Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/29
▷Bis zu dem Grade hatte ich auf diese Weise für Verwirklichung und Verherrlichung meiner philosophischen Lehre, sowie zum Schutze meiner Freunde mich geopfert! Hierauf nun lebten ich und Dionys derart, dass ich meinerseits wie ein gefangener Vogel überall hinblickte, [348 St.3 A] durch welche Öffnung wohl ich fortfliegen könnte, dass Dionysius dagegen fortfuhr, Vorwände zu erheben, wie er durch Nichtherausgeben der Güter Dions mir Schach bieten könne. Dennoch sagten wir vor ganz Sizilien, dass wir gute Freunde wären. Da begann nun Dionysius den Veteranen seiner Söldner den Sold zu schmälern, gegen die Grundsätze seines Vaters; darüber empört rotteten sich die Soldaten zusammen und sagten, dass sie sich das nicht gefallen ließen. Er dagegen wollte sie zwingen und ließ die Tore seiner Burg schließen, worauf jene sofort gegen die Mauern anrücken, [B] unter Anstimmen eines wilden Kriegsgesanges. Darüber voll Furcht und Angst, gestand er den damals versammelten Leichtbewaffneten alle Forderungen samt und sonders zu und noch mehr. Da verbreitete sich schnell ein Gerede, wie Niemand als Herakleides an allen diesen Vorgängen schuld sei. Als dies Herakleides vernahm, machte er sich auf die Seite und verbarg sich. Dionysius aber gab sich alle Mühe seiner habhaft zu werden und als er hierbei nicht zum Ziele kam, ließ er den Theodotes in seinen Garten kommen. Ich ging damals gerade im Garten spazieren. Ihre weiteren Verhandlungen sind mir unbekannt, auch vernahm ich nichts von ihrer Unterredung, [C] was aber Theodotes in Gegenwart meiner zu Dionysius sagte, das weiß ich und habe es noch im Gedächtnisse. „Du Platon also da“, sagte er, „ich bin hier mit einem Anliegen an Dionysius! Wenn ich im Stande bin den Herakleides vor euch zur Verantwortung der jetzt gegen ihn vorliegenden Auflagen hierher zu bringen, so soll er nach meinem Vorschlage, falls sein ferneres Wohnen hier auf der Insel Sizilien etwa nicht genehm wäre, mit Frau und Sohn nach dem Peloponnes abfahren und dort wohnen dürfen, im Genuss der Einkünfte von seinem Vermögen, falls er nichts Feindseliges dort gegen Dionysius unternimmt. Ich habe also im Vertrauen auf die Annahme dieses Vorschlages schon früher an Herakleides geschickt und will jetzt noch einmal an ihn schicken, mag er nun auf die erste Sendung mir hören [D] oder auf die jetzige zweite. An Dionysius aber stelle ich das billige Ansinnen nebst Bitte, dem Herakleides, mag er ihn nur außerhalb oder hier in der Stadt antreffen, kein Leid anzutun, sondern ihn nur außer Landes zu schicken bis auf weitere Order. „Willst du", sagte er sich an Dionysius wendend, „diese Vorschläge genehmigen?” „Ja das will ich tun,” sagte er, „und gebe hier mein Wort, dass er kein Leid erfahren soll, selbst wenn er in deiner eigenen Behausung entdeckt werden sollte.” Am Tage darauf nun kamen gegen Abend Eurybios und Theodotes ganz außer Fassung vor Eile zu mir, und Theodotes nahm das Wort: „Platon,” sagte er, „hast du gestern die Zusagen des Dionysius mit deinen eigenen Ohren gehört, welche er in Betreff des Herakleides mir und dir erteilte?”. [349 St.3 A] „Allerdings” antwortete ich. „Aber dennoch”, fuhr er fort, „laufen jetzt seine Hellebarden herum und suchen des Herakleides habhaft zu werden, und er scheint hier irgendwo zu sein, drum musst du jetzt auf jeden Fall mit zu Dionysius gehen!” Wir machten uns also auf, kamen bei dem Herrn vor, und ich, während jene Beiden mit Tränen in den Augen da standen, [B] nahm also das Wort: „Diese zwei Männer da sind in Furcht, du möchtest, deinen gestern in Betreff des Herakleides gegebenen Worten entgegen, heute etwas Anderes verfügen, denn es scheint mir ganz offenbar zu sein, dass er von seiner Flucht zurückgekehrt ist und hier irgendwo sich aufhält.” Nach Vernehmung dieser Worte bekam er alle Farben, wie sie ein Erzürnter bekommt. Da fiel Theodotes ihm zu Füßen, fasste weinend ihn an der Hand und flehte, ja nicht so etwas zu tun. Ich aber unterbrach ihn mit dem Zuspruche: „Habe Mut, Theodotes! Dionysius wird es mit seiner Würde nicht vereinbar finden seinem gestrigen Worte entgegen einen Treubruch zu begehen.” Da sah er mich an, und zwar mit einem gewaltigen Herrscherblick und sagte: „Dir hab' ich gar nichts zugesagt!” „Und doch, der Himmel weiß es", entgegnete ich, „bist du es gewesen, der gestern sein Wort dafür gegeben, worüber dieser da heute dich bitten muss, keinen Wortbruch zu begehen!” Nach diesen Worten wandte ich den Rücken und verließ die Räume. Nach diesen Vorfällen fuhr Dionysius seinerseits fort Jagd auf Herakleides zu machen, Theodotes aber schickte Boten an ihn mit dem Rate zur Flucht. [C] Als Dionysius den Tisias und die Hellebarden zur Verfolgung aussandte, war, wie es hieß, Herakleides ihm ein paar Stunden früher in das Gebiet der Karthager entwichen. Nach diesem Vorfalle nun schien Dionysius zu seiner alten Intrige einen vor der Welt plausibleren Grund zur Feindschaft gegen mich gefunden zu haben, um der Herausgabe von Dions Geldern enthoben zu sein. Und da war denn die erste Folge dieser Feindschaft, dass er mich aus dem Gebiet seiner Burg wegschaffte, unter dem Vorwande, dass die Frauen in dem Burggarten, in welchem ich bisher meine Wohnung hatte, einen gewissen zehntägigen Gottesdienst zu verrichten hätten, [D] demnach müsste ich derweilen mich bei Archidemos aufhalten. Und als ich daselbst war, ließ mich einmal Theodotes zu sich bitten und hatte dann große Klagen über die damaligen Regierungsmaßregeln so wie auch viel zu tadeln an Dionysius. Als dieser aber von meinem Besuch bei Theodotes hörte, so fand er hierin einen weiteren zweiten ihm sehr willkommenen Grund zu einem Bruche mit mir, welcher dem ersten wie ein Ei dem anderen glich, er ließ mich durch einen gewissen Abgesandten fragen, ob ich wirklich auf eine an mich ergangene Einladung bei Theodotes gewesen sei. Und als ich auf diese Frage mit einem „Allerdings“ antwortete, so erwiderte jener Abgesandte: „nun, da habe ich den hohen Auftrag [E] dir zu eröffnen, dass du dir auf keinerlei Weise dadurch eine Empfehlung bereitest, dass du den Dion und seine Freunde bei jeder Gelegenheit höher stellst als den Herrn!” Das waren die Worte, und er ließ mich nicht wieder zur Wohnung in seinen Gemächern einladen, vermutlich weil er glaubte, ich wäre offenbar ein intimer Freund von Theodotes und Herakleides und ein Feind von ihm, auch setzte er wohl auch darum keine gutgesinnte Stimmung bei mir voraus weil die Gelder des Dion bis auf den letzten Pfennig fort waren. [350 St.3 A] Ich wohnte hierauf außerhalb der Burg unter den Söldnern. Aber da kamen unter andern die dazu gehörenden athenischen Landsleute zu mir und gaben mir den Wink, dass unter den Leichtbewaffneten ein arger Hass auf mich verbreitet sei, und einige davon drohten mir, wenn sie mich erwischten, zu ermorden. Da sinne ich denn auf irgendeine Rettung aus dieser Gefahr auf folgende Weise. Ich schickte an Archytas und andre Freunde in Tarent mit dem Bedeuten, in welches Schicksal ich geraten sei. Und diese verschafften sich unter dem Vorwande einer Gesandtschaft von ihrer Vaterstadt ein Schiff mit dreißig Rudern und schickten es nebst Lamiskos, einem der Ihrigen. Dieser kam, [B] legte eine Fürbitte bei Dionysius ein, indem er ihm von mir berichtete, dass ich abzureisen wünschte, und er möchte geruhen dies zu willfahren. Er sagte darauf zu und entließ mich mit dem nötigen Reisegeld. Die Gelder Dions anlangend, so forderte ich weiter nichts, und er gab auch nichts davon heraus.▷