einiger Leute mir unterstellt hat. Vor allem erstlich war der Hauptbeweggrund die Achtung vor mir selbst, [D] um nicht den Schein auf mir ruhen zu lassen, nur eine gewisse Stärke auf theoretischem Felde stehe mir zu Gebote, aber an irgend eine praktische Ausführung zu gehen sei ich niemals bei der Hand, zweitens dürfte ich auch nicht den Verdacht des Verrates gegen meinen Freund, besonders gegen Dion, auf mich laden, an den sich die Bande der Gastfreundschaft und die einer langjährigen Bekanntschaft knüpften, und welcher in der Tat in eine nicht geringe kritische Situation geraten war. Mochte ihm nun ein Leid widerfahren oder mochte er von Dionys und den übrigen Gegnern verbannt werden, so stellte ich ihn mir vor, wie er als Flüchtling mit der Anrede zu mir träte: „O Platon, da komme ich zu dir als ein verbannter Mann, nicht aus Mangel an Kriegsvolk zu Fuß und zu Pferd, sondern aus Mangel eines Lehrers und Redners, in welcher Beziehung du meines Wissens [E] eine unbedingte Meisterschaft besitzt, junge Männer zum Guten und Gerechten hinzuleiten und ihre Herzen zu einer festen Freundschaft und in Eintracht zu verbinden. In dieser Beziehung aber von dir ganz im Stiche gelassen, habe ich durch deine Schuld Syrakus verlassen müssen und bin nun hier als Flüchtling. Mein Unglück jedoch bringt dir noch die geringere Schande, größere bringt dir ein anderer Verrat. [329 St.3 A] Ist die Philosophie, die du preist und deren Missachtung durch die übrigen Menschen du beklagst, nicht jetzt verraten worden? Wenn wir in Megara gewohnt hätten, da wärest du gewiss als Beistand zur Verwirklichung der Pläne gekommen, wozu wir dich anriefen, wenn nicht hättest du gar keine Ehre in der Brust gehabt. Nein, wenn du mit der Länge des Wegs, mit der Weite der Schiffsreise; mit der Größe der Anstrengung dich zu entschuldigen glaubst, so verfehlst du ganz die Absicht, dich vom Schein der Charakterlosigkeit zu befreien." Wenn Dion solche Sprache an mich gerichtet haben würde, hätte ich dagegen eine stichhaltige Antwort geben können? Durchaus nicht! Drum reiste ich ab, nicht ohne vernünftige Überlegung und aus dem nach menschlicher Einsicht gültigsten Motiv, indem ich wegen solcher Pflichtgefühle mein Lehramt verließ [B] und mich an den Hof eines Tyrannen begab, was weder meinen philosophischen Grundsätzen noch meinem persönlichen Gefühle zu entsprechen schien, und durch diese meine Abreise machte ich mein Gewissen frei von aller Schuld gegen die heilige Pflicht der Gastfreundschaft und stellte meine philosophische Berufspflicht sicher gegen jeden etwaigen Vorwurf, welcher sie hätte treffen können, wenn ich etwa aus allzu großer Gemächlichkeit oder aus Furchtsamkeit mich einer unehrenhaften Zurückhaltung schuldig gemacht hätte.▷