Zum Inhalt springen

Christian Wolff und die deutsche Literatur der Frühaufklärung

aus AufEinWort, der freien Forschung

angelegt 30.10.2021

GUNTER E. GRIMM

Christian Wolff und die deutsche Literatur der Frühaufklärung

Vorblatt

Publikation

Erstpublikation in: Akten des 1. Internationalen Christian-Wolff-Kongresses, Halle (Saale), 4.-8. April 2004. Teil 1. Hrsg. von Jürgen Stolzenberg und Oliver Pierre Rudolph. Hildesheim, Zürich, New York: Olms 2007, S. 221-245. Vorlage: Datei des Autors

URL: <http://www.goethezeitportal.de/wiss/aufklärung/grimm_wolff.pdf> Eingestellt am

Autor

Prof. Dr. Gunter E. Grimm Universität Duisburg-Essen Universitätsstraße 12 D-45117 Essen

Email: <gunter.grimm@uni-due.de> Empfohlene Zitierweise

Beim Zitieren empfehlen wir hinter den Titel das Datum der Einstellung oder des letzten Updates und nach der URL-Angabe das Datum Ihres letzten Besuchs die- ser Online-Adresse anzugeben: Gunter E. Grimm: Christian Wolff und die deut- sche Literatur der Frühaufklärung. In: Goethezeitportal.

URL: http://www.goethezeitportal.de/wiss/aufklärung/grimm_wolff.pdf (Datum Ihres letzten Besuches)

Gunter E. Grimm

I. Wolffs Ruhm: Zeitgenossen und Nachwelt

[✐ | ✎]

Christian Wolff war, wie Paul Hazard in seinem anregenden Buch über »Die Herrschaft der Vernunft« dies so hübsch sagt, »ein sehr hochgelahrter Herr«. Man vermute es bereits, »wenn man sein Bildnis betrachtet, seine feierliche Perücke, seine dicke Halsbinde, in der sein Hals verschwindet, die überanstrengten Augen eines Mannes, der viel zu viel gelesen und zu viel geschrieben hat, sein selbstzufriedenes Schulmeistergesicht.«1 Aber so erschien Wolff dem despektierlichen Blick eines französischen Betrachters aus dem 20. Jahrhundert. Anders den Zeit- genossen.

1 Hazard, 1949, S. 75.

Dass Johann Christoph Gottsched, der geistige Schüler Christian Wolffs, immer mit den Ausdrücken der größten Hochachtung von dem Philosophen spricht, versteht sich von allein. In seiner »Lobrede auf Wolff« (1755) weist er dem »Hochseligen« unter anderem als Verdienste zu: er habe sich aus eigener Kraft »zum höchsten Gipfel der Ehren geschwungen«, habe »das Reich der Wahrheiten ungemein erweitert« und »alle Wissenschaften in einem neuen Lichte bestralet«.2 gleichbedeutend wie Newton, aber insgesamt bedeutender, weil er mehr Materien abgehandelt und sie in ein umfassendes System gebracht habe.3 »Räumet er also dem Neuton einen Vorzug in der Physik ein« – resümiert Gottsched – »so ist er auf zehn andern Seiten sein Obermeister gewesen«.4

2 Gottsched, 1980, S. 4. Vgl. Louise Adelgunde Victorie Gottscheds Aussage dazu: »Jetzt ist mein Freund mit einer Lebensgeschichte des Freyherren von Wolf beschäfftiget. Aber wie viel giebt dieser große Mann seinem Geschichtschreiber zu thun! Wie viel wird unangemerkt bleiben? Seine eigenen Schriften sind seine besten Lobredner und der ganze Entwurf seiner Lebensgeschich- te. Sie zeigen seinen frühen Fleiß, sein unermüdetes tiefes Nachforschen. Seine dadurch erlangten Kenntnisse, seine erhabene Wissenschaften, seine unablößlichen Beschäfftigungen, die all- gemeinen Nutzen gestiftet haben. Was will sein Geschichtschreiber mehr sagen, das Beyfall finden könnte?« Gottsched, 1999, Nr. 161, S. 233.
3 Etwa ausgedrückt von Johann Joachim Ewald: Gedanken mit einer Übersetzung des Hymne über die vier Jahrszeiten, aus dem Englischen des Thomsons. Frankfurt und Leipzig, bei J. Ch. Kleyb 1754, S. 24: »Die meisten sind gewohnt, sich im Urteilen nach andern zu richten, ihnen nachzurühmen und nachzutadeln. Wäre dieses nicht, so hätte man längst unter den Deutschen kühn gesagt: Wolf sei größer als Newton. Newton schrieb eine bessere Optik und Astronomie, als sein Lehrer Kepler. Wolf aber übersah zuerst in einem System alle physische und moralische Wissenschaften. Er schrieb zuerst eine Kosmologie, eine Aerometrie, ein zusammenhangendes Recht der Natur und eine Moral. Hätte Newton in der Metaphysik, wie der Herr von Voltaire sich ausdrückt, den Ball gut genug schlagen können; so würde er über die Offenbarung Johannis nicht närrisch geworden sein. Newton hatte aber in den Wissenschaften nur einen Geschmack. Die Deutschen, die nur allein zu philosophieren gewußt, haben sich zu verwundern Ursache, daß die Engländer sich berechtigt zu sein geglaubt, einer neuen Optik und Astronomie des Newtons den vielbedeutenden Namen der Philosophie desselben zu geben.«3 Oder Gottsched in seiner »Historischen Lobschrift«, der Descartes als Vorläufer Wolffs klassifiziert und dann den Vergleich zu Newton anstellt: »Der zweyte, den man unserm Freyherrn entgegen stellen kann, ist Isaak Neuton, den Brittannien als seine Zierde verehret. Man kann nicht läugnen, dass dieser ein großer Geist gewesen, wenn man gleich nicht den ganzen Aberglauben seiner Landsleute unterschreibt. Er war ein großer Messkünstler; [...] Alles dieses hat Hr. Kanzler Wolf in voller Maaße geleistet.«
4 Gottsched, 1980, S. 150f.

Sogar Immanuel Kant spricht von Christian Wolff immer mit der Formel »der berühmte Wolff«. Das Attribut ist ein Hinweis auf den kanonischen Status, den der Philosoph Christian Wolff noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ein- nahm – und zugleich auch ein Indiz für seine Wirkungslosigkeit. Denn das Epitheton »berühmt« ist eine Leerform: die von Wolff konstatierten oder behaupteten Lehren waren längst Allgemeingut.

Im 19. Jahrhundert allerdings geriet Wolff zunehmend in Misskredit. Den Romantikern, deren Philosophieren rhapsodisch-poetischen Zuschnitt hatte, galt Wolff als Inbegriff des pedantischen Schulphilosophen. In unverwechselbar ironischer Diktion urteilte Heinrich Heine. Für ihn war Wolffs »Systematisieren« und »Po- pularisieren der Leibnizischen Ideen« »eitel Schein«. Leibnizens Ideen habe er »zu einer kümmerlichen Stiftshütte des Deismus« verarbeitet. Wörtlich: »Alles tiefere Forschen hörte auf, und ein langweiliger Eifer nach Deutlichkeit trat an dessen Stelle. Die Wolfsche Philosophie wurde immer wäßrigter und über- schwemmte endlich ganz Deutschland.«5 Soweit Heine im Jahre 1835. Von konservativ-katholischer Warte machte Joseph von Eichendorff im Jahre 1857 Wolff, der »eine mathematische Religion wie ein Rechenexempel construiren wollte«, verantwortlich für den Einzug des mechanistischen Denkens in Deutschland.6

5 In der Schrift Religion und Philosophie in Deutschland, Heine, 1976, Bd. 5, S. 574f.
6 Eichendorff, 1987, S. 6f., S. 210.

Wieso hat Wolffs Leben keine romanhafte Darstellung gefunden – wie sie etwa seinem Schüler Johann Christoph Gottsched in Renate Feyls Roman »Idylle mit Professor«7 zuteil geworden ist? Immerhin ließe sich die erste Lebenshälfte Wolffs durchaus romanhaft ausschmücken, der Streit mit den Pietisten, die Strangandrohung durch den preußischen König und die schmachvolle Vertreibung aus Halle. Wahrscheinlich steht dem aber die Tatsache entgegen, dass Wolffs Leben ansonsten wenig Anlass zum Amüsement bietet. Wolff war von außerordentlicher Seßhaftigkeit; sein Leben erschöpfte sich im Lehren und im Schreiben, auf deutsch und auf lateinisch, sowie in der Universitätsverwaltung, etwa als Prorektor in Marburg und als langjähriger Kanzler der Universität Halle.

Wolff hat jedoch, ohne dies wohl im Visier zu haben, für die Literatur selbst eine wichtige Rolle gespielt. Das geht aus ehrenvollen Zitationen oder Rühmungen hervor. Unter den dichtenden Zeitgenossen hat Wolff doch einige Panegyriker gefunden, von Gottsched bis zum angesehenen Duisburger Lehrdichter Johann Philip Lorenz Withof, der in einer Fußnote seines Gedichts »Die moralischen Ketzer« von 1760 erklärte: »Wir sind Wolfen, Wolf dem Leibnitz, Leibnitz dem Shaftesbury, Shaftesbury den Alten die erste Morgenröte der Wissenschaft schuldig.«8 Immerhin machte der Mathematiker und Lehrdichter Abraham Gotthelf Kästner auf eine Schwäche der Anhänger Wolffs aufmerksam; ihre Methodengläubigkeit könne sie zur unbesehenen Ablehnung aller antiken Erkenntnisse verführen:

»Nie werden sie den Blick auf alte Schriften wenden, Denn alle Weisheit steht in Wolfens dreyßig Bänden. Was hilft es ihnen wohl, von Rom und von Athen, Mit Arbeit ohne Nutz die Schriften durchzugehn?« (Kästner, 1971, Tl. 2, S. 98)

8  Withof, 2003, S. 20, S. 296.

Als Gefahr erkannte der kritische Wolff-Schüler, dass blinde Vernunftgläubigkeit in eine Vorurteilshaltung umschlagen – und damit die aufklärerische Intention unterlaufen könne.

II. Literatur und Poetik im Werk von Christian Wolff

[✐ | ✎]

Spielte Literatur im Leben und im Werk Christian Wolff eine Rolle? Diese Frage lässt sich ohne großes Bedenken verneinen. Es gibt keine Zeugnisse über seine Lektüre schöngeistiger Literatur – außer den Preisgedichten auf seine eigene Person, als er nämlich nach Halle zurückkehrte und ihm ein Kranz von glorifizieren- den Gedichten überreicht wurde. Daran hatte er in der Tat sein Wohlgefallen, trotz deren minderer Qualität.9

9  Wolff, Biographie, S. 173.

Gottsched gibt in seiner biographischen Skizze auch eine Erklärung für diese Sachverhalt: Wolffs Gedächtnis sei »nicht das stärkste« gewesen, und so habe er »diejenigen Disciplinen, die selbiges erfodern und stärken, als Sprachen, die Philologie, und die Geschichte, am allerwenigsten getrieben.« Dafür seien »sein Verstand und seine Urtheilskraft« umso größer gewesen.10 Und Gottsched fährt fort:

10 Gottsched, 1980, S. 148.

»Die mathematischen Wissenschaften, denen er sich von Jugend auf ergeben, und die philosophischen Schriften, die er immer damit verbunden, hatten eine solche Deutlichkeit in seine Begriffe gebracht, dass er auch da Licht suchete und fand, wo tausend andre im Dunkeln tappen: weil sie sich mit verwirrten Begriffen behelfen. Sein Urtheil trog ihn daher sehr selten: und er wusste sich, sonderlich vor den Blendwerken der Einbildungskraft, überaus in acht zu nehmen; wodurch auch so viele Naturforscher und Mathematiker hintergangen werden.«11

11 Gottsched, 1980, S. 148.

Hier fällt das Stichwort, das die Brücke schlägt zur Literatur als Erkenntnisgegenstand – die Einbildungskraft. Und es ist fast eine Selbstverständlichkeit, dass der auf Universalität seines Systems drängende Philosoph im Rahmen seines Systems der Wissenschaften und Künste auch der Dichtung bzw. der Redekunst einen Platz eingeräumt hat. Freilich tat er dies nicht aus Neigung, sondern um der Vollständigkeit seines Systems wegen. Es ist überliefert, dass Wolf die schönen Künste und Wissenschaften wenig kannte und sich oft »in seinen Vorlesungen über die Sprachgelehrten und Schöndenker, wie er sich ausdruckte, lustig« machte.12 dererseits hat er in der »Deutschen Politik« den eigentlichen Dichtern ihren Gebrauchswert bescheinigt: Sie seien »im gemeinen Wesen nicht unnütze Leute, die mit ihren Versen bey sich ereignenden Gelegenheiten zugleich ergötzen und Nutzen schaffen.«13 Diese eher negative Einstellung zu den schönen Künsten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wolff für die Literaturauffassung der kommenden Jahrzehnte entscheidende Weichen gestellt hat.

12 Flögel, 1972, S. 57.
13 Wolff, Deutsche Politik, § 391, S. 380.

Im Zeitraum von 1690 bis 1730 gab es tendenziell die beiden Gruppen der Galanten und der Klassizisten, ohne dass sich immer strenge Grenzen zwischen ihnen ziehen ließen. Allen gemeinsam war jedenfalls die herkömmliche enge Bindung von Oratorie und Dichtung; die Poetiken waren, trotz allem modischen Anstrich, humanistisch-rhetorisch. Die Erneuerung der Poetik kam von außen, von einer fremden Disziplin: der Philosophie.

Während in den Wissenschaftssystemen vor Wolff die Kunst, also auch die Poesie, zur Philologie gerechnet wurde und damit ein Bestandteil der Philosophie im weiteren Sinn war, trennte Wolff strikt Poesie und Philosophie. In der Philosophie herrscht die mathematisch-demonstrativische Methode, nicht dagegen in der Poesie. Dichtung gehört zur Kunst. Damit fand sich bereits bei Wolff eine Konstellation, die es Baumgarten später ermöglichte, die Ästhetik als die Wissenschaft von den Künsten zu begründen.14 Wolff erkannte, dass sich die künstlerische Kreativität vom philosophischen Erkenntnisvermögen fundamental unterscheidet. Der entsprechende Paragraph aus der »Deutschen Ethik« lautet:

14 So bereits Kästner in seinem Aufsatz »Betrachtungen über Gottsched’s Charakter.« In: Kästner, 1971, Tl. 2, S. 165–172, hier S. 171.

»§ 366. Wir finden auch, daß der Mensch geschickt ist, theils durch die Kräfte seiner Seelen, theils durch die Kräfte des Leibes, ein Ding ausser ihm zur Würcklichkeit zu bringen, was ohne ihm seine Würcklichkeit nicht erreichen würde. Die Fertigkeit dergleichen zu thun wird die Kunst genennet. Z.E. Durch die Geschicklichkeit eines Poetens kommet ein Gedichte zu seiner Würcklichkeit, welches ohne ihm sonst nimmermehr dieselbe würde erreichet haben. Und diese Geschicklichkeit, dadurch er es bewerckstelliget, heisset seine DichterKunst.« (Deutsche Ethik, S. 242f.)

[]Diese Dichterkraft ist eine Sonderart der Einbildungskraft, und Wolff unterscheidet in der »Deutschen Metaphysik« zwei Typen: zum einen das bloße Reproduktionsvermögen, zum andern ein kombinierendes Vermögen, welches es erlaubt, sich etwas vorzustellen, was man noch niemals empfunden oder gesehen habe.15 Man kann sich begründete Dinge vorstellen und unbegründete. Letztere nennt Wolff die »leeren Einbildungen«, und führt als Negativbeispiel die Melusinengestalt an, »so halb Mensch und Fisch ist«. Solche Figuren gibt es in der Wirklichkeit nicht, sie gehören, modern gesagt, zur »fantasy«. Der Poet, der also nicht »leeren Einbildungen« verfallen will, muss seine Objekte vernünftig begründen.16 Dazu besitzt er eine ganz besondere Fähigkeit: den »Witz«. Wolff definiert diese Geisteskraft, die von nun an eine wichtige Rolle spielt, als eine Zusammensetzung aus Scharfsinn, Einbildungskraft und Gedächtnis. Der Witz ermöglicht es dem Dichter, Ähnlichkeiten festzustellen, garantiert also die Ähnlichkeit seines Kunstprodukts mit der Wirklichkeit. Witz, lateinisch ingenium, wird für Wolff die zentrale, den Dichter konstituierende Fähigkeit, und ist wichtiger als das noch für Christian Weise und Christian Thomasius zentrale Urteilsvermögen. Der echte Dichter, den Wolff von den Reimeschmieden und Pickelheringen absetzt, kann durchaus Nützliches leisten. Die in Tragödien oder Komödien vorgeführten Beispiele oder die Handlungen könnten beim Zuschauer eine moralische Besserung bewirken. Schließlich kommt der Erdichtung im Rahmen der strengen Wissenschaft die Aufgabe zu, weiterführende Hypothesen zu bilden.17 Damit hat Wolff das Fundament geschaffen für eine philosophische Poetik, die als Wesensbestimmung von Dichtung die Fiktion und als Aufgabe des Dichters die Naturnachahmung postuliert. Von nun an waren Rhetorik und Dichtung zwei wesensverschiedene Bereiche.

15 Wolff, Deutsche Metaphysik, § 241, § 242, S. 134f.
16 Wolff, Deutsche Metaphysik , § 245, S. 136. „Die andere Manier der Einbildungs-Kraft Dinge hervorzubringen, die sie niemahls gesehen, bedienet sich des Satzes des zureichenden Grundes, und bringet Bilder hervor, darinnen Wahrheit ist.“
17 Ein Argument, das später noch von Lessing aufgegriffen wird in seinem Fragment Aus einem 'Gedichte an den Herrn M**[Mylius]: »Der Dichtern nöthge Geist, der Möglichkeiten dichtet,/ Und sie durch feinen Schwung der Wahrheit gleich entrichtet,/ Der schöpferische Geist, der sie beseelen muß,/ Sprich, M**, du weists, braucht den kein Physicus?« Lessing, 1979, Bd. 1, S. 247.

Wichtiger als alles, was Wolff explizit über Poesie und Poetik geschrieben hat, ist die von ihm propagierte logisch-mathematische Methode. Wer in Zukunft etwas auf sich hielt, sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit geben wollte, der musste diese Mode mitmachen und eine mathematisch aufgebaute Poetik verfassen. Man hört den anders gearteten Zugriff bereits aus den Titeln, etwa von Andreas Köhlers Poetik »Deutliche und gründliche Einleitung zu der reinen deutschen Poesie« (Halle 1734), und von Daniel Heinrich Arnoldts Poetik, die in der zweiten Auflage »Versuch einer, nach demonstrativischer Lehrart entworfenen Anleitung zur Poesie der Deutschen« (Königsberg 1741) hieß.18 die Rhetorik von Johann Andreas Fabricius. In der ersten Auflage von 1724 hieß das Werk »Philosophische Oratorie, das ist: Vernünftige Anleitung zur gelehrten und galanten Beredsamkeit« (Leipzig 1734), und hier vertrat Fabricius ganz die politischen Ideale des Thomasius. Doch in der zweiten Auflage hatte er den Schwenk zur Wolff-Schule bereits vollzogen. 1739 nannte sich das umgearbeitete Werk »Philosophische Redekunst, oder Auf die Gründe der Weltweisheit gebauete Anweisung, zur gelehrten und jetzo üblichen Beredsamkeit, in unstreitig erwiesenen Regeln« (Leipzig 1739). Und noch Bodmer und Breitinger hatten eine fünfteilige Poetik unter dem Titel »Vernünfftige Gedancken und Urtheile Von der Beredtsamkeit« (1727) geplant. Auch wenn sie ihre Absicht, »alle Theile der Beredtsamkeit in mathematischer Gewißheit« darzulegen, nicht ausführten, stellte ihr Werk doch eine erste Zäsur zwischen rhetorischem und kritischem Poetik-Modell dar. Sie versuchten die schönen Wissenschaften in der Philosophie zu verankern und Eloquenz und Logik einander anzunähern.

18 Die erste Auflage von 1732 hatte noch den vergleichsweise neutralen Titel »Versuch einer sys- tematischen Anleitung zur deutschen Poesie überhaupt«.

Diese Werke belegen zwar die Wirkung des demonstrativischen Geistes, aber Furore gemacht haben sie allesamt nicht. Es gab nur eine Poetik, die mit Erfolg die Wolffschen Maximen auf die Dichtkunst expliziert und gewissermaßen den Geist der Aufklärung auch in die Poesie eingeführt hat: nämlich Johann Christoph Gottscheds »Versuch einer Critischen Dichtkunst« von 1729/30.

III. Gottscheds »Critische Dichtkunst« als Umsetzung der Wolffschen Philosophie

[✐ | ✎]

Gottsched war ein erklärter Anhänger der Leibniz-Wolffschen Philosophie. 19 Er übertrug Wolffs Prinzipien – dies muss man ihm, bei aller Kritik im Detail, konzedieren –, sehr maßvoll auf die Poetik; vor allem hütete er sich vor der unmusischen Demonstrationsmethode.

19 Döring, 2000, S. 57–69.

Gottsched griff die zwei Hauptregulative Christian Wolffs auf – den Satz vom verbotenen Widerspruch, der die Möglichkeit einer Erdichtung garantierte, und den Satz vom zureichenden Grund, den er allerdings nur in seiner empirischen, nicht in seiner logischen Form übernahm – und setzte sie als Forderungen nach innerer Stimmigkeit und Wahrscheinlichkeit um. Damit gab er der Dichtung ein logisches und ein empirisches Fundament.20 Da in der Poetik als einer »schönen Wissenschaft« keine »demonstrative Gewißheit« erreichbar sei (CD, Vorrede), ersetzte Gottsched die logische Begründung durch einen niedrigeren Grad an Gewissheit, nämlich die Wahrscheinlichkeit. Diese war gegeben, wenn der Dichter die Natur nachahmte. Mithin fungierte die Naturnachahmung als dichtungskonstitutives Prinzip, einerseits um die Dichtung empirisch zu begründen, andererseits, um sie gegenüber der Oratorie, der Redekunst, abzugrenzen. Die Poesie war von nun an nicht mehr gebundene Rede (wie noch im Barockzeitalter), der Dichter übernahm die Aufgabe, die Natur mittels Fiktionen nachzubilden, während der Redner pragmatische Zwecke verfolgte. Ältere Poetiker hatten immer ihre Schwierigkeiten, Prosa als Dichtung zu bezeichnen. Für Gottsched stellte dies kein Problem dar. Hauptsache war für ihn, dass der Dichtung eine Fabel zugrunde lag und dass diese Fabel naturnachahmend und wahrscheinlich war. Diese unerwartete Aufwertung von Naturnachahmung und Wahrscheinlichkeit lässt sich wissenschaftsgeschichtlich erklären. Neben der Philosophie Christian Wolffs kam der Naturwissenschaft entscheidende Bedeutung zu. Natürlich war Mimesis seit Aristoteles als Dichtungsprinzip bekannt, aber erst der Aufstieg der empirischen Wissenschaften hatte die Natur als inhaltlichen Maßstab verabsolutiert.21

20 Dazu Grimm, 1983, S. 620–684; vgl. Kimpel 1983, S. 212f.
21 Reichmann, 1968. Vgl. auch Menso Folkerts: Maß, Zahl und Gewicht. Mathematik als Schlüssel zu Weltverhältnis und Weltbeherrschung. In: Wolfenbütteler Bibliotheks-Informationen Jg. 26 (Januar – Dezember 2001), Nr. 1–4, S. 26–28.

Gottscheds Naturbegriff vereint inhaltlichen und formalen Aspekt, denn Natur präsentiert sich immer als vernünftige Ordnung. Das vernünftig Geordnete ist das Vollkommene. Der Künstler, der die (vollkommene) Natur nachahmt, kann selbst ein vollkommenes Kunstwerk schaffen. Das heißt, der Künstler soll nicht die Äußerlichkeiten der Natur sklavisch nachahmen, wohl aber sich um Übereinstimmung im Wesentlichen bemühen. Ausflüge ins Reich der Fantasie sind dem Dichter nur dann erlaubt, wenn er sich am Gängelband der Wahrscheinlichkeit bewegt. Gottsched ordnet die Naturnachahmung in drei Stufen an. Auf der untersten Stufe steht die »lebhafte Schilderey von einer natürlichen Sache, die man nach allen ihren Eigenschaften, Schönheiten oder Fehler, Vollkommenheiten oder Unvollkommenheiten, seinen Lesern klar und deutlich vor die Augen malet«, also die Beschreibung. Auf einer höheren Ebene liegt die zweite Art der Nachahmung: die Personennachahmung, also das Bilden von Charakteren. Auf der höchsten Ebene steht die Fabel – für Gottsched »das Hauptwerk in der Poesie«. Die Fabel ist, wie die berühmte Definition lautet, »die Erzählung einer unter gewissen Umständen möglichen, aber nicht wirklich vorgefallenen Begebenheit, darunter eine nützliche moralische Wahrheit verborgen liegt«. (Gottsched, CD, S. 150) Diese Stufenfolge ist in der Philosophie Christian Wolffs vorgebildet.22 Die poetische Beschreibung entspricht dem Begriff, die Personendarstellung dem philosophischen Urteil – beide Nachahmungstypen bleiben im Bereich des Empirischen, weil sie nur »gegenständliche Nachahmung« leisten könnten; die Fabel schließlich entspricht dem Vernunftschluss (Syllogismus), weil sie als »Zusammensetzung von Sachen« auf der Ebene des logischen Kombinierens steht.

22 Gaede, 1978, S. 143f.; Gaede, 1975, S. 108–112.

Müssen Dichtungen einen zureichenden Grund haben – eben ihre Wahrscheinlichkeit, so verfolgen sie auch einen Zweck. Die Fabel soll eine »nützliche moralische Wahrheit« enthalten. (Gottsched, CD, S. 150) Das Unterhaltende, das Erfreuende ist erst gerechtfertigt, wenn der Leser eine Lehre mit sich nach Hause tragen kann. Der von Gottsched verwendete Moralbegriff ist weiter als der enge Moralbegriff des 19. Jahrhunderts. Dichtung hat Teil an den Aufgaben der Aufklärung: sie verbreitet Wahrheiten. Die Wahrheiten müssen gegründet, moralisch und nützlich sein. Das sind exakt die Lehrziele der von Christian Thomasius und Christian Wolff gelehrten >praktischen Philosophie<. Wolffs Kanon der praktischen Philosophie enthält die Einzeldisziplinen allgemeine praktische Philosophie, Ethik, Ökonomik, Politik – und eben auf diese Disziplinen bezieht sich die Gottschedsche Definition: Wahrheiten auf die allgemeine praktische Philosophie, moralische Wahrheiten auf das Fach Ethik, nützliche Wahrheiten auf die praktischen Fächer Ökonomik und Politik.23 Der Zweck der Poesie – so lässt sich Gottscheds Verständnis resümieren – ist die Vermittlung praktischer Philosophie, das heißt, Dichtung soll so etwas wie Handlungsanleitungen geben. Die Poesie hat für Gottsched eine allgemeine gesellschaftliche Aufgabe: die Aufklärung voranzutreiben. Der Belehrung soll die Besserung der Menschen auf dem Fuße folgen. Er selbst hat eine Ode über dieses Thema gedichtet mit dem schönen Titel »Daß die Poesie am geschicktesten sey, die Weisheit unter den rohen Menschen fort zu pflanzen«,24 in der es heißt:

23 Grimm, 1984, S. 126f.
24 Gottsched, 1968, S. 103–116.

»Kommt, ihr Schüler meiner Kunst!
Kommt mit euren edlen Werken;
Auf! zertrennt der Thorheit Dunst,
Helft Vernunft und Tugend stärken.
Soll man eure Lieder ehren;
Macht der Welt die Weisheit leicht!
Denn so wird der Zweck erreicht,
Freude, Glück und Lust zu mehren;
Eine Lust, die jedermann
Unschuldvoll genießen kann.« (Gottsched, 1968, S. 114)

Es versteht sich, dass diese gesellschaftliche Funktion den Wert der Poesie erhöht. Der Dichter wird zum Popularaufklärer. Magnus Gottfried Lichtwer hat diese Funktion der Poesie und insbesondere der Fabel – »die Wahrheit im Rahmen der Sittenlehre zu veranschaulichen« – in seinem Lehrgedicht »Das Recht der Vernunft« poetisch ausgemalt. Im Wahrheits-Tempel erhält die Fabel einen erhöhten Rang:

»Die Wahrheit selbst ist bloß; die Fabel steht zur Seiten, Die ihren Schleyer trägt. In gleich entfernten Weiten Sieht man die Weltweisheit und Meßkunst neben ihr, Und Künste mancher Art auf Stülen von Porphyr.«
(Lichtwer, Vernunft, S. 38)

IV. Wolffs Wirkung auf die Literatur der Frühaufklärung

[✐ | ✎]

Welche Auswirkungen hatten diese Weichenstellungen für die Literatur der Frühaufklärung selbst?

Wolffs Philosophie beeinflusst – über die Vermittlung der Poetik, und hier vor allem die »Critische Dichtkunst« Gottscheds - die Literatur der Frühaufklärung auf mehreren Ebenen.

1) Sie prägt den Geist der Literatur. Die Literatur wird ausschließlich vernunft-zentriert. Es herrscht eine rigide Semantik der Rationalität. Wolff hat die Leibnizsche Philosophie verkürzt auf den Aspekt der wirkenden Vernunft. Er übernimmt Leibnizens optimistische Idee von der besten aller möglichen Welten. In dieser rational organisierten Welt wird alles Nicht-Vernünftige systematisch ausgeschieden: Monster und Zwitter ohnehin, aber auch bestimmte Gattungen wie etwa die Oper und das Volksmärchen.

2) Sie prägt die Struktur der Literatur. Die Literatur wird primär nach logischen Aspekten strukturiert. Der in den strengen Wissenschaften herrschende Vernunftschluss, die mathematisch-logische Demonstration, wird in der Literatur abgemildert zur weniger strengen Wahrscheinlichkeit. Handlungen und Personen müssen also wahrscheinlich, d.h. widerspruchsfrei und empirisch möglich sein.

3) Schließlich prägt die Wolffsche Philosophie auch den Stil der Literatur. Die Literatur folgt den Stilidealen der Klarheit und der Deutlichkeit; dem entspricht das Verdikt über Schwulst und Dunkelheit. Die exakte Beschreibung und die rationalistische Argumentation löst die schmuckorientierte Rhetorik ab. Davon zeugen logisch-sophistische Dialoge und scholastisch-demonstrativische Beweise in den Lustspielen Gellerts, der Gottschedin und noch Lessings.

Die rigiden Vernunft-Empfehlungen begünstigen eine Reihe spezifischer Gattungen, erteilten ihnen gewissermaßen den Segen der Wolffschen Philosophie:

–  Die beschreibenden und die argumentativ-belehrenden Gattungen Lehrgedicht und Fabel,

–  Die argumentativ-kritischen Gattungen Satire und Epigramm,

–  Die argumentativ-diskursive Gattung Drama,

–  Die reflektierend-urteilende Gattung »Literaturkritik«.

Wie setzt sich dieser Einfluss in Literatur um? Ein Blick auf die inhaltliche Verarbeitung der Wolffschen Philosophie und die Auswirkung auf poetische Strukturen soll diesen Aspekt ein wenig verdeutlichen.

1. Themen und Inhalte

[✐ | ✎]

Lehrdichtung kann immer als Beispiel einer inhaltlichen Beeinflussung herangezogen werden.25 Als Paradebeispiel einer Wolffs Philosophie verpflichteten Lehrdichtung gilt Magnus Gottfried Lichtwers, nach Gottscheds Regeln verfertigtes, 1758 publiziertes Alexandriner-Lehrgedicht »Das Recht der Vernunft«.26 Im Vorwort legitimiert Lichtwer sein Unterfangen: »Erhabnere und nützlichere Gegenstände kann der Poet niemals wählen; zumal, nachdem sie durch die unwiderleglichen Grundsätze der scharfsinnigsten Weltweisen in ihr völliges Licht gesetzt sind.«27 Er folgt ausschließlich Christian Wolffs Philosophie und bekundet, dass er die »Hauptlehren des natürlichen Rechtes [...] nach den Begriffen des Freyherrn von Wolf« darlege. Im ersten Buch behandelt er »allgemeine Begriffe«, in den übrigen Büchern die drei Arten menschlicher Pflichten. Ein Lehrdichter muss einerseits philosophische Kenntnisse besitzen, andererseits genügend poetische Begabung, um die schwierige Materie in ein gefälliges Gewand zu kleiden. Dass Lichtwer dieser Spagat keineswegs gelungen sei, hat ihm Moses Mendelssohn in einer ausführlichen Rezension der »Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste« attestiert. Lichtwers Lehrgedicht sei »trocken, öfters langweilig, und nicht selten seichte«.28 Fern jeder Vernunftskepsis betrachtet Lichtwer die Geschichte der menschlichen Vernunft als eine Geschichte des Fortschritts, die allmählich auf das unveränderliche Naturrecht hinführe, die Menschen denken lehrte« (Lichtwer, Vernunft, S. 6), also Christian Bacon, Hugo Grotius, Pufendorf, Thomasius und vor allem »Der, nach Euklidens Art Wolff, hätten die größten Verdienste um die Erkenntnis dieses Naturrechts. Die geometrische Methode Wolffs sei Ausdruck der Souveränität menschlicher Erkenntniskraft, die sich auf der ethischen Ebene als »freye Wahl« manifestierte:

»Du sollst das Gute thun, du sollst das Böse lassen. In diesen Götterspruch lässt das Gesetz sich fassen, Das die Natur uns schrieb.«
(Lichtwer, Vernunft, S. 12)

25 Dazu generell Siegrist, 1974, und Jäger, 1980.
26 Ursprünglich hatte Lichtwer das Lehrgedicht »Das Recht der Menschheit« genannt; auf Gottscheds Vorschlag benannte er es in »Das Recht der Vernunft« um; vgl. Walter Hettche (Hg.): Magnus Gottfried Lichtwer/Johann Christoph Gottsched: Briefwechsel, Fabeln, Rezensionen. Bielefeld 2003, S. 24, S. 27.
27 Lichtwer, Vernunft, Vorwort. Vgl. Vollhardt, 2001, S. 285–291, sowie Kemper, 1991, 5/II, S. 76–88.
28 Vollhardt, 2001, S. 288.

Lichtwer hält sich streng an die philosophische Vorlage; er übernimmt die von Wolff formulierten Regeln der Lebensführung, »mitsamt dem Manko, daß sich diese eher der Alltagserfahrung als systematischer Deduktion verdanken«. Schließlich sage »die Idee der Vollkommenheit allein noch nichts über die Art der ihr wesensgemäßen Handlungen aus«, wie Vollhardt zu Recht kritisch anmerkt.29 In welchem Verhältnis stehen Wissenschaften, Religion und Dichtkunst zur Wahrheit? Die Dichtung steht den Wissenschaften näher. Doch Lichtwer weiß, dass Dichtung auch Schaden anrichten kann, wie etwa die Lektüre erotisch-galanter Romane:

29 Vollhardt, 2001, S. 288.

»So facht in Adelheit, ein kützelnder Roman,
Von süßen Träumen voll, der Lüste Feuer an.
Die Geilheit, die er ihr in feinen Zügen schildert,
Erhitzt das junge Herz, und Adelheit verwildert.«
(Lichtwer, Vernunft, S. 44)

Freilich kann Dichtung auch die Tugend unter der »zarten Jugend« verbreiten.

»Die Lehrart des Aesop hat Völker oft gebeugt,
Und wo kein Drohen half, durch Dichten überzeugt.«
(Lichtwer, Vernunft, S. 41f.)

Die äsopische Fabel, von der in Lichtwers Lehrgedicht die Rede ist, wurde in der Tat von Christian Wolff explizit empfohlen als Hilfsmittel zum Erlernen der Guten und Bösen. Wolff hatte 1738, in der »Philosophia practica universalis«, die Fabel definiert als »Fabula dicitur expositio facti cujusdam ficti, veritatis, praesertim moralis docendae gratia«.30 Fabeln würden sich besonders für die Erziehung der Jugend und des einfachen Volkes eignen. Schon in der »Deutschen Politik« von 1721 hatte Wolff darauf hingewiesen, dass die Natur die sittlichen Wahrheiten bestätigt: »Wir finden gar deutlich bey den Thieren« heißt es gleich zu Beginn, »was der Winck der Natur in diesem Stücke ist« (Deutsche Politik, § 18, S. 11).

30 »Erzählung irgendeines Geschehens, das erfunden wurde, um eine Wahrheit, zumal eine moralische Wahrheit zu lehren. « Wolff, Practica universalis II, § 302, S. 274. Dazu Harth, 1978.

Lichtwer hatte der Fabel bescheinigt, sie habe für die nackte Wahrheit die Funktion eines Schleiers. In seinem Gedicht »Die beraubte Fabel« illustriert er diesen Sachverhalt. Die als weibliches Wesen personifizierte Fabel gerät unter die Straßenräuber, die ihr die Kleider entwenden, so dass die »helle Wahrheit nackend da« steht. Nun aber kommt die unerwartete Wendung: Die Räuber ertragen ihren Anblick nicht:

»Die Räuberschar sah vor sich nieder
Und sprach: >Geschehen ist geschehn,
Man geb ihr ihre Kleider wieder,
Wer kann die Wahrheit nackend sehn?<«
(Lichtwer, 1758a, S. 3)

Die Fabel demonstriert den Triumph der Wahrheit durch »anschauende Erkenntnis«. Sogar die Räuberschar bekehrt sich zur Moral und gibt das Geraubte wieder zurück. Das Naturgesetz im Sinne Wolffs funktioniert wieder:

»Ein deutlicher Begriff von Uebeln und von Gütern,
War jederzeit ein Reiz in menschlichen Gemüthern,
Das Gute gern zu thun, das Böse schnell zu fliehn;
Exempel und Vernunft! Ihr zwey, gebähret ihn.«
(Lichtwer, Vernunft, S. 40)

2. Struktur, Argumentatives Vorgehen; Denkmethode

[✐ | ✎]

Die Wahrscheinlichkeits-Struktur lässt sich an den Beschreibungen, den Charakteren, den Handlungen und schließlich an den Gattungen selbst aufzeigen. Für alle Dramatiker und Epiker der frühen Aufklärung war die Einhaltung wahrscheinlicher Handlungsabläufe eine unabdingbare Voraussetzung; ebenso notwendig war eine auf Wahrscheinlichkeit gegründete Personen-Psychologie.31 Doch sogar in den beschreibenden Lehr-Gedichten der Dichter, die der Wolff-Schule nahe standen, lässt sich eine dem Wolffschen Demonstrationsverfahren angepasste Struktur nachweisen. Dem Wolffschen Dreischritt (1) Definition bzw. deutliche Erklärung, (2) Beweis bzw. gründliche Demonstration und (3) Schlussfolgerung und Verknüpfung der Sätze entspricht in der deskriptiven Lehrpoesie die Reihenfolge (1) Beschreibung des Objekts, (2) Beweis der Zweckmäßigkeit des beschriebenen Objekts und (3) Lobpreis Gottes als Schlussfolgerung und zugleich als Bestätigung der These, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Eine solche Struktur findet sich in zahlreichen Gedichten von Brockes, ohne dass diese Analogie im einzelnen aufgezeigt werden oder eine unmittelbare Einflussnahme nachgewiesen werden muss.32

31 Hier hat Johann Jakob Bodmer in seiner Schrift über die »Poetischen Gemälde« Wolffs Verdienste gebührend gewürdigt: Er habe »noch kaum etwas gründlichers gelesen, als was der Hr. J. Chr. Wolff [...] in seinen Gedancken von der Menschen Thun und Lassen, in dem vierten Cap. davon abgefasset hat, allwo er die allgemeinen Regeln der Menschen Gemüther zu erkennen aus festen Grundsätzen herleitet«. Bodmer, 1971, S. 390.
32  Vgl. Wagner-Egelhaaf, 1997, S. 184–187.

Weniger aufwändig ist der Nachweis einer Übernahme von Wolffs Denkmethode und der Auswirkungen, die sie auf die Struktur der Dichtung hat.33 Lessings Vetter Christlob Mylius hat ein kleines Gedicht verfasst, »Beweis eines neuen Lehrsatzes in der Mechanik«, welches das Phänomen andeutet. Der Verfasser wendet sich an die Meister der mechanischen Künste und fordert sie auf, ihre Erfindungen durch ein besonderes technisches Wunderwerk zu krönen: nämlich »wünschende Maschinen«. Wir befinden uns in einem Zeitraum, in dem solche technischen Wunderwerke allmählich Mode wurden, Automaten aller Art, Spielührchen, Wasserspeier, schließlich Vorstufen zu Robotern, also künstliche Menschen. Die Künstler lehnen das Ansinnen zunächst ab, ein wünschendes »Hebezeug« sei vernunftwidrig. Darauf der Dichter:

»Schweigt Künstler! soll ich euch noch Weißheit zuerkennen:
Wolf spricht: was wirklich ist, kann man auch möglich nennen [...].«

33  Ich habe das früher an Kästners argumentierendem (im Unterschied zu einem darstellenden) Lehrgedicht Philosophisches Gedicht von den Kometen expliziert und von Mylius’ eher spekulativer Methode abgegrenzt. Grimm, 1983, S. 703–720.

Ein Blick auf die Umgebung verrate, dass solche »künstliche Maschinen« in Menschengestalt überall anzutreffen seien, die mechanisch zum 1. Januar ein glückseliges neues Jahr wünschten. Mylius versucht zu demonstrieren, dass es sich bei ihnen um Automaten handeln müsse.

»Es müßte sonst Vernunft in seinen Worten zeigen:
Jedoch sein Wünschen zeigt, Vernunft sey ihm nicht eigen.
Und das beweiß ich so. Das was vernünftig ist,
Zeigt, daß es Wort und That nach Grund und Zweck ermißt.«

Ein vernünftiger Mensch nämlich wünsche Gesundheit, Kraft, Friede und Segen nicht etwa am Jahresschluss, weil das Glück an keine bestimmte Zeit gebunden sei. Das Wunschwerk dagegen agiere bloß nach dem Gesetz der mechanischen Zeit:

»Es redet nur, und wünscht, wenn sie es ihm gebeut.
Wie sollte dieses erst durch einen Geist geschehen,
Da wir am Uhrwerk auch dergleichen Wirkung sehen?«

Außerdem sei das wünschende Hebewerk innerlich bei seinen Wünschen unbeteiligt, im Gegensatz zu einem fühlenden Menschen.

»Wer zweifelt nur daran, daß unser Wunschwerk nicht
Durch einen Geist sich regt, ob es gleich wünscht und spricht?
Mein Satz ist demonstrirt. Wo Schluß und Schluß sich häufen,
Wer untersteht sich da die Wahrheit anzugreifen?
Sagt, ob dem Beyfall wohl ein Scheingrund hintergeh?
Da die Vernunft hier fehlt: so folgt etc. W.Z.E.W.«
(Mylius, 1972, S. 397–402)

– also die magische Formel »Quod erat demonstrandum«. Natürlich handelt es sich um ein Scherzgedicht, keinen ernsthaften Versuch, in poetischer Form einen Tatbestand zu beweisen. Aber es ist auch keine Satire. Der Beweis, dass zahlreiche Menschen sich wie Automaten verhalten, zu bestimmter Zeit bestimmte Handlungen vollziehen oder Redeformeln aufsagen, ist die kritische Diagnose einer nach rationalen Prinzipien ritualisierten Gesellschaft. Ob diese Erkenntnis nur durch eine Wolffsche Demonstration erlangt werden kann? So wendet sich das Gedicht einerseits gegen die Tendenzen einer seelenlosen Gesellschaft, zeigt andererseits aber auch die Grenzen einer erkenntniskritischen Methode, der in ihrer Verabsolutierung die Banalität eingeschrieben ist.

3. Propagierung der neuen Stilideale

[✐ | ✎]

Der dritte Bereich der Wolffschen Einflussnahme kann hier nur angedeutet werden: die Propagierung neuer Stilideale. Ohne Zweifel hat Wolff das große Verdienst, auch lateinische Begriffe verdeutscht zu haben, ja eine deutsche philosophische Terminologie erst geschaffen zu haben.34 Gottscheds in der »Critischen Dichtkunst« ausgesprochene Stilempfehlungen (Gottsched, CD, S. 346–416) und insbesondere seine eigene umfangreiche Schriftstellerei sind ohne Wolffs terminologische Grundlegung nicht zu denken. Kästner hat in seinem Aufsatz »Ueber den Vortrag gelehrter Kenntnisse in der deutschen Sprache« auf diese Grundkonstellation hingewiesen:

34 Dazu die Monographie von Menzel, Vernakuläre Wissenschaft, 1996.

»Vernünftige Gedanken deutlich und ordentlich darzustellen, dadurch bey dem Leser, der belehrt zu werden verlangt, Aufmerksamkeit zu erregen und zu unterhalten, Gegenstände, in denen die Weisen aller Zeiten Scharfsinn und Anstrengung zu zeigen gesucht haben, so abzuhandeln, daß der Verstand bey ihnen hell zu sehen glaubt, das Gedächtniß eine Menge Lehren durch ihre Verbindung leicht behält, selbst das Herz nicht zu einem schwärmerischen Aufbrausen erregt, sondern, der Ueberführung des Verstandes gemäß, durch lebendige Erkenntniß regiert wird: so etwas muß doch wohl Wolfen gelungen seyn, weil seine deutschen Werke Unstudirte, Gelehrte und Leute von Stande, deren Geschäft Metaphysik sonst nicht war, an sich gezogen, und ihm gerade um die Zeit den so lauten, allgemeinen Beyfall erworben haben, als seine Lehren am heftigsten angeklagt wurden.«35

35 Kästner, 1971, Tl. 3, S. 162–170, hier S. 167.

Kästner hat aber auch den Unterschied zwischen Philosophie und Dichtung berücksichtigt. Der Vers könne – wie er in seinem Lehrgedicht »Gedanken über die Verbindlichkeit des Dichters, allen Leuten deutlich zu seyn« ausführt nicht alles fassen, weil sonst die übergroße Deutlichkeit dem Leser zur Last werde:

»Mit ekelem Geschwätz wird uns der Dichter plagen, Der uns nichts denken läßt, und Alles strebt zu sagen; Doch ist ein Mittel hier: auch Der gefällt uns nicht, Der nicht genug uns sagt, und wie Orakel spricht.«
(Kästner, 1971, II, S. 80f.)

Für den Pöbel, der zu keinen Denkanstrengungen fähig und willens ist, muss der Dichter nicht schreiben. »Schreib’, dass dich Die verstehn, die Witz und Dichtkunst kennen«, empfiehlt Kästner dem Dichter in seinem Gedicht »Über einige Pflichten des Dichters« (Kästner, 1971, II, S. 83), worin er durchaus Gottscheds Linie treu bleibt.

V. Wolff in der Satire seiner Zeit

[✐ | ✎]

Die Kehrseite der ungeheuren Verherrlichung der Wolffschen Philosophie waren die Satiren, in denen vor allem die umständliche Methode Zielscheibe des Spottes wurde, und die Lustspiele, die mit der Figur des demonstrativischen Denkers dem Spektrum der verrückten Gelehrten eine weitere Variante hinzufügten.36 Mit diesem vergnüglichen Genre will ich meinen Rundblick beschließen. Zuerst soll eine Anhängerin der Wolffschen Philosophie zu Wort kommen. Gottscheds gelehrte Frau Louise Adelgunde Victorie hat eine ironische Satire »Horatii als eines wohlerfahrnen Schiffers, treu-meynender Zuruf an alle Wolfianer« (1740) auf die Wolff-Gegner geschrieben. In ihr verwendet der Verfasser X.Y.Z. der Jüngere ein Gedicht des Horaz, um alle vor den furchtbaren Folgen der Wolffschen Philosophie zu warnen, mit anderen Worten: vor dem Gebrauch der Vernunft. Daraus ein Beispiel.

36 Zu den wissenschaftsgeschichtlichen Satiren Grimm, 1998, S. 162-217, zu den auf den Wolffianismus gemünzten Satiren S. 210–217. Vgl. auch die Monographien von Dietrich, 2003 und Košenina, 2003.

»Ach meine Herren! die Wolfianer glauben nichts; sie wollen, dass man ihnen alles durch richtige Schlüsse begreiflich machen soll! einer meiner verstorbenen Lehrer; der zwar die Wolfische Philosophie nimmer anzusehen gewürdiget, sonst aber vortrefliche Gaben hatte; hat mirs einmal; da ihm ein Wolfianer in einem wichtigen Amte war vorgezogen worden; hoch und theuer zu geschworen, die Wolfianer glaubten keinen GOTT. Der seelige Mann wird mirs nicht übel nehmen; aber daß will ich ihm nun wohl nicht eher nachsagen, als bis es mir auch einmal so gehen wird. So viel aber ist gewiß, sie glauben keinen Teufel der Hörner und Klauen, Hahnenfüsse, und einen langen Schwanz hat. Sie glauben nicht, daß er den Leuten Geld bringe, die sich ihm verschreiben, und sie hernach hohle, wenn ihre Zeit um ist. Sie glauben nichts von Besessenen. Sie glauben nichts von Hexereyen. Sie glauben keinen Drachen; keine brennende Schätze; keine Gespenster. Und warum glauben sie daß alles nicht? Ja, sprechen sie, wir haben nichts von dem allen gesehen; O ihr Thoren! ich habe auch nie etwas davon gesehen; sie auch nicht, meine Herren: Und dennoch glauben wirs; und wer will es uns wehren? Genug, daß es unsere Großmütter; genug daß es unsere Ammen vor gewiß gesagt, und vermuthlich gesehen haben. Erwegen sie nur, meine Herren, was die Wolfianer für ehrvergessene Leute sind; so viel Erkenntlichkeit haben sie nicht gegen die, die sie gezeugt und erzogen haben, daß sie ihnen so eine Kleinigkeit blindlings glauben sollten. Aber sie werden es schon einmal zu spät inne werden. Der Glaube wird ihnen schon in die Hand kommen. Sie werden schon noch an mich gedenken, wenn ihnen einmal; und vielleicht auf ihrem Sterbe-Bette; nicht anders zu Muthe seyn wird, als wenn der Teufel zu ihrem Haupte stünde; ein Schatz zu ihren Füßen brennte; alle Hexen in ihrem Zimmer herum tanzten, und alle Gespenster in ihrer Stube Herberge hielten. Schrecklicher Zustand! unaussprechliches Elend! wollen sie, meine Herren, nicht auch einmal darein fallen; so fliehen sie das Wolfianische Meer der gesunden Vernunft; den Ursprung aller Leibes-Nahrungs- und Seelen-Noth.« (Gottsched, 1740, S. 29–31)

Prinzipiell standen die Satiriker der Aufklärung dem vernunftorientierten Wissenschaftsmodell Christian Wolffs nahe. Daher galt ihre Kritik nicht den fundamentalen Prinzipien, als vielmehr deren Entartungen, besonders ihrer Anwendung auf Gebieten, die der mathematisch-exakten Methode wesensmäßig verschlossen sind, oder ihrer formalen, zu einer neoscholastischen Sophistik führenden Übersteigerung. So nimmt die für die demonstrativische Methode typische Formel »W. Z. E. W.« geradezu magische Züge an; sie tritt an die Stelle der lateinischen Formel »Q. E. D.«38 Rabener verspottet die Anwendung dieser an den Schluss einer Gedankenkette gestellten, den Schein logischer Exaktheit verleihenden Zauberformel in einer Anmerkung: »Diese vier Buchstaben [...] zeigen an, daß ich fertig bin, daß ich ordentlich gedacht habe, daß mein Beweis unumstößlich ist. Man mag schreiben, wie man will: Man setze nur zum Schlusse W. Z. E. W. so schreibt man mathematisch.«39 In dieselbe Richtung zielt Friedrich Just Riedels Mokieren über den »scientifischen« Charakter der von der Weltweisheit beeinflussten Disziplinen. Es bedürfe vor allem der Kunst, »ein gewaltiges Heer von Axiomen, Theoremen und Scholien in eine demonstrativische Schlachtordnung« zu stellen.40

37 Z. B. in der Schrift des Liscow-Gegners Johann Ernst Philippi: Mathematischer Versuch von der Unmöglichkeit einer ewigen Welt, sammt einem kurtzen Auszug der allerneuesten Schrifften, so in der bekannten Wolffischen Controvers darüber gewechselt worden; mit unpartheyischer Critic beurtheilet. Leipzig 1733.
38 Quod erat demonstrandum: Was zu erweisen war. Zuerst in Euklids Elementa; die lateinische Formel begegnet zuerst in der lateinischen Übersetzung des Euklid durch Zamberti, im 3. Buch, Kap. 4, Theorema XIII. Venedig 1500.
39 Rabener, 1771, Bd. 1, S. 73, Anm. 8.
40 Riedel: Umständlicher Beweiß, in: Grimm, 1975, S. 120. Die naturwissenschaftliche Quisquiliensammlerei à la Sievers hat Riedel in seiner Satire Briontes der Dritte (1765) verspottet.

Satirische Kritik an Wolffs demonstrativischer, zur Weltschweifigkeit verführenden Methode haben auch Johann Heinrich Gottlob von Justi und Ludwig von Heß41 geübt. Bei diesem zeigt sich die satirische Spitze bereits im Titel der Satire »Juno abortans, das ist: Ein Brief an das Publicum. Worin nach mathematischer Lehrart bewiesen wird, dass ein Frauenzimmer, welches durch Westwind schwanger geworden, durch den Ostwind abortiren könne«.42

41 Ludwig von Heß: Glückseligkeit der ungerechten Richter, nach mathematischer Lehrart bewiesen. Wismar 1746. 42 Möln 1760.

Dies gilt auch für Christian Ludwig Liscows originelle Wissenschafts-Satire »Vitrea fracta, oder des Ritters Robert Clifton Schreiben an einen gelehrten Samojeden, betreffend die seltsamen und nachdenklichen Figuren, welcher derselbe den 13. Januar st. v. 1732 auf einer gefrornen Fensterscheibe wahrgenommen«.43 Anders als der Astrologe und der Kabbalist deutet der Mathematiker Clifton die seltsamen Figuren nicht als Prophezeiung, sondern als Zeugnisse einer bereits stattgefundenen Gesprächsrunde. Die Beweisführung Cliftons verläuft streng in Wolffschen Bahnen und führt dessen Methode ad absurdum. Alle Geschehnisse bedürfen eines zureichenden Grundes. Das im Winter an den Fenstern niedergeschlagene Eis stammt von den Ausdünstungen der im Zimmer anwesenden Personen. »Da nun also dieses Eis aus den Ausdünstungen der in einem Zimmer befindlichen Cörper entstehet: so ist es klar, daß man alles, was an diesem Eise merkwürdiges ist, aus den Ausdünstungen, woraus es entstanden, erklären müsse.«44

43 Liscov’s Schriften, 1972, Bd. 1, S. 173–234.
44 Ebd., S. 201.

Der Grund für die verschiedenartigen Figuren ist in der Unterschiedlichkeit der Ausdünstungen zu suchen, die ihrerseits von den verschiedenen Körperbeschaffenheiten bedingt sind. Clifton schließt weiter: Am Tag vor dem Kälteeinbruch hatte er eine gelehrte Gesellschaft bei sich zu Gaste. Aus den Prämissen: Gedanken sind Bilder der außer uns befindlichen Dinge; gesprochene Worte sind Bilder unserer Gedanken; Sprechen ist eine Art des Ausatmens, und Atem besteht aus Ausdünstungen, schlussfolgert Clifton demonstrativisch:

»Da nun aber die Worte Bilder unserer Gedanken, und die Gedanken Bilder der Dinge, die ausser uns sind: so sind auch die Ausdünstungen unsers Mundes, wann wir sprechen, Bilder der Dinge, die außer uns sind. Wann nun diese Ausdünstungen, durch die Kälte zusammen gedrücket, sichtbar werden: so werden auch die Gedanken, deren Bildniß diese Ausdünstungen vorstellen, sichtbar. Werden die Gedanken sichtbar; so müssen wir auch nohtwendig die Bilder der Dinge, die ausser uns sind, und von welchen wir reden, in diesen sichtbar gewordenen Ausdünstungen erblicken. Q. E. D.«45

45 Ebd., S. 204.

Aufgrund dieser schlüssigen Beweisführung ist es hernach Clifton ein leichtes, die in der Gesellschaft besprochenen Gegenstände auf der Scheibe wiederzuerkennen. Mit dieser fulminanten Verspottung zeigt Liscow, dass Wolffs Beweismethode zur Erhärtung der unsinnigsten Behauptungen genauso erfolgreich eingesetzt werden kann wie zur Begründung mathematisch und logisch stimmiger Sachverhalte. Er beweist damit, dass das Verfahren allein noch keine Wissenschaft begründet und ebenso, dass exakte Wissenschaft und Scharlatanerie nahe beisammen liegen können.

Die formale Machart des demonstrativischen Beweises nimmt Christlob Mylius in seiner amüsanten Satire »Anfangsgründe der Physikopetitmaitrik« aufs Korn.46 Sie ist ganz im Stile eines naturwissenschaftlichen Lehrbuchs aufgebaut und schreitet von Paragraph zu Paragraph fort, wobei jeder einzelne Satz eine logische Etikettierung erhält: Erklärung, Anmerkung, Erfahrung, Zusatz, Grundsatz, Lehrsatz, Beweis, Heischesatz, Lehnsatz, willkürlicher Satz, schließlich Aufgabe und Auflösung. Die Physikopetitmaitrik vermittelt das Wissen von der »physikalischen Einsicht der jungen Herren« (der petit maitres) und widmet sich etwa der Aufgabe, »die absolute und relative Größe der Schönheit eines Frauenzimmers zu finden«, was Mylius mit einer abstrusen, aber streng mathematisch-physikalischen Berechnungsmethode vorführt.

46 Mylius, 1971, S. 268–279; Ebeling, 1971, Bd. 1, S. 232–239, der sie abdruckt, nennt diese Satire eine »plastisch unwiderstehliche Kreuzigung des Dilettantismus in der Naturforschung wie der mit der Toga schwerfälligster Systematik behangenen Spielereien und absurden Ausartungen in derselben«.

Ähnlich demonstrativisch geht der Magister in Gellerts Lustspiel »Die zärtlichen Schwestern« vor. Erst mit Beweisen, dann mit Hilfe einer Fabel – Bilder statt Beweise für die Ungelehrten47 – versucht er, seine Nichte Julchen zu einer Heirat zu überreden:

47 Gellert: Die zärtlichen Schwestern I, 10; in: Gellert, 1988, S. 212. »Denn wenn man mit Ungelehrten zu thun hat, die nicht abstrakt denken können: so muß man sich herunter lassen, und das Ingenium zuweilen zu Hülfe nehmen.« Ebd., S. 213. »Ich will sehen, ob ich durch mein Ingenium das ausrichten kann, was sie meinem Verstande versagt hat. Vielleicht macht ihr eine Fabel mehr Lust zur Heyrath, als eine Demonstration.« Vgl. II, 14; S. 230ff., zur Fabel; »Ja, ja, die Fabel ist freylich nicht so schwer zu verstehen, als eine Causaldefinition.« S. 231.

»Sie wollen nicht lieben, nicht heyrathen? Aber wissen Sie denn auch, daß Sie dazu verbunden sind? Soll ich Ihnen den Beweis aus meinem Rechte der Natur vorlegen? Sie wollen doch, daß das menschliche Geschlecht erhalten werden soll? Dieses ist ein Zweck, den uns die Natur lehrt. Das Mittel dazu ist die Liebe. Wer den Zweck will, der muß auch das Mittel wollen, wenn er anders verständig ist. Sehn Sie denn nicht, daß Sie zur Ehe verbunden sind?«48

48 Ebd., S. 211.

Dagegen verficht Julchen die Rechte des natürlichen Empfindens: »Mein Verstand ist freylich nicht so stark an Gründen, als eine Philosophie. Dennoch ist er noch immer stark genug für mein Herz gewesen.« (I, 9)49 Der neuen, an den Idealen des Herzens und der Natürlichkeit orientierten Lebenseinstellung erscheinen Herz und Gelehrtheit fast als Gegensätze. Während der Magister das Herz für den »größten Betrüger« erklärt, hält Julchen seinen Beweisgründen ihr prononziertes »Ich will ungelehrt lieben« entgegen. Damit löst sich Gellert von der rigiden Vernunftdominanz und propagiert ein >synthetisches< Verhalten. Mit Gellerts Rationalismus-Kritik ist jener Punkt in der Kritik am Gelehrtentum, am eximierten Stand und an der Wissenschaft selbst erreicht, wo die Modifikation der Paradigmen in die Abkehr von der Gelehrsamkeit selbst umschlägt. Während bei Gottsched kein Zweifel an der fundamentalen Bedeutung der (philosophischen) Gelehrsamkeit sich regt, kündigt sich bei Gellert bereits die Krise jeglicher Gelehrsamkeit an.50

49 Ebd., S. 210, S. 211. Eine ähnliche Position nimmt Chrysander in Lessings Jungem Gelehrten (I, 5) ein: »Antworte aus dem Herzen, und nicht aus dem Buche.« Lessing, 1979, Bd. 1, S. 194.
50 Grimm, 1998, S. 210–217.

VI. Conclusio oder Schluss

[✐ | ✎]

Christian Wolffs Auftreten signalisiert den Beginn einer »theoriefreudigen, naturwissenschaftlich interessierten« und lehrhaft-didaktischen Periode. Dem uneingeschränkten Vertrauen in die Allmacht der Rationalität entspricht die Verabsolutierung des Ordnungsdenkens und der methodologischen Exaktheit. Der Erfolg des Wolffschen Systems erklärt sich aus seiner stabilisierenden Funktion in der mentalitätsgeschichtlichen Krisensituation des 17./18. Jahrhunderts. Wolff und Gottsched ersetzten »geglaubte« Sicherheiten durch eine mathematisch abgesicherte, metaphysisch verankerte Ordnung, die angeblich >ungezweiffelte Gewissheit<.51

51 Grimminger, 1980, S. 42, S. 45.

Die Dichtung der Frühaufklärung ist eine literarische »Utopie der perfekten Ordnung«. Das rationalistische, auf Vollkommenheit verpflichtete System lässt keine Abweichung zu, und insofern beweist es eine genuine Feindseligkeit gegenüber künstlerischer Individualität und Innovation. Die Aufwertung der Kriterien des Neuen und des Wunderbaren, für die bei Wolff und Gottsched wenig Platz vorhanden war, leitete das Ende der System-Poetik und einer auf sie verpflichteten Literatur ein.

Wolffs Bedeutung muss historisch gesehen werden. So gewichtig sein Wirken für die Entwicklung des Wissenschaftssystems war, für die Literatur war es eher indirekt. Die Funktion der Wolff-Gottschedschen Reform war ein kurzzeitiger Reinigungsakt, der die barocken, galanten und >politischen< Normen durch Vernunftnormen ersetzte, die der Ideologie des >aufgeklärten Absolutismus< entsprachen. Freilich waren die Grenzen dieser literarischen Reform offenkundig, und Lessing selbst hat über die Dichtung dieser Zeit scharfsinnig geurteilt:

»Die Schwester der Musik hat mit ihr gleiches Glücke;
Critiken ohne Zahl, und wenig Meisterstücke,
Seit dem der Philosoph auf dem Parnasse streift,
Und Regeln abstrahirt, und die mit Schlüssen steift. [...]
Ach arme Poesie! anstatt Begeisterung,
Und Göttern in der Brust, sind Regeln jetzt genung.«
(Lessing, 1979, S. 251f.)52

52 Aus dem Gedicht An den Herrn Marpurg, in: Lessing, 1979, S. 248–255.

Dieses Urteil zeigt schlaglichtartig die Größe und die Grenze des Wolffschen Einflusses auf: wahre Literatur beginnt dort, wo die Regeln aufhören. Und nicht von ungefähr propagierte Lessing gegen diesen Regelwust die freie Schöpferinspiration und das Wirken des Genies.

Literaturverzeichnis:

[✐ | ✎]

Birke, Joachim (1966): Christian Wolffs Metaphysik und die zeitgenössische Literatur- und Musiktheorie: Gottsched, Scheibe, Mizler. Berlin 1966.

Bodmer, Johann Jakob (1971): Kritische Betrachtungen über die Poetischen Ge'mälde der Dichter. Zürich 1741. Nachdruck Frankfurt a. M. 1971.

Bodmer, Johann Jakob/Johann Jakob Breitinger (1727): Vernünfftige Gedancken und Urtheile Von der Beredtsamkeit. Frankfurt und Leipzig 1727.

Döring, Detlef (2000): Johann Christoph Gottsched in Leipzig. Ausstellung in der Universitätsbibliothek Leipzig zum 300. Geburtstag von J. Chr. Gottsched. Stutt- gart, Leipzig 2000.

Dürbeck, Gabriele (1998): Einbildungskraft und Aufklärung. Perspektiven der Philosophie, Anthropologie und Ästhetik um 1750. Tübingen 1998.

Ebeling, Friedrich Wilhelm (1971): Geschichte der Komischen Literatur in Deutschland während der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. 3 Bde. Leipzig 1869; Nachdruck Hildesheim 1971.

Eichendorff, Joseph von (1987): Geschichte der poetischen Literatur Deutsch- lands. Paderborn 1857. Faksimilenachdruck Paderborn, München, Wien, Zürich 1987.

Flögel, Carl Friedrich (1972): Geschichte des menschlichen Verstandes. Dritte vermehrte u. verbesserte Auflage. Frankfurt und Leipzig 1778. Nachdruck Frank- furt a. M. 1972.

Gaede, Friedrich (1975): Gottscheds Nachahmungstheorie und die Logik. In: DVjs 49, Sonderheft 18. Jahrhundert, 1975, S. 105–117.