Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/25
◀▷Wer hier dieser Deduktion und Episode über die Erkenntnis-Stufen treu gefolgt ist, [E] der muss dadurch zu folgender Überzeugung gelangen: mag nun Dionysius oder ein anderer nieder oder höher Stehende seine Gedanken über die höchsten und wichtigsten Fragen schriftlich veröffentlicht haben, so ist gewiss, dass er nach meiner Ansicht wenigstens über die Gegenstände, worüber er in die Welt hineingeschrieben hat, irgend einen gesunden vernünftigen Gedanken nicht besaß, nicht durch Hören eines Vortrages und auch nicht durch die Erfindung seiner inneren Geistestätigkeit. Denn sonst würde er dieselbe heilige Scheu vor jenen Wahrheiten haben wie ich, und würde sich nicht unterstanden haben dieselben auf so unpassende und unschickliche Weise unter die Menge zu werfen, denn für die Schreiberei über solche Wahrheiten hat es gar keine haltbare Entschuldigungsgründe. Will er sie erstlich zu seiner eignen Erinnerung zu Papier gebracht haben, so ist dieser Grund einmal unhaltbar, denn es gibt ja gar keine Gefahr, dass sie jemand vergisst, wenn er sie nur einmal recht erfasst hat. Ein anderer Fall wäre es, wenn er aus Ehrgeiz geschrieben hätte, sei es unter ausgeben jener Wahrheiten für sein Eigentum, sei es um zu zeigen, dass er einer tieferen Bildung teilhaftig geworden ist, deren er sich unwürdig zeigte dadurch, dass er sich bloß mit dem aus jener Erkenntnis gewonnenen äußeren Schimmer begnügte. [345 St.3 A] Ja wenn dieser Gewinn dem Dionys aus meinem einzigen Vortrage zu Teil ward, so lag darin wohl ein möglicher Grund zu jener Schriftstellerei. Aber auf welche Weise er ihm nun zu Teil ward, das weiß Gott, wie die Sprache der Thebaner eine Unmöglichkeit ausdrückt. Ich hielt ihm nämlich einen Vortrag, wie ich schon erwähnte, jedoch nur einen einzigen, nachher aber niemals mehr. Nach dieser Erklärung muss denn jeder, welchen es interessiert, den Gewinn in jener Beziehung zu entdecken, mit seinem Verstande herausbringen, in wie fern ein solcher Gewinn statthaben konnte, sowie auch die Ursache einsehen, aus welcher ich ihm keinen zweiten, dritten und weiteren Vortrag hielt. In Bezug auf diese Ursache sind drei Fälle denkbar: entweder erstlich der, dass ein Dionysius [B] bloß durch eine einmalige Vorlesung ein Weiser zu sein glaubt und auch ein perfekter Weiser ist, sei es in Folge eigener Erfindungsgabe oder in Folge schon vorheriger Schulung von Seiten andrer als von mir, oder als zweiter Fall ist denkbar, dass er glaubt, die von mir ihm mitgeteilten Gedanken seien dumm, oder der dritte Fall ist der, dass er jene Gedanken nicht nach seinem Kopfe, sondern zu hoch für denselben und sich für unfähig hielt einem Leben des Geistes und der wahren Tugend sich zu widmen. Nur diesen dritten Fall wird man als den wirklich wahren finden. Denn wollte man den zweiten Fall annehmen, meine mit geteilten Gedanken seien dumm gewesen, so würde Dionysius in den Kampf [C] mit einer Menge das Gegenteil behauptender Zeugen geraten, die hierin eine weit größere Kompetenz haben als jener, und den ersten Fall anzunehmen, Dionysius habe geglaubt, eine Weisheit ausgedacht oder auch von Andern erlernt zu haben und habe also die Gedanken derselben für tauglich gehalten zur Heranbildung einer edlen Menschenseele, wie sollte mit dem nicht ein Mensch im auffallendsten Widerspruch stehen welcher den Fürsten und Herrn so einer Weisheit so frivoler Weise kränken konnte! Wie er aber kränkte, das kann Keiner besser berichten als ich.▷
- Wer hier dieser Deduktion und Episode über die Erkenntnis-Stufen treu gefolgt ist,
- [E] der muss dadurch zu folgender Überzeugung gelangen:
- mag nun Dionysius oder ein anderer nieder oder höher Stehende seine Gedanken über die höchsten und wichtigsten Fragen schriftlich veröffentlicht haben,
- so ist gewiss, dass er nach meiner Ansicht wenigstens über die Gegenstände,
- worüber er in die Welt hineingeschrieben hat,
- irgend einen gesunden vernünftigen Gedanken nicht besaß,
- nicht durch Hören eines Vortrages und auch nicht durch die Erfindung seiner inneren Geistestätigkeit.
- Denn sonst würde er dieselbe heilige Scheu vor jenen Wahrheiten haben wie ich,
- und würde sich nicht unterstanden haben dieselben auf so unpassende und unschickliche Weise unter die Menge zu werfen,
- denn für die Schreiberei über solche Wahrheiten hat es gar keine haltbare Entschuldigungsgründe.
- so ist gewiss, dass er nach meiner Ansicht wenigstens über die Gegenstände,
- Will er sie erstlich zu seiner eignen Erinnerung zu Papier gebracht haben,
- so ist dieser Grund einmal unhaltbar,
- denn es gibt ja gar keine Gefahr, dass sie jemand vergisst,
- wenn er sie nur einmal recht erfasst hat.
- so ist dieser Grund einmal unhaltbar,
- Ein anderer Fall wäre es,
- wenn er aus Ehrgeiz geschrieben hätte,
- sei es unter ausgeben jener Wahrheiten für sein Eigentum,
- sei es um zu zeigen, dass er einer tieferen Bildung teilhaftig geworden ist,
- deren er sich unwürdig zeigte dadurch,
- dass er sich bloß mit dem aus jener Erkenntnis gewonnenen äußeren Schimmer begnügte.
- wenn er aus Ehrgeiz geschrieben hätte,
- [345 St.3 A] Ja wenn dieser Gewinn dem Dionys aus meinem einzigen Vortrage zu Teil ward,
- so lag darin wohl ein möglicher Grund zu jener Schriftstellerei.
- Aber auf welche Weise er ihm nun zu Teil ward,
- das weiß Gott, wie die Sprache der Thebaner eine Unmöglichkeit ausdrückt.
- Ich hielt ihm nämlich einen Vortrag,
- wie ich schon erwähnte, jedoch nur einen einzigen,
- nachher aber niemals mehr.
- Nach dieser Erklärung muss denn jeder,
- welchen es interessiert,
- den Gewinn in jener Beziehung zu entdecken,
- mit seinem Verstande herausbringen,
- in wie fern ein solcher Gewinn statthaben konnte,
- sowie auch die Ursache einsehen,
- aus welcher ich ihm keinen zweiten, dritten und weiteren Vortrag hielt.
- sowie auch die Ursache einsehen,
- In Bezug auf diese Ursache sind drei Fälle denkbar:
- entweder erstlich der,
- dass ein Dionysius [B] bloß durch eine einmalige Vorlesung ein Weiser zu sein glaubt
- und auch ein perfekter Weiser ist,
- sei es in Folge eigener Erfindungsgabe
- oder in Folge schon vorheriger Schulung von Seiten andrer als von mir,
- oder als zweiter Fall ist denkbar,
- dass er glaubt, die von mir ihm mitgeteilten Gedanken seien dumm,
- oder der dritte Fall ist der,
- dass er jene Gedanken nicht nach seinem Kopfe,
- sondern zu hoch für denselben und sich für unfähig hielt einem Leben des Geistes und der wahren Tugend sich zu widmen.
- Nur diesen dritten Fall wird man als den wirklich wahren finden.
- Denn wollte man den zweiten Fall annehmen,
- meine mit geteilten Gedanken seien dumm gewesen,
- so würde Dionysius in den Kampf [C] mit einer Menge das Gegenteil behauptender Zeugen geraten,
- die hierin eine weit größere Kompetenz haben als jener,
- Denn wollte man den zweiten Fall annehmen,
- und den ersten Fall anzunehmen,
- Dionysius habe geglaubt, eine Weisheit ausgedacht oder auch von Andern erlernt zu haben
- und habe also die Gedanken derselben für tauglich gehalten zur Heranbildung einer edlen Menschenseele,
- wie sollte mit dem nicht ein Mensch im auffallendsten Widerspruch stehen
- welcher den Fürsten und Herrn so einer Weisheit so frivoler Weise kränken konnte!
- Wie er aber kränkte, das kann Keiner besser berichten als ich.
- dass er jene Gedanken nicht nach seinem Kopfe,
- entweder erstlich der,
- mag nun Dionysius oder ein anderer nieder oder höher Stehende seine Gedanken über die höchsten und wichtigsten Fragen schriftlich veröffentlicht haben,
- [E] der muss dadurch zu folgender Überzeugung gelangen: