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Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/21

aus AufEinWort, der freien Forschung

◀▷In diesem Sinne wurde denn auch der Vortrag bei Dionysius begonnen. Alle Teile meiner Lehre stellte ich ihm [B] unter diesen Umständen nicht dar, und Dionysius verlangte auch nicht darnach. Er selbst hatte ja, wie er sich den Anschein gab, schon Wissen genug, und zwar in den größten Dingen, und sei bereits unterrichtet in Folge der von Andren aufgefangenen Weisheit. Später aber, wie ich von Hörensagen weiß, soll er über die damals von mir gehörten Gedanken geschrieben haben, als wenn es seine eigenen Entdeckungen wären, und nichts von eben dem was er gehört habe; ich kenne aber nichts von dem. Von Andren zwar weiß ich, dass sie über eben dieselben Materien geschrieben haben, dagegen gibt es auch gewisse Andre welche nicht einmal selbst wissen, [C] dass sie geschrieben haben. Über alle die Schriftsteller hierüber, sowohl über die jetzigen wie über die künftigen, welche versichern über die Hauptmaterien meines Studiums Etwas zu wissen, sei es aus meinem eigenen Munde oder aus dem Anderer oder durch eigene Auffindung, habe ich hier den Satz auszusprechen: jene Schreiber verstehen, nach meiner Überzeugung wenigstens, über die Philosophie gar nichts. Es gibt ja von mir einmal über jene Materien keine Schrift und wird auch keine geben. Denn in bestimmten sprachlichen Ausdrücken darf man sich darüber wie über andre Lerngegenstände gar nicht aussprechen, sondern aus häufiger fortgesetzter Unterredung gerade über diesen Gegenstand sowie aus innigem Zusammenleben [D] entspringt es plötzlich aus der Seele wie aus einem Feuerfunken das angezündete Licht und bricht sich dann selbst weiter seine Bahn. Und so viel wenigstens weiß ich in dieser Beziehung, dass schriftliche oder mündliche Äußerungen hierüber doch am besten von mir geschehen würden, und da muss es mich denn sehr arg schmerzen, dass meine Gedanken entstellt hinausgeschrieben worden sind. Wenn es mir vernünftig geschienen hätte, dass jene Gedanken durch Schrift und durch Wort unverschleiert unter dem Volke verbreitet werden dürften, was für eine schönere Lebensaufgabe würde ich da gehabt haben als der Menschheit großes Heil zu bescheren und dabei das Wesenhafteste von Allem aller Welt an's Tageslicht zu bringen! [E] Aber weder die Veröffentlichung jener Geheimnisse noch die Behandlung jener Materien vor Allen halte ich für ein Glück, mit Ausnahme von wenigen Auserwählten, von jenen nämlich welche im Stande sind, auf einen ganz kleinen Wink hin selbst zu finden. Von den Übrigen muss sie Einigen auf unverantwortliche Weise eine ganz dumme Verachtung einflößen, Anderen dagegen eine Überspanntheit und Aufgeblasenheit in Folge ihres Wahnes, gelernt zu haben.▷