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Entartung (Quantenmechanik)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Von Entartung spricht man in der Quantenmechanik, wenn zum selben Messwert (Eigenwert) einer Observablen mehrere, voneinander linear unabhängige Eigenzustände existieren.[1]

Als Entartungsgrad, Entartungsfaktor oder Multiplizität wird die Anzahl n der linear unabhängigen Eigenzustände zum gleichen Eigenwert bezeichnet. Diese spannen den n-dimensionalen Unterraum zum selben Eigenwert auf. Man nennt den Eigenwert dann n-fach entartet.[2]

Zwei Zustände, die zum selben entarteten Eigenwert einer Observablen gehören, können folglich durch Messung dieser Observablen nicht voneinander unterschieden werden. Allerdings lässt sich zu jedem n-fach entarteten Eigenwert eine zweite Observable finden, die mit der ersten kommensurabel ist und in dem zum entarteten Eigenwert gehörenden Unterraum genau n Eigenzustände mit n verschiedenen Eigenwerten besitzt.

Entartung ist in vielen Fällen Folge einer Symmetrie des physikalischen Systems.[3] So führt Rotationssymmetrie des Hamiltonoperators um beliebige Achsen zu einer Energieentartung. Die entarteten Zustände lassen sich hier in der Regel durch ihre verschiedenen Eigenwerte zu einer Drehimpulskomponente unterscheiden. Umgekehrt folgt aus der Entartung eines Eigenwerts einer Observablen immer, dass diese invariant unter jeder unitären Transformation des zugehörigen Eigenraums ist.

Beispiele zur Entartung

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Entartung im Wasserstoffatom

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In der nichtrelativistischen Beschreibung des Wasserstoffatoms sind alle Zustände mit gleicher Hauptquantenzahl entartet. Diese Entartung lässt sich auf die Symmetrie des Zweikörperproblems mit einem Potential ∝(−1r) zurückführen.

Entartung zu den ersten drei Energieeigenwerten des Wasserstoffatoms
Hauptquantenzahl
n
Drehimpuls-QZ
l=0…n−1
Orbital magnetische QZ
ml=−l…0…+l
Entartungsgrad:
∑l=0n−1(2l+1)=n2-fach
1 0 s 0 1
2 0 s 0 4
1 p −1, 0, +1
3 0 s 0 9
1 p −1, 0, +1
2 d −2, −1, 0, +1, +2

Die Berücksichtigung des Elektronenspins (die so genannte Feinstruktur) hebt diese Entartung teilweise auf.[4] Korrekturen aufgrund der Wechselwirkung mit dem Kern (Hyperfeinstruktur)[4] und aufgrund der Quantenelektrodynamik (Lambshift)[4] reduzieren die Entartung weiter, bis auf die Entartung in den Komponenten des Gesamtdrehimpulses, die wegen der Rotationssymmetrie erhalten bleibt.

Entartung bei der Teilchenbewegung in einem Potential mit gerader Parität

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Bei gerader Parität V(r→)=V(−r→) ist der Hamilton-Operator

ℋ=p→22m+V(r→)

ebenfalls von gerader Parität ℋ(−r→)=ℋ(r→). Er vertauscht mit dem Paritätsoperator ⟨r→|Π|ψ⟩=ψ(−r→):[5] [Π,ℋ]=0.

Für einen Eigenzustand |ψ⟩ des Hamilton-Operators

ℋ|ψ⟩=E|ψ⟩,

mit der Eigenschaft, dass er keine bestimmte Parität besitzt, bedeutet das, dass Π|ψ⟩ nicht parallel zu |ψ⟩ ist. In diesem Fall ist Π|ψ⟩ ein weiterer Eigenzustand des Hamilton-Operators ℋ mit gleichem Energieeigenwert. Dies folgt aus der Eigenschaft, dass[6] [Π,ℋ]=0

ℋΠ|ψ⟩=Πℋ|ψ⟩=ΠE|ψ⟩=EΠ|ψ⟩

Damit ist der Energieeigenwert E entartet.

Dies gilt insbesondere für das freie Teilchen mit V=0.

Entartung der Energie der Teilchen in einem zweidimensionalen Kasten mit unendlich hohen Wänden

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Das Kastenpotential mit unendlich hohen Wänden sei definiert als:

V∞(x,y)={0 für 0≤x,y≤a∞für x,y<0 oder x,y>a

Der Hamilton-Operator eines Teilchens mit der Masse m in diesem Potentialtopf lautet:[7]

ℋ=12m(px2+py2)+V∞(x)+V∞(y)=ℋx+ℋy

Er setzt sich aus den eindimensionalen Hamilton-Operatoren ℋx und ℋy eines Teilchens in einem Kastenpotential mit unendlich hohen Wänden zusammen, mit den jeweiligen Energieeigenwerten:[8]

Ex=π2ℏ22ma2nx2 und Ey=π2ℏ22ma2ny2 mit nx,ny≥1.

Die Gesamtenergie ergibt sich damit zu:

Enxny=Ex+Ey=π2ℏ22ma2(nx2+ny2)

Da Enxny=Enynx tritt Entartung auf, wenn nx≠ny. Ein Beispiel ist E13=π2ℏ22ma2⋅10=E31

Entartung beim kugelsymmetrischen Oszillator

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Die potentielle Energie eines kugelsymmetrischen Oszillators mit der Masse m, der Kreisfrequenz ω und dem Radius r ist

V=12mω2r2

Die Schrödinger-Gleichung lautet dann [9]

E|ψ⟩=ℋ|ψ⟩=−ℏ22m∇2|ψ⟩+12mω2r2|ψ⟩

Mit r2=x2+y2+z2 und ∇2=∂2∂x2+∂2∂y2+∂2∂z2=∂x2+∂y2+∂z2 kann die Lösung |ψ⟩ separiert werden in ein Produkt aus Einzellösungen |ψ⟩=|ψx⟩|ψy⟩|ψz⟩ von denen jede die Schrödinger-Gleichungen des eindimensionalen harmonischen Oszillators erfüllt:

Eα|ψα⟩=−ℏ22m∂α2|ψα⟩+12mω2α2|ψα⟩Eα=ℏω(nα+12)

Dabei ist α=x,y,z und nα=nx,ny,nz sind ganze Zahlen nα≥0 und die Gesamtenergie beträgt: [10]

E=Ex+Ey+Ez=ℏω(nx+ny+nz+32)=ℏω(N+32)

Nur der Grundzustand N=0 ist nicht entartet. Für N=nx+ny+nz≥1 gibt es zu gegebenen nx und ny genau ein festes nz. Die Entartung 𝒩 ist dann die Anzahl der Möglichkeiten drei positive und eventuell verschwindende Zahlen nx,ny,nz zu N zusammen zu addieren:[11][12]

𝒩N=∑nx=0N∑ny=0N−nx1=∑nx=0N(N−nx+1)=(N+1)2−12N(N+1)=12(N+1)(N+2)

Beispiele: 𝒩0=1, 𝒩1=3, 𝒩2=6…

Mit diesem einfachen Modell lassen sich die unteren magischen Zahlen 4=4⋅𝒩0, 16=4⋅(𝒩0+𝒩1) und 40=4⋅(𝒩0+𝒩1+𝒩2) der höheren Stabilität von Atomkernen erklären.[13] Jeder Zustand kann mit zwei Protonen und zwei Neutronen mit jeweils entgegengesetztem Spin besetzt werden. Im Schalenmodell sind damit die Isotope 4He, 16O und 40Ca besonders stabil und haben eine hohe Bindungsenergie.

Siehe auch

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Einzelnachweise

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  1. ↑ Gerhard Franz: Quantenphysik - Quantenmechanik. 1. Auflage. de Gruyter, Oldenbourg 2024, ISBN 978-3-11-123798-5, S. 9.
  2. ↑ Friedhelm Kuypers: Quantenmechanik - Lehr- und Arbeitsbuch. 1. Auflage. WILEY-VCH, Weinheim 2020, ISBN 978-3-527-41380-5, S. 182.
  3. ↑ Walter Greiner: Theoretische Physik - ein Lehr- und Übungsbuch: Band 5 Quantenmechanik II Symmetrien. 1. Auflage. Harri Deutsch, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-87144-259-3, S. 17.
  4. ↑ a b c Steven Weinberg: Quantenmechanik - Eine Einführung des Nobelpreisträgers. Pearson Studium, München 2015, ISBN 978-3-86894-263-7, S. 143.
  5. ↑ Claude Cohen-Tannoudji, Bernard Diu, Franck Laloë: Quantum Mechanics, Volume 1 : Basic Concepts, Tools, and Applications. John Wiley & Sons, New York, London, Sidney, Toronto 1977, ISBN 0-471-16432-1, S. 193.
  6. ↑ Claude Cohen-Tannoudji, Bernard Diu, Franck Laloë: Quantum Mechanics, Volume 1 : Basic Concepts, Tools, and Applications. John Wiley & Sons, New York, London, Sidney, Toronto 1977, ISBN 0-471-16432-1, S. 198.
  7. ↑ Claude Cohen-Tannoudji, Bernard Diu, Franck Laloë: Quantum Mechanics, Volume 1 : Basic Concepts, Tools, and Applications. John Wiley & Sons, New York, London, Sidney, Toronto 1977, ISBN 0-471-16432-1, S. 199.
  8. ↑ Eckhard Rebhan: Theoretische Physik: Quantenmechanik. 1. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8274-1718-3, S. 101.
  9. ↑ Steven Weinberg: Quantenmechanik - Eine Einführung des Nobelpreisträgers. Pearson Studium, München 2015, ISBN 978-3-86894-263-7, S. 68.
  10. ↑ Steven Weinberg: Quantenmechanik - Eine Einführung des Nobelpreisträgers. Pearson Studium, München 2015, ISBN 978-3-86894-263-7, S. 69.
  11. ↑ Steven Weinberg: Quantenmechanik - Eine Einführung des Nobelpreisträgers. Pearson Studium, München 2015, ISBN 978-3-86894-263-7, S. 48.
  12. ↑ I.N. Bronstein, K. A. Semendjajew: Taschenbuch der Mathematik. 19. Auflage. Harri Deutsch, Thun und Frankfurt/Main 1980, ISBN 3-87144-492-8, S. 166.
  13. ↑ Torsten Fließbach: Quantenmechanik - Lehrbuch zur Theoretischen Physik III. 5. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-8274-2020-6, S. 207.