DG1G/Vorrede
Nach achtzehn Jahren Brache (so verrauscht meine Zeit) pflüge ich das weite Feld der deutschen Laute und Flexionen von frischem, und wohl zum letztenmal. Anders sind die Schollen umgerissen, anders die Furchen gekehrt; wo der Ertrag auch doppelt gibt, könnte er sich noch verzehnfachen. Während die einförmige und doch wechselnde, mehr angreifende als abmattende Arbeit langsam über vierzehn Hügel hinzog, deren keiner vorbei gegangen werden durfte, ließ sich schon gewahren, daß meine schar bald tiefer in den Boden drang, bald von Gestein und Ranken gehemmt wurde.
Dem Publikum , das mir vom ersten Beginn an mit günstigen Augen zugesehn hat, und dessen Beifall Öl auf die Leuchte der Schriftsteller gießt, glaube ich meinen Dank nicht besser abstatten zu können, als durch unverdrossene wiedervornähme eines seiner Aufmerksamkeit immer würdigeren Gegenstandes, welchem lange noch nicht alles abgewonnen ist. Von untersuchenden Büchern, die gleich auf den ersten Wurf so gut seien, daß sie unverrückt stehn bleiben dürfen, wohnt mir keine Vorstellung bei, denn die Schwierigkeit selbst des gelingenden Forschens fühlt sich zwar allgemach erleichtert, aber auch allenthalben durch die Aussicht auf neue Lasten erhöht. Wenn ich, wie mir scheint, diesmal über die Konsonanten und in der Deklination hauptsächlich Neues darbiete, so wünsche ich, daß auch meine Darstellung der Vokale und der Konjugation nicht zurückstehe, und das ganze Buch an Klarheit zugenommen habe. Behutsam bin ich in den Schranken der deutschen Sprache geblieben und nur am Schlusse des ersten, sowie beim Eingang des zweiten Abschnittes weiter ausgelaufen.
Es gibt zwei arten des Sprachstudiums, die auch wohl in mir zum Zwiespalt gekommen sind.
Der einen ist die Sprache für den Zweck, sich der Literalur des Altertums zu bemächtigen, ein bloßes Mittel, aber freilich von gewaltiger Fülle und unerschöpflich. Das Ziel des Philologen scheint errungen, wenn er nach und nach bei der Sprache völlig einwohnt, und durch lange unausgesetzte Übung des sinnlichen und geistigen Anschauens sich ihre Gestalt und Gebärde so aneignet, daß er sie fast wie seine angeborne handhaben und nunmehr zur Herausgabe und Sichtung der überlieferten, immer von neuem gelesenen und doch unausgebrauchten Denkmale auf mannigfache Weise verwenden kann. Dabei bedingen sich Inhalt und Form wechselseitig, und indem das Verständnis der Rede und Poesie wächst, wird auch lohnende Ausbeute für die Grammatik davon getragen. Diese schreitet mehr mit festem als kühn erhobnem Fuß, mehr mit gesundem als weit tragendem Blick auf der reich abwechselnden Oberfläche vor, gleich als scheue sie sich, durch graben in den Grund, jene zu versehren, ihre Richtung wird vorzugsweise nach der Syntax gehn, deren zarteres Gewebe die Blüten und Früchte des Bodens erkennen lassen, und aus welcher die Seele der Sprache vernehmlich hervorbricht, für die schwankenden Laute und schlüpfrigen Formen genügt es jede sichtbare Erscheinung fleißig und, wie hergebracht ist, aufzustellen, ohne sie um ihren Ursprung zu befragen; in der Lehre von den Wortbildungen zieht das entblößen der Wurzeln weniger an als Ableitung und Komposition. Alle Regeln dienen der Sprache, gewissermassen den Glanzpunkten der Literatur, und werden nur wider Willen in unangebaute oder verlassene Gegenden geleitet. Das ganze grammatische Studium nimmt einen unverrückten Bezug auf das vorhin bezeichnete Geschäft der Kritik und findet darin seinen ersten Beruf wie seine letzte Befriedigung.
Minder um lebendige Äußerung und Gesammteindruck zu tun ist es der andern Behandlungsart, die wir dafür in das Innere dringen und sich die Sprache zum unmittelbaren Zweck machen sehn. Es ist Recht daß die Sprache schon um ihrer selbst Willen getrieben und ein Gesetz aufgesucht werde, nicht das oben an ihr erscheine, sondern inwendig in ihr walte. Man könnte diese Sprachforschung im Gegensatz zu jener behaglich anschauenden die Zergliedernde nennen, weil nicht sowohl der natürlich freien Bewegung aller Gelenke oder dem leisen Atemzug der Sprache gelauscht, als vielmehr in ihren Leib eingeschnitten wird, dessen Knochen und Sehnen zu ernsterer Besichtigung einladen. "Wie nun die Fortschritte der Anatomie überhaupt von Vergleichung abhängen, ist auch hier eine vergleichende Sprachkunde entsprungen, welche sich ihre Regeln aus dem nebeneinander halten des geschichtlich abgestuften, so wie des zwar verschiednen jedoch verwandten und sich berührenden bildet. Solche Untersuchungen verfolgen aber minder den Gang und die Schicksale der Dichtkuust, sie finden an dem bloßen Stoff einer armen unaufgeblühten Sprache, selbst eines rohen Dialekts, wie an den edelsten Erzeugnissen einer klassischen Literatur ihre Nahrung. Vor allem werden sie die einfachsten Elemente des Lauts und der Flexion zu erfassen streben und sich in weit geringerem Maße auf die syntaklischen Verhältnisse richten. Dem vergleichenden Sprachforscher gelingen kühne Anwendungen seiner ausersehnen Regeln auf Stellen und Strecken eines fast endlosen Gebiets, das er nie vollständig zu bewältigen vermag. So sehr die Menge der aufgespürten und geschickt aus der Erde gezognen Wurzeln überrascht, ist doch der Reiz zur Zerstreuung schwer zu besiegen, und unausweichliche Folgerungen drängen zu einer oft schwindelnden Höhe hinan, von welcher noch Streiflichter herabfallen, die sich allzu leicht verwirren. Zu dem Segen ausgibiger ernten, wie sie auf den engumzäunten Fluren jener erstgeschilderten Philologie gehalten werden, scheint die Sprachvergleichung nur dann befähigt, wenn sie von ihrer sichern Grundlage sich langsam und bedächtig zu erheben trachten will. Sie hat das Mittel gefunden, die wilde, allen verleidete Etymologie zu zähmen und zu züchtigen und der alten Willkür ein Ende gemacht; sie würde ihr aber neuerdings Riegel und Tor öffnen, wenn sie das Fundament, statt es weiter aufzurichten, von dem Geflechte zahlloser Ausnahmen und Anomalien überwachsen ließe. Es ist wahr, daß in der organischen Sprache keine Anomalie vorkomme, die nicht auf dem Grund eines tiefer gelegnen Gesetzes ruhe, keine Ausnahme, die nicht, wohlverstanden, die Regel bestätige, alle Melhode hängt aber davon ab, daß man dem Gesetz vor der Anomalie und der Regel vor der Ausnahme den rang lasse.
Doch wer möchte Gaben und Ergebnisse, Fehltritte und Mangel, die sich in dem Betrieb der Sprachkunde hervortun, so gegen einander wägen, daß ein Ausschlag erfolgen und die eine vor der andern Richtung ratsam erscheinen könnte? Ich, der ich mich von beiden angezogen und auch zuweilen entfernt fühle, habe nur Rechenschaft ablegen wollen von dem Verfahren, welches mir für die deutsche Grammatik auf dem Punkt, wo sie gegenwärtig steht oder bis wohin es sie zu bringen mir gegeben ist, das Angemessenste zu sein däuchte. Thorheit wäre es die Vorteile zu verleugnen oder herabzusetzen, welche auch unsrer Sprache aus gepflogner Vergleichung der ihr auf manigfalter Stufe Verwandten erwachsen sind; nicht nur unser Eigenlum haben wir dadurch genauer kennen lernen, früher unverslandnes wurde uns plötzlich erschlossen, sondern auch Sieg und Brücke geschlagen, über welche hin ferne Zeiten und Länder zu erreichen stehn, mit denen wir vormals unmittelbarer zusammen hingen. Aber unbesonnen scheinen würde, wer diesem freilich offenbaren und die deutsche Sprache als notwendiges Glied einer großen Kette nachweisenden Zug solchen Einfluß gestatten wollte, daß nach ihm allenthalben die lebensvolle Eigenheit unsrer Zunge gestimmt uud geregelt werden müßte. Alle meine arbeiten haben sich dabei wohl befunden oder sind vielmehr nur daran erstarkt, daß ich ein früher unscheinbares und übersehnes vaterländisches Element hervorzuheben und zu festigen geflissen gewesen bin. Die Zerteilung des ganzen Sprachstamms in verschiedne Ableger verlangt für jeden derselben, neben Beibehaltung allgemeiner, auch noch besondere Kennzeichen, nachdem seine Wurzeln in der neuen, gleichfalls schon altgewordnen Heimat einschlugen und forttrieben. Nicht bloß Abweichung, sondern selbst Gewohnheit kann dann über das Auffassen der Formen entscheiden. Die lateinische und griechische Grammatik, nicht einmal die Slavische, werden die Anordnung ihrer Deklinationen und Konjugationen kaum abändern zu gefallen einer noch so begründeten einsieht in das frühere Verhalten. Wir Deutschen stehn in dem Vorteil, daß die Theorie unsrer Sprachformen nirgends festgewachsen ist, sondern erst vor kurzem historisch zu bestimmen versucht wurde; sie darf also nachgibiger und schmiegsamer sein, obgleich sie wohl tun wird bei allem dem zu beharren, was ein ihr eigentümliches Gepräge ankündigt, und hiernach bin ich zumal in Darstellung der Ablaute verfahren. Ich bekenne auch, daß es mir größere Freude macht, im ruhigen Sinne der klassischen Philologie unsre Formlehre zu vervollständigen, z. b. ein bisher unentdecktes starkes Verbum wirklich nachzuweisen, auf das in der vergleichenden Grammatik vielleicht nur ein geringes Gewicht fallen würde. Denn Wurzeln telben (wie sich unsre alte Sprache ausdrückt), ist trocken, und in den Quellen lesen süß, weil es mehr als eine Frucht tragen kann. Aber entschlagen mag ich mich auch keineswegs der bedeutsamen Aufschlüsse, die das Studium des Sanskrit und anderer alten oder noch fortlebenden Sprachen für das Deutsche an Hand bietet; kenner derselben werden, wie mich bedünkt, eher billigen als tadeln, daß ich unsre Regeln rein und unvermischt mit den Resultaten, die ihnen ohnehin schon bekannt sind, vortrage, so wie ich mir diese darum desto unbefangner zu nutze machen kann. Nur wenn man den Lauten rein physiologische Funktionen unterschiebt und darauf ein unerwiesnes und unbeweisbares System der Aussprache gründet (so viel Scharfsinn und feiner Takt sich dabei an den Tag gelegt hat), wird mir wenigstens die Luft allzu dünn, und ich vermag nicht darin zu leben.
Alle diese Erscheinungen, wie sie auch anders angesehn werden mögen, zeugen, das ist nicht zu verkennen, auf das günstigste von der lebhaften theilnahme, deren sich die wissenschaftliche Bearbeitung unserer Sprache gegenwärtig zu erfreuen hat. Wahrend ich gemeinschaftlich mit meinem Bruder ein umfassendes Wörterbuch der gesamten neuhochdeutschen Erruugenschaft vorbereite, das einen vielleicht ungeahnten und noch nie überschauten Reichtum bieten soll, nähert sich Grafts althochdeutscher Sprachschatz seiner erwünschten Vollendung; ein Werk voll des gründlichsten Materials, dem durch ein alphabetisches Register am Schlusse aufgeholfen werden wird. Darf ich bei dieser Gelegenheit einen Wunsch laut lassen werden, der mir sehr am Herzen liegt, so ist es der, daß die unbeschreibliche Menge althochdeutscher Eigennamen, sowol der örtlichen als persönlichen, da beide Graff unvollständig und ungenau verzeichnet, von einem rüstigen Bearbeiter nach wohlüberlegtem Plan bald in eine eigne Sammlung gebracht werden möge, ein Buch, aus welchem unsrer Sprache und Geschichte unfehlbar bedeutender Gewinn erwachsen muß, dessen Ausführung aber ungemeinen fleiß erfordert: der Vorrat ist fast unübersehlich. Den gotischen Sprachdenkmälern ist eine treffliche, ihrem hohen Wert entsprechende Ausgabe zu Teil geworden, deren Beendigung nicht mehr lange auf sich warten lassen kann. Die angelsächsische Literatur hat Jüngst noch wichtige Bereicherung gewonnen, und wenn Kemble, wie es seine absieht ist, ein glossar dieses Dialekts (denn das von Bosworth hat mit der Wissenschaft keinen Schritt gehalten), Cleasby aber ein altnordisches, die biörnische Sammlung weit hinter sich lassendes zu Stande bringen, so werden günstige Gestirne anhaltend über unserer Sprache, in ihrem weitesten Umfang genommen, leuchten.
Kassel, 30 okt. 1840.