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Der Begriff des Geistes

aus AufEinWort, der freien Forschung

Der Begriff des Geistes

Etymologie

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Johann Gottfried Herder

Die modernen heterogenen Konzeptionen des Geistes haben ihren Ursprung zum einen in der antiken Philosophie und zum anderen in der Bibel.[1] Während sich in den meisten romanischen Sprachenein entsprechender Begriff aus dem lateinischen spiritus entwickelte, leitet sich der Begriff des Geistes aus der indogermanischen Wurzel *gheis- für erschaudern, ergriffen und aufgeregt sein ab.[2] Das westgermanische Wort *ghoizdo-z bedeutete wohl „übernatürliches Wesen“ und wurde mit der Christianisierung der Germanen christlich umgedeutet, so dass der Begriff in althochdeutschen (geist) und altenglischen (gást) Schriften als Übersetzung für den biblischen Spiritus Sanctus diente. Dieser Sinngehalt des Wortes hielt sich bis in die Gegenwart, so dass „Geist“ auch als Synonym für „Gespenst“ verwendet wird.

Eine weitere Bedeutungsebene, die heute jedoch nicht mehr offensichtlich ist, stellt „Geist“ in einen Zusammenhang mit „Atem, Windeshauch“ als Ausdruck der Belebtheit. So findet sich noch in LuthersÜbersetzung der Bibel die Formulierung „der himmel ist durchs wort des herrn gemacht und all sein heer durch den geist seines munds“.[3] Auch das lateinische spiritus weist diese Bedeutung auf; es ist mit spirare „atmen“ verwandt.

In verschiedenen Theorien, gelegentlich auch im Alltag, wird der Ausdruck zur Charakterisierung überindividueller Phänomene, Objekte, Eigenschaften oder Prozesse eingesetzt. Johann Gottfried Herders Werk Vom Geist des Christentums prägte diese Begriffsverwendung entscheidend mit. Ein zentrales Konzept der deutschsprachigen Kultur wurde „Geist“ spätestens mit dem Werk Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Nach Hegel manifestiert sich in Gemeinschaften ein objektiver Geist, während der absolute Geist Kunst, Philosophie und Religion auszeichnet. Auch die Sozialwissenschaftenbenutzen den Begriff des Geistes, um auf Merkmale von Gemeinschaften hinzuweisen. In dem Sinne ist etwa Max Webers Rede vom „Geist“ des Kapitalismus zu verstehen.[4] Dieser „Geist“ ergibt sich durch die Normen und Werte kapitalistischer Gemeinschaften. Im allgemeinen Sprachgebrauch findet sich beispielsweise die Formulierung: „Hier herrscht ein Geist der Eintracht“.

Übliche Begriffsverwendung in moderner Philosophie und Wissenschaft

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Ein Mensch weiß, dass er wahrnimmt, fühlt und denkt. Wie sieht das Pferd den Fotografen? Nehmen die Fliegen das Pferd wahr?
Spüren Pflanzen das Sonnenlicht, zu dem sie sich hinwenden?

Geist ist ein unscharfer Sammelbegriff für alle Formen subjektiver Innerlichkeit. Dies umfasst bewusste und unbewusste Vorgänge des Empfindens, Wahrnehmens und Erlebens (Emotionen, Kognitionund Intuition), wie sie jeder Mensch direkt und unmittelbar erfährt. Dies umfasst die alltägliche Erkenntnis, dass (zumindest) das bewusste geistige „Abbild“ der Realität sowie Erinnerung und Vorstellungaus Informationen stammen, die uns von den Sinnesorganenaus der Umwelt vermittelt werden.

Prinzipielle Unbeweisbarkeit

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Es ist prinzipiell unmöglich, die Psyche eines anderen Menschen, die wahrscheinliche Innenwelt verschiedener Tiere, die mögliche Sensitivität der Pflanzen oder hypothetische, nicht physikalische „innere Zustände“ unbelebter Systemequalitativ zu untersuchen, zu beschreiben oder zu beweisen.

Während die Psychologie mittlerweile ein weitreichendes Modell der menschlichen Psyche entwickelt hat, beschränken sich die allgemeinen Aussagen zum Mentalen, die von den meisten Naturwissenschaftlern und Philosophen weitgehend akzeptiert werden, im Wesentlichen auf die folgenden Punkte:[5][6][7][8][9][10]

  • Das Phänomen Geist hat immer mit der Informationsverarbeitung in Komplexen Systemen zu tun,
  • die wie die materielle Welt einer Evolution unterliegen.
  • Geistige Vorgänge werden von (quantitativ) messbarer neuronaler Aktivität (vor allem im Gehirn) begleitet,
  • während ein stark vereinfachtes (bei Lebewesen von der Art der Sinnesorgane abhängiges) inneres Abbild der Welt entsteht,
  • dessen (qualitativer) „Inhalt“ jedoch nicht aus den physischen Vorgängen hergeleitet werden kann und von Person zu Person unterschiedlich erlebt wird:
  • Dieses Erleben ist subjektiv, das heißt, den objektiven Tatsachen werden persönliche Zutaten hinzugefügt (Assoziationen, Emotionen, Erinnerungen).
  • Das Ergebnis sind Erlebniseindrücke, die in der physischen Außenwelt nicht existieren bzw. sich mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erfassen lassen (z. B. Farben, Gerüche, Gefühle, Schmerz, Freude usw.),
  • und kann daher vom Erleber nur unzureichend beschrieben und von Dritten weder beobachtet, noch logisch begründet, gemessen, berechnet oder allgemeingültig bewiesen werden (Privatheit).
  • Geist ist somit nicht gegenständlich und hat keinen klar umrissenen Ort (Beispiel: Man spürt einen Wespenstich nicht im Gehirn), ist aber direkt oder indirekt immer auf Objekte oder Ereignisse der Welt bezogen (siehe Intentionalität).[11]
  • So folgt zumindest der unteilbare, homogene „Strom“ des Bewusstseins anderen Gesetzmäßigkeiten als physische Dinge – oder unterliegt (für sich genommen) möglicherweise gar keinen Gesetzmäßigkeiten.

Diese Aussagen gelten für den menschlichen Geist. Je geringer die Artverwandtschaft zum Menschen, desto spekulativer ist ihre Übertragung. Vor allem die oben skizzierte „Privatheit“ des psychischen Erlebens gilt als fundamentale Erklärungslücke der Naturwissenschaften.[12] So werden etwa die Fragen, „welche Farbe das UV-Lichtim Geist einer Biene hat?“, „wie Fledermäuse kurzwellige Schallwellen ‚hören‘ (oder besser ‚sehen‘?)“, oder „wie Fische mit Elektrorezeptoren elektrische Felder fühlen?“, niemals beantwortet werden können.[8]

Verhältnis zur Materie

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Bei welchen Lebewesen mentale Fähigkeiten erstmals entstanden oder ob Geist eine fundamentale Eigenschaft der Materie ist, die beim Menschen nur ihre höchste Komplexität erreicht hat, ist nicht bekannt und Gegenstand etlicher philosophischer Theorien zur „Natur des Geistes“ bzw. zum „Leib-Seele-Problem“. Umstritten ist dabei das Verhältnis von Geist und Gehirn: Während die Theologieund die Philosophie in der Tradition René Descartes’ davon ausgehen, dass sich der Begriff „Geist“ auf ein immaterielles Ding bezieht, postulieren viele Naturwissenschaftler und Philosophen, der Geist sei nichts anderes als neuronale Aktivität. In diesem Fall beziehe sich der Terminus letztlich auf das Gehirn bzw. Nervensystem.

Während diese Denkmodelle früher von den Extrempositionen des Epiphänomenalismus (Geist als Begleiterscheinung des Körpers) bis hin zum Animismus (Religion) (Alles ist Geist) reichten, konzentrieren sie sich heute vornehmlich auf eigenschaftsdualistische Ansätze, die am ehesten mit der Evolutionstheorie vereinbar sind:

Die gängige Vorstellung im herrschenden physikalistischen Paradigma ist der Moderne Emergentismus (bzw. Nicht-reduktiver Physikalismus), nach dem Geist eine emergente – d. h. eine gänzlich neue, nicht allein aus den Einzelteilen herzuleitende – Systemeigenschaft hochkomplexer lebender Systeme ist, die bei bestimmten Vernetzungsstrukturen(z. B. von Nervenzellen) spontan auftritt. Aufgrund der weitreichenden Eigenschaften und Alleinstellungsmerkmale geistiger Vorgänge und der Unmöglichkeit, mentale Eindrücke quantitativ zu erfassen (Beispiel: Farbwahrnehmung: „Was ist rot?“), gibt es panpsychistische Gegenentwürfe, die dem Geistigen eine „unphysikalische“, eigene Existenz als „zweite Seite“ der Materie zusprechen, die immer schon Teil der Welt war und die zusammen mit den materiellen Dingen von primitiven zu hochkomplexen Formen evolviert ist.[13]

Der größten Widerspruch zum Physikalismus bildet die so genannte Mentale Verursachung: Nach dem Prinzip der Geschlossenheit der physikalischen Welt können physikalische Objekte nur durch andere physikalische Objekte im Rahmen der physikalischen Gesetze verursacht werden.[14] Die Alltagserfahrung, das etwa Gedanken oder Gefühle körperliche Handlungen in Gang setzen können, muss sich nach diesem Grundsatz auf rein physische Ursachen zurückführen lassen können. Selbst Neurobiologen gehen heute aufgrund von Erkenntnissen aus der Schmerzforschung davon aus, dass mentale Zustände zwar immer mit neurophysiologischen Aktivitäten verbunden sind, aber nicht auf diese reduziert werden können: Es ist nicht möglich, aus einem bestimmten Gehirnzustand einen bestimmten Bewusstseinszustand herzuleiten. Um den Widerspruch zur physikalischen Geschlossenheit aufzulösen, werden vor allem funktionalistische Ansätze favorisiert. Geist wird hier als Funktion des Gehirns betrachtet. Funktionen sind nach dieser Theorie Abläufe, die aufgrund ihrer hohen Komplexität und als emergente Phänomene nicht in physikalischen Begriffen beschrieben werden können, so wie auch chemische und biologische Theorien in eigenen Begrifflichkeiten beschrieben werden, obwohl all diese Phänomene auf unterster Ebene physikalische Objekte sind (siehe Grundprinzip des Funktionalismus). Aus der Erkenntnis, dass alle biologischen Prozesse zwangsläufig auch physische Prozesse sind und demnach physische Veränderungen verursachen – die jedoch nur biologisch beschrieben werden können –, wird hergeleitet, dass dies ebenfalls auf psychische Prozesse zutrifft. Gegner dieser Vorstellung argumentieren, dass diese Erklärung nur kausale Relationen erfassen würde, nicht aber den Erlebnischarakter unseres Bewusstseins. Anders ausgedrückt: Warum bildet sich die Welt mit großem Energieaufwand in unserem Kopf ab, wenn unbewusste Reiz-Reaktionen ausreichen würden?[15][16]

  1. ↑ Hellmut Bock: Anglo-American Common Sense and German Geist, in: American Quarterly, 1956, S. 155–165
  2. ↑ Zu dem weitreichenden psychoevolutionären Hintergrund der hier (auch) sprachhistorisch aufscheinenden Zusammenhängen s. Julian Jaynes' „Der Ursprung des Bewusstseins“ (komplett als PDF-Datei; 2,4 MB; Achtung: Die Seitenangaben hier sind mit dem Originaldruck nicht identisch!)
  3. ↑ Übersetzung des Ps. 33, zitiert im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
  4. ↑ Max Weber: Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus 1904
  5. ↑ Samuel R. Nüesch: Die Leib-Seele Debatte: Eine Übersicht der wichtigsten Positionen. Arbeitspapiere aus der IKAÖ, Nr. 1, Universität Bern, September 2008, [www.ikaoe.unibe.ch/publikationen/arbeitspapier_01.pdf PDF], abgerufen am 22. Februar 2024, S. 6–7.
  6. ↑ Michael Pauen und Gerhard Roth: Geist und Gehirn. Essay im Lexikon der Neurowissenschaft auf spektrum.de, onlineabgerufen am 22. Februar 2024.
  7. ↑ Thomas Diekwisch: Biologische Beiträge zum Leib-Seele-Problem.Inauguraldissertation, Philipps-Universität Marburg, Bielefeld 2004, PDF, abgerufen am 25. Februar 2024, S. 259–260, 275, 290.
  8. ↑ a b Ralph Adolphs und Antonio R. Damasio: Bewusstsein und Neurowissenschaft. DOI:10.1515/9783110525601-010, in: Burkhart Bromm, Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Von der Freiheit, Schmerz zu spüren. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Band 7. de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052351-5, S. 77–78, 83, 90–93.
  9. ↑ Manfred Stöckler: Gehirn, Bewusstsein und Schmerz – eine Skizze, wie alles zusammenpassen könnte.DOI:10.1515/9783110525601-011, in: Burkhart Bromm, Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Von der Freiheit, Schmerz zu spüren. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Band 7. de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052351-5, S. 97–100.
  10. ↑ Patrick Spät: Panpsychismus: ein Lösungsvorschlag zum Leib-Seele-Problem. Dissertation, FreiDok der Universität Freiburg, Freiburg 2010, PDF, abgerufen am 17. Juni 2023, S. 5, 11–14.
  11. ↑ Stichwort: Intentionalität im Lexikon des Magazins philosophie auf philomag.de, online abgerufen am 23. Februar 2024.
  12. ↑ Gerhard Roth: Neurale Mechanismen des Bewusstseins.DOI:10.1515/9783110525601-009, in: Burkhart Bromm, Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Von der Freiheit, Schmerz zu spüren. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Band 7. de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052351-5, S. 59.
  13. ↑ Michael Hampe: Philosophie. In: Philipp Sarasin, Marianne Sommer(Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02274-5, S. 273–286.
  14. ↑ Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. 2. Aufl. De Gruyter, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-11-017065-5, S. 115.
  15. ↑ Manfred Stöckler: Gehirn, Bewusstsein und Schmerz – eine Skizze, wie alles zusammenpassen könnte.DOI:10.1515/9783110525601-011, in: Burkhart Bromm, Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Von der Freiheit, Schmerz zu spüren. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Band 7. de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-052351-5, S. 102–103, S. 97–106.
  16. ↑ Samuel R. Nüesch: Die Leib-Seele Debatte: Eine Übersicht der wichtigsten Positionen. Arbeitspapiere aus der IKAÖ, Nr. 1, Universität Bern, September 2008, [www.ikaoe.unibe.ch/publikationen/arbeitspapier_01.pdf PDF], abgerufen am 22. Februar 2024, S. 56–58.