Zum Inhalt springen

Der Nous als Instanz im Menschen

aus AufEinWort, der freien Forschung

◀▷Vorsokratische Zeit

[✐ | ✎]

Das Substantiv nous (ursprünglich in der unkontrahierten Form nóos) und das Verb noein kommen schon im vorphilosophischen Sprachgebrauch der archaischen Zeit vor. Inwieweit mit diesen Ausdrücken damals klare, differenzierte Vorstellungen verbunden waren, ist nicht genau bekannt und in der Forschung umstritten. Homer verwendet noein auch in Zusammenhängen, wo es um Sinneswahrnehmung geht („erkennen“ im Sinne von „wahrnehmen“, „bemerken“), beispielsweise in der Aussage „Er wurde mit den Augen gewahr“.[3] Die Sinneswahrnehmung ist bei ihm eng mit der Verarbeitung der von ihr gelieferten Eindrücke verbunden, die Sinnesorgane sind gleichsam Werkzeuge des Denkens. Die Tätigkeit des Nous erscheint als der geistige Aspekt des Wahrnehmens, den man mit „Innewerden“ oder „Realisieren“ wiedergeben kann. Trotz der engen Verknüpfung der Sinneswahrnehmung mit ihrer Auswertung unterscheidet Homer aber auch zwischen der Wahrnehmung als solcher und dem von ihr veranlassten Begreifen, beispielsweise der Erkenntnis, dass eine wahrgenommene Situation gefährlich ist. Für diesen homerischen Nous ist charakteristisch, dass er nicht analysierend erwägt, sondern die Situation unmittelbar erfasst und eine angemessene Reaktion veranlasst. Daneben kann noos bei dem Dichter aber auch das Denken eines Menschen bezeichnen, der einen inneren Monolog führt, der sich etwas ausdenkt und etwas plant.[4]

Die philosophische Begriffsverwendung knüpfte an die umgangssprachliche an. Auch in philosophischen Texten ging es um das richtige Verständnis dessen, was dem Wahrnehmbaren als Realität zugrunde liegt. Das Ziel der Philosophen war aber nicht wie bei den Gestalten Homers das handlungsorientierte Erfassen einer Absicht oder der Bedeutung einer gegebenen konkreten Situation, sondern Einsicht in eine hinter dem Augenschein verborgene Wirklichkeit.[5]

Vorsokratische Philosophen wie Empedokles und Demokrit grenzten das Denken nicht klar als Fähigkeit oder Tätigkeit besonderer Art vom Wahrnehmen ab. Sie betrachteten es ebenso wie das Wahrnehmen als körperlichen Vorgang, bei dem materiell Gleiches von Gleichem erfasst wird. Das machte ihnen später Aristoteles zum Vorwurf.[6] So glaubte Empedokles, das „um das Herz fließende Blut“ sei der Träger der Denkkraft.[7] Er meinte, das Blut sei der am besten gemischte Stoff und daher als Sitz der Erkenntnis geeignet.

Heraklit stellte polemisch fest: „Vielwisserei führt nicht zu Verständnis (nous).“[8] Damit meinte er, eine bloße Anhäufung von Kenntnissen verleihe keine tiefere Einsicht. Solche Einsicht sprach er den weitaus meisten Menschen ab.

Die Voraussetzungen für eine klare Unterscheidung von Sinnesaktivität und Denktätigkeit schuf Parmenides. Er bestimmte als alleinigen Gegenstand des Denkens das zeitunabhängig Seiende, dessen Gegensatz zum Bereich der vergänglichen Sinnesobjekte er betonte. Nach seiner Lehre existiert nur das Überzeitliche und daher Unwandelbare wirklich. Die Welt der veränderlichen Dinge ist unreal und ihrem Wesen nach trügerisch, sie kommt somit nicht als Objekt eines Denkens, das zu wahren Aussagen führen soll, in Betracht. Das überzeitliche Sein hingegen kann vom Denken adäquat erfasst werden, da Denken und Sein die gleiche Beschaffenheit aufweisen und eine untrennbare Einheit bilden. Daher ist der Nous diejenige Instanz im Menschen, die auf sich allein gestellt zur Wahrheitserkenntnis befähigt ist. Von dieser Fähigkeit macht der Denker Gebrauch, wenn er sich dem unveränderlichen Sein zuwendet. Dabei setzt er auch diskursives, folgerndes Denken ein. Nach der Lehre des Parmenides ist nicht nur das unmittelbare Erfassen des Seins, sondern auch logisches Schließen eine Aktivität des Nous.

In der Forschung seit langem umstritten ist die Frage, was bei Parmenides die genaue Bedeutung des Verbs noein ist. Manche Philosophiehistoriker sehen darin in erster Linie ein Erkennen als unfehlbares intuitives Erfassen der Wahrheit; daher sei noein – wie schon Martin Heidegger in seiner Parmenides-Interpretation darlegte – eigentlich nicht mit „denken“ angemessen wiederzugeben, sondern eher mit „erkennen“. Heidegger übersetzt es als „vernehmen“, da es ein reines anschauendes Vernehmen von etwas Vorhandenem in dessen purer Vorhandenheit sei. Entsprechende Forscher berufen sich auf die Behauptung des Parmenides, es gebe kein noein des Nichtseienden. Sie meinen, mit noein könne somit kein Denken gemeint sein, denn etwas Nichtseiendes könne durchaus gedacht werden. Eine andere Forschungsrichtung zieht die Übersetzung „denken“ vor und weist darauf hin, dass noos und noein bei Parmenides durchaus irrtumsfähig sind. Festzuhalten bleibt, dass Parmenides dem menschlichen noein die Fähigkeit zur korrekten Erfassung seines Gegenstands, des Seienden, zuschreibt, doch nur unter Voraussetzungen, die nicht von vornherein gegeben sind, sondern vom Denker erst geschaffen werden müssen.[9]

Platon

[✐ | ✎]

Platon greift den Ansatz des Parmenides auf und arbeitet eine scharfe Unterscheidung zwischen den körperlichen Objekten der Sinneswahrnehmung und einem rein geistigen, nur dem Nous zugänglichen Bereich heraus. Unter Noesis versteht er das höchste Erkenntnisvermögen, diejenige Betätigung des Nous, mit der dieser das unwandelbare Seiende unmittelbar und wirklichkeitsgemäß erfasst, unabhängig von jeder Sinneswahrnehmung. Dazu sind grundsätzlich alle Seelen von Natur aus befähigt, doch diejenigen, welche sich mit Körpern verbunden haben, haben dadurch meist die noetische Erkenntnisfähigkeit verloren. Das gilt für die Seelen der Tiere, aber auch für die weitaus meisten Seelen der Menschen. Eine Wiedererlangung der eingebüßten Fähigkeit hält Platon für möglich; den Weg dazu bietet für ihn die Philosophie.[10]

Der noetischen Erkenntnisweise, die allein echtes Wissen vermittelt, ist im Platonismus die Dianoia (das von Sinneseindrücken ausgehend folgernde Denken) untergeordnet. Die Dianoia, zu der das teilweise wahrnehmungsbezogene Denken der Mathematiker zählt, kann zwar auch zu Wissen führen, doch ist sie irrtumsanfällig, weil sie auf trügerischen Sinneseindrücken und unbewiesenen Voraussetzungen fußt. Alles Denken, das sich nicht ausschließlich auf Nichtsinnliches richtet, erzeugt nur eine unzulängliche, möglicherweise falsche Meinung (doxa).

Platon ist der Überzeugung, dass der Nous stets an eine Seele gebunden ist, ohne die er nicht existieren kann.[11] Im Rahmen der natürlichen Ordnung des Seelenlebens beherrscht und lenkt der Nous die Seele. Sofern er die ihm zustehende Lenkfunktion tatsächlich ausüben kann, handelt der Mensch besonnen und ethisch korrekt. Fehlverhalten ist auf eine Störung der innerseelischen hierarchischen Ordnung zurückzuführen.

Aristoteles

[✐ | ✎]

Wesentliche Teile der Nouslehre des Aristoteles sind in seinen Werken nur skizzenhaft dargestellt, nicht systematisch ausgearbeitet, und die Übertragung seiner Begriffe in moderne Terminologie ist problematisch. Daher ist die Interpretation zentraler Elemente in der Forschung umstritten.

Für Aristoteles ist der Nous als Denkvermögen der oberste Seelenteil des Menschen, definiert als „das, womit die Seele denkt und Annahmen macht“.[12] Dieser Teil ist nur in der menschlichen Seele vorhanden, während das Wahrnehmungsvermögen auch den Tieren und die für die Ernährung zuständige Funktion der Seele allen biologisch beschreibbaren Lebewesen zukommt. Nicht nur tatsächliche Erkenntnisse, sondern auch falsche Meinungen werden ausschließlich vom Nous hervorgebracht. Die Fähigkeit der Tiere, sich aufgrund ihrer Wahrnehmungen situationsgerecht zu verhalten, führt Aristoteles auf eine besondere Funktion des tierischen Wahrnehmungsvermögens zurück, die sich ihrem Wesen nach von der Tätigkeit des menschlichen Nous unterscheidet.

Der Nous ist selbst formlos, er weist keine vorgegebenen Inhalte auf und hat keine eigene Natur (abgesehen von seiner uneingeschränkten Aufnahmefähigkeit) und kein ihm zugeordnetes Organ. Aristoteles vergleicht ihn mit einer leeren Schreibtafel. Wegen dieser Unbestimmtheit ist der Nous in der Lage, alle Formen in sich aufzunehmen, er verfügt also der Möglichkeit nach über sie. Erst wenn er eine bestimmte Form denkend aufnimmt, wird aus der Möglichkeit hinsichtlich dieser Form Wirklichkeit. Der Nous wird jeweils das was er denkt, solange er es denkt; für alles Nichtmaterielle gilt, dass Subjekt und Objekt des Denkens identisch sind.[13] Im Unterschied zu den beiden anderen Seelenteilen ist der Nous nicht mit dem Körper vermischt, sondern autonom, doch benötigt er für seine Tätigkeit die Vorstellungen (Phantasmata), die der wahrnehmende Seelenteil hervorbringt. Die ernährende und die wahrnehmende Seele existieren von Anfang an nur in Verbindung mit dem Körper, der Nous hingegen zeichnet sich durch ein vom Körper unabhängiges Dasein aus. Er kommt von außen her in den Körper („zur Tür herein“).

Aristoteles verwirft die Ansicht, es könne eine materielle Basis und Erklärung für die Tätigkeit des Nous geben. Nach seiner Argumentation hätte eine materielle Basis zur Folge, dass das Denken so wie die Sinne auf bestimmte Arten von Objekten und auf bestimmte räumliche Bereiche beschränkt wäre. Nichtseiendes wäre dann für den Nous unvorstellbar, zu Entferntem hätte er allenfalls mittels einer materiellen Übertragung, mit der die Distanz überwunden wird, Zugang. Der Nous kann aber alles gleichermaßen denken, er agiert unabhängig von der Existenz oder der Distanz des Gedachten. Außerdem kann nichts Denkbares den Nous durch ein Übermaß schädigen oder zerstören, im Gegensatz zu den Sinnen, bei denen übermäßig starke Eindrücke Zerstörung anrichten.

Wie Platon unterscheidet auch Aristoteles das zuverlässige noetische Erfassen einzelner einfacher Sachverhalte, die Betätigung des Nous im engeren Sinne, vom folgernden und vergleichenden Denken, das auf der möglicherweise irrigen Ableitung eines Gedankens aus einem anderen beruht und daher fehlbar ist. Prinzipien, die für eine wissenschaftliche Beweisführung vorausgesetzt werden müssen, aber selbst nicht deduktiv ableitbar sind, können nur auf noetischem Weg gewonnen werden. Diesen Vorgang hält Aristoteles aber nicht für intuitiv im Sinne einer platonischen Wesensschau, sondern deutet ihn empirisch als Ergebnis wiederholter Wahrnehmung: Aus mehreren Wahrnehmungen bildet sich eine Erinnerung, mehrere Erinnerungen ermöglichen Verstehen (lógos); eine Mehrzahl von Erinnerungen führt zu einer bestimmten Erfahrung (empeiría), auf vielen Erfahrungen fußt die Prinzipienerkenntnis.[14]

Eine wichtige Rolle spielt in der Philosophie des Aristoteles die Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten des Nous, die für jeden menschlichen Denkvorgang benötigt werden. Eine Art ist der „erleidende“ Nous, der affiziert wird, der nur Einwirkungen erfahren kann (nous pathētikós). Diesen passiven Nous hält Aristoteles für vergänglich. Ein andersartiger Nous ist der bewirkende (von späteren Kommentatoren nous poiētikós genannt, lateinisch intellectus agens). Nur der bewirkende Intellekt, der Nous im eigentlichen Sinn, ist für Aristoteles ewig, immateriell und autonom. Er überführt die Denkobjekte aus der Möglichkeit, denkbar zu sein, in die Wirklichkeit, Denkgegenstand zu sein. Der bewirkende Intellekt verhält sich zum erleidenden wie das Licht zu den Farben, die es sichtbar macht.[15] Er ist selbst von keinerlei Einwirkungen betroffen. Sein unablässiges Wirken ist für Aristoteles der höchste Zweck des menschlichen Daseins und zugleich die höchste Art Glückseligkeit, die der Mensch erreichen kann.[16] Irrtümer, die beim Denken unterlaufen, sind darauf zurückzuführen, dass der erleidende Nous, der zu den vergänglichen Dingen gehört, wie der Körper einem Zerstörungsprozess unterliegt.

Aristoteliker

[✐ | ✎]

Die in der Antike als Peripatetiker bezeichneten Schüler des Aristoteles und späteren Anhänger des Aristotelismus setzten in der Nous-Lehre teils andere Akzente als er oder widersprachen seiner Auffassung. Theophrastos von Eresos, der Nachfolger des Aristoteles als Schulleiter (Scholarch), betonte, dass der mögliche Intellekt nicht reine Möglichkeit sei in dem Sinne, dass er schlechthin „nichts“ ist, solange er nicht durch einen Gedanken in den Akt überführt wird. Vielmehr sei er auch als bloße Möglichkeit im selben Sinne real wie materielle Substrate. Theophrasts Nachfolger Straton von Lampsakos wandte sich gegen die strikte Trennung von Wahrnehmung und Denken. Er meinte, der Nous sei nicht erst für die Auswertung der Wahrnehmungen zuständig, sondern schon am Wahrnehmungsakt maßgeblich beteiligt, denn er sei es, der sieht und hört, indem er die Reizung der Sinnesorgane bemerkt.

In der römischen Kaiserzeit setzte sich der einflussreiche Aristoteles-Kommentator Alexander von Aphrodisias mit der aristotelischen Vorstellung eines von außen in den Körper hereinkommenden Nous auseinander. Er meinte, dies könne nicht räumlich zu verstehen sein, sondern sei in übertragenem Sinn als Aktivierung des Denkpotentials durch das Einsetzen eines Denkvorgangs aufzufassen, da der Verstand keinen Ortswechsel durchführe. Alexander nahm eine Dreiteilung des Nous vor, indem er die erleidende Seite teilte: Dem bewirkenden (aktuellen) Nous stellte er einen potentiellen (möglichen) und einen habituellen gegenüber. Der potentielle (mögliche) Nous (dynámei nous, lateinisch intellectus possibilis) ist potentiell (der Möglichkeit nach) in der Lage, die Denkobjekte zu erfassen, doch verwirklicht er von sich aus diese Denkmöglichkeit nicht. Nach Alexanders Lehre ist er „materieartig“ (hylikós), er ist reine Potenz. Unter dem Einfluss des bewirkenden geht er in den habituellen (nous en héxei) oder erworbenen (epíktētos nous) über. Der habituelle Intellekt ist derjenige, der bereits intelligible Formen aufgenommen hat, so dass Wissen vorhanden ist.[17]

Die spätantiken Aristoteles-Kommentatoren, die mit Ausnahme von Themistios Neuplatoniker waren, vermischten in ihrer Nous- und Seelenlehre platonisches mit aristotelischem Gedankengut. Themistios, ein neuplatonisch beeinflusster Aristoteliker des 4. Jahrhunderts, vertrat ein aristotelisches Konzept mit neuplatonischen Elementen. Wie Alexander von Aphrodisias unterschied er drei Arten von Nous. Er meinte, der mögliche Nous sei nicht mit dem Körper vermischt. Er könne ebenso wie der bewirkende Nous vom Körper abgetrennt werden; beide seien unvergänglich, aber nicht im Sinne von Fortexistenz eines Individualitätsbewusstseins nach dem Tode, denn beide seien überindividuell. Daneben gebe es noch einen dritten, erleidenden Nous (pathētikós nous), der untrennbar mit dem Körper verbunden und somit vergänglich sei; auf ihm beruhe das Individualitätsbewusstsein. Der erleidende Nous sei für das Gedächtnis, die Gemütsbewegungen und das diskursive Denken zuständig.[18] Manche spätantike Kommentatoren identifizierten den erleidenden Nous mit der Vorstellungskraft (phantasía).[19]