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Werk:Considerationes de mystica theologia speculativa et practica

aus AufEinWort, der freien Forschung
(Weitergeleitet von COMBES (Gerson))

Ioannis Carlerii De Gerson De Mystica Theologia - Combes - 1940.pdf

Gedanken über die mystische und die praktische Theologie.

Tractatus primus speculativus

Tractatus secundus practicus

Addunt argumentum quia Deus hoc esse sibi nomen proprium respondit Moysi dicens: « Dices, inquit, qui est misit me ad vos». Affirmant isti simile de con-ceptu bonitatis, sicut in lege nova Christus respondit: « Solus Deus est bonus». Flecti videntur in hanc sententiam Augustinus multis modis, precipue in octavo de Trinitate ubi in bonum absolutum docet ferri, et sequax eius Bonaventura in suo Itinerario, capitulo sexto. Sed ecce nescio quo pacto dum practicam professus sum misticam theologiam, relabor rursus in speculativam, sed non supervacue. Est quippe tibi necessarium, o anima, que in Deum ferri te queris per anagogicos excessus, ut avertere discas te per innatam vim abstractivam a fantasmatibus, sicut abstractiva virtus inferior in brutis ex speciebus sensatis elicit insensatas, sciveris quoque imperfectiones secernere a perfectionibus, ut tandem pure aliquid perfectum tibi resplendeat in essen-tia et bonitate. Loquamur tamen pro minus eruditis in metaphisica seu theologia, et dicamus si possumus quo pacto quove observationis studio poterit se spiritus a fantasmatibus avertere, dum anagogicos aut supermentales querit excessus. Et fortassis hoc poterit fieri, si in omni cogitatione et medi-tatione sua de Deo nequaquam sistat homo in cognitione, sed aspiret per vim affectivam quasi ore cordis inhyante in suam potentiam, in suam sapientiam, in suam bonitatem saporandam et gustandam, tamquam eius qui est « terribilis in consiliis super filios hominum», per maiestatem potentie dominantis iudicantisque, « magnus» et ammirabilis in « sapientia cuius non est numerus», denique suavis et totus desiderabilis et amabilis valde in bonitate et « torrente voluptatis sue». Occurret tibi sic nitenti, sic intento, plurima turba fantasmatum. Credo equidem irruent importune fantasmata et irrumpent in utrosque oculos tuos interiores. Tu vero fortiter seorsum abice ea quantum poteris manu devotionis et velut excusso capite spiritus, liber evadere labora, aut tu quasi dissimulatis eis spretisve perge quo pergis et per medium agmen illud improbum alacer erumpe. Sitis te spiritualis exstimulet ut «quemadmodum desiderat cervus » undique canum morsibus patens et supercalescens gelidos tutosque «fontes aquarum», sic tu labora contra impedientia fantasmata, ut possis et tu dicere rore sancti Spiritus calefactus: « Desiderat anima mea ad» te Deus, « sitivit anima mea ad Deum fontem vivum, quando veniam et apparebo ante faciem Dei?» Scito autem quod nisi te prius expurgaverit timoris lima per integerrimam et non fictam penitentiam, nisi mens insuper elimata peccati scoria claraque refulserit se per reformationem in novitate spiritus secundum duos primos actus ierarchicos, qui sunt purgare et illuminare, « vanum» prorsus erit tibi «ante lucem surgere» ad hoc culmen perfectionis: «surgite» proinde, « qui manducatis panem doloris», timore scilicet sine quo iustificari nemo potest ante Deum. Improbe omnino audes irrumpere in osculum oris, si neque pedibus cum lacrimis neque manibus cum gratiarum actione prius illud dare curaveris. At vero dum eo usque pervenerit bene conscia mens et munda ut neque gaudia neque aliud omnino vel servile vel mercennarium recogitet, neque preterea de Deo quicquam durum, asperum, negotiosum penset vel turbulentum, sicut de iudice retributore vel vindice, sed hoc unicum in mentem venerit quod sit totus desiderabilis, «suavis et mitis», totus amari, «etiam si occiderit», dignissimus, dum ita solum placuerit amoris negotium, tunc vola securus in amplexus sponsi, stringe pectus illud divinum amicitie purissimis brachiis, fige oscula castissima pacis exsuperantis «omnem sensum», ut et dicere subinde possis, gratulabunda et amorosa devotione: « Dilectus meus michi, et ego illi», etc. Expliciunt considerationes sive libelli de mistica theologia venerabilis Iohannis Gerson olim Cancellarii ecclesie parisiensis, edite ab eodem anno domini M° CCCC° septimo, et recensite ab eo sive relecte et probate sicut propria manu subscripsit in exemplari, quod ad Carthusiam misit de civitate lugdunensi, anno domini Millesimo CCCC° vicesimo secundo etc.

  • Sie fügen als Argument hinzu, dass Gott selbst geantwortet hat, dieses „Sein“ sei sein Eigenname, als er zu Mose sprach: „So, sprach er, sollst du sagen: Der da ist, hat mich zu euch gesandt.“ [Ex 3,14] Sie behaupten Ähnliches über den Begriff der Güte, so wie Christus im Neuen Bund antwortete: „Gott allein ist gut.“ [Lk 18,19] Zu dieser Ansicht scheint sich Augustinus auf vielfache Weise hinneigen zu lassen, besonders im achten Buch Über die Dreifaltigkeit (De Trinitate), wo er lehrt, dass man sich auf das absolute Gute ausrichten soll, und ihm folgend Bonaventura in seinem Pilgerbuch (Itinerarium), im sechsten Kapitel.
  • Doch siehe, ich weiß nicht, auf welche Weise – während ich mich doch zur praktischen mystischen Theologie bekannte – ich nun wieder in die spekulative zurückfalle, aber nicht unnützerweise. Es ist dir nämlich notwendig, o Seele, die du dich danach sehnst, durch anagogische Entrückungen (Himmelsflüge) in Gott hineingetragen zu werden, dass du dich durch die [dir] angeborene Abstraktionskraft von den Trugbildern (phantasmata) abzuwenden lernst. Genau so wie das niedere Abstraktionsvermögen bei den unvernünftigen Tieren aus den sinnlich wahrgenommenen Gestalten (species) die nicht-sinnlichen ableitet, so sollst auch du gelernt haben, die Unvollkommenheiten von den Vollkommenheiten zu scheiden, damit dir schließlich etwas rein Vollkommenes in seinem Wesen und seiner Güte aufleuchte.
  • Lassen Sie uns dennoch für die in der Metaphysik oder Theologie weniger Gelehrten sprechen und, wenn wir können, sagen, mit welcher Art oder mit welchem Eifer der Beobachtung sich der Geist von den Trugbildern abwenden kann, während er nach anagogischen oder übergeistigen Entrückungen strebt. Und vielleicht wird dies geschehen können, wenn der Mensch bei jedem seiner Gedanken und seiner Betrachtung über Gott keineswegs bei der bloßen Erkenntnis stehen bleibt, sondern durch die Kraft des Begehrens (vim affectivam) gleichsam mit sehnsüchtig lechzendem Mund des Herzens danach strebt, Gottes Macht, seine Weisheit und seine Güte zu schmecken und zu genießen – so wie von einem, der „schrecklich ist in seinen Ratschlüssen über die Menschensöhne“ [Ps 66,5], durch die Erhabenheit seiner herrschenden und richtenden Macht, „groß“ und bewundernswert in seiner „Weisheit, deren keine Zahl ist“ [Ps 147,5], und schließlich süß und ganz und gar begehrenswert und überaus liebenswert in seiner Güte und dem „Strom seiner Wonne“ [Ps 36,9].
  • Dir, der du dich so anstrengst und so darauf ausgerichtet bist, wird eine gewaltige Schar von Trugbildern (phantasmata) entgegentreten. Ich glaube fürwahr, die Trugbilder werden ungestüm herbeistürzen und in deine beiden inneren Augen einbrechen. Du aber wirf sie tatkräftig mit der Hand der Hingabe so weit wie möglich von dir und bemühe dich, gleichsam durch ein Schütteln des geistigen Hauptes, frei zu entkommen; oder gehe, indem du sie gewissermaßen ignorierst oder verachtest, dorthin, wohin du gehst, und brich munter mitten durch jenes schamlose Heer hindurch. Ein geistlicher Durst soll dich anspornen, so wie „ein Hirsch verlangt“ [Ps 42,2], der überall den Bissen der Hunde ausgesetzt und überhitzt ist, nach den kühlen und sicheren „Wasserbächen“; ebenso mühe du dich gegen die hinderlichen Trugbilder ab, damit auch du, erwärmt vom Tau des Heiligen Geistes, sagen kannst: „Es verlangt meine Seele nach dir, Gott, meine Seele dürstet nach Gott, der lebendigen Quelle; wann werde ich kommen und erscheinen vor dem Angesicht Gottes?“ [Ps 42,3]
  • Wisse aber: Wenn dich nicht zuvor die Feile der Furcht durch eine vollkommene und ungeheuchelte Buße gereinigt hat, und wenn der Geist nicht zudem von den Schlacken der Sünde gereinigt ist und hell erstrahlt, indem er sich durch die Erneuerung im Geiste gemäß den beiden ersten hierarchischen Akten – welche das Reinigen (purgare) und das Erleuchten (illuminare) sind – umgestaltet, wird es für dich völlig „vergebens sein, vor dem Licht aufzustehen“ [Ps 127,2] zu diesem Gipfel der Vollkommenheit. „Steht folglich auf, die ihr das Brot des Schmerzes esst“ [Ps 127,2], nämlich in Furcht, ohne die niemand vor Gott gerechtfertigt werden kann. Völlig unverschämt wagst du es, zum Kuss des Mundes vorzudringen, wenn du dich nicht zuvor darum gekümmert hast, diesen [Kuss] weder den Füßen mit Tränen noch den Händen mit Danksagung zu geben.
  • Wenn aber der gut bewusste und reine Geist so weit gelangt ist, dass er weder an Freuden noch an irgendetwas sonst denkt, was knechtisch oder auf Lohn bedacht ist, und zudem von Gott nichts Hartes, Bitteres, Mühsames oder Unruhiges annimmt – wie etwa von einem vergeltenden Richter oder Rächer –, sondern dieses Einzige in den Sinn kommt, dass er ganz und gar begehrenswert, „sanft und mild“ [Ps 86,5] und es wert ist, völlig geliebt zu werden, „selbst wenn er töten sollte“ [Hiob 13,15], weil es so allein dem Geschäft der Liebe gefällt: Dann fliege unbesorgt in die Umarmungen des Bräutigams, umschließe jene göttliche Brust mit den reinsten Armen der Freundschaft,hefte die keuschsten Küsse des Friedens auf, der „allen Verstand übersteigt“ [Phil 4,7], damit auch du sogleich in glücklicher und liebevoller Hingabe sagen kannst: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein“ [Hld 2,16] etc.
  • Es enden die Betrachtungen oder Büchlein über die mystische Theologie des ehrwürdigen Johannes Gerson, einst Kanzler der Kirche von Paris, herausgegeben von demselben im Jahre des Herrn 1407 und von ihm durchgesehen bzw. nochmals gelesen und gebilligt, so wie er es mit eigener Hand im Exemplar unterzeichnet hat, das er aus der Stadt Lyon an die Kartause sandte, im Jahre des Herrn 1422 etc.

Kodikologie