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Euthydemos 2 (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Er bejahte es.

Auch des Flötenmachens also bedürfen wir wohl nicht, denn damit ist es wieder ebenso?

Das dünkte ihn auch.

Aber bei den Göttern, sprach ich, wenn wir nun die Kunst Reden zu machen lernten, ob diese es etwa ist, durch welche wir, wenn wir sie besäßen, [D] glückselig sein müssten?

Das denke ich wohl nicht, fiel mir Kleinias ein.


Aus welchem Grunde? sprach ich.

Ich sehe, sagte er, einige Redenmacher, welche ihre eigenen Reden, die sie machen, nicht zu gebrauchen wissen, eben wie die Kitharenmacher ihre Kitharen, sondern auch hier sind andere geschickt, das was jene verfertiget haben zu gebrauchen, welche selbst ihrerseits des Redenmachens unkundig sind. Offenbar also ist auch bei den Reden abgesondert die Kunst des Verfertigens von der des Gebrauchs.

Du scheinst mir einen hinlänglichen Grund angegeben zu haben, sprach ich, [E] dass die Kunst der Redenmacher nicht diese sein kann, durch deren Besitz einer glückselig würde. Wiewohl ich dachte, hier würde sich uns gewiss die Erkenntnis zeigen, die wir so lange schon suchen. Denn sowohl die Männer selbst, die Redenschreiber, o Kleinias, wenn ich unter ihnen bin, dünken mich immer gar weise, als auch ihre Kunst eine gar göttliche und erhabene. Und das ist auch kein Wunder, denn sie ist ein Teil der Beschwörungskunst, nur um ein Weniges beschränkter als jene. [290 St.1 A] Denn die Beschwörungskunst ist eine Besänftigung der Schlangen, Spinnen, Skorpione und anderer Tiere und Übel, jene aber ist für Richter und Gemeindemänner und andere Versammlungen die Besänftigung und Besprechung. Oder, sprach ich, dünkt es dich anders wie?

Nein, sagte er, sondern so leuchtet es mir ein, wie du es vorträgst.

Wohin also, sprach ich, können wir uns noch wenden, zu welcher Kunst?

Ich weiß keinen Rat, sagte er.

[B] Aber ich, sprach ich, glaube sie gefunden zu haben.

Was für eine, fragte Kleinias?

Die Kriegskunst nämlich, dünkt mich vor jeder andern die zu sein, deren Besitz glückselig macht. Das scheint mir doch nicht.

Wieso? fragte ich.

Sie ist ja wohl eine Kunst, Jagd zu machen auf Menschen?

Nun? und weiter? sprach ich.

Keine Art der Jagd aber, sprach er, geht doch auf etwas weiteres als eben auf das Erjagen und Einfangen. Haben sie aber eingefangen was sie jagten, so sind sie selbst nicht im Stande es zu gebrauchen, sondern die Jäger [C] und Fischer übergeben es den Köchen. Die Geometer aber und Arithmetiker und Astronomen, nämlich auch diese sind Jagende, weil sie ja ihre Figuren und Zahlenreihen nicht machen, sondern sie finden nur die gegebenen auf. Wie also nun diese auch nicht selbst verstehen sie zu gebrauchen, sondern nur zu jagen, so übergeben sie, so viele ihrer nicht ganz unverständig sind, ihre Findungen den Dialektikern, um Gebrauch davon zu machen.

[D] Wohl, sprach ich, du schönster und weisester Kleinias! Verhält sich dies so?

Freilich, sagte er, und die Heerführer, wenn sie eine Stadt erjagt haben oder ein Heer, übergeben es ja auf dieselbe Weise den Staatsmännern. Denn sie selbst wissen das nicht zu gebrauchen, was sie erjagt haben, eben wie die Wachtelfänger, meine ich, den Wachtelmästern ihren Fang übergeben. Wenn wir also, fuhr er fort, eine solche Kunst gebrauchen, welche, was sie, es sei nun hervorbringend oder auffindend, erworben hat, auch selbst [E] zu gebrauchen weiß, und eine solche nur uns glückselig machen kann, so müssen wir, sprach er, eine andere suchen als die Kriegskunst.

KRITON: Was sagst du, Sokrates? So hätte dieser Knabe gesprochen? SOKRATES: Glaubst du es nicht, Kriton?

KRITON: Nein, beim Zeus, denn ich denke, wenn er das gesagt hätte, bedürfte er weder des Euthydemos noch sonst irgendeines Menschen zu seiner Unterweisung.

SOKRATES: Ob etwa, beim Zeus, der Ktesippos es war, der es sagte, und ich entsinne mich nur nicht recht?

[291 St.1 A] KRITON: Was doch Ktesippos!

 

SOKRATES: Aber das weiß ich doch, dass es weder Dionysodoros war noch Euthydemos, der das sagte. Oder, bester Kriton, war auch etwa ein ganz anderer dabei, der dies gesprochen hat? Denn dass ich es gehört habe, weiß ich doch ganz gewiss.

KRITON: Ja, beim Zeus, Sokrates, ein ganz anderer muss es wohl gewesen sein, und ein weit besserer. Aber was für eine Kunst suchtet ihr nun noch nach diesen? Und habt ihr jene gefunden oder habt ihr sie nicht gefunden, nach der ihr suchtet?

SOKRATES: Woher, Bester, [B] sollten wir sie gefunden haben? Sondern wir machten uns ganz lächerlich. Wie die Kinder, welche den Lerchen nachlaufen, glaubten wir jede Wissenschaft nun gleich zu fangen, und dann flogen sie uns immer weg. Was soll ich dir von den andern allen erst erzählen? Aber als wir an die Herrscherkunst kamen und diese in Betrachtung zogen, ob sie etwa die wäre, welche Glückseligkeit gewährt und bewirkt, so gerieten wir eben da erst in ein neues Labyrinth, und wo wir glaubten am Ende zu sein, [C] mussten wir wieder umwenden, und befanden uns wie am Anfang der Untersuchung, indem uns noch immer eben so viel fehlte, als da wir zuerst die Frage aufwarfen.

KRITON: Wie ist euch das doch begegnet?

SOKRATES: Das will ich dir erklären. Eine und dieselbe schienen uns diese beiden zu sein, die Staatskunst und die Herrscherkunst.

KRITON: Und weiter.

SOKRATES: Und dass dieser Kunst von der Kriegskunst und den übrigen Künsten die Werke, welche sie verfertigen, in ihre Gewalt übergeben werden, als welche allein sie wisse [D] zu gebrauchen. Ganz klar also schien sie uns die zu sein, die wir suchten, und die Ursache alles Richtighandelns im Staate, ja recht nach des Aischylos Vers:

alles lenkend sie allein am Steuer zu sitzen des Staats und über alles herrschend alles nützlich zu machen.

KRITON: Und war das nicht ganz recht gedacht, Sokrates?

SOKRATES: Du sollst es beurteilen, Kriton, wenn du auch hören willst, wie es uns nach diesem erging. Wir überlegten es nämlich auch wiederum so: Wohlan, diese alles beherrschende königliche Kunst, [E] was für ein Werk bewirkt sie uns denn? Oder etwa keines? Ganz gewiss doch eins, sagten wir zu einander. Hättest du nicht auch so gesagt, Kriton?

KRITON: Freilich.

SOKRATES: Was, würdest du also sagen, wäre ihr Werk? Wie, wenn ich dich fragte, indem die Heilkunst nun alles regiert, was sie zu regieren hat, was für ein Werk schafft sie uns? Würdest du nicht antworten, die Gesundheit?

KRITON: Ich gewiss.

SOKRATES: Und eure Kunst, die Landwirtschaft, wenn die alles regiert, was sie zu regieren hat, was bewirkt sie uns? Würdest du nicht sagen, [292 St.1 A] sie verschaffe uns die aus der Erde hervorgehende Nahrung?

KRITON: Sicher.

SOKRATES: Wie also die Herrscherkunst? Wenn sie alles regiert, worüber sie zu regieren hat, was bewirkt sie? Vielleicht weißt du nicht sonderlich etwas zu sagen.

KRITON: Nein, beim Zeus.

SOKRATES: Auch wir nicht, Kriton. Allein so viel weißt du doch, dass wenn sie die ist, die wir suchen, sie uns nützlich sein muss?

KRITON: Auf jeden Fall.

SOKRATES: Also muss sie uns doch etwas Gutes verschaffen? KRITON: Notwendig, Sokrates.


SOKRATES: Und gut, waren wir übereingekommen, ich und Kleinias, sei [B] nichts anders als eine gewisse Erkenntnis.

KRITON: Ja, so sagtest du.

SOKRATES: Und nicht wahr, alles andere, was man als Werke der Staatskunst nennen könnte, und deren wären nun viele, als die Bürger reich zu machen, und frei und ruhig, alles dieses hatte sich gezeigt als weder gut noch böse. Weise aber musste sie uns machen und Erkenntnis mitteilen, wenn sie die Nutzen schaffende sein soll und [C] die glückselig machende.

KRITON: So ist es. Wenigstens damals hattet ihr dies festgesetzt, nach dem was du von dem Gespräch erzählt hast.

SOKRATES: Macht also wohl die Herrscherkunst die Menschen weise und gut? KRITON: Warum nicht, Sokrates?

SOKRATES: Aber etwa alle und gut zu allem? Ist sie denn etwa die Erkenntnis von allem, auch die von der Lederbereitung und vom Zimmern, und von allem anderen?

KRITON: Das glaube ich nicht, Sokrates.

SOKRATES: Also was denn für eine Erkenntnis? Mit der wir was doch anfangen? Denn auf alle jene Werke [D] soll sie sich nicht verstehen, die weder gut noch böse sind, und auch keine andere Erkenntnis mitteilen, als nur sich selbst. So müssen wir doch sagen, was sie ist, und was wir mit ihr anfangen? Sollen wir also etwa sagen, die wodurch wir andere gut machen?

KRITON: Gewiss.

SOKRATES: Und wozu sollen uns diese gut sein? Und wozu nützlich? Oder sollen wir noch weiter sagen, diese sollen wieder andere gut machen, und die wieder andere? Worin sie aber gut sind, das wird uns nirgends zum Vorschein kommen, [E] da wir ja alles, was für ein Werk der Staatskunst gehalten wird, verworfen haben. Also wird dies offenbar, sprichwörtlich gesagt, die alte Leier, und wie ich sagte, es fehlt uns noch eben so viel, oder gar mehr als zuvor daran, dass wir wüssten, welches doch jene Erkenntnis ist, die uns glückselig machen würde.

KRITON: Beim Zeus, Sokrates, wie es scheint, seid ihr in große Verlegenheit geraten?

SOKRATES: Deshalb auch, Kriton, weil ich in diese Verlegenheit geraten war, versuchte [293 St.1 A] ich es auf alle Weisen, und bat die Fremdlinge und flehte sie an wie die Dioskuren, uns zu retten, mich und den jungen Menschen aus dieser Brandung unseres Gesprächs, und nun auf alle Weise Ernst zu machen, und uns im Ernst zu zeigen, welches doch die Erkenntnis ist, die wir erlangen müssten, um das übrige Leben schön zu verbringen.

KRITON: Und wie? Verstand Euthydemos sich dazu, sich hierüber hören zu lassen? SOKRATES: Wie sollte er nicht? Und begann gar vornehm seine Rede so.

[B] Soll ich dich, o Sokrates, diese Erkenntnis über welche ihr schon so lange in Verlegenheit seid, lehren, oder soll ich dir zeigen, dass du sie hast?

O Glückseliger, sprach ich, hängt denn dies von dir ab? Freilich, sagte er.

Nun, so zeige mir, beim Zeus, sprach ich, dass ich sie schon habe, denn das ist ja weit leichter, als wenn ich alter Mann sie erst noch lernen sollte.

Wohlan denn, so antworte mir, sprach er. Weißt du wohl etwas? Freilich, sagte ich, und recht viel, Kleinigkeiten wenigstens.

Das genügt, sprach er. [C] Dünkt dich nun möglich, dass irgendetwas das, was es ist, zugleich auch nicht ist?

Nein, sondern unmöglich.

Und du, sprach er, weißt doch etwas? Ja.

Also bist du wissend, wenn du weißt?


Ja freilich, um dieses.

Einerlei. Aber bist du nicht gezwungen, alles zu wissen, wenn du wissend bist?

Nein, bei Gott, sagte ich, da ich ja so vieles andere nicht weiß.

Also, wenn du etwas nicht weißt, bist du nichtwissend?

Ja, um jenes wohl, Lieber, sprach ich.

Bist du deshalb weniger nichtwissend, [D] und eben sagtest du, du wärest wissend? Und so bist du, was du bist, und bist es auch wieder nicht, ganz auf dieselbe Weise?

Wohl, sprach ich, Euthydemos. Denn bei dir ist doch nun einmal alles so schön gesprochen, wie man zu sagen pflegt. Wie besitze ich also jene Erkenntnis, welche wir suchten, weil nun also unmöglich ist, dass man dasselbe sei und nicht sei? Nämlich wenn ich eines weiß, weiß ich alles, denn ich kann ja nicht zugleich wissend sein und nichtwissend. Wenn ich aber alles weiß, so habe ich also auch jene Erkenntnis? Meinst du es so, und ist das deine Weisheit?

[E] Du widerlegst dich ja selbst, Sokrates, sagte er.

Und wie, Euthydemos? sprach ich, befindest du dich nicht ganz in demselben Falle? Ich meines Teils, was mir auch immer begegne mit dir gemeinschaftlich und mit unserem Dionysodoros, dem teuren Haupte, das soll mich gar nicht verdrießen. Sage mir doch, wisst ihr nicht auch einiges und anderes nicht?

Keineswegs, Sokrates, sagte Dionysodoros.

Wie meint ihr? sprach ich. Also wisst ihr etwa nichts?

O wohl, sprach er.

Alles also, [294 St.1 A] sprach ich, wisst ihr, wenn doch irgendetwas?

Alles, sagte er, und du ebenfalls, wenn du auch nur eines weißt, weißt du alles.

O Zeus, sprach ich, was sagst du wunderbares, und welch großes Gut kommt da ans Licht! Und wissen etwa auch alle anderen Menschen alles oder nichts?

Sie können ja doch nicht, sagte er, einiges wissen und anderes nicht wissen, und so zugleich wissend sein und nichtwissend.

Sondern wie ist es nun? fragte ich.

Alle, sagte er, wissen alles, sobald sie eines wissen.

O, um der Götter willen, Dionysodoros, sprach ich, denn nun sehe ich offenbar, dass ihr es im Ernst meint, und dass ich [B] euch endlich dahin gebracht habe, Ernst zu machen. Ihr Zwei also wisst in der Tat alles, wie zimmern und gerben?

Freilich, sagte er.

Auch schustern?

Auch, beim Zeus, und Schuh flicken dazu.

Etwa auch dergleichen, wieviel Sterne es gibt, und wieviel Sand?

Freilich, sagte er. Also, du glaubtest wohl, wir würden dies nicht bejahen?

Da nahm Ktesippos das Wort und sagte: Um Zeus willen, Dionysodoros, zeige mir doch einen Beweis hiervon, woran ich erkennen kann, dass ihr die Wahrheit redet.

Was soll ich dir zeigen? [C] sprach er.

Weißt du, wieviel Zähne Euthydemos hat, und Euthydemos, wie viele du? Ist es dir nicht genug, sprach nun jener, zu hören, dass wir alles wissen?

Keineswegs, sagte er, sondern dieses eine wenigstens beantwortet, und zeigt, dass ihr die Wahrheit redet. Und wenn ihr sagt jeder, wieviel der Andere hat, und es sich zeigt, dass ihr es wusstet, wenn wir sie hernach zählen, so wollen wir euch dann auch das übrige glauben.

Da sie nun dachten, er triebe Spott, so wollten sie nicht, sondern blieben nur immer dabei, [D] sie wüssten alle Dinge, wie Ktesippos sie einzeln darum befragte. Denn den hielt nun nichts mehr


zurück, und ich weiß nicht, wonach er sie zuletzt nicht fragte, auch nach dem Allerunschicklichsten, ob sie es auch wüssten. Sie aber gingen immer ganz dreist auf die Fragen los, behauptend, sie wüssten es, wie die wilden Schweine, auf ihre Angreifer. So dass auch ich, o Kriton, zuletzt aus Unglauben mich nicht enthalten konnte den Euthydemos zu fragen, [E] ob Dionysodoros auch das Tanzen verstände?

Und er sagte, allerdings.

Doch nicht auch den Schwertertanz, fragte ich, und das Scheibendrehen in seinem Alter? So weise ist er doch nicht?

Nichts, sprach jener, was er nicht verstände.

Und, sprach ich, wusste er etwa nur jetzt alles, oder auch immer?

Auch immer.

Auch als ihr kleine Kinder wart und gleich nach eurer Geburt wusstet ihr es?

Auch da alles, sagten sie beide zugleich.

Und uns dünkte das Ding [295 St.1 A] unglaublich zu sein.

Da sagte Euthydemos: Du glaubst es wohl nicht, Sokrates?

Nur, sprach ich, das sehe ich wohl, dass ihr überaus weise Männer seid.

Aber, sagte er, wenn du mir antworten willst, will ich zeigen, dass auch du diese wunderbaren Dinge von dir eingestehst.

O, sprach ich, das wird mir große Freude machen, dessen überführt zu werden. Denn wenn ich, ohne es gewusst zu haben, weise bin, und du mir dieses zeigen kannst, dass ich alles weiß und immer, was für einen größeren Fund könnte ich tun in meinem ganzen Leben?

[B] Antworte also, sagte er.

Frage nur, sprach ich, ich will gewiss antworten.

Bist du irgend um einiges wissend, Sokrates, oder nicht?

Das bin ich.

Und womit du wissend bist, eben damit weißt du auch? Oder mit etwas anderem?

Eben damit, sagte ich. Denn ich denke doch, du meinst die Seele, oder meinst du die nicht? Schämst du dich nicht, Sokrates? sprach er, du bist der Gefragte und machst Gegenfragen?

Gut, sprach ich. Aber wie soll ich es machen? Ich will es gern so machen, wie du befiehlst. Wenn ich also nicht weiß, was du [C] fragst, befiehlst du, dass ich dann dennoch antworten soll, und nicht nachfragen?

Du denkst dir doch etwas bei dem was ich frage? sagte er.

O ja.

Nun so antworte, sprach er, nach dem was du dir dabei denkst.

Wie aber, fragte ich, wenn du nun etwas anderes bei deiner Frage im Sinne hattest und ich wieder etwas anderes dabei denke, und in Beziehung hierauf antworte, wirst du denn zufrieden damit sein, wenn ich, was gar nicht zur Sache gehört, antworte?

Ich wohl, sprach er, aber du freilich nicht, wie ich glaube.

Nun so will ich, beim Zeus, nicht eher antworten, sprach ich, bis ich es gehörig erforscht habe.

[D] Du willst, sagte er, nur deshalb nicht so antworten, wie du es jedesmal verstanden hast, weil du faselst und alberner bist als sich schickt.

Da merkte ich, dass er mir böse war, weil ich das Gesagte auseinander setzte, während er mich mit Worten umstellen und fangen wollte. Und ich dachte an den Konnos, wie der mir auch jedesmal böse ist, wenn ich ihm nicht folge, und sich dann weniger Mühe mit mir gibt, weil er mich für ungelehrig hält. Da ich nun im Sinne hatte, [E] mich ihrer Lehre zu unterziehen, so glaubte ich, folgen zu müssen, damit sie mich nicht für widerspenstig hielten, und mich abwiesen.


Ich sagte also: Nun, wenn du meinst, Euthydemos, dass ich es so machen soll, so will ich es so machen. Denn wie man die Untersuchung im Gespräch führen muss, verstehst ja auf alle Weise, du kunstreicher Mann, besser als ich Ungelehrter. Frage mich also noch einmal von Anfang.

So antworte noch einmal, sprach er, ob du mit etwas weißt was du weißt, oder nicht? Ja, sagte ich, mit der [296 St.1 A] Seele.

Schon wieder, sagte er, setzt der Mann etwas hinzu zur Antwort auf die Frage. Ich frage ja nicht, womit du weißt, sondern nur ob mit etwas?

Da habe ich schon wieder, sprach ich, mehr als ich sollte geantwortet aus Ungeschick. Aber verzeihe es mir, ich will auch nun ganz schlicht antworten, dass ich immer mit etwas weiß was ich weiß.

Auch immer, sprach er, mit demselbigen, oder bisweilen mit diesem, bisweilen mit etwas anderem?

Immer, wenn ich weiß, sprach ich, mit diesem.

Wirst du denn niemals, sagte er, aufhören hinzuzusetzen?

Dass uns sonst nur nicht dieses immer einen Streich spiele.

[B] Uns gewiss nicht, sagte er, sondern wenn ja, so geschieht es dir. Also antworte. Weißt du immer mit demselbigen?

Immer, sprach ich, da ich doch nun das 'wenn' weg lassen soll.

Also immer weißt du hiermit, und immer wissend weißt du etwa einiges hiermit, womit du weißt, anderes mit etwas anderem? Oder alles hiermit?

Hiermit, sprach ich, alles insgesamt, was ich nur weiß.

Da haben wir es, sagte er, schon wieder kommt derselbe Zusatz.

[C] Ich nehme es schon wieder zurück, sprach ich, dieses 'was ich nur weiß'.

Gar nichts, sagte er, sollst du davon zurücknehmen, ich verlange es gar nicht. Antworte mir nur. Könntest du wohl alles insgesamt wissen, wenn du nicht alles wüsstest?

Das wäre freilich ein Wunder, sagte ich.

Darauf sagte er: Nun setze immer hinzu, was du nur willst! Hast du doch eingestanden, dass du alles wüsstest.

So scheint es, sprach ich, wenn nämlich dies gar nichts bedeuten soll, das 'was ich nur weiß', so weiß ich freilich alles.

Also hast du auch eingestanden, dass du immer weißt mit demselbigen, womit du weißt, sei es auch wenn du weißt oder wie du sonst willst, du hast doch eingestanden, dass du immer weißt und [D] auch alles. Also ist offenbar, dass du auch wusstest als du ein Kind warst, und als du geboren und gezeugt wurdest, ja auch ehe du warst und ehe Himmel und Erde war, wusstest du alles insgesamt, wenn du immer weißt. Und wirst auch, beim Zeus, immer wissen, und alles insgesamt, wenn ich nur will.

Möchtest du es dann immer wollen, du vielverehrter Euthydemos, sagte ich, wenn du anders in der Tat Recht hast. Aber ich traue dir nicht recht, dass du es im Stande bist, wenn nicht auch dieser dein Bruder Dionysodoros mit will, [E] dann aber vielleicht wohl. Sagt mir aber doch, sprach ich, denn im Übrigen weiß ich freilich nicht, wie ich euch das bestreiten soll, die ihr solche Wunder von Weisheit seid, dass ich nicht alles weiß, da ihr es ja sagt. Dergleichen aber, Euthydemos, wie soll ich sagen, dass ich das weiß, dass tugendhafte Männer ungerecht sind? Komm, sage mir, weiß ich das auch, oder weiß ich es nicht?

Du weißt es freilich, sagte er.

Wie denn? fragte ich.

Dass die Tugendhaften nicht ungerecht sind.


Das freilich, sagte ich, schon lange. Aber das frage ich nicht, [297 St.1 A] sondern dass die Tugendhaften ungerecht sind, wo ich das gelernt habe?

Nirgends, sagte Dionysodoros.

Also, sprach ich, weiß ich doch dieses nicht.

Du verdirbst uns alles, sagte nun Euthydemos zum Dionysodoros. Denn nun wird herauskommen, dass er nicht weiß, und dass er zugleich wissend ist und nichtwissend.

Da errötete Dionysodoros.

Aber du, sprach ich, wie meinst du, Euthydemos? Dünkt dich, dass er nicht richtig spreche, dieser Bruder, der alles weiß.

Geschwind nahm Dionysodoros hier das Wort, und fragte: [B] Also bin ich etwa des Euthydemos Bruder?

Lasse das, Bester, sprach ich, bis Euthydemos mich gelehrt hat, dass ich weiß, die Tugendhaften sind ungerecht, und missgönne mir die Unterweisung nicht.

Du entläufst, Sokrates, sagte Dionysodoros, und willst nicht antworten.

Ganz natürlich, sprach ich. Denn ich bin schon schwächer als einer von euch, so dass ich vor beiden zugleich wohl nicht umhin kann zu fliehen. Denn ich bin ja um vieles schlechter als Herakles, der ja nicht im Stande war, gegen die Hydra zu kämpfen, diese Sophistin, die so klug war, wenn ihrem Satz [C] ein Kopf abgeschnitten wurde, viele neue statt des einen herauszustrecken, und zugleich auch gegen den andern Sophisten, den Seekrebs, der eben erst, dünkt mich, seewärts her angeschwommen gekommen war, sondern als dieser ihn nun auch noch ängstigte, und ihn so von links her ansprach und biss, rief Herakles seinen Brudersohn Joleos zu Hilfe. Und der half ihm freilich genug, wenn aber Patrokles, mein Joleos, käme, der würde nur das Übel ärger machen.

Antworte also, sagte Dionysodoros, da du doch dieses selbst vorgebracht hast, ob wohl Joleos mehr des Herakles [D] Brudersohn war, als der deinige?

Es wird wohl das Beste sein, Dionysodoros, sprach ich, dass ich dir antworte, denn du lässt doch nicht ab mit Fragen, wiewohl ich fast weiß, du tust es nur aus Neid, um zu hindern, dass Euthydemos mich nicht jenes Kunststück lehren soll.

Antworte also, sprach er.

So antworte ich denn, dass Joleos des Herakles Brudersohn allerdings war, der meinige aber, meines Erachtens, ganz und gar nicht ist. Denn nicht Patrokles, mein Bruder, war sein Vater, sondern der seinige hieß freilich ähnlich genug Iphikles, des Herakles Bruder.

Patrokles aber, sprach er, ist der deinige?

Ja, sagte ich, von mütterlicher Seite, [E] nicht aber von väterlicher.

Also ist er dein Bruder und auch nicht dein Bruder?

Von Vaterseite nämlich nicht, Bester, denn sein Vater war Chairedemos, der meinige aber Sophroniskos.

Vater also, sprach er, war Sophroniskos und auch Chairedemos? Allerdings, sprach ich, jener der meinige und der andere seiner. [298 St.1 A] Also, fragte er, war Chairedemos ein anderer als Vater? Als der meinige, ja, sprach ich.

War er also etwa Vater, da er doch ein anderer war als Vater? Oder bist du einerlei mit einem Stein?

Ich fürchte wohl, sprach ich, durch deine Kunst könnte ich es werden, ich glaube aber, ich bin es doch nicht.

Also bist du ein anderer als der Stein? Ein anderer.

 

Und nicht wahr, weil du ein anderer bist als der Stein, bist du nicht Stein? Und weil ein anderer als Gold, bist du nicht Gold?

Richtig.

Also auch Chairedemos, sagte er, wenn er ein anderer ist als Vater, ist nicht Vater.

Es scheint, sprach ich, er war kein Vater.

Und wenn Chairedemos Vater ist, nahm Euthydemos das Wort, so ist wiederum [B] Sophroniskos ein anderer als Vater, und nicht Vater, so dass du, o Sokrates, vaterlos wärest.

Da fiel Ktesippos ein und sagte, eurem Vater aber begegnet wohl nicht das Nämliche? Ist er nicht ein Anderer als mein Vater?

Weit gefehlt, sprach Euthydemos.

Also, fragte jener, derselbe?

Derselbe freilich.

Das wollte ich nicht gar gern. Aber, Euthydemos, fuhr er fort, ist er etwa nur mein Vater oder auch der übrigen Menschen?

Auch der übrigen, antwortete er. Oder meinst du, derselbe sei Vater und auch nicht Vater?

Das meinte ich freilich, [C] sagte Ktesippos.

Wie, fragte jener, also wäre auch Gold zugleich nicht Gold, und ein Mensch nicht Mensch?

Wenn du nur nicht, sagte Ktesippos, wie es im Sprichwort heißt, ein Loch machst um ein Loch zu stopfen. Denn das wäre doch ein starkes Stück, wenn dein Vater Aller Vater ist.

Das ist er aber doch, sagte jener.

Etwa nur der Menschen, fragte Ktesippos, oder auch der Pferde und aller übrigen Tiere?

Aller, sagte er.

Auch deine Mutter ebenso die Mutter von allen?

Auch die Mutter.

Also ist deine Mutter auch die Mutter der Seeigel?

Auch deine, sagte er.

Und du bist also der Bruder der Kälber, Hündchen und Ferkel?

Aber [D] auch du, sagte er.

Und überdies ist dein Vater wohl gar ein Hund?

Auch deiner, sagte er.

Sogleich, Ktesippos, wenn du mir antworten willst, sagte Dionysodoros, sollst du das zugestehen. Sage mir, hast du einen Hund?

Und einen recht bösen, sprach Ktesippos.

Hat er auch Junge? Ja, sprach er, eben solche.

Deren Vater ist also doch der Hund.

Ja wohl, sprach er, ich habe selbst gesehen wie er die Hündin besprang.

Wie nun, ist der Hund nicht dein?

Freilich, sagte er.

Und so wie dein, ist er auch Vater, so dass der Hund dein Vater wird, und du [E] der jungen Hunde Bruder.

Und sogleich fuhr Dionysodoros weiter fort, damit Ktesippos nicht zuvor etwas sagen könnte, und sprach: Und noch dies einzige beantworte mir, schlägst du wohl diesen Hund?

Da lachte Ktesippos und antwortete: Ja bei den Göttern, denn dich kann ich nicht. Also schlägst du deinen Vater?

Mit weit [299 St.1 A] besserem Recht, sagte Ktesippos, möchte ich wohl euren Vater schlagen, was er sich doch gedacht hat, so weise Söhne zu zeugen. Aber gewiss o Euthydemos, hat wohl euer und der Hündchen Vater schon sehr viel Gutes dieser eurer Weisheit zu verdanken?

Er braucht gar nicht viel Gutes, Ktesippos, weder er noch du. Noch auch du selbst, Euthydemos?

Noch auch irgendein anderer Mensch. Denn sage mir nur, Ktesippos, ob du es für einen Kranken gut hältst Arznei zu nehmen, wenn er ihrer bedarf, oder nicht? [B] Oder wenn einer in den Krieg zieht, lieber mit Waffen zu gehen als unbewaffnet?

Ich denke so, antwortete er, wiewohl ich glaube, du wirst wieder etwas herrliches sagen.

Das wirst du am besten wissen, sagte er, antworte nur. Denn da du zugibst, dass es einem Menschen gut ist, wenn er ihrer bedarf, Arznei zu nehmen, so muss er also recht viel von diesem Guten nehmen, und es wird ihm vortrefflich bekommen, wenn ihm einer ein ganz Fuder voll Nieswurz klein stieße und eingäbe.

Gar vortrefflich, Euthydemos, wenn der Einnehmende [C] so groß wäre als die delphische Bildsäule.

Und, fuhr jener fort, wenn es im Kriege gut ist, Waffen zu tragen, so muss man ja wohl so viel als nur möglich Spieße und Schilder haben, wenn es ja gut ist?

Gewiss, sagte Ktesippos. Und du, Euthydemos, glaubst das wohl nicht, sondern nur eines, und einen Spieß?

Ja, so glaube ich.

Würdest du etwa auch den dreileibigen Geryones und den hundertarmigen Briareus so bewaffnen? Hierauf, hatte ich geglaubt, verständest du dich besser, da ihr ja Fechtmeister seid, du und dein Gefährte da.

[D] Da schwieg Euthydemos. Dionysodoros aber fragte den Ktesippos in Bezug auf das vorher Geantwortete, dünkt es dich nicht auch gut, Gold haben?

Freilich, und zwar viel, antwortete Ktesippos.

Und bist du nicht der Meinung, dass man gute Sachen immer haben muss und überall? Gar sehr.

Und das Gold hältst du doch auch für gut?

Das habe ich freilich zugegeben.

Also muss man es immer haben und überall, und vornehmlich bei sich. Und der wäre also der glückseligste, der [E] drei Talente Gold im Bauch hätte, und ein Talent im Schädel und einen Stater in jedem Auge.

Sagt man doch auch, sprach Ktesippos, dass das die glückseligsten und trefflichsten Männer sind unter den Skythen, die recht viel Gold haben in ihren Schädeln, auf die Art wie du vorher den Hund meinen Vater nanntest, und was das wunderbarste ist, sie trinken auch aus diesen ihren eigenen vergoldeten Schädeln und sehen inwendig hinein, indem sie ihren eigene Schädeldecke in den Händen halten.

Was für [300 St.1 A] Dinge sehen aber wohl die Skythen und alle andere Menschen, fragte Euthydemos, die man sehen lassen kann oder die man nicht sehen lassen kann?

Die man sehen lassen kann, offenbar. Also auch dich?

Auch mich.

Siehst du wohl unsere Kleider?

Ja.

Also kann man auch diese sehen lassen? Allerdings, ganz ungemein, sprach Ktesippos.

 

Was denn, fragte jener, können sie sehen?

Nichts.

Du aber glaubtest, man könne sie sehen lassen, so naiv bist du.

Du, Euthydemos, dünkst mich zu träumen ohne zu schlafen, und wenn es irgend möglich ist, zu reden ohne etwas zu sagen, so tust du es gewiss.

Ist das etwa, sprach Dionysodoros, [B] unmöglich für Schweigende zu reden? Ganz und gar nicht, sagte Ktesippos.

Auch nicht für Redende zu schweigen?

Noch weniger.

Wenn du also für Steine, Holz oder Eisen redest, redest du da nicht für Schweigende?

Keineswegs, antwortete er, wenn ich dabei in der Schmiede herumgehe, denn da schreit das Eisen gewaltig, wenn man es anrührt, so dass dir hier doch aus übergroßer Weisheit entgangen ist, dass du nichts sagst. Aber zeigt mir nun auch das andere, [C] wie es wiederum für Redende möglich ist zu schweigen. Und Ktesippos schien mir sehr in Eifer zu sein wegen seines Lieblings.

Wenn du schweigst, sprach Euthydemos, schweigst du nicht für alle? Ja.

Also auch für Redende zugleich schweigst du, wenn doch die Redenden unter den allen begriffen sind.

Wie, fragte Ktesippos, schweigen denn nicht alle? Nicht doch, sagte Euthydemos.

Also, Bester, reden etwa alle?

Ja, die Redenden.

Aber, sagte jener, danach frage ich ja nicht, sondern [D] alle, ob die reden oder schweigen?

Keines von beiden, und beides, sagte rasch einfallend Dionysodoros, und mit dieser Antwort, das weiß ich gewiss, wirst du nichts anfangen können.

Da lachte, wie er pflegt, Ktesippos laut auf und sagte: o Euthydemos, dein Bruder hat die Frage mit Ja und Nein beantwortet, und ist verloren und überwunden.

Da freute sich Kleinias sehr und lachte, so dass dem Ktesippos noch mehr als zehnfach [E] der Mut wuchs. Wie mich aber dünkt, hatte der schlaue Ktesippos schon ihnen selbst eben dieses Kunststück abgelernt. Denn es gibt nirgends sonst noch solche Weisheit unter den Menschen.

Und ich sagte darauf: Warum lachst du doch, Kleinias, über so wichtige und schöne Dinge? Hast du denn schon jemals ein schönes Ding gesehen, Sokrates? fragte Dionysodoros.

O ja, sagte ich, viele.

Waren die verschieden von dem Schönen, sprach er, oder einerlei mit [301 St.1 A] dem Schönen?

Da war ich nun wieder auf jeden Fall in der Klemme, und dachte, mir geschähe Recht dafür, dass ich gemuckst hätte. Dennoch aber sagte ich: Verschieden von dem Schönen selbst, aber jedes hat doch eine gewisse Schönheit bei sich.

Also, sprach er, wenn du einen Ochsen bei dir hast, bist du ein Ochs? Und weil du jetzt mich bei dir hast, bist du Dionysodoros.

Sprich wenigstens nicht Ruchloses, wie das letzte, sagte ich.

Aber auf welche Weise, sprach er, kann denn, wenn nun ein verschiedenes Ding zu einem Verschiedenen hinzukommt, dies verschiedene das Verschiedene sein?

Also dagegen, sagte ich, [B] findest du Bedenken? Denn nun unterfing ich mich schon, die Weisheit der Männer nachzuahmen, weil ich so großes Verlangen danach hatte.

Wie, sprach er, sollte ich nicht Bedenken haben, ich und alle andern Menschen, gegen das was nicht ist?


Wie meinst du, sprach ich, ist nicht das Schöne schön und das Hässliche hässlich? Wenn ich es dafür halte, sprach er.

Hältst du es also dafür?

Freilich, sagte er.

Also ist doch auch das Einerlei einerlei und das Verschiedene verschieden. Denn das Verschiedene ist doch wohl nicht das Einerlei. Dagegen, dachte ich, würde kein Kind Bedenken finden, dass [C] das Verschiedene verschieden ist! Doch Dionysodoros, dies hast du nur mit Willen so übersehen. Denn übrigens dünkt mich, dass wie jeder Meister in den Künsten, was ihm zu fertigen zukommt, so auch ihr das Gespräch ganz vortrefflich ausarbeitet.

Weißt du also, sprach er, was jedem Künstler zukommt? Zuerst wem kommt das Schmieden zu? Ich weiß, dem Schmied.

Wem Töpfe machen?

Dem Töpfer.

Und schlachten und häuten, [D] und das Fleisch zerlegen, kochen und braten? Dem Koch, sprach ich.

Wenn man nun einem tut, was ihm zukommt, so tut man doch recht?

Gewiss.

Und dem Koch, sagst du, kommt schlachten und abledern zu? Hast du das zugegeben oder nicht?

Freilich habe ich es zugegeben, aber sieh es mir nur nach.

Offenbar also, fuhr er fort, wenn jemand den Koch schlachtet, zerlegt, kocht und bratet, so tut er ihm was ihm zukommt. Und wenn jemand den Schmied schmiedet und den Töpfer auf der Scheibe dreht, so tut er ihm was ihm zukommt?

O Poseidon! rief ich aus, jetzt hast du [E] deiner Weisheit die Krone aufgesetzt! Werde ich die wohl je so gewinnen, dass sie mir eigen wird?

Würdest du sie wohl erkennen, Sokrates, wenn sie dir eigen geworden wäre?

Wenn du es willst, sprach ich, dann gewiss.

Und wie, sprach er, glaubst du zu erkennen, was dein ist?

Wenn du nicht etwa anderes meinst, sagte ich, steht bei dir der Anfang und bei Euthydemos das Ende.

Glaubst du also etwa, dass das dein ist, worüber du zu gebieten hast, und womit du anfangen kannst, was du willst? Zum Beispiel, würdest du glauben, diejenigen Ochsen [302 St.1 A] und Schafe wären dein, welche du dürftest verkaufen, verschenken und schlachten welchem Gott du wolltest? Und mit denen es sich nicht so verhielte, die wären nicht dein?

Da merkte ich schon, dass er hieraus wieder eines von jenen herrlichen Fragestücken aufdecken würde, und da ich es gern baldmöglichst hören wollte, antwortete ich: Allerdings, so verhält es sich, dergleichen allein ist mein.

Und wie? Beseelt nennst du doch das, was eine Seele hat? Ja, sprach ich.

Du gibst also zu, vom Beseelten seien allein diejenigen dein, womit [B] du Macht hast alles das zu tun, was ich eben erwähnte?

Das gebe ich zu.

Darauf hielt er spöttisch verstellter Weise inne, als ob er auf etwas Großes sänne, und fragte dann: Sage mir, Sokrates, hast du einen väterlichen Zeus?


Da ahndete mir schon, dass es kommen würde, wie es zuletzt auch kam, und ich drehte und wendete mich ratlos und vergeblich wie im Netze gefangen, und sagte: Nein, den habe ich nicht, Dionysodoros.

So bist du ja ein ganz armseliger [C] Mensch, und nicht einmal ein Athener, wenn du weder väterliche Götter hast, noch Heiliges, noch sonst etwas Schönes und Gutes.

Genug, sagte ich, Dionysodoros, sprich besser, und fasse mich nicht so hart an als Lehrer. Denn ich habe ja allerdings Altäre und Heiligtümer häusliche und väterliche, und alles was andere Athener von der Art haben.

Also andere Athener haben keinen väterlichen Zeus?

Nein, sagte ich, diesen Namen führt er bei keinen Ioniern, weder bei denen, die von dieser Stadt aus anderwärts hingezogen sind, noch bei uns selbst. Sondern väterlich heißt uns Apollon wegen Erzeugung des Ion. [D] Zeus aber wird bei uns nicht väterlich genannt, sondern der Zeus des Gehöftes und der Geschlechter, und so auch Athene, ihre Schutzgöttin.

Das ist ja genug, sprach Dionysodoros, so hast du doch, wie es scheint, einen Apollon und Zeus und Athene.

Ja wohl, sagte ich.

Also sind doch auch diese deine Götter?

Ja, Ahnherrn, sagte ich, und Gebieter.

Immer doch deine, sprach er, oder hast du nicht eingestanden, dass sie dein sind?

Ich habe es eingestanden, sagte ich, denn was will ich machen?

Nun sind doch diese Götter beseelt? Denn du hast eingestanden, [E] was eine Seele habe sei beseelt. Oder haben diese Götter keine Seele?

Sie haben, sprach ich.

Also sind sie doch auch Beseelte?

Das sind sie.

Und von beseelten Wesen, gestandst du, wären nur diejenigen dein, welche du Macht hättest zu verschenken, zu verkaufen und zu schlachten welchem Gott du wolltest.

Ich habe es eingestanden, sprach ich. Denn ich kann ja doch nicht entschlüpfen, Euthydemos.

So komm denn, fuhr er fort, und antworte mir auf der Stelle, da du bekennst, Zeus sei dein und die andern Götter, ob du sie wohl dürftest [303 St.1 A] verschenken oder verkaufen, oder was du sonst wolltest mit ihnen anfangen wie mit anderen beseelten Wesen?

Da lag ich nun, Kriton, von der Rede getroffen, sprachlos da. Ktesippos aber wollte mir zu Hülfe kommen, und sagte: Der Popanz, Herakles! Was für ein schönes Stück!

Wie doch, sprach Dionysodoros, ist Herakles der Popanz, oder der Popanz Herakles?

Da rief Ktesippos aus: O Poseidon! was für gewaltige Reden! Ich lasse ab, [B] denn mit diesen Männern kann es niemand aufnehmen.

Und hier, lieber Kriton, war auch keiner unter den Anwesenden, der die Rede nicht über die Maßen gelobt hätte, und die beiden waren von Sinnen vor Lachen und dem lauten Beifall und der Freude. Denn beim Vorigen entstand zwar auch schon jedesmal gar schöner Beifall unter den Freunden des Euthydemos allein. Hierbei aber wollten fast die Säulen im Lykeion mit einstimmen in den Beifallsjubel, und sich freuen an den Männern. Und ich selbst war so ergriffen, dass ich gestehen musste, nie so weise Männer gesehen zu haben, [C] und ganz bezwungen und gefangen von ihrer Weisheit wendete ich mich dazu, sie beide zu preisen und zu verherrlichen, und sagte: O ihr glückseligen Beiden über eure wunderbaren Gaben, dass ihr eine so große Sache so leicht und in so weniger Zeit zu Stande gebracht! Denn unter vielem anderen Schönen, das sich in euren Reden findet, o Euthydemos und Dionysodoros, ist dieses fast das Erhabenste, dass ihr euch um die meisten Menschen [D] und um die Ernsthaften zumal und die für etwas gehalten werden, nichts kümmert, sondern nur um die, welche euch gleichen. Denn das weiß ich gewiss,


dass mit diesen Reden nur wenig Menschen recht zufrieden sein möchten, nämlich die euch gleichen, die andern aber haben wohl so wenig Verstand davon, dass ich gewiss weiß, sie würden sich mehr schämen, mit solchen Reden andere zu widerlegen, als selbst dadurch widerlegt zu werden. Auch dies ist noch etwas recht leutseliges und gutmütiges in euren Reden, dass, wenn ihr nun leugnet, es sei überall gar nichts Schönes oder Gutes [E] oder auch Weißes und irgendwas von der Art, oder auch, es sei überhaupt nichts vom andern verschieden, ihr dann freilich recht ordentlich den Leuten den Mund stopft, wie ihr auch selbst sagt, aber nicht nur anderen ihrem scheint ihr dies anzutun, sondern auch eurem eigenen, das ist eben das artige daran und nimmt diesen Reden alles unliebsame. Das Größte aber ist, dass diese Sache so beschaffen und von euch recht kunstreich so ausgedacht ist, dass es in gar weniger Zeit jeder Mensch lernen kann. Das habe ich bemerkt und recht Acht gehabt auf den Ktesippos, wie schnell er aus dem Stegreif im Stande war, euch nachzuahmen. [304 St.1 A] Diese kunstreiche Eigenschaft eures Geschäftes ist nun für euch freilich gar schön, aber vor vielen Menschen geführt zu werden eignen sich diese Reden deshalb weniger, sondern, wenn ihr mir meinem Rat folgen wollt, werdet ihr euch hüten, vor Vielen so zu reden, damit sie nicht die Kunst allzu schnell erlernen, und euch dann wenig Dank dafür wissen. Sondern redet nur unter euch so, oder wenn vor jemand anderem, nur vor dem, der euch bezahlt. [B] Und eben dies müsst ihr auch, wenn ihr verständig handeln wollt, euren Schülern raten, ja nie vor keinem anderen Menschen, sondern immer nur vor euch und unter sich, diese Kunst zu treiben. Denn es ist nun einmal so, Euthydemos, geschätzt ist nur was selten ist, und das Wasser ist das Allerwohlfeilste, obwohl es das Beste ist, wie Pindar sagt. Aber behandelt auch, sprach ich, meines und dieses Kleinias, unfertiges Reden hier als dazu gehörig.

Dies, o Kriton, und einiges andere wenige sprachen wir noch, und gingen dann. Sieh also nun zu, ob du zu den beiden Männern gehen willst, da sie verhießen, dass sie es [C] jeden lehren könnten, der nur bezahlen wollte, und dass sie keine Art der Begabung noch ein Alter ausschließen wollten. Ja, was dir besonders wichtig sein muss, sie sagten auch den, der erwerbstätig ist, hindere nichts ihre Weisheit sich sehr leicht anzueignen.

KRITON: Gewiss, Sokrates, bin ich ein großer Redefreund und mag gern etwas lernen. Indes scheint es fast, dass auch ich einer von denen bin, die dem Euthydemos nicht gleichen, sondern von jenen, von [D] denen du auch sagtest, dass sie lieber möchten durch solche Reden widerlegt werden als selbst widerlegen. Und obschon es mir gar lächerlich vorkommt, dich zurechtzuweisen, so muss ich dir doch, was ich gehört habe, dir erzählen. Höre also, dass einer von denen, die dort von euch gingen, auf mich zukam während ich umher ging, ein Mann der sich sehr klug dünkt, von jenen einer, die stark sind in den gerichtlichen Reden, der fragte mich: Nun, Kriton, du hörst nicht zu bei so weisen Verhandlungen?

Nein, beim Zeus, sagte ich, denn auch als ich dabei stand, konnte ich nichts verstehen, so sehr ich auch heran drängte.

Schade, sprach er, es lohnte wohl es [E] zu hören. Wieso? fragte ich.

So hättest du, sagte er, Männer reden gehört, welche jetzt als die weisesten gelten in dergleichen Reden.

Darauf sagte ich: Wie sind sie dir denn vorgekommen?

Wie anders, antwortete er, als wie man diese Leute immer hört: Possen treiben, und sich um nichts werte Dinge eine unwürdige Mühe geben.

So sagte er wörtlich. Da sprach ich: Aber es ist doch eine schöne Sache um die Philosophie.

Wie doch schön, sagte er, du Guter? Gar nichts wert. [305 St.1 A] Vielmehr, wenn du auch jetzt wärest zugegen gewesen, würdest du dich, glaube ich, recht geschämt haben für deinen Freund, so unbedenklich war er, sich solchen Menschen hingeben zu wollen, denen gar nichts an dem liegt, was sie sagen, die sich aber an jedes Wort hängen. Und diese, wie ich eben sagte, gehören jetzt zu den angesehensten von ihnen. Aber eben, lieber Kriton, die Sache selbst und die Menschen die sich damit abgeben sind nichtswürdig und lächerlich.

 

Mich indes, o Sokrates, dünkt, die Sache selbst könne wohl weder dieser mit [B] Recht tadeln noch wer sie sonst tadelt. Allein mit solchen Menschen sich vor vielen andern einlassen zu wollen, das schien er mir mit Recht zu missbilligen.

SOKRATES: O Kriton, wunderlich sind solche Menschen. Jedoch, ich weiß noch nicht, was ich sagen soll. Zu welchen gehörte der, der dir begegnete und die Philosophie tadelte? War er einer von denen, die selbst vor Gericht zu streiten verstehen, ein Redner? Oder von denen, die solche zum Auftritt verhelfen, [C] ein Verfertiger der Reden?

KRITON: Keineswegs ein Redner, beim Zeus. Ich glaube nicht, dass er jemals die Gerichtsstätte betreten hat. Aber man sagt, dass er die Sache versteht und stark darin ist, und glänzende Reden ausarbeitet.

SOKRATES: Ich verstehe schon, und eben von diesen wollte ich auch selbst reden. Das sind die Leute, von denen Prodikos sagt, sie stünden auf der Grenze zwischen Philosophen und Staatsmännern. Sie glauben aber die Weisesten unter allen zu sein, und außerdem, dass sie es sind, auch bei den meisten dafür gelten zu müssen, [D] so dass, wenn sie nicht bei allen diesen Ruhm hätten, ihnen hierbei niemand im Wege steht, als die, die sich mit der Philosophie beschäftigen. Sie glauben daher, wenn sie diese nur in den Ruf bringen könnten, dass man sie für nichts wert hielte, alsdann sie selbst unbestritten überall den Sieg davon tragen müssten im Rufe der Weisheit. Denn in Wahrheit seien sie die weisesten. Wenn sie aber in ihren öffentlichen Reden zurückstehen würden, so wären es die aus des Euthydemos Schule, die ihnen im Weg stünden. Für weise gehalten zu werden, aber meinen sie, hätten sie [E] Anspruch, weil sie sich nämlich mäßig mit der Philosophie einließen und mäßig mit den Staatsgeschäften, und da sie sich mit beiden nur so viel als nötig einließen, könnten sie ohne alle Gefahr und Streit die Früchte der Weisheit ernten.

KRITON: Und wie? Dünkt dich etwas damit gesagt zu sein, Sokrates? Denn gewiss doch hat dieser Männer Rede einen recht bestechenden Anschein.

SOKRATES: Das hat sie auch in der Tat, Kriton, mehr Anschein als Wahrheit. [306 St.1 A] Denn es ist nicht leicht, sie zu überzeugen, dass, sei es ein Mensch oder was irgend sonst in der Mitte steht zwischen zwei Dingen und an beiden Teil hat, wenn es aus einem Gut und einem Übel zusammengesetzt ist, alsdann besser als das eine sein wird, aber schlechter als das andere, wenn aber aus zweierlei Gutem, das sich nicht auf denselben Gegenstand bezieht, dann schlechter als jedes von beiden, und dass nur, was aus zwei Übeln bestehend, die es nicht in derselben Beziehung sind, sich in der Mitte zwischen beiden befindet, besser sein wird, als jedes von den beiden, [B] woran es Teil hat. Ist nun also die Philosophie gut, und die ausübende Staatskunst auch, aber jede in einer andern Beziehung, und diese wollen in der Mitte zwischen beiden stehen, so ist nichts damit gesagt, denn sie sind alsdann schlechter als beide. Ist aber die eine etwas Gutes und die andere dagegen etwas Übles, so sind sie freilich besser als die Einen, aber auch schlechter als die Andern. Und nur wenn beide etwas Schlechtes wären, in diesem Falle allein hätten sie Recht, sonst aber auf keine Weise. Aber ich [C] glaube nicht, dass sie eingestehen werden, weder dass beide schlecht sind, noch dass die eine schlecht ist und nur die andere gut. Also sind in der Tat diese, welche an beiden Anteil haben wollen, schlechter als jeder von beiden darin, in Beziehung worauf eben Staatskunst und Philosophie ihren Wert haben, und obwohl sie der Wahrheit nach die dritten sind, suchen sie doch als die ersten zu erscheinen. Verzeihen muss man ihnen nun wohl dieses Verlangen, und ihnen nicht darum zürnen, sie aber doch nur für das ansehen, was sie wirklich sind. Denn [D] man muss mit jedem vorlieb nehmen, der nur irgendetwas Vernünftiges behandelt, und mit ernstem Eifer durcharbeitet.

KRITON: Wegen meiner Söhne nun, o Sokrates, bin ich ja gewiss, wie ich dir auch jedesmal sage, in rechter Verlegenheit, was ich mit ihnen beginnen soll. Der Jüngere zwar ist noch klein, Kritobulos aber wächst schon heran, und bedarf jemandes zu seiner Förderung. So oft ich nun [E] mit dir zusammenkomme, ist mir so zu Mut, dass es mich große Torheit dünkt, meiner Söhne wegen für viele andere Dinge so viel Sorge getragen zu haben, sowohl für meine Verheiratung, um sie mit einer recht angesehenen Mutter zu erzeugen, als auch für mein Vermögen, um sie so


wohlhabend als möglich zu machen, wenn ich nun nicht auch für ihren Unterricht sorgen wollte. So oft ich mir aber einen von denen ansehe, die sich dafür ausgeben Jünglinge zu unterrichten und zu bilden, so erfasst mich ein wahrer Schrecken und sie dünken mich insgesamt, bei näherer [307 St.1 A] Betrachtung, damit ich dir doch die Wahrheit gerade heraus sage, alles andere als dazu geeignet, so dass ich nicht weiß, wie ich den jungen Menschen zum Streben nach Weisheit ermuntern kann.

SOKRATES: Lieber Kriton, weißt du denn nicht, dass in jedem Geschäft der Schlechten viele sind, und diese nichts wert, der Trefflichen hingegen nur wenige, diese dann aber auch alles wert. Oder hältst du die Turnkunst nicht für etwas Schönes, und die Haushaltungskunst, und die Redekunst und die Kriegskunst?

KRITON: Ja wohl, [B] sehr.

SOKRATES: Und wie nun? Siehst du nicht in jeder der Künste die Meisten sich ganz erbärmlich und lächerlich anstellen?

KRITON: Ja, beim Zeus, da sprichst du sehr wahr.

SOKRATES: Und wolltest nun deshalb du selbst dich allen diesen Geschäften entziehen, und sie auch deinen Söhnen nicht gestatten?

KRITON: Das wäre ja wohl keineswegs recht, Sokrates!

SOKRATES: Tue also auch nicht, was sich nicht gebührt, Kriton, sondern lasse ganz beiseite die Person derer, die sich der Philosophie befleißigen, ob sie tüchtig sind oder untüchtig, und nur die Sache selbst prüfe [C] recht gut und gründlich, und erscheint sie dir als schlecht, so halte jedermann davon zurück, nicht nur deine Söhne, erscheint sie dir aber so, wie sie auch mir vorkommt, so gehe ihr getrost nach und übe dich, wie man zu sagen pflegt, du selbst und deine Kinder.