DG1G/Exkurs über Germanisch und Deutsch/22
▷Mitten in aller Formenfülle des Altertums herrscht oft Unbeholfenheit oder Verschwendung, sparsames Haushalten mit geringeren aber desto gewisseren Mitteln gab auf die Länge größere Befriedigung. Dort gebricht es dem Anmutigen nicht selten an Würde, dem Kühnen an Geschick, zumal dem Ganzen an Einstimmung, so daß oft die rechte Wirkung wo sie nahe zu erreichen war dennoch ausbleibt, weil sich Licht und Schatten gegenseitig nicht ermäßigen, spielen lebhafte Farben allzu grell nebeneinander; Wort- und Satzverhältnisse sind noch ohne Perspektive und kein Hintergrund wird geöffnet. Die neue Sprache versteht es gelinder aufzutragen, Eindrücke zu berechnen und von dem zufälligen das notwendige zu scheiden. Des schwebenden Flugs verlustig, ihre Schritte nicht selten zu doppeln und zu kreuzen gezwungen behält sie das vorgesteckte Ziel fester im Auge. Allenthalben bleiben ihr Ausgleichungen und kleine Nachhülfen zur Hand: denn selbst in grammatischen Auxiliarverbindungen, so lästig sie schleppen können, beruhen zugleich günstige Feinheiten und leise Wendungen des Ausdrucks, von denen die Sprache vorher keine Ahnung hatte. Sie ist jetzt in ihr männliches alter eingerückt, welches weiß was es will und vermag.