▷ Ähnlich wie Plotin unterschied dessen Schüler
Porphyrios Sein, Leben und Denken. Hieran anknüpfend verband
Augustinus in seiner Trinitätslehre das christliche Denken mit dem Neuplatonismus. Dem ungeschaffenen göttlichen Sein steht das geschaffene weltliche Seiende gegenüber. Das Sein ist der sinnlichen menschlichen Erkenntnis nicht mehr zugänglich. Erkenntnis des Seins wird zu einer glaubenden inneren Erkenntnis (intima cognitio). Auch
Boethius vertrat die Abhängigkeit des Seienden vom göttlichen Sein. „Verschieden ist das Sein und das, was ist; das Sein selbst nämlich ist noch nicht, sondern erst das, was ist, indem es die Form des Seins empfangen hat, ist und besteht.“ (
Boethius[1]) Jedes Seiende
(ens) hat teil am Sein
(esse), aber das Sein selbst hat an nichts teil. Die Ideen sind Ideen im Geist Gottes, dessen Wille das erste Prinzip ist.
▷ In der mittelalterlichen Diskussion erfolgte die Auseinandersetzung um das Verhältnis des Seins und Gottes zueinander vor allen Dingen über die Frage der
Gottesbeweise. Während
Scotus Eriugena Gott noch über das Sein und das
Nichtsein (bzw. Nicht-Sein) stellte und Aussagen über Gott als unmöglich ablehnte, enthält der Gottesbeweis von
Anselm von Canterbury[2] positive Aussagen über Gott, indem er ihn als das
höchste Gut(e), höchste Große, das höchste Wesen
(summum essentia), das höchste Sein
(summum esse), aber auch als das höchste Seiende
(summum ens) bezeichnete. Gott ist das, worüber hinaus nicht Größeres gedacht werden kann
(quo maius cogitari non potest). Erst durch das Zusprechen einer Eigenschaft wird ein Gottesbeweis möglich und damit zugleich die Einnahme einer realistischen Position im Universalienstreit.
Thomas von Aquin hat den radikalen Realismus Anselms durch die Lehre von der Analogia Entis abgemildert. In seiner Schrift De ente et essentia (Über das Seiende und das Wesen) zeigte er zunächst, dass für das Sein ohne Zirkel oder infiniten Regress keine Verursachung aufgezeigt werden kann. Das Sein selbst ist Voraussetzung für die Unterscheidung (Realdistinktion) von Seiendem.
Gegen das Konzept der Analogie setze Johannes Duns Scotus die Lehre von der Univozität des Seienden. Das Seiende (ens) ist der einfachste Begriff überhaupt (simplex simpliciter). Dieser Begriff ist in allen anderen Begriffen enthalten (in omni conceptu est ens). Ob man über die Natur oder die Philosophie oder die Theologie redet, immer ist schon der Begriff des Seienden mit enthalten. Die Unterscheidung in Kategorien kann sich nur auf das natürliche und endliche Seiende beziehen. Gott ist dagegen das unendliche Seiende, über das weiteres nichts ausgesagt werden kann. Das endlich Seiende ist Gegenstand der Vernunft, das unendlich Seiende ist Sache des Glaubens.
Die Trennung von Vernunft und Glauben fand bei
Wilhelm von Ockham eine weitere Fortsetzung. Er erkannte zwar an, dass Seiendes und Eines als Begriffe von allen Einzeldingen dem Wesen nach (washeitlich) ausgesagt werden, doch als
Nominalist verwarf er das Konzept der Univozität. „Obschon es in diesem Sinne einem allem Seienden gemeinsamen Begriff gibt, ist dennoch der Name ‚Seiend‘ äquivok, weil er nichts von allen Dingen, von denen er ausgesagt werden kann, bei signifikantem Gebrauch gemäß einem Begriff ausgesagt wird.“
[3] Außerhalb des Verstandes gibt es nur Einzeldinge.