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Fatalismus islamischer Kulturraum

aus AufEinWort, der freien Forschung

Q: Fatalismus

Islamischer Kulturraum

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Nach der Einführung des Islam bestand in der arabischen Kultur die traditionelle Neigung zum Fatalismus fort, da auch die neue Religion ihr einen Nährboden bot. Die fatalistische Weltbetrachtung nahm nun eine theistische Färbung an und vermischte sich mit der Lehre von der göttlichen Vorherbestimmung.[1] Dem Koran zufolge kann einem Menschen nur das widerfahren, was Gott bereits schriftlich aufgezeichnet hat.[2]

Im Islam wird das von Gott festgelegte Schicksal qadar oder qaḍāʾ genannt. Zahlreiche arabische Sprichwörter nehmen auf die Schicksalsmacht Bezug.[3] Die fatalistische Strömung in der Theologie betont, dass ausnahmslos alles, was geschieht, von Gott nicht nur vorausgewusst, sondern auch gewollt sei. Alles sei schon vor der Erschaffung der Welt von ihm beschlossen worden. Es sei mit der Feder seines Willens aufgezeichnet und somit unabänderlich. Andere theologische Lehren stellen demgegenüber die menschliche Willensfreiheit in den Mittelpunkt und bekämpfen den Fatalismus. In diesem Sinne ergriffen im Mittelalter die Anhänger der muʿtazilitischen Theologie Partei. Eine mittlere Position nimmt die aschʿaritische Koraninterpretation ein, die sowohl an der Prädestination als auch an der menschlichen Handlungsfreiheit festhält. Zur Erklärung dient die Überlegung, der Mensch eigne sich durch einen Willensakt die von Gott hervorgebrachten Taten an und sei daher für sie verantwortlich.[4]

Eine extreme Konsequenz des theologischen Fatalismus ist die Lehre, der Mensch handle nur scheinbar, in Wirklichkeit sei immer nur Gott der Handelnde. Mittelalterliche Antifatalisten bezeichneten die gegnerischen Richtungen als Ǧabrīya (Zwangsanhänger, von arabisch ǧabr ‚Zwang‘) und warfen ihnen vor, die Willensfreiheit zu leugnen und damit die Verantwortung des Menschen zu beseitigen. Auch gemäßigte Fatalisten wurden beschuldigt, zu den „Leuten des Zwangs“ zu gehören.[5]

Das „Los“ des Menschen, sein „Anteil“ – arabisch قسمة qisma, türkisch kismet – war ein im türkischen Volksglauben verbreitetes Konzept, das in Erzählungen und erbaulicher Literatur Ausdruck fand. Allerdings kommt qisma im Koran nicht mit dieser Bedeutung vor und hat im theologischen und philosophischen Diskurs der Muslime keine Rolle gespielt. In der europäischen Rezeption türkischer Mentalität hat sich Kismet jedoch als Leitbegriff eingebürgert; es steht für ein Schicksalsverständnis, das im 18. und 19. Jahrhundert mit abwertenden Bezeichnungen wie Türkenfatalismus und Türkenglaube belegt wurde.[6]

Auch im Iran fand der Fatalismus nach der islamischen Eroberung einen fruchtbaren Boden. Eine ausgeprägte Vorliebe für das Konzept der Vorherbestimmung durchzieht die persische Dichtkunst bis in die Moderne. Sie prägt beispielsweise das berühmte Epos Schāhnāme. Auch in der Geschichtsschreibung ist diese Neigung anzutreffen. In der persischen Dichtung lebten außerdem nach der Eroberung noch jahrhundertelang Spuren vorislamischer Schicksalsvorstellungen fort. Der vorislamische Gedanke, dass der Sternenhimmel den Menschen ihr individuelles Schicksal zugewiesen hat, erwies sich weiterhin als wirkmächtig; Anklänge finden sich sowohl im Schāhnāme als auch im Epos Wīs u Rāmīn des persischen Dichters Gurgānī.[7] Die Popularität des fatalistischen Gedankengutes im Volk zeigt sich sprachlich in metaphorischen Ausdrücken wie Pfeil (oder Hand, Feder) des Schicksals sowie in einer Fülle von Redewendungen, Sprichwörtern, Anekdoten, Erzählungen und Legenden. In der Moderne haben iranische Intellektuelle wie Ahmad Kasrawi die in der Bevölkerung tief verwurzelte Schicksalsergebenheit bekämpft, da sie zur Abwertung der menschlichen Leistungen führe und eine der Ursachen für die Rückständigkeit der Nation sei.[8]

  1. ↑ Friedrich Nötscher: Schicksalsglaube in Qumran und Umwelt. In: Nötscher: Vom Alten zum Neuen Testament, Bonn 1962, S. 17–71, hier: 68 f.; Dalya Cohen-Mor: A Matter of Fate, Oxford 2001, S. 51–53.
  2. ↑ Helmer Ringgren: Studies in Arabian Fatalism, Wiesbaden 1955, S. 94–97.
  3. ↑ Dalya Cohen-Mor: A Matter of Fate, Oxford 2001, S. 31. Vgl. Helmer Ringgren: Studies in Arabian Fatalism, Wiesbaden 1955, S. 97–104.
  4. ↑ Louis Gardet: al-ḳaḍāʾ wa ’l-ḳadar. In: The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Band 4, Leiden 1978, S. 365–367; Josef van Ess: Ḳadariyya. In: The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Band 4, Leiden 1978, S. 368–372; Dalya Cohen-Mor: A Matter of Fate, Oxford 2001, S. 3–9.
  5. ↑ William Montgomery Watt: Djabriyya. In: The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Band 2, Leiden/London 1965, S. 365.
  6. ↑ Franziska Rehlinghaus: Die Semantik des Schicksals, Göttingen 2015, S. 128–130, 142–153; Marco Frenschkowski: Schicksal. In: Enzyklopädie des Märchens, Band 11, Berlin 2004, Sp. 1380–1385, hier: 1382 f.; Marco Brusotti: Die Leidenschaft der Erkenntnis, Berlin 1997, S. 157 f. und Anm. 282.
  7. ↑ Helmer Ringgren: Fatalism in Persian Epics, Wiesbaden 1952, S. 5 f., 9–23, 49–79, 129 f.; Geo Widengren: Iranische Geisteswelt, Baden-Baden 1961, S. 107 f.
  8. ↑ ʿAbd-al-Ḥosayn Zarrīnkūb: Fatalism. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica, Band 9, New York 1999, S. 396–398.