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Die Abgrenzung zwischen Tempus, Aspekt und Relativtempus

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Die Abgrenzung zwischen Tempus, Aspekt und Relativtempus

Die grammatischen Kategorien Aspekt und Tempus sind sehr stark ineinander verwoben. Dies führt zu Abgrenzungsproblemen und zu Fragen, welche Zeitformen überhaupt als „Tempus“ bezeichnet werden sollten. Ein besonders schwieriger Fall ist hierbei das Perfekt. Sprachwissenschaftliche Analysen unterscheiden sich auch darin, in welche Komponenten solche komplexen Formen zerlegt werden.

Tempus und (im-/)perfektiver Aspekt

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Die Unterscheidung zwischen Tempus und Aspekt ist relativ klar, solange es sich um die typischen Aspektkategorien „vollendet / unvollendet“ (perfektiv / imperfektiv) handelt. Nach der oben gegebenen Definition betrachtet das Tempus eine bestimmte Zeit, der Aspekt gibt die Lage der Situation relativ zu dieser Betrachtzeit an. Der imperfektive Aspekt zeichnet sich dann dadurch aus, dass er die Situation nicht vollständig enthält bzw. betrachtet. Im Englischen hat die Verlaufsform die Funktion eines imperfektiven Aspekts, hier sieht man die Trennung zwischen Aspekt und Tempus deutlich: Die Verlaufsform entspricht der Kombination zwischen Hilfsverb „sein“ als solchem (hier: aux) und einer „Partizip“-Form des Hauptverbs; das Tempus der Vergangenheit (prät) entspricht einem Merkmal an der finiten Form des Hilfsverbs:[42]

''They were       playing     ball.''
3pl  aux.prät.3pl spielen-part Ball.
„Sie waren beim Ballspielen.“

Im Französischen kann die Konjugationsform des Imparfait (ipf, Imperfekt) dieselbe Bedeutung ausdrücken:

''Ils jouai-ent      aux     balles.''

3pl spielen.ipf-3pl an.[https://de.wikipedia.org/wiki/Definiter_Artikel def].pl Ball-pl. „Sie waren beim Ballspielen.“

Das Imparfait könnte hierbei auch als präteritum.imperfektiv wiedergegeben werden, die Form kombiniert demnach zwei verschiedene Merkmale. Derartige Formen werden dennoch häufig salopp als „Zeiten“ – im Sinne von „Zeitform“ – bezeichnet (auch im Englischen, wo die Verlaufsform gelegentlich continuous tense genannt wird). In solchen Fällen sind also Wechselbeziehungen zwischen Tempus und Aspekt als zwei verschiedenen Kategorien zu beschreiben, d. h. in diesem Fall in Kombination. Zu beobachten sind auch Unvereinbarkeiten: Beispielsweise kann in den meisten Interpretationen ein vollständiges Ereignis (perfektiver Aspekt) nicht auf die Gegenwart bezogen werden (vielleicht, weil das Jetzt relativ punktuell ist). In vielen Sprachen, die Tempus nicht eigens bezeichnen, weicht die Interpretation einer perfektiven Form daher auf einen Vergangenheitsbezug oder auf einen Zukunftsbezug aus. Die Tempusbedeutung wäre dann also eine erschlossene oder konventionelle Bedeutung, die weiterhin vom Aspekt trennbar ist.

Relativtempus als Tempus oder Aspekt

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Das Phänomen des Relativtempus bildet einen Übergangsbereich zwischen Tempus und Aspekt und ist unterschiedlich analysiert worden. Zunächst ist allerdings der Begriff des Relativtempus auch mehrdeutig:[43]

  1. In manchen Arbeiten wird jede Art von Angabe einer zeitlichen Relation als „Relativtempus“ bezeichnet, auch die Bedeutung von Partizipienin der Angabe von relativer Vorzeitigkeit oder Gleichzeitigkeit.[44] Partizipien sind jedoch nicht finit, teilweise sogar der Kategorie nach Adjektive, und haben keinen deiktischen Bezug. In anderen Quellen erscheinen solche Konstruktionen daher nicht unter der Rubrik (Relativ-)Tempus, und es wird enger definiert: „Tempus bezeichnet deiktische Zeitrelationen.“[45]
  2. Abhängiges Tempus in Konstruktionen, die speziellen Regeln der Zeitenfolge / Consecutio temporumunterliegen, wird manchmal als Relativtempus bezeichnet, dies bezieht sich dann auf die Bedeutung als relative Nachzeitigkeit, Gleichzeitigkeit etc. zum Haupttempus. Hier liegt aber keine speziell „relative“ Verbform vor.
  3. Relativtempus im engen Sinn sind spezielle Verbformen, die eine Situation nicht deiktisch, sondern an einer anderweitig gegebenen Zeit verankern, und dann selbst nochmals deiktisch verankert werden können.

Der dritte Typ, um den es im Folgenden genauer geht, führt zu unterschiedlichen Analysen. In einer Deutung[46] wird er direkt als Aspekt eingestuft, gestützt auf die Definition, dass Aspekt eine Beziehung zwischen Situationszeit und Betrachtzeit ist. Neben perfektiv/imperfektiv werden dann auch Abfolgen hinzugenommen:[47]

  • Imperfektiv = Betrachtzeit innerhalb Situationszeit
  • Perfektiv = Betrachtzeit umfasst ganze Situationszeit
  • Relative Vergangenheit = Perfekt = Betrachtzeit vollständig nach Situationszeit
  • Relative Zukunft = Prospektiv = Betrachtzeit vollständig vor Situationszeit

Ein Beispiel für relative Vergangenheit ist das Plusquamperfekt, wie in dem Satz „Um 9 Uhr, als ich zur Party kam, war Maria schon gegangen“. Marias Weggang liegt hier außerhalb der Betrachtzeit (fixiert durch die Zeitadverbiale) und weiter in der Vergangenheit. Daher ist von der Betrachtzeit aus ein Rückgriff nötig, der sich auf die Zeit einer Situation richtet. Dieser Rückgriff kann nun als eine zusätzliche Komponente analysiert werden, die der Kategorie Aspekt angehört, aufgrund der parallelen Formulierungen in der obigen Liste. Das Tempus des Plusquamperfekts (Hilfsverb „war“) ist also Präteritum, sein Aspekt ist ein „Perfekt“ (im Sinne von „Rückgriff“). Dieses Modell der Relativtempora wird z. B. von Klein (1994) vertreten.[48] Es ist parallel zu den Verhältnissen gebaut, die schon in einem früheren Abschnitt zur grammatischen Zerlegung der Perfekt-Formen besprochen wurden.

Prospektiv: Zeitlicher Vorgriff aus einer Betrachtzeit der Vergangenheit

Ein Prospektiv ist der spiegelbildliche Fall hierzu, z. B. die englische Konstruktion „He is / was going to play.“ Die Hilfsverbkonstruktion „be going to“ leistet den Zugriff auf eine künftige Situation; diese Konstruktion kann dann durch ein Tempus im Ganzen an unterschiedlichen Betrachtzeiten verankert werden. (Für weitere Beispieldiskussion siehe den verlinkten Artikel).

Diese Analyse setzt also eine Trennbarkeit zwischen Tempus und Aspekt als wesentlich an und benutzt zur Verankerung der Relativtempora direkt die unabhängig erforderliche Betrachtzeit. Andere Darstellungen von „Relativtempora“ neigen zu einem holistischeren Ansatz und stellen sie als Zeitformen in eine Reihe neben dem deiktischen Tempus. Entsprechend ist bei ihrer Verankerung oftmals von einer speziellen „Orientierungszeit“ die Rede, die eher als eine Verschiebung der Sprechzeit dargestellt wird oder als ein Begriff, der die Bezugszeit für diesen Typ auf andere Weise verschiebt.[49] Es stellt sich also die Frage, ob die Bezugszeit der Relativtempora tatsächlich in den Systemen aller Sprachen als die „Topik-Zeit“ des Kontexts identifiziert werden kann.[50]

Einigkeit besteht vielfach darin, dass im Bereich des Perfekts Phänomene mit einer Sonderrolle auftreten dürften. Zunächst könnte das Perfekt durchgängig als ein Relativtempus beschrieben werden, das einen zeitlichen Rückgriff ausdrückt und sich als ganzes an einer Betrachtzeit festmachen lässt, als Perfekt im Präsens, im Präteritum (= Plusquamperfekt) und im Futur (= Futur II / Futur exakt). Alle weiteren Phänomene in der Interpretation des Perfekts sollten sich dann als pragmatische Schlussfolgerungen im Kontext ergeben.[51] Andererseits wird eingeräumt, dass das Präsens-Perfekt von diesem regelmäßigen Bild öfters abzuweichen scheint, dass also eine Analyse als einfaches Relativtempus für Plusquamperfekt und Futur II plausibler ist als für das Präsensperfekt.[52] Die mit letzterem teilweise verbundenen Spezialbedeutungen wie „erweitertes Jetzt“, „existenzielles Perfekt“ etc. werden von vielen Autoren als Grund genommen, es den anderen Tempora als selbständige Kategorie gegenüberzustellen.[53] Speziell für das deutsche Perfekt ist zu sagen, dass es vermutlich eine Zwischenstellung zwischen Aspekt und Tempus einnimmt bzw. sich in einer Entwicklung von einer aspektuellen hin zu einer Tempusbedeutung befindet.[54] Siehe hierzu die Hauptartikel zum Perfekt und Perfekt im Deutschen.